Carsten Stephan: Gespräch im Herbstwald

„Sieh, mein Liebster, all die Bäume,
Die im Sonnenlicht erstrahlen.
Einzig um der Schönheit willen
Taten sie sich bunt bemalen.
      Ach, die Welt ist voller Zauber!“

„Meine Kleine, hier weicht Stickstoff
Nur zurück in Stamm und Äste.
Und es bleiben Farbpigmente,
Dass sich keine Laus dran mäste.
      Darin liegt ja gar kein Zauber.“

„Aber sieh doch, all die Blätter,
Die im Winde niederschweben.
Einzig um der Schönheit willen
Haben sie sich hingegeben.
      Doch, die Welt ist voller Zauber!“

„Blätter fallen nur im Herbste,
Weil der Boden bald gefroren.
Sie verdunsten sehr viel Wasser,
Und der Baum müsste verdorren.
      Darin liegt ja auch kein Zauber.“

„Aber hör doch, all die Vögel,
Die ein letztes Mal noch singen.
Einzig um der Schönheit willen
Lassen sie ihr Lied erklingen.
      Doch, die Welt ist voller Zauber!“

„Dieser Vogelsang ist nur ein
Territorialverhalten.
Männchen scheuchen ihresgleichen,
Um so ihr Revier zu halten.
      Darin liegt erst recht kein Zauber.

Aber hör ich deine Stimme
Lispelnd jene Sätze sagen.
Und dann seh ich deine Schnute,
Der mein Wort will nicht behagen.
      Darin liegt ein großer Zauber!“

Carsten Stephan: Nachlasspfleger Volker Naake

Stirbt wer einsam, pflegt den Nachlass
Naake, braucht kein’ Dr. jur.,
Aber Herzblut und natürlich
Bunges Möbelpolitur.

Er putzt auch die Silberlöffel,
Staubt die Bücher ab konform,
Setzt sich in den Ohrensessel,
Dass die Kuhle bleibt in Form.

Des Verstorbnen dritten Zähne
Wollen nachts ins Wasserbad,
Tags der Krückstock auf den Gehsteig,
Droh’n dem Knaben auf dem Rad.

Äußerlich ist nicht die Pflege,
Sieht man hier, auch ideell.
Flott ertönt der Plattenspieler
Mit einhundert Dezibel.

Spielt Soldat am Wolgastrand er,
Ist Herr Naake obenauf,
Und in schönen grauen Schlüpfern
Frischt er Nachlassstreifen auf.

Hält die Uniform in Ordnung,
Eisern Kreuz am bunten Band.
All das zählt nun endlich wieder,
Weil’s des Glückes Unterpfand!

Carsten Stephan: Brückenbauer Blunskes prima Perspektive

Manchmal geht er über Brücken ohne Blick,
Manchmal sieht er einen wunderbaren Strick.
Manchmal möchte er Sprengmeister sein,
Manchmal stürzt auch eine Brücke selber ein.

Manchmal scheint sein Werk sehr gut zu gehn,
Manchmal hat er ein paar Pfeiler übersehn.
Manchmal ist er schon am Morgen blau,
Und dann grölt ein Lied er übern Bau.

Nur noch sieben Brücken und dann gehn,
Sieben Jahr zur Rente überstehn.
Sieben Jahr streich ich nur Asche ein,
Aber dann herrscht Südseesonnenschein.

Manchmal spuckt er auf den dicken Briefumschlag,
Manchmal hasst er einen jeden Brückentag.
Manchmal wirft er sich beinah vom Kran,
Manchmal Steine auf die Autobahn.

Manchmal tobt er durch das Baubüro,
Manchmal hockt er stumm im Dixieklo.
Manchmal trägt er seidene Dessous,
Manchmal sagt er: Jetzt ist aber Schluss!

Nur noch sieben Brücken und dann gehn,
Sieben Jahr zur Rente überstehn.
Sieben Jahr streich ich nur Asche ein,
Aber dann herrscht Südseesonnenschein.

Carsten Stephan: Kraut ahoi!

(Audiobeitrag wird nachgereicht)

Früher schlangen die Matrosen
Sauerkraut, das scheint euch klar,
Weil sie Vitamine brauchten.
Aber das ist gar nicht wahr.

Denn kein Mensch braucht Vitamine,
Das sind Märchen, seid nicht dumm.
Es genügte Wind in Segeln
Und in Kehlen reichlich Rum.

Ging der Rum einmal zur Neige,
Kam es schnell zur Meuterei.
Gab es eine lange Flaute,
Rief man nur: Zum Kraut herbei!

Bald schon bliesen da die Winde,
Und sie rochen sehr apart.
Und sie blähten alle Segel,
Und man setzte fort die Fahrt.

Durch die Kraft des Krautes machte
Der Koloss von Rhodos schwapp.
Mit ihr fuhr man gar in Gizeh
Einer Sphinx die Nase ab.

Ist auch euch nach Abenteuern,
Bleibt dem Sauerkraute treu.
Hisst auf euerm Bett das Laken,
Und dann heißt es: Kraut ahoi!

Carsten Stephan: Kindergartenclown Steve Markus

Nase rot, Orangenbommeln,
Keiner von den feinen Herrn,
Sondern Steve schuf unsre Kita,
Er hat uns zum Fressen gern.

Steves Ballons sehn viele Kinder,
Hören Rummelplatzmusik,
Schweben hoch bis in den Himmel,
Stevie ruft noch: „Kindlein, flieg!“

Schöne Spiele spielt er mit uns,
Auch im grünen Ödland hier:
Berghotelgast, Bullengürtel,
Boote basteln aus Papier.

Und wenn es ganz dolle regnet
Und das Wasser schnell und tief,
Auf die Straße unsre Boote!
Aus dem Gully winkt uns Steve.

Und er lacht und ruft sehr laut dann:
„Eure Wettfahrt nun beginnt
Mit den großen Lastkraftwagen!“
Dabei stirbt schon mal ein Kind.

„Macht doch nichts!“, sagt Stevie immer.
Doch wir Kinder finden’s doof.
Denn wir müssen es begraben
Auf dem Kita-Tierfriedhof.

Ist das Kind dann auferstanden,
Riecht’s nach Hamster statt Persil,
Folgt uns stets mit Küchenmessern.
Kennt es denn kein andres Spiel?

Auch schon tot, doch gut gebadet,
In der Wanne, unser Schwarm:
Stevies Ma spielt mit uns Fangen,
Nimmt uns gerne in den Arm.

Ja, wir lieben Stevies Kita,
Die ist super, doch nur bis
Er aus seinen Büchern vorliest:
Tausend Seiten – das macht Schiss!

Carsten Stephan: Was läßt sich über Möbel sagen?

Mit Goldsmith keine Pleite schieben

Adrett, allerliebst, anmutig, ansehnlich,
ansprechend, anziehend, apart, appetitlich
(Küche!), berückend, etwas Besonderes,
bildschön, blendend, brillant, duftig,
delikat, echt, eindrucksvoll, einnehmend,
einmalig, einzigartig, elegant, elfenhaft,
entzückend, erhaben, exquisit, charmant,
fabelhaft, fantastisch, fein, fehlerfrei,
fesch, flott, formvollendet, ganz groß,
gefällig, gewinnend, graziös, herb,
herrlich, hinreißend, hübsch, ideal,
imposant, jugendlich, klar, klassisch,
köstlich, kräftig, kühn, künstlerisch,
lebendig, leuchtend, lieblich, mächtig,
mondän, nett, niedlich, patent, pfundig,
pikant, prachtvoll, prächtig, raffiniert,
rank, rassig, reif, rein, reizend, sauber,
schick, schmissig, schmuck, schnittig,
schön, stattlich, stilvoll, strahlend,
sympathisch, tadellos, traumhaft,
vollendet, vornehm, wirkungsvoll,
wohlgeformt, wohlgestaltet, wunderbar,
zauberhaft, zierlich.

Nun darf man über eine Aufzählung
dieser Art nicht einfach hinweglesen,
so geht es nicht, das muß man sehr
aufmerksam in sich aufnehmen und
versuchen, jeden Begriff auf ein bestimmtes
Möbel anzuwenden. Erst, wenn dieses
gelungen ist, befreit man sich von den
stehenden Redewendungen
formschön modern preiswert.

Carsten Stephan: Möbelmäkelei

Nach Prof. Walde

Die Kommode ist ein Kastenmöbel, welches
seinen Namen nicht mit Unrecht trägt. Früher
stellte man die Kommode auf hohe Füße,
während jetzt die Schubkasten bis fast auf
den Fußboden reichen, so daß man sich bei
ihrer Benutzung zu sehr bücken muß; deshalb
ist die Kommode von heute nicht mehr so
„commode“ als ehedem.

Unter der seltsamen Bezeichnung „Vertikow“
versteht man einen Schrank oder Behälter
von zierlichen Formen zur Aufbewahrung
wichtiger oder wertvoller Gegenstände,
Kostbarkeiten, Nippes u. drgl. Der Name
soll herrühren von dem ersten Verfertiger
dieser Art von Schränken, die zumeist an
die Stelle der „Glasschränke“ unserer
Voreltern getreten sind. Von dem durch
das Eindringen des neuen Stiles veranlaßten
Umschwung der Dinge ist auch das Vertikow
nicht verschont geblieben; der moderne Stil hat
ihm das Urteil gesprochen, und dies lautete auf
Verbannung.

„Wandschrank“ ist eine wenig glückliche
Bezeichnung für ein an der Wand hängendes
Schränkchen von geringer Ausdehnung. Denn
auch der große Schrank steht jemals kaum
anders als an der Wand. Der Unterschied ist
in der Größe und darin zu suchen, daß jener
hängt und dieser steht. Der Name wird uns
erklärlich, wenn wir wissen, daß man früher
unter Wandschrank einen in der Wand
befindlichen Schrank verstand. Die Sitte,
Nischen in der Wand vorzusehen und
dieselben mit Türen zu verschließen, ist
nur langsam, erst seit der Gotik verdrängt
worden durch die Einführung beweglicher
Holzschränke.

Der Schreibtisch war ein Tisch, ehe er zu
dem heute oft so umfänglichen Schrank
wurde. Der Schreibtisch von heute hat
so gewaltige Ausdehnung angenommen,
daß zur Ausfüllung der Schränke und
Schubkasten schon ein ganzer Papierladen
erforderlich sein würde; daher bilden seine
Gelasse gewöhnlich entweder das Familien-
archiv, oder sie dienen als Bücherschrank.
Denn so viel Schreibwerk hat kaum der
Schriftsteller von Beruf, daß er die
Verschlüsse alle damit füllen könnte.

Mit dem undeutschen Namen „Salontisch“
bezeichnet man landläufig den meist für
Empfangsräume bestimmten, aber darin
ziemlich überflüssigen Tisch. Denn nur
die Gewohnheit läßt uns einen Raum ohne
größeren Tisch als unfertig möbliert
erscheinen; nimmt man diesen oder jenen
Luxusgegenstand, ein Buch, eine schöne
Bedeckung der Platte aus, so hat der Tisch
im Empfangszimmer nichts zu tragen,
infolgedessen auch keinen oder doch nur
den Zweck, daß man daran oder in seiner
Nähe Platz nehmen kann; ebensogut kann
man aber auch anderswo Platz nehmen, da
im Empfangszimmer weder gespeist, noch
gearbeitet oder gelesen wird. – Von der
früher so beliebten runden, ovalen oder
vieleckigen Form des Tischplattes macht
man neuerdings wieder gern Gebrauch.
Der runde Tisch hat den Vorzug, kein Unten
und Oben, kein Links und Rechts zu haben;
die von ihm gebotenen Plätze sind völlig
gleichwertig, es gibt keinen bevorzugten
Platz, keinen Rang am Tische, jeder Platz
ist Präsidentenplatz.

Carsten Stephan: Malewitschmodell Mascha

An der großen Schönheit Maschas
Hat ein jeder sich ergötzt.
Und Malewitsch hat sie schließlich
Auch perfekt ins Bild gesetzt.

Er holt sie vom Rübenacker,
Sie posiert im Atelier,
Perlenohrring nur am Leibe,
So entstand auch dies Porträt.

Und bald kam es, wie es musste
Zwischen Maler und Modell.
War modern auch Herr Malewitsch,
Hier blieb er traditionell.

Was der Meister in ihr sehe,
Fragt verliebt sie ihn zuletzt.
Er verwies auf sein Gemälde,
Und das hat sie wohl verletzt.

Denn sie nahm ein Hackebeilchen,
Herr Malewitsch ward ganz klein,
Und ging in die neue Phase
Des Gulaschfuturismus ein.

Ja, der Mascha schwarze Seele
Zeigt das Bild hier absolut.
Bloß Banausen finden’s einfach
Nur quadratisch, praktisch, gut.

Kasimir Malewitsch: Das Schwarze Quadrat.
Malerischer Realismus einer Bauerntochter in zwei Dimensionen (1915)

Carsten Stephan: Matze Maier

Matze Maier schrieb am Abend
Launig, mit geschnorrtem Stifte,
Ein paar Zeilen auf den Deckel
Seines Bieres.

Und am nächsten Morgen schellten
Vierzig feiste Großverleger,
Bis er endlich irgendeinem
Gähnend nachgab,

Der sein Werk in einer Woche
Dann millionenfach verkaufte
Und die Wälder niederwalzte
Fürs Papier.

Matze Maier zuckte zaghaft
Seine schönen, schmalen Schultern
Und zog zügig in ein Schlösschen
Fern in Frankreich,

Wo bald große Kipper knatternd
Geld aus Hollywood abluden
Und die Groupies grinsend aus den
Laken lugten.

Und kaum einen Monat später
Schrieb er wundersamerweise:
Werde nie im Leben Dichter!
Und zerbarst.