FD: Erlkönig

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist die Mutter mit ihrem Kind;
Sie hat den Knaben wohl in dem Arm,
sie fasst ihn sicher, sie hält ihn warm.

Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht?
Siehst, Mutter, du den Erlkönig nicht?
Mein Sohn, zeig an, wo lockt er dir?
Dort hinter’m Baum, gleich hier.

„Du liebes Kind, komm geh mit mir!
Gar schöne Spiele spiel‘ ich mit dir;
Manch bunte Blumen sind an dem Strand,
Meine Mutter hat manch gülden Gewand.“

Meine Mutter, meine Mutter, hörest du nicht?
Was Erlenkönig mir leise verspricht?
Ich hör’s, der hat wohl nicht mehr alle;
Schau, wie ich ihm eine knalle!

„Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?
Meine Töchter sollen dich warten schön.“
Hör mal, Erlkönig, lass mein Kind in ruh,
und deine Töchter haben auch bess’res zu tun.

Meine Mutter, meine Mutter, siehst du dort,
Erlkönigs Töchter am düstren Ort?
Mein Sohn, mein Sohn, ich seh‘ es genau:
Hey, Mädchen, kommt mit, der ist doch blau!

„Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
Und bist du nicht willig, so brauch‘ ich – Halt!

Nimm deine dreckigen Griffel weg!
Geh zurück in dein ödes Versteck!

Die Mutter ist gereizt; gibt ihm eine Schelle,
Reicht den Töchtern ihre Hand ganz schnelle.
Sie wollen gern mit ihr geh’n
Lassen den Erlkönig alleine steh’n.

Wohlbehalten verlassen sie den Wald,
Sowas versucht der König nicht mehr so bald.

Hihi… xxx

Ferenc Liebig: Die Sprossen einer Leiter

Existieren, das ist mutig in der heutigen Zeit, existieren, ohne die Augen zu verschließen, das könne nicht jeder, die meisten schaffen das nicht, die, die es nicht schaffen, versuchen sich abzulenken, in der Ablenkung geschieht das Nichtexistieren. Ein befreundeter Dichter sagte, ich hätte gerne einen Körper aus Buchstaben. Ich fragte ihn, ob er bestimmte Buchstaben bevorzuge. Natürlich, A,T, C und G. It’s in my DNA. Er überschlug sich vor Lachen. Das wäre so gut. Das müsse er aufschreiben. TAG C. CAT G. Er fabrizierte neue Wörter. Ich sagte, er sehe so glücklich aus. Ich fragte, ob ich ihm einen Spiegel bringen soll. Das brauche ich nicht, rief er, als würde er auf einer Bühne stehen. GAG. TAT. Neue Metaphern braucht das Land. AGATA. GATACA. Er würde einen Vulkan finden. Der Vulkan würde ausbrechen. Der Vulkan wäre ein Körper, dem man verzeiht, weil er so todtraurig ausschaut. Der Vulkan wäre ein Wald, nur ohne Bäume, damit ohne Blätter, ohne Harz, ohne das Geraschel von Tieren, ohne Moos, in das man einsinkt, nur ein Wald, der existiert, weil man ihn Wald nennt. Das Wort wäre wichtiger als die Bedeutung, ruft er ins Publikum. Was macht einen Wald zum Wald. Vier Buchstaben, klagt er und während er klagt, wirft er sich auf den Boden. Es existiert über vier Buchstaben. Vier Buchstaben lassen den Wald existieren. Nicht der Specht, nicht das Wildschwein, nicht die Eiche, nicht der Pfifferling, nicht das tote Geäst, nicht der Unrat, den die Dümmsten in den Wald karren, als wäre der Wald eine Sammelstelle für Sperrmüll, nicht das Laub, nicht der Zapfen, nicht der erdige Geruch. Ich schrieb in einem Gedicht, ich würde Kreise ziehen, zum Meridian werden. Ich strich die Zeile. Nun existiert sie hier, weil sie existieren will. Sie braucht nur zu existieren. Sie muss sich nicht überdenken. Einfach nur sein. Sie kann sich darüber glücklich schätzen. Wie auch der Wald existiert, wenn das Wort aufgeschrieben wird. Wald. Da bist du nun. Vier Buchstaben und du wirst zu einer Assoziation, zu einer Verkettung, zu einem Baumhaus, zu Nieselregen, zu Borkenkäfern, Dornen, Zecken, krustiger Rinde, Wurzelgeflecht, Stein, Bärlauch, Windröschen, blauschimmernden Blüten, Himbeeren, Knacken, Lichtung, Bärenfalle. Der befreundete Dichter unterbricht meine Gedanken mit einer Axt. Wir bräuchten Holz für ein Feuer, denn im Wald würde es kalt werden und das Feuer hält das Ungeziefer ab. ATTACCE. Das müsste er aufschreiben, er wäre das Ungeziefer, das in eine Flamme geworfen wird, dessen Chitinpanzer in den Flammen knistert. Ein festgesaugtes Insekt, das sich nicht abschütteln lässt, das unter die Haut wandert. AGAGAGAGAGA. Rot ist im Gefieder. Blutroter Ahorn. TAGACAT. Wir könnten uns abkürzen. Er hieße ab jetzt A. und ich C. oder er G. und ich A. Im Wald abkürzen. Verirren. Wie Teig geknetet werden. Bis der Waldgeist den Teig in den Ofen schiebt und Brot aus uns macht. Das ist mutig. Zu Brot zu werden. Zu metamorphosieren. Um als Brot in Öl getunkt zu werden. GAT. Man müsse hören und sehen, immer beides hören und beides sehen. Das wäre die Lösung auf eine Antwort. Im Wald hören und sehen. Den Wald hören und sehen. Den Wald von seiner Nichtexistenz ausklammern. Mein Dichterfreund holt ein Jagdgewehr. Zum Feuer gehöre Braten. Wohlduftender Braten. Krosse Haut, die zwischen den Zähnen knistert. Weiches Fleisch, das vom Knochen abfällt. Er richtet die Flinte auf mich. Du gefällst mir, sagt er. Er sagt, es ist mutig zu existieren. In einer Zeit wie dieser.

Christian Knieps: Der weiße Hirsch

In einer Nacht ohne Mond, in der der Himmel wie ein verschlossenes Auge über den Hügeln lag und selbst die Sterne sich zurückgezogen zu haben schienen, stand der Junge am Rand des Waldes, noch zu jung, um seine Furcht zu benennen, aber bereits alt genug, um zu spüren, dass das Schweigen um ihn herum nicht leer war, sondern wartend, gespannt und mit einer Bedeutung aufgeladen, die sich ihm erst später vollständig erschließen würde.
Der Wald, der ihm tagsüber vertraut gewesen war wie ein grob gewebter Mantel aus Moos, Rinde und Vogelrufen, hatte sich verwandelt in einen atmenden Körper, dessen Herzschlag er nicht hörte, sondern in den Knien fühlte, während die Dunkelheit zwischen den Stämmen dichter wurde und die Welt hinter ihm, das Haus, das Feuer, die Stimmen, in eine andere Zeit zurückfiel, als hätte sie für diesen Augenblick aufgehört, Anspruch auf ihn zu erheben.
Dann trat der weiße Hirsch aus dem Dickicht, nicht hastig oder vorsichtig, sondern mit einer Ruhe, die der Bewegung jedes einzelnen Muskels eine Würde verlieh, als sei dieser Schritt nicht zufällig, sondern Teil eines lange vorbereiteten Zeichens, und sein Fell schimmerte nicht, weil Licht es traf, sondern weil es selbst Licht trug, ein stilles, inneres Leuchten, das den Wald nicht erhellte, sondern ihn verständlich machte.
Der Junge wusste in diesem Moment, ohne Worte, ohne Lehre und Vergleich, dass dies kein Tier war, wie er andere Tiere gekannt hatte, keine Beute, kein Geist der Jagd, sondern etwas Älteres, etwas, das nicht erschien, um gesehen zu werden, sondern um zu sehen, und dessen Blick ihn nicht musterte, sondern abwog, als prüfe er nicht den Körper des Jungen, sondern die Richtung seines noch ungelebten Lebens.
In den Geschichten der Alten, die der Junge nur halb gehört und nie ganz geglaubt hatte, war vom weißen Hirsch gesprochen worden als vom Boten der Anderswelt, als vom Grenzgänger zwischen Zeiten, als vom Tier, das Könige prüfte und Kinder auswählte, und nun verstand er, dass diese Geschichten nicht dazu gedacht gewesen waren, geglaubt zu werden, sondern dazu, eines Tages erkannt zu werden, wenn die Stunde dafür gekommen war.
Der Hirsch senkte den Kopf nicht zum Gruß und hob ihn nicht zur Warnung, sondern verharrte, und in dieser Bewegungslosigkeit lag eine Einladung, die keine Wahl ließ, weil sie nicht forderte, sondern offenbarte, dass der Weg, den der Junge bisher gegangen war, nur der Vorhof gewesen war zu einem Pfad, der erst jetzt sichtbar wurde, schmal, unbeleuchtet, aber unumkehrbar.
Als der Hirsch sich schließlich wandte und zwischen die Bäume schritt, folgte der Junge ihm nicht sofort mit den Füßen, sondern mit einem inneren Nachvollzug, mit einem plötzlichen Verstehen, dass Zukunft nicht etwas war, das auf ihn wartete, sondern etwas, das ihm entgegenkam, in Gestalt dieses Tieres, das älter war als Namen und jünger als jede Entscheidung, die er noch treffen würde.
Der Wald öffnete sich nicht, er veränderte lediglich seine Ordnung, und wo zuvor Chaos gewesen war, entstand eine Linie, ein unsichtbarer Faden, dem der Hirsch folgte und den der Junge, ohne ihn sehen zu können, spürte wie eine Spannung in der Brust, als hätte jemand eine Saite in ihm angeschlagen, deren Ton erst Jahre später hörbar werden würde.
In dieser mondlosen Nacht, in der kein Licht die Richtung vorgab und kein Schatten als Warnung diente, lernte der Junge, dass Führung nicht immer präsent ist, dass Macht nicht beginnt mit dem Beherrschen anderer, sondern mit dem Erkennen eines Rufes, der so leise ist, dass man ihn nur hört, wenn man bereit ist, alles andere zum Schweigen zu bringen.
Der Hirsch blieb an einer Lichtung stehen, die im Dunkel kaum als solche zu erkennen war, und dort, wo sich Himmel und Erde berührten, ohne sichtbar zu sein, drehte er den Kopf noch einmal zurück, nicht um den Jungen zu prüfen, sondern um ihm zu bestätigen, dass er gesehen worden war und dass dieses Gesehenwerden eine Verpflichtung war, keine Auszeichnung.
Was der Hirsch dem Jungen zeigte, war kein Bild der Zukunft, kein Reich, kein Thron, kein Schlachtfeld, sondern eine Richtung, eine Ausrichtung des Inneren, die bedeutete, Verantwortung zu tragen für das, was zwischen den Welten liegt, für das Unsichtbare ebenso wie für das Offensichtliche, für die Übergänge, an denen andere zögern oder scheitern würden.
Der Junge verstand, dass Macht nicht als Besitz zu ihm kommen würde, sondern als Last, als Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, die ihn von den Seinen entfernen und zugleich tiefer mit ihnen verbinden würden, und dass der weiße Hirsch nicht zurückkehren würde, um ihn daran zu erinnern, weil Erinnerung selbst Teil dieser Macht war.
Als der Hirsch schließlich im Wald verschwand, nicht plötzlich, sondern so, als löse er sich Schicht um Schicht aus der Welt, blieb keine Leere zurück, sondern eine Verdichtung, ein Gefühl von Bedeutung, das den Jungen nicht erdrückte, sondern aufrichtete, als hätte sich seine Wirbelsäule an eine unsichtbare Ordnung angepasst.
Er kehrte in dieser Nacht nicht verändert zurück, zumindest nicht in einer Weise, die andere hätten benennen können, doch etwas in seinem Blick hatte sich verschoben, ein Wissen war eingezogen, das nicht nach außen drängte, sondern wartete, geduldig, lauernd, wie der Wald selbst, der nichts vergisst und alles wiedererkennt.
Viele Jahre später, wenn Entscheidungen an ihm hingen wie schwere Früchte, wenn Menschen in ihm mehr sahen, als er sich selbst zugestand, und wenn er an Weggabelungen stand, an denen kein Rat half, würde er an diese mondlose Nacht denken und an den weißen Hirsch, nicht als Erinnerung, sondern als fortdauernde Bewegung, als Weg, der ihm einst gezeigt worden war und den er, Schritt für Schritt, weiterging, ohne ihn je ganz zu verstehen, aber immer in dem Wissen, dass er ihn nicht selbst gewählt hatte, sondern von ihm gewählt worden war.

Carsten Stephan: Gespräch im Herbstwald

„Sieh, mein Liebster, all die Bäume,
Die im Sonnenlicht erstrahlen.
Einzig um der Schönheit willen
Taten sie sich bunt bemalen.
      Ach, die Welt ist voller Zauber!“

„Meine Kleine, hier weicht Stickstoff
Nur zurück in Stamm und Äste.
Und es bleiben Farbpigmente,
Dass sich keine Laus dran mäste.
      Darin liegt ja gar kein Zauber.“

„Aber sieh doch, all die Blätter,
Die im Winde niederschweben.
Einzig um der Schönheit willen
Haben sie sich hingegeben.
      Doch, die Welt ist voller Zauber!“

„Blätter fallen nur im Herbste,
Weil der Boden bald gefroren.
Sie verdunsten sehr viel Wasser,
Und der Baum müsste verdorren.
      Darin liegt ja auch kein Zauber.“

„Aber hör doch, all die Vögel,
Die ein letztes Mal noch singen.
Einzig um der Schönheit willen
Lassen sie ihr Lied erklingen.
      Doch, die Welt ist voller Zauber!“

„Dieser Vogelsang ist nur ein
Territorialverhalten.
Männchen scheuchen ihresgleichen,
Um so ihr Revier zu halten.
      Darin liegt erst recht kein Zauber.

Aber hör ich deine Stimme
Lispelnd jene Sätze sagen.
Und dann seh ich deine Schnute,
Der mein Wort will nicht behagen.
      Darin liegt ein großer Zauber!“

Andreas Prucker: Wald

April, April. Schon verstecke ich die Eier im Wald.
Wer bin ich und Warum?
Der Soldatenosterhase als neuer Kanzler und bewertungstechnisch bin ich nur noch im politischen
Wald für neue Armut, wie für Euch bestellt.
Ja Bitteschön und Dankeschön.
Seien Sie herzlichst dafür eingestellt, dass wir kein schwimmen in Bäder mehr ermöglichen,
da wir es bevorzugen ein wildes Seebaden zu erlauben, was uns Wahlerfolge garantieren wird,
da ja neuerdings Gehirn fressende Amöben als Klimawandel-Beigabe im Wasser,
hier dies unerwartete Wahlhelfertum nutzvoll einsetzen werden.
Sehen Sie mich als ein neuen politischen Systemsprenger an,
der im psychopathischen Verhalten seine Grundkenntnisse erworben hat,
um hier im Parteien-bürokratischen Wald Dinge so zu gestalten,
dass wir alle neuerdings Regierungsbewegungstechniken besser verstehen.
Nach dem Motto: Eier für Alle macht freier im Wald.
(Einsatz einer Megaphon-stimme)
Das Gerede von immer zu erwartender Armut, als politische Lösung für einen neuen Wohlstand
macht die Leute handlungsunfähig, da diese Schizophrenie in ihrer eigentlichen Aussage jedwede
Kreativität und Impulsförderung zu neuen Wachstum zerstört. Dadurch kommen nur falsche
Entscheidungen zustande, die alles weitere verschlimmern werden. Wir führen Euch zurück ins
MA-O-AM. MA-O-am. MA-o-AM.
(Und das Volk schreit:)
Relaxed fit. Relaxed fit. Relaxed fit.
Ja, es lebe