Goethe, der große Selbstbeobachter unter den Dichtern, betrachtete die Welt nie als eine bloße Ansammlung von Dingen, sondern als ein vibrierendes Gewebe von Erscheinungen, in dem sich Farben, Gedanken und Geschichten ineinander verschränkten, als gehörten sie einem einzigen, noch immer unvollständig verstandenen Organismus an, der sich durch die Jahrhunderte hindurch in immer neuen Formen artikuliert.
Wer seine „Farbenlehre“ aufschlägt, begegnet deshalb nicht nur einer naturwissenschaftlichen Abhandlung, sondern einem merkwürdig hybriden Werk, das zugleich Experiment, ästhetisches Manifest und philosophische Meditation ist, weil Goethe überzeugt war, dass die Wirklichkeit erst dort vollständig erscheint, wo Sinneseindruck, Reflexion und Sprache miteinander kooperieren, statt sich gegenseitig auszuschließen.
Dass dessen Buch oft als Gegenentwurf zu Isaac Newtons optischer Theorie gelesen wird, greift allerdings zu kurz, denn Goethe wollte nicht einfach die Physik widerlegen, sondern die Aufmerksamkeit auf eine Dimension lenken, die Newtons mathematische Strenge bewusst ausblendete, nämlich die Erfahrung des wahrnehmenden Menschen, dessen Auge nicht bloß ein Messinstrument, sondern ein aktiver Mitspieler im Drama des Lichts ist.
Für Goethe entsteht Farbe nicht als isoliertes physikalisches Ereignis – eher im Spannungsfeld zwischen Helligkeit und Dunkelheit, zwischen Lichtquelle, Medium und Beobachter, weshalb Gelb für ihn nicht nur eine Wellenlänge darstellt, sondern eine Stimmung, eine Nähe zum Licht, während Blau eine Bewegung in die Tiefe, in die Ferne, in das Geheimnis der Schatten markiert.
Man kann diese Überlegung als poetische Metapher abtun, doch wer sich einmal ernsthaft darauf einlässt, merkt schnell, dass Goethe hier eine anthropologische These formuliert, die bis heute nachhallt, weil sie behauptet, dass Erkenntnis nicht allein im Objekt, sondern immer auch im Wahrnehmenden entsteht.
Diese Perspektive verbindet seine naturwissenschaftlichen Studien überraschend eng mit dem literarischen Projekt, das er später „Weltliteratur“ nennen sollte, jenem berühmten Begriff aus seinen Gesprächen mit Johann Peter Eckermann, der nicht einfach eine Sammlung internationaler Klassiker bezeichnet, sondern ein dynamisches Netzwerk kultureller Wahrnehmungen.
Wenn Goethe also von Weltliteratur spricht, denkt er weniger an einen Kanon als an einen Austausch von Blickwinkeln, der ähnlich funktioniert wie sein Farbverständnis, weil auch hier erst aus dem Zusammenspiel verschiedener Perspektiven eine lebendige Erscheinung entsteht.
Die Begegnung mit dem persischen Dichter Hafis, die ihn zum „West-östlichen Divan“ inspirierte, ist dafür das berühmteste Beispiel, denn Goethe las diese Gedichte nicht wie ein Archäologe, der ein fremdes Artefakt untersucht, vielmehr wie ein Gesprächspartner, der plötzlich entdeckt, dass ein Dichter aus dem vierzehnten Jahrhundert ihm in verblüffender geistiger Nähe antwortet.
Literatur wird hier zu einer Art Prisma, durch das sich kulturelle Erfahrungen brechen und neu zusammensetzen, ganz ähnlich wie Lichtstrahlen im optischen Farbexperiment, wobei jede Sprache oder Tradition und jede Epoche eine eigene Nuance zum Gesamtbild beiträgt.
Man könnte sagen, dass Goethe in der Literatur dasselbe suchte wie in der Farbenlehre: eine Phänomenologie der Erscheinungen, in der sich die Welt nicht in abstrakte Formeln auflöst, sondern in ihrer lebendigen Vielstimmigkeit wahrgenommen wird.
Diese Haltung erklärt auch, warum Goethe in Gesprächen immer wieder betonte, dass die Zukunft der Literatur nicht im nationalen Stolz, sondern im Austausch liege, weil kein Volk allein die gesamte Erfahrung der Menschheit ausdrücken könne, so wenig wie eine einzige Farbe das ganze Spektrum des Lichts darstellt.
Der Gedanke wirkt heute erstaunlich modern, besonders in einer Zeit, in der kulturelle Grenzen zugleich poröser und politisch aufgeladener erscheinen als je zuvor, denn Goethe formulierte bereits im frühen neunzehnten Jahrhundert die Vorstellung eines globalen literarischen Dialogs, lange bevor Globalisierung ein Schlagwort wurde.
Gleichzeitig blieb er skeptisch gegenüber einer bloß oberflächlichen Internationalität, die Texte nur wie exotische Waren konsumiert, ohne sich auf ihre innere Perspektive einzulassen, weshalb Weltliteratur für ihn immer auch eine Schule der Aufmerksamkeit bedeutete.
In dieser Hinsicht lässt sich sogar eine subtile Verbindung zwischen seiner Farbenlehre und seiner Poetik erkennen, weil beide Projekte darauf abzielen, die Wahrnehmung zu verlangsamen und den Blick für Übergänge zu schärfen, jene Zwischenzonen, in denen etwas gerade noch nicht eindeutig bestimmt ist.
Die Farbe entsteht im Übergang zwischen Licht und Dunkel, und literarisches Verstehen entsteht im Übergang zwischen Eigenem und Fremdem, zwischen vertrauter Sprache und ungewohnter Denkweise.
Vielleicht erklärt sich gerade daraus Goethes anhaltende Faszination für Übersetzungen, die er nicht als bloße technische Übertragung verstand, sondern als produktive Transformation, in der ein Text gewissermaßen eine neue Farbe annimmt, sobald er durch das Medium einer anderen Sprache hindurchtritt.
Der deutsche Leser begegnet im übersetzten Gedicht also nicht einfach dem Original, sondern einer Erscheinung, die zugleich vertraut und verändert ist, ähnlich wie ein Landschaftsbild im Abendlicht plötzlich andere Konturen gewinnt als im klaren Mittagslicht.
Hier zeigt sich Goethes eigentliche Modernität, denn er denkt Literatur nicht als statisches Werk, sondern als Prozess fortgesetzter Wahrnehmung, in dem Texte ihre Bedeutung immer wieder neu entfalten, sobald sie auf andere Leser, andere Zeiten oder andere kulturelle Horizonte treffen.
Die Weltliteratur gleicht deshalb weniger einer Bibliothek als einem atmosphärischen Raum, in dem Stimmen, Bilder und Gedanken zirkulieren, sich überlagern und gegenseitig verändern, ähnlich wie Farberscheinungen im bewegten Licht.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Pointe von Goethes scheinbar widersprüchlichem Werk, dass der Dichter, der von vielen Physikern belächelt wurde, weil er Newton nicht akzeptieren wollte, letztlich eine Erkenntnis formulierte, die weit über die Optik hinausreicht.
Denn wenn Wahrnehmung immer ein Zusammenspiel von Welt und Beobachter ist, dann gilt das nicht nur für Farben, sondern auch für Kulturen, Texte und Ideen, die erst im Dialog ihre volle Intensität entfalten.
So betrachtet wird Goethes Farbenlehre zu einer stillen Metapher für sein literarisches Denken, während die Weltliteratur wiederum wie ein großes Spektrum erscheint, in dem sich die geistigen Farben der Menschheit brechen und neu zusammensetzen, sobald jemand bereit ist, genauer hinzusehen.
Und vielleicht wäre Goethe selbst der Erste gewesen, der über diese Verbindung gelächelt hätte, mit jener leicht ironischen Gelassenheit, die seine Gespräche mit Eckermann durchzieht, weil er wusste, dass jede Theorie letztlich nur ein Versuch ist, die flüchtigen Erscheinungen des Lebens für einen Moment festzuhalten, bevor sie im nächsten Licht bereits wieder eine andere Farbe annehmen.
Kategorie: Sachtext
Christian Knieps: Der Letzte, der entkam
Es begann nicht mit einem Trick, auch nicht mit einer Kiste, und vor allem nicht mit einem Schloss, das nachgab – es begann mit einem Zittern, das keiner sah, mit einem Blick in den Spiegel, der nicht zurückschaute, und mit dem dumpfen Gefühl, dass das, was alle Welt bewunderte, vielleicht nur die Hülle war für etwas, das sich langsam zersetzte, Tag für Tag, in der Stille nach dem Applaus.
Er war der Mann, der sich aus allem befreite – und keiner fragte, was ihn dazu brachte, sich überhaupt fesseln zu lassen. Harry Houdini, geboren als Erik Weisz, wanderte nicht nur aus der Alten Welt in die Neue, sondern auch aus der Welt des Sichtbaren in eine Welt, die nur er kannte, eine Welt aus Luftmangel, Adrenalin, aus dem ständigen Drang, sich zu übertreffen, sich selbst zu schlagen, nicht aus Ehrgeiz, sondern aus Angst – Angst davor, dass niemand merkt, wie sehr er selbst daran zweifelte, ob das, was er sah, was er fühlte, was er vorführte, je wahr gewesen war.
Denn jedes Mal, wenn er in Ketten lag, jede Sekunde, in der das Wasser über ihm zusammenschlug, war nicht nur ein Kampf gegen den Tod, sondern gegen das Verstummen in ihm – gegen diese eine Stimme, die nie schrie, sondern immer nur flüsterte, mit sanfter Grausamkeit: Du bist nicht genug! Du warst nicht genug! Du wirst nie genug sein!
Und so ließ er sich einsperren, wieder und wieder, nicht weil er glaubte, dass es ein Entkommen gab, sondern weil das Entkommen ihm für einen Moment ein Echo schenkte – das Echo der Menge, das Rauschen des Applauses, dieses süße, kurzlebige Beben, das seinen Körper durchfuhr wie eine Droge, die keine Euphorie schenkte, sondern Erleichterung – für Sekunden, nicht mehr, denn schon im nächsten Atemzug wusste er, dass es nicht reichte.
Er war süchtig, ja, aber nicht nach Ruhm – süchtig nach dem Augenblick vor dem Verschwinden, nach dem Moment, in dem das Schloss klickte und die Welt stillstand, süchtig nach der Grenze zwischen Sein und Nichtsein, wo das Bewusstsein dünner wurde als Papier, wo alles in ihm zitterte, vibrierte, schwankte – wo er, für den Bruchteil einer Ewigkeit, nicht Künstler war, nicht der Sohn eines Sohnes eines Sohnes, kein Betrüger im eigentlichen Sinne, nicht Prophet, sondern einfach nur: da.
Doch sobald das Licht zurückkam oder der Sauerstoff und der Jubel dem Staunen der Menschen wichen, fiel es wieder auf ihn zurück, das Gewicht der Selbstinszenierung, die Einsamkeit desjenigen, der keine Rolle mehr spielen kann, weil er längst zur Rolle geworden ist – und so wurde jedes neue Kunststück ein Fluch, jede neue Sensation ein Beweis, dass der letzte Applaus schon wieder verklungen war.
Er sprach von Wahrheit, jagte wagemutig Scharlatane, zerriss die Schleier des Spiritismus, als könnte er sich selbst beweisen, dass es jenseits des Sichtbaren nichts gab – nichts außer dem, was man sich erarbeitet hatte, gespiegelter Zentimeter für Zentimeter, eingesogener Atemzug für Atemzug – und vielleicht tat er es, weil er selbst längst nicht mehr wusste, ob er real war, ob es ihn außerhalb der Bühne gab, außerhalb des Fluchs, sich jeden Tag wieder aus sich selbst befreien zu müssen.
Denn da war etwas in ihm, das nicht verschwand – eine Ahnung, dass all die Zuschauer nicht wegen der Flucht kamen, sondern wegen des Leids, das er nie zeigte, aber das durch seine Adern brannte wie der kalte Griff der Handschellen – sie wollten sehen, wie weit ein Mensch sich treiben lassen kann, wie tief er tauchen muss, bevor nichts mehr zurückkehrt.
Und so ging er immer weiter, baute Kammern, die fast tödlich waren, ließ sich kopfüber aus Fenstern hängen, kletterte in versiegelte Särge, als wolle er die Grenze herausfordern, den Tod verhöhnen, nur um heimlich zu hoffen, er möge endlich kommen, still, ohne Applaus, ohne Erklärung – ein letzter Trick, ohne Rückweg.
Als der Schlag dann aber in seiner finalen Form kam, war er müde. Vielleicht hätte er ihn abwehren können, vielleicht war es Zufall, vielleicht auch nicht – in Wahrheit hatte er den Kampf schon lange begonnen, lange vor dem ersten Trick, lange vor der ersten Bühne, dort, wo der Junge mit den leeren Taschen stand und spürte, dass er nur dann gesehen wurde, wenn er verschwand.
Er starb nicht, weil er scheiterte – er starb, weil er zu lange glaubte, dass es genügte, sich zu befreien, solange das Publikum zusah. Doch niemand befreit sich aus sich selbst – diese Form der Kunst ist den Illusionisten nicht gegeben.
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Doch das ist vielleicht das Dunkelste an seiner Geschichte: dass ein Mann, der dem Tod unzählige Male die Tür vor der Nase zuschlug, am Ende daran zerbrach, dass niemand sah, wie sehr er jeden Tag ertrank – nicht im Wasser, sondern in sich.
Er war der Letzte, der entkam – und der Erste, der wusste, dass Flucht keine Rettung ist, sondern nur eine andere Form von einer Kette, die irgendwann spannen würde, sodass er zwangsläufig stolpern musste.
Christian Knieps: Die Grumbeere
Wenn man in der Eifel aufwächst oder auch nur lange genug dort verweilt, um nicht mehr nur Besucher, sondern Teil einer kratzigen, widerständigen Sprachlandschaft zu werden, dann bemerkt man irgendwann, oft erst beiläufig und dann mit wachsender Zuneigung, dass die Kartoffel dort nicht einfach Kartoffel heißt, sondern Grumbeere, ein Wort, das wie ein Fundstück aus einer älteren Erdschicht der Sprache wirkt, rau, rund, ein wenig verschroben, und doch so selbstverständlich im Mund derer liegt, die es benutzen, als habe es nie etwas anderes gegeben, als sei es immer schon genau dieses Wort gewesen, das zwischen Acker und Küche, zwischen Keller und Kochtopf, zwischen Kindheit und Erinnerung hin und her wanderte und dabei eine leise, aber beharrliche Identität formte, die sich nicht aus großen Erzählungen speist, sondern aus der täglichen Wiederholung kleiner, scheinbar unbedeutender Benennungen.
Denn Dialekt, und das zeigt sich an kaum einem Gegenstand so deutlich wie an der Kartoffel, ist weniger eine Abweichung vom Hochdeutschen als vielmehr ein Gedächtnis der Regionen, ein Speicher aus Lauten, Bildern und Bedeutungen, in dem sich Klima, Boden, Geschichte und soziale Nähe abgelagert haben, sodass die Grumbeere in der Eifel nicht nur eine Knolle bezeichnet, sondern zugleich die Erinnerung an steinige Felder, an mühseliges Auflesen, an Vorratskeller, in denen der Winter wie Erde und Keimlingen roch, und an Küchen, in denen einfache Gerichte den Rhythmus des Jahres mitvollzogen, während in anderen Gegenden Deutschlands, etwa wenn von Erdapfel, Grundbirne, Potaten oder Knollen gesprochen wird, jeweils andere Landschaften, andere Arbeitsweisen und andere kulturelle Selbstverständlichkeiten in die Sprache eingesickert sind, ohne dass man sie noch eigens benennen müsste.
So wird die Kartoffel, dieses unscheinbare, globale, millionenfach reproduzierte Nahrungsmittel, im Dialekt plötzlich wieder lokal, verletzlich, ortsbezogen eigen, weil sie ihren industriellen Namen verliert und stattdessen in eine Wortform schlüpft, die nicht aus dem Lateinischen oder Französischen stammt, sondern aus dem Mundwerkzeug einfacher Leute, die tastend, hörend, erlebend und verformend ein Wort an ihre eigene Wirklichkeit angepasst haben, bis aus der fernen patata eine Grumbeere werden konnte, deren Klang schon das Unregelmäßige, Erdige und Unperfekte in sich trägt, sodass man beim Aussprechen beinahe meint, die schiefe Form der Knolle selbst auf der Zunge zu spüren und die leichte Sprödigkeit der Schale zwischen den Zähnen zu hören.
Interessant ist dabei weniger die etymologische Korrektheit dieser Wörter als ihre emotionale Topografie, denn wer Grumbeere sagt, sagt fast immer mehr als nur Kartoffel, er sagt Kindheit, Herkunft, Zugehörigkeit, und er sagt es oft ohne sich dessen bewusst zu sein, während der Hochdeutschsprechende zwar verstanden wird, aber doch immer ein wenig wie ein Besucher klingt, der den Ort korrekt beschreibt, ohne seine Gerüche zu kennen, sodass sich im Dialektwort eine soziale Nähe bündelt, die nicht argumentiert, sondern voraussetzt, die nicht erklärt, sondern einlädt, und die in einem scheinbar banalen Substantiv einen ganzen Mikrokosmos von Erfahrungen aufruft, der sich gegen Vereinheitlichung sperrt, gerade weil er so unspektakulär daherkommt.
Vielleicht liegt darin auch die stille Widerständigkeit der Dialekte, dass sie nicht in Manifesten auftreten, sondern in Küchengesprächen, nicht in Parolen, sondern in Einkaufszetteln, auf denen Grumbeere steht, wo Kartoffeln gemeint sind, und dass sie gerade dadurch den globalen Tendenzen zur sprachlichen Glättung etwas entgegensetzen, das nicht donnernd, aber beharrlich ist, weil jedes Kind, das dieses Wort hört und übernimmt, eine kleine Linie der Kontinuität weiterzieht, ohne es zu merken, und damit eine Form von kulturellem Gedächtnis stabilisiert, die nicht archiviert, jedoch gelebt wird, die nicht bewahrt, sondern benutzt wird, und die gerade im täglichen Gebrauch ihre Legitimation findet.
Am Ende zeigt die Grumbeere, wie sehr Dialekt weniger ein Sonderfall der Sprache als ihre eigentliche lokale Basis ist, denn hier wird nicht normiert, sondern geformt, nicht verwaltet, sondern ausprobiert, und während das Hochdeutsche die Kartoffel in ein überregionales System einordnet, das Verständigung ermöglicht, aber Eigenheiten nivelliert, hält der Dialekt sie fest in einem Netz aus Lauten, das so eng mit Ort und Alltag verknüpft ist, dass man die Knolle kaum nennen kann, ohne unbewusst auch die Landschaft mitzubenennen, aus der sie stammt, sodass jedes Dialektwort letztlich ein kleines Archiv der Welt ist, in der es entstanden ist, und die Grumbeere damit nicht weniger als ein essbarer Beweis dafür wird, dass Sprache immer auch Boden unter den Füßen ist.
Christian Knieps: Fluxus – der fließende Widerspruch
- Die wichtigsten Komponenten von Fluxus
Fluxus war weniger eine Stilrichtung als ein radikales Konzept von Kunst, das in den frühen 1960er-Jahren die Trennung zwischen Kunst und Leben auflösen wollte: Alles konnte Kunst sein, jeder konnte Künstler sein – und entscheidend war nicht das Werk, sondern die Handlung, das Momenthafte, gar das Flüchtige. Statt Gemälden oder Skulpturen schuf man Aktionen, kurze Performances, sogenannte „Events“, oft mit banalen Objekten, oft mit ironischer Geste – antikommerziell, antielitär und zudem antiautoritär. Interdisziplinär und intermedial verband Fluxus Musik, Theater, Sprache, Objektkunst und Alltagshandlungen, wobei nicht das Ergebnis, sondern der Prozess – das Tun selbst – zum zentralen Ausdruck wurde. Bedeutend war nicht das Artefakt, sondern das Ereignis.
- Kunst in einer Zeit der Institutionen wie Museen, Theater, Film und Schulen
So sehr sich Fluxus gegen den etablierten Kunstbetrieb richtete, so sehr war es doch auf ihn angewiesen – zumindest als Resonanzraum. Denn die 1960er-Jahre waren geprägt von wachsender Institutionalisierung des Kulturellen: Theaterhäuser, Museen, Filmarchive und Kunsthochschulen entwickelten sich zu Hütern des Kanons, zum Speicher gesellschaftlicher Selbstbeschreibung. Fluxus versuchte, diese Räume zu unterwandern – durch absurde Aktionen in Konzerthallen, durch ironisierte Vorlesungen an Universitäten, durch das bewusste Spiel mit bürgerlichen Erwartungshaltungen. Dennoch: Auch der Protest braucht eine Bühne, um überhaupt gehört zu werden – und selbst Subversion braucht gelegentlich einen Türöffner in Form von Aufführung, Buch oder Film. Fluxus wirkte im Kontrast zur Institution – aber eben nicht außerhalb von ihr.
- Konnte Fluxus nur deswegen existieren, weil es sich der Dokumentation sicher war?
Der größte Widerspruch von Fluxus liegt in der Tatsache, dass es zwar das Flüchtige, das Unwiederholbare, das Momenthafte zum eigentlichen Gehalt erklärte – und sich dennoch von Beginn an selbst dokumentierte: in Partituren, Fotografien, Filmen, Kassetten, Boxen und Flyern. George Maciunas, der organisatorische Kopf der Bewegung, war nicht nur Anti-Institutionalist, sondern auch ein genialer Archivar. Man könnte sagen: Fluxus wusste um seine eigene Vergänglichkeit – und sicherte sie gleichzeitig ab, um überhaupt Wirkung entfalten zu können. Vielleicht konnte Fluxus nur so radikal ephemer sein, weil es die Möglichkeit der Erinnerung einkalkulierte. Denn was vergeht, ohne dokumentiert zu werden, vergeht auch ohne Spuren – und nichts widerspricht dem Kunstsystem mehr, als spurlos zu sein.
Christian Knieps: Tödliches Schicksal
Am 28. Juli 1914 erklärte Österreich-Ungarn den Serben den Krieg. Der Erste Weltkrieg brach aus. August Macke meldete sich freiwillig und wurde Anfang August zur Infanterie eingezogen. Er starb am 26. September 1914 27-jährig an der Westfront in der Champagne, bei Perthes-lés-Hurlus. Franz Marc meldete sich ebenfalls im August und wurde wie sein Freund in Frankreich stationiert. Trotz des Todes seines Freunds blieb die Überhöhung des Krieges Element seines Denkens. In seinen Briefen aus dem Feld erkennt man das deckungsgleiche Denken mit Thomas Mann, der in Europa einen Kranken sah, der durch den Krieg geläutert werden müsse. Erst nach und nach änderte sich dieses Bild, bis hin zur absoluten Abscheu vor dem Kriege. Anfang 1916 wurde Franz Marc in die Liste der bedeutendsten Künstler Deutschlands aufgenommen und damit vom Kriegsdienst befreit. Die Befreiung trat am 5. März 1916 in Kraft. Am Tag zuvor, dem letzten Tag im Kriegsdienst, starb Franz Marc durch zwei Granatsplitter während einer Erkundung im Feld. In einem früheren Brief schrieb er vor dem Kriegsbeginn an seinen Freund August Macke: Ich glaube auch heute bestimmt, dass ich meine guten Bilder erst mit 40 und 50 Jahren malen werde; ich bin noch mit nichts in mir fertig. Die Weltgeschichte ließ es nicht dazu kommen, dass einer der beiden mit dem fertig wurde, das in ihnen lag.
Christian Knieps: Rauchende Schuldscheine
Eine Legende
Ein Mann im besten Alter seines Lebens, gekleidet in feinstem Brokat, golddurchwirkt und edelsteinbesetzt, viel reicher als alle Menschen, die heutzutage leben, und dennoch ist er nur der mächtigste Mann im Raum, jedoch nicht der Allermächtigste, eine Konstellation, die sich so oder so ähnlich vielleicht schon mal ergeben hat, aber niemals in dieser diametralen Ausrichtung – der eine hält einen Großteil der bekannten westlichen Welt in seiner Hand, der andere Mann hält ihn in der Hand. Es ist die Ausgeburt eines aufkommenden Weltalters, dessen Auswirkungen noch bis weit in die heutige Zeit hineinwirken und tief im Kapitalismus Wurzeln geschlagen haben; jedwede Grundausrichtung heutiger Märkte und Marktrealitäten fußt im Kern auf dieser Entwicklung, die sich nicht nur in diesem speziellen Raum, sondern in vielen Ecken Europas ausbreitete und weiterhin ausbreitet.
Im Augenblick aber hält der feine Herr im Brokatmantel eher ein Bündel Schuldscheine in der Hand, gerollt, auf feinstem Papier für die damalige Zeit geschrieben, geschnörkelte Schrift, feinste Kunst, die die Machtverhältnisse, aber vor allem die Abhängigkeiten zementiert. Es wird in diesem Raum und zu dieser Zeit nicht gesprochen – die Zeit des Redens ist längst vorbei – und als Konsequenz dieser Vorbei-Zeit handelt der reiche Mann, kramt in seiner Tasche nach etwas, das alle im Raum zum Staunen bringen wird, und als er drei Zimtstangen hervorholt, wissen die wenigsten der Anwesenden, dass diese drei Stangen der Verdienst eines einfachen Mannes für mehrere Jahre bedeuten, doch der Kenner ahnt, dass diese drei Stangen, die wohl zwischen 12 und 15 Gramm schwer sind, gut eine Golddukate an Wert besitzen – aber pah!, sagt sich der Mann, was ist schon eine Golddukate! Auch der Allerwichtigste weiß, was diese drei Stangen sind und woher der Mann im Brokat sie geliefert bekommen hat – aus den verheißungsvollen Landen im weiten Osten, die von den Venezianern kontrolliert werden –, und als er die drei Stangen an seine Nase hebt, riecht er den fremdländischen, betörenden Geruch des Zimts, dieser vom Stamm des Baums abgeschälten Rinde, die durch kunstbegabte, feingliedrige Hände mehrfach ineinandergelegt und getrocknet wird.
Mit diesen drei Stangen, deren Wert immensen Reichtum darstellt, würzt der in Brokat gekleidete Mann jedoch kein Wasser oder Kaffee oder Tee oder eine Speise, sondern – vermaledeit, er wird doch nicht! Doch, er wird! – er geht zu einer Fackel in der Nähe und hält die drei Stangen direkt hinein, sodass sie gleich Feuer fangen, der starken Trocknung sei Dank. Sie zündeln stark, die Zimtstangen, und kaum, dass sie sich eingebrannt haben und sich eine Mischung aus beißendem Feuergeruch und fremdländischen Sinneseindrücken im Raum verteilt, zieht der Brokatmann seinen Arm nach oben, während er zeitgleich die Hand mit den gerollten Papieren nach unten senkt, bis sie sich vor seinem Bauch treffen und in ein flammendes Meer übergehen. Alle blicken gebannt auf die rauchenden Schuldscheine, die Jakob Fugger eine Weile brennend anstarrt, ehe er zum Kamin an der Seite des Raums tritt und sein Vermögen, das er gerade vernichtet hat, ins offene, knisternde Feuer wirft, als wäre es ein Holzscheit, das den armen Mann auf dem Thron, seines Zeichens Kaiser Karl V., wärmen soll. Dieser Moment wird zur Legende, wie auch die Beziehung dieser beiden Männer zur Legende wird.
Elias Hirschl: Über das Motiv der SAMSUNG MS 23 K 800 Watt Mikrowelle im Werk von Karsten Dorsch
Heute möchte ich einen Blick auf einen stark unterschätzten Autor werfen, ja vielleicht den unterschätztesten aller Zeiten. Karsten Dorschs Romane zeichnen sich durch ihre sprachliche Raffinesse aus, durch ihren Einfallsreichtum, ein diffiziles Einfühlungsvermögen zu seinen Figuren und eine enorme Detailkenntnis historischer Werke, zu denen er in seinen Büchern durchwegs stark Bezug nimmt. Ja seine Bücher sind gespickt mit Querverweisen, Zitaten und Anspielungen auf andere Werke und es würde Jahre dauern sie alle aufzulisten. Es gibt mehrere Theorien darüber, warum Dorschs Romane nie wirklich in den Literatur-Mainstream vordringen konnten. Manche halten sie für zu trist, andere für zu komödiantisch und wieder andere sagen, es liegt an eben jenen Querverweisen von denen Dorschs Bücher nur so überquellen. Letztere Theorie möchten wir uns kurz genauer ansehen.
Dorschs Werdegang ist im Vergleich zu seinen literarischen Kolleg:innen ein etwas sonderbarer. Als siebenjähriger Junge flüchtete er während eines Hurricans in den Sturmschutz-Bunker eines Nachbarn. Der Nachbar starb während des Sturms und der kleine Karsten war so leider die nächsten 30 Jahre in besagtem Bunker gefangen, bis ihn eines Tages ein Jogger zufällig entdeckte. In diesen 30 Jahren ernährte sich Karsten Dorsch ausschließlich von Tomatensuppe und Bohnen aus der Dose und las sämtliche Bücher, die in dem Bunker vorhanden waren. Die Bücher im Bunker waren: Ein Fall für dich und das Tigerteam Teil 576 – Geisterspuck im Altenheim von Thomas Brezina sowie eine Bedienungsanleitung für die Bunkerinterne Mikrowelle zum Aufwärmen von Dosennahrung. Laut eigener Aussage fand Karsten Dorsch seine Liebe zum Schreiben von eigener Literatur in dem er immer und immer wieder Ein Fall für dich und das Tigerteam Teil 576 – Geisterspuck im Altenheim, sowie die Bedienungsanleitung der SAMSUNG MS 23 K, 800 Watt Mikrowelle las.
Seine Bücher enthalten dementsprechend ebenfalls ausschließlich Zitate, Verweise und Anspielungen auf diese beiden Werke, die in der Geschichte der Weltliteratur leider viel zu wenig Beachtung finden, sodass die meisten Leser von Dorschs Romanen seine genaue Kenntnis dieser Werke nicht richtig zu würdigen wissen. Beispielsweise sein grandioser Roman: Die kaputte Mikrowelle in Zimmer 34, in dem vier Jugendliche der Bewohnerin eines Altenheims dabei helfen herauszufinden, wo die seltsamen geisterhaften Geräusche aus ihrer Mikrowelle herkommen, ist ein Musterbeispiel eines psychologischen Thrillers und verbindet gekonnt literarische Elemente und Motive nicht nur aus dem Buch Ein Fall für dich und das Tigerteam Teil 576 – Geisterspuck im Altenheim von Thomas Brezina, sondern auch aus dem Werk Bedienungsanleitung der SAMSUNG MS 23 K, 800 Watt Mikrowelle. Auch sein zweiter Roman mit dem Titel: „Der Geist in der Mikrowelle im Altenheim“ ist ein grandioses Beispiel dafür, wie sich altbekannte historische Stoffe in neuem Gewand erzählen lassen. Die historischen Stoffe in diesem Fall sind die Bedienungsanleitung der SAMSUNG MS 23 K, 800 Watt Mikrowelle, sowie das Buch Ein Fall für dich und das Tigerteam Teil 576 – Geisterspuck im Altenheim von Thomas Brezina und das neue Gewand in dem sie erzählt werden, ist ein etwas anderes Altenheim mit Klimaanlage und eine Mikrowelle, die eine lustige Melodie spielt, wenn sie das Essen fertig erhitzt hat. Eine lustige Melodie… oder etwa das läuten einer Friedhofsglocke? Dorsch spielt gekonnt mit unseren Erwartungen und unterwandert sie immer wieder von neuem. So etwa auch in seinem dritten Roman: „Die geisterhafte Mikrowelle aus dem Altenheim“, in dem der Geist einer verstorbenen Mikrowelle die armen Bewohner eines Altenheims terrorisiert – eine wirklich außerordentlich gut gelungene Adaption des alltherbekannten Themas von Geisterheimsuchungen in Altenheimen, erweitert durch das Motiv der SAMSUNG MS 23 K 800 Watt Mikrowelle.
So oder so, Dorschs Romane sind immer eine Empfehlung wert und noch heute läuft es mir kalt den Rücken hinunter, wenn meine Suppe endlich heiß ist.
Bettsy Bär: Perfect Days
Der superkregle Opi Wim Wenders hat wieder zugelangt und guckt im seim neum Fülm drin super-empathisch auf dem alten Opi Kloputz im Japam. Im Japam ham die Kloputz-Opis aber noch echtes Arbeitsethos, lesen Faulkner, bis sie vor Müdigkeit umfalln & wohnen nur in ganz ganz schlichtem Muji. Auch die Dialoge, die sie führn, sind wie Muji: Nur aufs Wesentliche beschränkt nämlich. Das ist dann Weisheit! Und Poesie! (Darf man nich mit Kitsch verwechseln! Niemals nich!) Aber die Onkel vom Kloputz da im Japam hörm die gleiche geile Mucke wie die alten Onkel mit den dicken schwarzen Brillen und Seidenschals in Europa! Zun Beispiel Patti Smith! Aber auch Eric Burdon! Sie sind nämlich genauso edel wie die europäischen Opis, vielleicht sogar noch edler! Wegen Bescheidenheit! Und Zen! Aber Spotify kenn die alten Edlen in Japan nich! Die denken, dass das ein Plattenladen ist. Hahahahaha. Hier weiß Opi Wenders viel besser Bescheid. Aber er lacht ganz lieb dadrüber, nich fies. Faulkner is schließlich wichtiger als Spotify!
Opi Wenders beschlägt nur dann seine empathische, dicke, schwarze Fülm-Brille, wenn die kleinen Mädchen in Japan die edlen Opis da immerzu busseln wolln. (Heiß!) Das machen die nämlich ständig da. Sie wolln bei ihrn Edel-Opis übernachten, sie auf die Wange busseln, mit ihn‘ im Park schäkern. Sowas ehmt. DAS machen die Scheißmädchen HIER viel zu selten. Wamscheimlich, weil sie nich so richtich edel sin ehmt.
Naja. Aber das Kino war wieder sehr schöm. Von Ort her. International. Bloß die Kino-Opis, die so lang & laut an den Stellen gelacht ham, weil sie so viel besser wussten, dass Spotify kein Laden ist … Naja.
Bis bald, Hasen, wenn es wieder heißt: Bettsybärs Fülmkritik.