Uli starrt auf seinen Teller. Fünf Ravioli liegen darin, halb versunken in roter Pampe. Sie bewegen sich nicht. Wie Krokodile, die auf der Lauer liegen. Nur viel, viel kleiner. Dafür aber mit viel mehr Zähnen. An allen Seiten. Überall Zähne. „Iss, solange sie warm sind!“ ruft Mama aus der Küche. Uli nimmt den Löffel. Ganz vorsichtig. Eine Ravioli liegt besonders nah am Tellerrand. Wahrscheinlich die mutigste. Oder die hungrigste. Uli stupst sie kurz an und zieht den Löffel schnell zurück. Nichts. Noch einmal. Nichts. Das muss gar nichts bedeuten. Wenn ein Löwe schläft, stupst man ihn ja auch nicht zweimal an und sagt danach: Na gut, dann ist er ungefährlich. Vielleicht greifen die Ravioli gleich von allen Seiten an, wie Piranhas. Vielleicht haben sie schon jemanden gefressen. Vielleicht ist die rote Pampe das, was von ihm übrig geblieben ist. Blutmatsche. Er beobachtet die Ravioli. Die Ravioli beobachten ihn wahrscheinlich auch.
„Warum guckst du so?“ fragt seine große Schwester Nora, die plötzlich in der Tür steht. Uli zeigt auf den Teller. „Die Ravioli.“ „Was ist mit denen?“ Uli zögert. „Die beißen.“ Nora schaut auf den Teller. Dann auf Uli. Dann wieder auf den Teller. Und lacht. „Du hast Angst vor Ravioli?“ „Nein.“ „Doch.“ „Gar nicht.“ „Doch.“ Mama kommt rein. „Was ist denn jetzt schon wieder?“ „Der glaubt, die Ravioli beißen!“ lacht Nora. Mama schaut kurz verwirrt. „Ach Mensch, das hab ich doch bloß gesagt, damit du deine Finger aus dem Teller nimmst,“ sagt sie und geht wieder in die Küche. Nora setzt sich Uli gegenüber und grinst ihn an.
Er nimmt seinen ganzen Mut zusammen und sticht in die größte Ravioli. Sie platzt auf. Füllung quillt heraus. Kein Angriff. Kein Zubeißen. Vorsichtig probiert Uli ein kleines Stück. Dann noch eins. Schmeckt doch gut. Er steckt eine weitere Ravioli in den Mund, kaut. Nichts passiert. Noch eine. Immer noch nichts. Schließlich ist der Teller fast leer. Uli lehnt sich zurück, erleichtert und ein bisschen stolz.
Er betrachtet die letzten Spuren der Blutmatsche, die sich mit dem Löffel nicht rauskratzen ließen. Ob er doch noch einen Finker eintunken soll? Was kann ihm jetzt schon noch passieren?
Auf einmal starrt seine Schwester ihn ganz ernst an. „Was ist denn?“ fragt Uli. „Mama hat nicht die ganze Wahrheit gesagt,“ flüstert Nora. „Was meinst du?“ „Die Ravioli beißen erst zu, wenn du sie im Bauch hast. Sie nisten sich in deinem Magen ein. Und dann fressen sie dich von innen auf.“
Kategorie: Erzählung
Ferenc Liebig: Die Sprossen einer Leiter
Existieren, das ist mutig in der heutigen Zeit, existieren, ohne die Augen zu verschließen, das könne nicht jeder, die meisten schaffen das nicht, die, die es nicht schaffen, versuchen sich abzulenken, in der Ablenkung geschieht das Nichtexistieren. Ein befreundeter Dichter sagte, ich hätte gerne einen Körper aus Buchstaben. Ich fragte ihn, ob er bestimmte Buchstaben bevorzuge. Natürlich, A,T, C und G. It’s in my DNA. Er überschlug sich vor Lachen. Das wäre so gut. Das müsse er aufschreiben. TAG C. CAT G. Er fabrizierte neue Wörter. Ich sagte, er sehe so glücklich aus. Ich fragte, ob ich ihm einen Spiegel bringen soll. Das brauche ich nicht, rief er, als würde er auf einer Bühne stehen. GAG. TAT. Neue Metaphern braucht das Land. AGATA. GATACA. Er würde einen Vulkan finden. Der Vulkan würde ausbrechen. Der Vulkan wäre ein Körper, dem man verzeiht, weil er so todtraurig ausschaut. Der Vulkan wäre ein Wald, nur ohne Bäume, damit ohne Blätter, ohne Harz, ohne das Geraschel von Tieren, ohne Moos, in das man einsinkt, nur ein Wald, der existiert, weil man ihn Wald nennt. Das Wort wäre wichtiger als die Bedeutung, ruft er ins Publikum. Was macht einen Wald zum Wald. Vier Buchstaben, klagt er und während er klagt, wirft er sich auf den Boden. Es existiert über vier Buchstaben. Vier Buchstaben lassen den Wald existieren. Nicht der Specht, nicht das Wildschwein, nicht die Eiche, nicht der Pfifferling, nicht das tote Geäst, nicht der Unrat, den die Dümmsten in den Wald karren, als wäre der Wald eine Sammelstelle für Sperrmüll, nicht das Laub, nicht der Zapfen, nicht der erdige Geruch. Ich schrieb in einem Gedicht, ich würde Kreise ziehen, zum Meridian werden. Ich strich die Zeile. Nun existiert sie hier, weil sie existieren will. Sie braucht nur zu existieren. Sie muss sich nicht überdenken. Einfach nur sein. Sie kann sich darüber glücklich schätzen. Wie auch der Wald existiert, wenn das Wort aufgeschrieben wird. Wald. Da bist du nun. Vier Buchstaben und du wirst zu einer Assoziation, zu einer Verkettung, zu einem Baumhaus, zu Nieselregen, zu Borkenkäfern, Dornen, Zecken, krustiger Rinde, Wurzelgeflecht, Stein, Bärlauch, Windröschen, blauschimmernden Blüten, Himbeeren, Knacken, Lichtung, Bärenfalle. Der befreundete Dichter unterbricht meine Gedanken mit einer Axt. Wir bräuchten Holz für ein Feuer, denn im Wald würde es kalt werden und das Feuer hält das Ungeziefer ab. ATTACCE. Das müsste er aufschreiben, er wäre das Ungeziefer, das in eine Flamme geworfen wird, dessen Chitinpanzer in den Flammen knistert. Ein festgesaugtes Insekt, das sich nicht abschütteln lässt, das unter die Haut wandert. AGAGAGAGAGA. Rot ist im Gefieder. Blutroter Ahorn. TAGACAT. Wir könnten uns abkürzen. Er hieße ab jetzt A. und ich C. oder er G. und ich A. Im Wald abkürzen. Verirren. Wie Teig geknetet werden. Bis der Waldgeist den Teig in den Ofen schiebt und Brot aus uns macht. Das ist mutig. Zu Brot zu werden. Zu metamorphosieren. Um als Brot in Öl getunkt zu werden. GAT. Man müsse hören und sehen, immer beides hören und beides sehen. Das wäre die Lösung auf eine Antwort. Im Wald hören und sehen. Den Wald hören und sehen. Den Wald von seiner Nichtexistenz ausklammern. Mein Dichterfreund holt ein Jagdgewehr. Zum Feuer gehöre Braten. Wohlduftender Braten. Krosse Haut, die zwischen den Zähnen knistert. Weiches Fleisch, das vom Knochen abfällt. Er richtet die Flinte auf mich. Du gefällst mir, sagt er. Er sagt, es ist mutig zu existieren. In einer Zeit wie dieser.
Christian Knieps: Der weiße Hirsch
In einer Nacht ohne Mond, in der der Himmel wie ein verschlossenes Auge über den Hügeln lag und selbst die Sterne sich zurückgezogen zu haben schienen, stand der Junge am Rand des Waldes, noch zu jung, um seine Furcht zu benennen, aber bereits alt genug, um zu spüren, dass das Schweigen um ihn herum nicht leer war, sondern wartend, gespannt und mit einer Bedeutung aufgeladen, die sich ihm erst später vollständig erschließen würde.
Der Wald, der ihm tagsüber vertraut gewesen war wie ein grob gewebter Mantel aus Moos, Rinde und Vogelrufen, hatte sich verwandelt in einen atmenden Körper, dessen Herzschlag er nicht hörte, sondern in den Knien fühlte, während die Dunkelheit zwischen den Stämmen dichter wurde und die Welt hinter ihm, das Haus, das Feuer, die Stimmen, in eine andere Zeit zurückfiel, als hätte sie für diesen Augenblick aufgehört, Anspruch auf ihn zu erheben.
Dann trat der weiße Hirsch aus dem Dickicht, nicht hastig oder vorsichtig, sondern mit einer Ruhe, die der Bewegung jedes einzelnen Muskels eine Würde verlieh, als sei dieser Schritt nicht zufällig, sondern Teil eines lange vorbereiteten Zeichens, und sein Fell schimmerte nicht, weil Licht es traf, sondern weil es selbst Licht trug, ein stilles, inneres Leuchten, das den Wald nicht erhellte, sondern ihn verständlich machte.
Der Junge wusste in diesem Moment, ohne Worte, ohne Lehre und Vergleich, dass dies kein Tier war, wie er andere Tiere gekannt hatte, keine Beute, kein Geist der Jagd, sondern etwas Älteres, etwas, das nicht erschien, um gesehen zu werden, sondern um zu sehen, und dessen Blick ihn nicht musterte, sondern abwog, als prüfe er nicht den Körper des Jungen, sondern die Richtung seines noch ungelebten Lebens.
In den Geschichten der Alten, die der Junge nur halb gehört und nie ganz geglaubt hatte, war vom weißen Hirsch gesprochen worden als vom Boten der Anderswelt, als vom Grenzgänger zwischen Zeiten, als vom Tier, das Könige prüfte und Kinder auswählte, und nun verstand er, dass diese Geschichten nicht dazu gedacht gewesen waren, geglaubt zu werden, sondern dazu, eines Tages erkannt zu werden, wenn die Stunde dafür gekommen war.
Der Hirsch senkte den Kopf nicht zum Gruß und hob ihn nicht zur Warnung, sondern verharrte, und in dieser Bewegungslosigkeit lag eine Einladung, die keine Wahl ließ, weil sie nicht forderte, sondern offenbarte, dass der Weg, den der Junge bisher gegangen war, nur der Vorhof gewesen war zu einem Pfad, der erst jetzt sichtbar wurde, schmal, unbeleuchtet, aber unumkehrbar.
Als der Hirsch sich schließlich wandte und zwischen die Bäume schritt, folgte der Junge ihm nicht sofort mit den Füßen, sondern mit einem inneren Nachvollzug, mit einem plötzlichen Verstehen, dass Zukunft nicht etwas war, das auf ihn wartete, sondern etwas, das ihm entgegenkam, in Gestalt dieses Tieres, das älter war als Namen und jünger als jede Entscheidung, die er noch treffen würde.
Der Wald öffnete sich nicht, er veränderte lediglich seine Ordnung, und wo zuvor Chaos gewesen war, entstand eine Linie, ein unsichtbarer Faden, dem der Hirsch folgte und den der Junge, ohne ihn sehen zu können, spürte wie eine Spannung in der Brust, als hätte jemand eine Saite in ihm angeschlagen, deren Ton erst Jahre später hörbar werden würde.
In dieser mondlosen Nacht, in der kein Licht die Richtung vorgab und kein Schatten als Warnung diente, lernte der Junge, dass Führung nicht immer präsent ist, dass Macht nicht beginnt mit dem Beherrschen anderer, sondern mit dem Erkennen eines Rufes, der so leise ist, dass man ihn nur hört, wenn man bereit ist, alles andere zum Schweigen zu bringen.
Der Hirsch blieb an einer Lichtung stehen, die im Dunkel kaum als solche zu erkennen war, und dort, wo sich Himmel und Erde berührten, ohne sichtbar zu sein, drehte er den Kopf noch einmal zurück, nicht um den Jungen zu prüfen, sondern um ihm zu bestätigen, dass er gesehen worden war und dass dieses Gesehenwerden eine Verpflichtung war, keine Auszeichnung.
Was der Hirsch dem Jungen zeigte, war kein Bild der Zukunft, kein Reich, kein Thron, kein Schlachtfeld, sondern eine Richtung, eine Ausrichtung des Inneren, die bedeutete, Verantwortung zu tragen für das, was zwischen den Welten liegt, für das Unsichtbare ebenso wie für das Offensichtliche, für die Übergänge, an denen andere zögern oder scheitern würden.
Der Junge verstand, dass Macht nicht als Besitz zu ihm kommen würde, sondern als Last, als Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, die ihn von den Seinen entfernen und zugleich tiefer mit ihnen verbinden würden, und dass der weiße Hirsch nicht zurückkehren würde, um ihn daran zu erinnern, weil Erinnerung selbst Teil dieser Macht war.
Als der Hirsch schließlich im Wald verschwand, nicht plötzlich, sondern so, als löse er sich Schicht um Schicht aus der Welt, blieb keine Leere zurück, sondern eine Verdichtung, ein Gefühl von Bedeutung, das den Jungen nicht erdrückte, sondern aufrichtete, als hätte sich seine Wirbelsäule an eine unsichtbare Ordnung angepasst.
Er kehrte in dieser Nacht nicht verändert zurück, zumindest nicht in einer Weise, die andere hätten benennen können, doch etwas in seinem Blick hatte sich verschoben, ein Wissen war eingezogen, das nicht nach außen drängte, sondern wartete, geduldig, lauernd, wie der Wald selbst, der nichts vergisst und alles wiedererkennt.
Viele Jahre später, wenn Entscheidungen an ihm hingen wie schwere Früchte, wenn Menschen in ihm mehr sahen, als er sich selbst zugestand, und wenn er an Weggabelungen stand, an denen kein Rat half, würde er an diese mondlose Nacht denken und an den weißen Hirsch, nicht als Erinnerung, sondern als fortdauernde Bewegung, als Weg, der ihm einst gezeigt worden war und den er, Schritt für Schritt, weiterging, ohne ihn je ganz zu verstehen, aber immer in dem Wissen, dass er ihn nicht selbst gewählt hatte, sondern von ihm gewählt worden war.
Margret Bernreuther: Der Fächer mit dem Pandabären
Jeden Morgen, wenn ich die Wohnung verlasse entdecke ich unten auf der Ablage bei den Briefkästen neue Figürchen oder andere Haushaltsgegenstände.
Oft sind es kitschige aber nicht besonders hochwertige Porzellanfiguren. Manchmal ein Gewürzglasrondell. Gestern stand ein Kochbuch zur Anleitung für fettreduzierte Ernährung dort.
All diese Gegenstände sind sehr bunt zusammengewürfelt. So war neulich auch mal ein aufwendig bestickter Fächer in einer mit Stoff bezogen Schachtel dort zu finden. Auf dem Fächer zwei Pandabären, die unter einem blühenden Kirschbaum spielen. Die Kiste mit goldenen und roten Stoff besponnen. Auf den ersten Blick, insgesamt ein hübsches Ding, aber trotzdem konnte die Verpackung und Gestaltung dieses Fächers, dennoch nicht die mangelnde Wertigkeit der
Sache verbergen.
Es wirkte bei genaueren hinschauen eher wie ein Gegenstand aus einem günstigen Souvenirladen gar einem AsiaShop aus der Innenstadt, bei dem neben der Tütensuppe und den Gewürzsoßen, das ein oder andere Handwerkszeug verscherbelt wird.
So wie all die Dinge die dort bei uns auf der Ablage landen, stellen keinen kostspieligen, aber im ganzen doch vielleicht, ideellen Wert dar.
Hinunter stellen tut sie unser Nachbar. Da bin ich mir sehr sicher.
Ich habe ihn zwar noch nie direkt dabei erwischt. Aber da wir ansonsten ein sehr junges Haus haben, bin ich mir sicher, dass die Gegenstände aus seiner Wohnung stammen.
Herr Schag wohnt im Stock über uns. Er ist über 80 Jahre alt und ist derjenige, der schon immer hier gewohnt hat.
Unzählige WGs und junge Menschen hat er schon ein und ausziehen erlebt.
Die früher noch regelmäßigen Hoffeste hat er immer wohlwollend vom Balkon aus mit erlebt, konnte sich aber trotz mehrmaligen einladen, nie dazu aufraffen zu uns hinunterzukommen.
Zusammen mit seiner Frau standen sie dann also manchmal für längere Zeit am Balkon und schauten sich an, was da so alles los war in unserem Hof.
Noch nie gab es auch nur eine Beschwerde, wenn eine Feier länger dauerte, oder gar das Aufräumen am nächsten Tag allen beteiligten sehr schwerfiel und es sich bis in die kommende Woche hineinzog, das alles wieder an Ort und Stelle war.
Mit der Zeit und mit den Jahren ließ aber auch die Anteilnahme vom Balkon aus immer stärker nach.
Seiner Frau ging es nicht mehr so gut. Sie wurde dement und ihr gemeinsames Konstrukt fing an zu bröckeln. Wir im Haus hatten schon einiges an Erfahrung mit dementen Bewohnerinnen.
In der Wohnung nebenan wohnte eine italienische Nona, die trotz hochgradiger Demenz noch bis ins hohe Alter in Schlappen auf ihrer Vespa zum Einkaufen gefahren ist. Manchmal hat sie sich verfahren und dann gab es wieder große Sorge und die Kinder haben sie mit uns zusammen gesucht.
Irgendwann wurde den Kindern klar, daß sie ihre Mutter nicht mehr in unserer Verantwortung lassen können. Und sie ist, vermutlich zum sterben nach Italien gebracht worden.
Frau Schag die freundliche Nachbarin, ereilte kein so schönes Schicksal. Ihr Mann versuchte es eine Zeit lang damit, sie einzusperren. Aber nachdem sie auch in der Wohnung dann Dinge nicht mehr so hinterlassen hat, wie er es gewohnt war und man sich nicht mehr darauf verlassen konnte, dass sie das Essen richtig kocht und überhaupt die Dnige tut, wozu man doch so eine Frau hat, hat Herr Schag sie ins Altenheim gebracht. Ich verwende seine Worte.
Ich weiß nicht wie viel Liebe da jemals im Spiel war. Und auffällig fand ich es schon immer, dass wir noch nie eines der 3 Kinder bei uns im Haus angetroffen haben.
Dieses alte Pärchen, deren Leben nach Erzählungen von Frau Schag nur aus Arbeit bestand. Ich kann nicht beurteilen, ob sie glücklich waren oder nicht. Und noch weniger kann ich die Dinge beurteilen, die Herr Schaag nun langsam aus der Wohnung räumt.
Für ihn anscheinend wertlose Dinge, die seiner Frau gehören.
Sie wird nicht wieder zurückkommen und er hat keine Verwendung dafür. Aber direkt in die Mülltonne werfen möchte er sie auch nicht. Dafür hängt vielleicht der Geist seiner Frau zu sehr an diesen Dingen.
So machen sie vielleicht nochmal eine Zwischenstation. In einer der WG’s. Oder so wie bei uns. Der kleine Fächer mit den spielenden Pandabären.
Würde Herr Schaag in anstatt ihn zu verschenken, seiner Frau ins Altenheim mitbringen, würde sie sich vielleicht an die Reise nach China erinnern, die sie vermutlich nie gemacht haben.
Felix Benjamin: Bohemian Rhapsody
Ich fahre mit meiner großen Schwester in ihrem Auto zur Videothek. Das ist aus zwei Gründen aufregend, denn zum einen sehe ich sie nicht mehr so oft, seit sie ausgezogen ist. Bei jedem Besuch hat sie eine andere Haarfarbe, raucht eine andere Zigarettenmarke und stellt meinen Eltern fast jedes Mal einen neuen Freund vor. Sie ist groß und cool und ich will groß und cool sein.
Aufgeregt bin ich aber noch viel mehr, weil die Videothek ein magischer Ort ist, ein Tor zu anderen Welten. Ich habe einen Mitgliedsausweis und deshalb von der Videothek zum Geburtstag einen Gutschein für eine kostenlose Ausleihe bekommen. Dies soll meine Eintrittskarte in den „Tempel des Todes“ sein. Indiana Jones ist für mich der Größte und dieses Abenteuer ist das einzige, das ich noch nicht kenne, denn es ist erst ab 16. Meine Schwester soll mich also begleiten, damit mir der „Tempel des Todes“ ausgeliehen wird. In der Videothek findet sie aber einen völlig anderen Film, den sie begeistert aus dem Regal zieht: „Wayne`s World“. Das sagt mir gar nichts und interessiert mich auch nicht. Sie kann mich trotzdem leicht dazu überreden, mich gegen Indiana Jones zu entscheiden, schließlich will ich groß und cool sein.
Wieder am Steuer ihres Autos sitzend erklärt meine Schwester mir, dass ich „Wayne`s World“ unbedingt gesehen haben muss, allein schon, weil darin „Bohemian Rhapsody“ vorkommt. Sie legt ihr Best-of-Queen-Album in den CD-Player und fängt an, zu diesem Lied abzugehen. Sie singt laut mit und schüttelt ihre langen Haare. Ich fühle mich groß und cool, denn es war ja mein Gutschein, der es meiner Schwester ermöglicht, diesen Film zu sehen, auf den sie sich so freut. Auch ich schüttle meinen Kopf zur Musik und versuche mitzusingen, verstehe vom ?Text aber gar nichts außer „Mama, uuuu-uuuu.“ Das ahme ich nach und fühle mich dabei groß und cool.
Als wir zu Hause aussteigen, sagt meine Schwester, dass ich weggehen soll und in mein Bett scheißen.
Ich halte meine Tränen zurück, bis ich in meinem Zimmer auf dem Teppichboden zusammensinke.
Chris Morenz: Dü-Dö-Dü, kein Abschluss unter dieser Nummer
»No song on the radio could be too stupid for my heart… krschhhh…« – Frank klickt sich noch durch ein paar Sender, aber das hat noch nie was gebracht, ebenso wenig wie Prokrastination. Na dann, Radio aus. Der Motor ist auch schon längst aus, mindestens seit drei, fünf, sechseinhalb schlechten Songs. Im Rückspiegel sieht er die sonntagnachmittägliche Vorortstille auf dem Rücksitz bräsig ihren Schweinskopf heben. Sie schaut ihn spöttisch an und lässt (lautlos) einen fahren.
Es ist das erste Mal, dass er in dieser Stadt, in dieser Straße ist. Wochenlang hat er es vor sich hergeschoben, dann noch tagelang die Strecke immer wieder auf der Landkarte mit dem Finger nachgezeichnet. Das wird nie etwas, war ihm klar. Doch heute Mittag ist er einfach ins Auto gestiegen und ist hingefahren. Wahrscheinlich eine schlechte Idee. Deswegen hat er’s getan. Wäre es eine gute Idee, hätte er sie vermutlich ausgesessen. Aber nicht nur aus Erfahrung, auch vom Bauchgefühl her scheint dieser Ausflug eine schlechte Idee gewesen zu sein. Krampf im Magen, Kampf im Kopf, oder umgekehrt, oder beides. Und was ist eigentlich mit dem Herzen, das den ganzen Zirkus hier überhaupt erst ins Rollen gebracht hat? Es verschwand wenige Tage zuvor mit der Leber in einer Kneipe und ward seither nicht mehr gesehen. Immerhin haben sie ihm dieses schwächliche Ding, das bei den meisten anderen Leuten Rückgrat heißt, dagelassen. Diese Chance sollte er ergreifen. Wo er ohnehin schon hier ist… Hilft ja nix, nix hilft, dauernd hilft nix. Er stemmt sich tapfer aus seinem weißen Toyota, streckt sich den Rücken gerade. Wünschte, es wäre ein schwarzer Knight Industries Two Thousand, a.k.a. KITT, immer einen kessen Spruch auf dem Sprachmodul, wünschte, er selbst wäre… Aber damit fangen wir gar nicht erst an. Wenn wir jetzt Franks Gedankenstrom weiter folgen, stehen wir morgen noch hier in der Pampa. Folgen wir lieber FRANK…
Ach nein, der steht schon wieder still – minutenlang vor diesem unsäglichen Wohnhaus, du liebe Güte, ein NEUBAU, klotzgewordene Menschenfeindlichkeit. Als hätte ein grimmiger Betongott sie höchstselbst vor über 40 Jahren über die westdeutschen Städte gehustet, damit die Babyboomer Platz für ihr System-Leben haben, und immer noch schimpft sich dieser grau-grün-gelbliche Auswurf »Neubauten«. Wie kann man nur so leben? Antje konnte wohl gar nicht schnell und weit genug wegkommen von ihm und ihrem ALTEN Leben in der gemeinsamen ALTbauwohnung (zwar nicht Berlin, aber doch immerhin Hannover). In ihr NEUES Leben, in ihren NEUbau. Das hat’se jetzt davon.
Neubau, Bauernkaff, Kaffeefahrt, Fahrt zur Hölle… Schon wieder Gedankensumpf. Aber dann passiert endlich was, Frank läutet …
Doch nicht. Er glotzt bloß ihr Klingelschild an. Es ist in trotzigen Großbuchstaben geschrieben (kein keckes Kringelchen über dem ‚i‘ in ‚Schmidt‘) und achtlos und schlicht mit Tesafilm über den Namen des Vormieters geklebt. Sonst ist sie so akribisch. Hat dieses Haus nur ihren Sehnerv verkrümmt oder gar schon ihren Willen gebrochen? Frank scannt die Größe des Schilderrahmens. Ich könnte ihr mal ein gescheites… mit dem Drucker, nicht nur so schief und mit Kulli und…, er zerknüllt diesen Gedanken. Herrgott, Frank!, ruft er sich zur Räson. Er streicht mit den Fingerspitzen über das Provisorium als wäre es ihr Schlüsselbein, ihre Armbeuge, eine verirrte Haarsträhne in ihrem schmalen Gesicht,… dann sitzt er auch schon wieder in seinem Auto.
Komm schon, Frank, du bist ein erwachsener Mann – nicht nur weil du ein Auto fährst und daheim, das jetzt kein Daheim mehr ist, all diese Ordner mit Verträgen und Rechnungen im Regal stehen hast.
Naja, na gut, dann also Plan B: Er greift zum Handy, das auf dem Beifahrersitz liegt… ihr Sitz, ihr Hintern, ihre Nummer, die er jetzt eintippt. Es ist so unsinnig, Nummern aus dem Verzeichnis zu löschen, die man ohnehin und für alle Zeiten auswendig kennt. Würden sie ihm den schmerzenden Schädel endlich aufstemmen, man könnte die Ziffern vom Mond aus noch sehen! Er kennt auch die Summe sowie die Quersumme ihrer Nummer, er hat die Zahlen addiert und multipliziert, sie rückwärts gezählt und der Reihe nach sortiert, aufsteigend und absteigend, außerdem hat er mehrere Jingles dazu komponiert, in den vielen Nächten, die er diesen und letzten Monat wach lag, alleine. Aber gewählt, nein, gewählt hat er ihre Nummer tatsächlich nie. Bis jetzt…
TUUT – eine schallende Bud-Spencer-Ohrfeige voll auf’s Ohr!
TUUT – ein grollender Donner lässt die ganze Straße erzittern!!
TUUT – zwei Kontinentalplatten krachen gegeneinander, gigantische Land- und Wassermassen verschieben sich!!!
TUUT – ein Sonnensystem wird von einem schwarzen Loch geschluckt!!!!
Und plötzlich …, (»Hier ist Antje«) … wird irgendwo im Dunkeln ein neuer Stern geboren. »Hallo, wer ist denn da?«
»… Antje…«, presst Frank hervor.
»Nein, ICH bin Antje!«, feixt sie unbeschwert.
»… Antje…«, wiederholt er nur dämlich und räuspert sich zu alledem noch dämlicher.
»Frank? … Oh, hallo du«, ihre Leichtigkeit scheint jetzt ebenso dahin. »Was… was gibt es denn?«
»Hast du etwa meine Nummer gelöscht?«, hört sich Frank sagen. Als habe er sich das nicht denken können. Wie verdumm-dattert er gerade klingen muss. Souverän geht anders, Frank. Und jetzt steckt Stille in der Leitung.
»Bist du grad zu Hause?«, fragte er schließlich weiter.
»Jaa, naja, wieso?«
Statt zu antworten, fingert Frank nervös an seinem Schlüsselbund herum.
»Was tust du?«, fragt Antje, die das Klimpern gehört haben muss.
»Meinst du jetzt im Moment oder so allgemein? Also im Moment spiele ich an meinem Schlüsselbund herum, der am Zündschloss von meinem Auto hängt… Ansonsten eigentlich nicht so viel. Wirklich, wirklich nicht so viel…«
»Wo bist du?«
»Ich park‘ grad bei dir in der Straße. Am Lerchensteg, das stimmt doch, gell?« Und in die neuerliche Stille schiebt er hinterher: »Hüpsch… h-h-hüpsch hast du’s hier…«
Das Echo dieser letzten Unbeholfenheit hallt dumpf in seinem leeren Kopf, seinem leeren Herzen, seinem leeren Auto wider. (Hallo, Echo! – Hallo, Dummkopf!)
Irgendwie entgleitet Frank die Situation zunehmend.
»Wer ist am Telefon?«, fragt da im Hintergrund eine andere Stimme.
Fremde Stimme, fremde männliche Stimme. Bei Antje im Hintergrund… Fremde männliche Stimme bei Antje im Hintergrund?!
»Ich kann dich jetzt nicht reinbitten«, sagte sie wieder etwas gefasster.
Na zum Glück! Frank ist erleichtert. Wer auch immer der fremde Typ ist, der ihr Telefonat gerade stören will, sie schickt ihn wieder weg. Jetzt aber zur Sache…
»Frank…?«
»Hm?«
»Tut mir leid, okay?«
Moment mal! Offenbar war das gerade eben nicht an den Eindringling gerichtet sondern an IHN, Krank, oder… wie heißt er nochmal? Irgendwas, was sich auf ‚krank‘ reimt, jedenfalls… ‚Reservebank‘, ‚als er ertrank‘, ‚Verwesungsgestank‘. Zum Teufel, wieso kann sie ihn nicht einfach in ihr Wohnzimmer bitten und mit ihm eine vernünftige Unterhaltung führen; so vernünftig, wie es eben geht zwischen zwei Erwachsenen, die sich des öfteren nackt gesehen haben. Wer ist dieser Typ, der sich bei Antje rumtreibt. Wohnt er auch in diesem architektonischen Hassverbrechen? Sähe ihm ja ähnlich. Oder wohnt er gar bei IHR? Nein, am Klingelschild stand nur IHR Name. Aber was, wenn er denselben lahmen Nachnamen hat wie sie, schließlich ist Schmidt ein Allerweltsname. Möglicherweise steht er jetzt mit nassen Haaren und Duschhandtuch neben ihr. Oder mit so einer albernen Unterhose mit Eingriff. Was fällt ihm ein, neben Antje in Unterhose zu stehen und sich in ihre Privatangelegenheiten einzumischen.
»FRANK!«, wiederholt Antje.
Jetzt auflegen, einfach auflegen und wenigstens mit einem Krümel Restwürde aus der Sache rauskommen, und diesen Krümel mit nach Hause nehmen wie einen Cent, den man auf der Straße gefunden und eingesteckt hat. Also völlig nutzlos irgendwie. Mit dieser Münze kann man schließlich kein neues Leben starten, man kann sie ja nicht mal richtig nach einer Taube werfen, und für sowas hat man sich nun wie ein Idiot gebückt. Nun leg‘ doch endlich auf, Frank, oder noch besser, WACH auf, etwas muss doch jetzt passieren. Er atmet weiter stumpf in den Hörer, damit sie auch ja weiß, dass er, obzwar für vieles zu dumm, immerhin atmen kann. Ja, beim Atmen, da macht ihm niemand was vor! Naja, wäre da nicht dieser Kloß im Hals. Gar nicht so einfach, an dem vorbeizuatmen, bemerkt er. Lohnt es sich überhaupt noch, das mit dem Atmen? Ach, Antje wird’s schon irgendwie richten…
Oder?
»Is‘ halt grad echt schlecht, Frank«, hört er sie murmeln. »Pass auf dich auf, ja? … Bye-e.«
Und Stille.
Frank sitzt reglos in seinem Auto, das noch immer auf der gegenüberliegenden Straßenseite von Antjes neuem Leben parkt. Er wartet auf den Regenguss, den das Radio ihm schon die ganze Hinfahrt über versprochen hat. Wäre ja auch wirklich nicht zu viel verlangt, in Deutschland, im November, in Niedersachsen. Doch die Wolkendecke, die ihm beharrlich den reinigenden Regen vorenthielt, ist inzwischen endgültig aufgerissen. So muss Frank ganz alleine und ohne himmlischen Beistand weinen.
Schließlich reitet unser Held wie in einem alten Western allein in den Sonnenuntergang. Bloß dass das kein Western ist, und er kein Held, und statt zu reiten, fährt er… »Dreckskarre!« … heim. Allein das Alleinsein stimmt an diesem Bild; das Radio zählt dabei nun wirklich nicht als Gesellschaft, im Gegenteil. Zähneknirschend dreht Frank trotzdem am Sendersuchrad, in Antizipation der Tage und Wochen des Am-Rad-Drehens, die nun wieder vor ihm liegen.
Eurodance – Sendersuchlauf.
Radiojingle – Sendersuchlauf.
Statik – Sendersuchlauf.
Werbung – Sendersuchlauf.
Udo Lindenberg, der nölt: »Hinterm Horizont geht’s weiter…«
Bitte nicht, denkt Frank, wie er da dem Horizont entgegenfährt.
Christian Knieps: Zerfall
Man hatte ihn gewarnt, natürlich hatte man das, auf eine beinahe beiläufige Art, wie man einen Hund vom Abgrund zurückruft, nicht aus Fürsorge, sondern weil man das Geräusch des Aufpralls nicht ertragen will – und trotzdem war Terzfeld an jenem Dienstagmorgen, noch bevor die Sonne ihre erste Schicht aus bleierner Feuchtigkeit über die Dächer des Hafenviertels gelegt hatte, wieder durch die Hintertür der alten Papierfabrik geschlüpft, die inzwischen eher an eine Kathedrale des Schmerzes erinnerte als an irgendeinen Ort, an dem je gearbeitet, geschwitzt oder geschrien wurde, und stand nun mit zitternden Lidern vor einem Körper, der, so wie er dalag, mehr Aussagekraft besaß als sämtliche Protokolle des Dezernats für Kapitaldelikte der letzten drei Jahre zusammen.
Die Leiche war weiblich, ungefähr Mitte dreißig, trug weder Ausweis noch Unterwäsche, aber dafür einen perfekt sitzenden Lippenstift in einem Ton, den man früher als „Blutkirsche“ bezeichnet hätte – ein Detail, das Terzfeld nicht aus stilistischen Gründen notierte, sondern weil er wusste, dass sich Mörder selten um Lippenfarbe kümmern, es sei denn, sie wollten, dass jemand ganz bestimmtes die Leiche fand, oder sie inszenierten den Tod wie ein makabres Stillleben, das etwas erzählen sollte, was mit Worten nie gesagt werden konnte.
Dass die Frau keine Zähne mehr im Mund hatte, war kein Unfall – die Wurzeln waren sauber ausgehebelt worden, als hätte jemand mit chirurgischer Präzision einen Beweis zerstören wollen, während die Fingerkuppen – ebenso sorgfältig – mit feinem Schleifpapier behandelt worden waren; doch was Terzfeld mehr beschäftigte als all das, war der Blick, den die Tote ihm zuwerfen würde, wenn sie noch sehen könnte – diesen nicht mehr existierenden, aber doch spürbaren Blick, der ihm sagte, dass sie wusste, dass er zu spät kam, weil er immer zu spät kam, nicht aus Faulheit oder Mangel an Talent, sondern weil er tief in sich selbst etwas kultivierte, das jeden Fall, jede Suche, jede Aufklärung sabotierte: eine Schwäche für das Dunkle, für das Halbgesagte und für das Schweigen der Toten, das mehr verrät als das Geschwätz der Lebenden.
Die Spurensicherung tat, was sie immer tat – sie verpackte die Welt in Plastiktüten und analysierte sie auf Spuren, deren Bedeutung sich meist nur dann zeigte, wenn sie längst irrelevant geworden waren – und so verließ Terzfeld den Tatort, ohne sich von jemandem zu verabschieden, stieg in seinen Wagen, der nach altem Kaffee, kaltem Schweiß und vergessener Hoffnung roch, und fuhr in jene Gegend, die man in der Stadt nur „die grauen Kilometer“ nannte, weil es dort keine Häuser mehr gab, sondern nur noch Betonflächen, auf denen früher einmal Fabriken standen, und zwischen diesen Flächen bewegten sich Menschen, die aussahen, als wären sie von einem Roman übrig geblieben, den niemand zu Ende gelesen hatte.
Dort, in einem Container mit drei Schlössern, fand er „Fräulein Nola“, die keine Fräulein war, sondern eine Informantin, die ihm seit Jahren Hinweise gab, die so vage und gefährlich zugleich waren, dass jeder andere sie längst für nutzlos erklärt hätte, doch Terzfeld wusste, dass Information nicht aus Klarheit bestand, sondern aus Mutmaßung, Andeutung und vor allem: aus dem Klang, den Worte erzeugen, wenn sie in einem Raum voller Schuld ausgesprochen werden.
„Sie wollte raus“, sagte Nola, ohne dass Terzfeld eine Frage gestellt hatte, und es war diese Art von Antwort, die ihn glauben ließ, dass alles, was man brauchte, um einen Mord aufzuklären, bereits in den ersten fünf Minuten gesagt wurde, nur dass niemand wusste, welcher Satz der entscheidende war – man musste ihn aufspüren wie ein verlorenes Organ im Bauch eines Unbekannten, den man niemals sezieren durfte.
Sie erzählte ihm von einem Mann, den sie nur „den Vater“ nannte – ein Schleuser, ein Mörder, ein Menschenhändler, niemand wusste genau, wer er war, aber alle wussten, dass man nicht über ihn sprach, und wenn doch, dann nur in Halbsätzen und mit Blick auf den Boden – und Terzfeld verstand sofort, dass die Tote in der Papierfabrik keine anonyme Prostituierte war, sondern eine Frau, die zu viel gewusst hatte, vielleicht auch geglaubt hatte, dass Wissen Schutz bedeuten würde, obwohl es in dieser Stadt nur eine Wahrheit gab: Je mehr du weißt, desto eher stirbst du.
Die nächsten Tage waren ein Vexierspiel aus Akten, Gesprächen und Lügen, denen man ansah, dass sie gelogen waren, aber die trotzdem notiert werden mussten, und Bildern, die in seinem Kopf aufstiegen wie Gas aus einem alten Sumpf – Gesichter, Stimmen, Gerüche – und immer wieder tauchte dabei dieser Name auf, „Vater“, nicht als Titel, sondern als Drohung, als Fluch, als Konstrukt, das alle fürchteten und keiner je gesehen hatte, bis Terzfeld irgendwann begriff, dass der Mann, den er suchte, nicht gefunden werden wollte, sondern nur gespürt – als Schatten, als Druck und als Präsenz hinter den falschen Zeugen, den korrupten Kollegen und den stummen Beweisen.
Es war eine dieser Nächte, in denen man nicht mehr weiß, ob der Regen von außen gegen die Fensterscheibe schlug oder von innen gegen die Stirn hämmerte, als Terzfeld in einem Keller am Stadtrand stand, die Pistole gezückt, die Taschenlampe in der anderen Hand, der Magen seit Stunden leer, aber das Herz voll mit einem dumpfen Wissen, das sich nicht in Worte fassen ließ – und dann sah er ihn: einen Mann mittleren Alters, glatt rasiert, mit der Stimme eines Seelsorgers und der Kälte eines Chirurgen, der sofort wusste, wer Terzfeld war, und der nicht flüchtete, nicht schrie, sondern nur sagte: „Wenn Sie mich verhaften, machen Sie die Welt nicht besser – Sie machen nur das Dunkel sichtbar.“
Terzfeld schoss nicht. Er verhaftete ihn auch nicht. Er stand nur da, während hinter ihm jemand die Tür zuzog – und wusste, dass es vorbei war, bevor es wirklich begonnen hatte.
Denn das ist das Wesen der Ermittler in einer Welt, in der das Verbrechen nicht mehr im Moment des Mordens beginnt, sondern im Schweigen davor – sie sehen, sie wissen und sie sammeln, aber sie retten niemanden; sie sind Archivare der Verdammnis.
Anna Housa: Das Erste Mal
Ich glaube dieses mal ist es so weit. Es war ja eigentlich nur eine Frage der Zeit bis es passieren würde. Das hört man doch immer:
„Spaziergängerin findet Leiche beim Gassigehen.“
„Hundebesitzerin macht grausigen Fund.“
„Leiche beim Joggen entdeckt.“
Naja und weil ich jeden Tag mit meinen Hund in ein eher einsames Waldstück gehe, dachte ich irgendwann könnte so eine Schlagzeile auch mich zutreffen. Ob nun als Gassigeherin oder… grausiger Fund.
Der Geruch ist ziemlich eindeutig, so wie die Ratte damals, die bei uns im tot Keller lag. (Natürlich habe ich ein Bild an Mark Benecke geschickt, damit er es an seine Insta Community teilen kann. Total interessant was da alles gekrabbelt ist!)
Jetzt wäre es mir vielleicht schon ein bisschen mulmig, wenn ich nicht Rosali dabei hätte, meine 6 Jahre alte Maltipoo Dame. Der Gestank ist schon überwältigend, wenn man bisher nur Nagetier-Ausmaßen kannte.
(räuspert sich)
„Hallo, hier ist Leni Knopp, ich bin hier im Waldstück zwischen Schnärpen und Waldfenster und ich habe hier vor 4 Minuten eine vermutlich weibliche Leiche gefunden. Die Totenstarre scheint bereits eingesetzt zu haben, ich sehe kein Blut und…“ Ok vielleicht sollte ich weniger sagen. Sonst heißt es nur sie habe sich „nicht normal“ verhalten, wie bei Amanda Knox – großartige Doku auf Netflix – und dann lande ich im Gefängnis. Ne, ich mach das so ein bisschen besorgt, erschüttert, aber schon hilfreich. „Hallo, hier spricht Leni Knopp, ich befinde mich im Wald zwischen Schnärpen und Waldfenster und fürchte, ich habe gerade eine Leiche gefunden. Oh Gott, ich glaube ich muss mich hinsetzen“ – ok ein bisschen dick aufgetragen. Zum Glück werden die Notrufe in Deutschland nicht veröffentlicht, wie in den USA. Wobei das schon ein bisschen cool wäre, wenn ich dann in so einem Podcast vorkommen würde. Bei meinem absoluten Lieblingspodcast „Dead Girls Don’t Lie“ („Keep calm and don’t get killed, Mädels!“) gab es letztens eine Folge über den Fall der Menendez Brüder, und die haben den original Notruf gespielt, den die beiden abgesetzt hatten nachdem sie ihre eigenen Eltern getötet hatten. Krass!
Rosali zieht in Richtung des Müllbeutels und schnuppert aufgeregt. „Pfui! Aus!“ Man könnte meinen, dass so ein Mix aus Malteser und Pudel sich nicht in verwesenden Menschenfleisch wälzen möchte, aber nein, falsch gedacht. Naja zumindest vermute ich, dass es ein Mensch ist. Es könnte ja auch ein menschengroßes Tier sein. Boah, in irgendeinem Buch hatte ich das mal gelesen, da hat der Mörder über einer Leiche nochmal eine Tierleiche vergraben und natürlich haben die Leichenspürhunde angeschlagen und die Polizei dachte sich ‚oh ein totes Reh, dann graben wir nicht weiter.‘ War das von Simon Beckett oder Karin Slaughter? Naja beide haben richtig tolle Forensik Krimis geschrieben.
Bevor ich mich vor der Polizei blamiere sollte ich vielleicht doch vorher reinschauen. Ganz vorsichtig ich will ja keine Beweise zerstören, wie so ein Noob. Wenn ich da jetzt Anrufe heißt es am ende ‚Frau Knopp, hier hat nur jemand nur seinen Müll entsorgt. Warum rufen sie gleich die Polizei? Meinen Sie wir haben nichts besseres zu tun als hier Samstag morgens im Wald aufzukreuzen, Frau Knopp?‘ Irgend was in der Richtung werden die sicher sagen und sie haben ja auch Recht.
Durchatmen.
Ich binde Rosali an den nächsten Baum und nehme mir einen Stock der Lang genug ist, damit ich nicht so nah an den Tatort muss. Um keine Beweise zu vernichten, obviously.
Ein bisschen übel ist mir aber schon.
Ich hebe mit dem Stock ich die Öffnung des Müllsacks an.
Eine bläuliche Hand.
Die Fingernägel sind eigentlich gepflegt. Sie trägt einen milchig-rosanen Nagellack und schwarze Erde an ihren Nägeln. An ihrem Ringfinger befindet sich ein Abdruck an dem vor kurzem noch ein Ehering war.
Die Haut sieht irgendwie komisch aus. Wie Knete. Sie sieht aus als würde sie nicht wieder zurückspringen wenn man sie drückt.
Meine Hand greift mein Handy und wählt die 110.
„Lena Knopp, ähm, ich bin hier im Wald und da ist eine Leiche.
Äh Schnärpen nach Waldfenster.
Der Weg nach dem Trimmdichpfad.
Ja, ziemlich sicher, das ist eindeutig.
ok.
ok, ich warte.“
FD: Jetzt
Sie fand sich in einer Art Bibliothek wieder, nur dass in den Regalen keine Bücher standen, sondern
Glaskugeln lagen, ordentlich nach Datum und Uhrzeit sortiert, in denen – ähnlich wie in einer Schneekugel – Farben und Bilder wirbelten. Bei genauerem Hinsehen fielen ihr die Beschriftungen auf: Schaukel, Nordseeurlaub, 24.07.1993; Geburtstagskuchen, 01.10.1995; verschüttetes Wasserglas, Grundschule, 16.04.1997. Je weiter sie an den Regalen vorbeiging, desto weiter schritten die Daten voran. Sie ging an „Chemieunterricht, 8. Klasse, 09.05.2003“ vorbei, überging Schulwechsel, Abitur und Studienbeginn, arbeitete sich durch Auslandsaufenthalte, dramatische Trennungen, das erste Mal MDMA. In manchen Kugeln waren klarere Bilder enthalten, andere sehr verschwommen, wieder andere schienen sich im Moment des Daraufschauens zu verändern. Oder waren sie in einem ständigen Prozess der Veränderung?
In der Ferne konnte sie sehen, wie sich das Regal auflöste, klare Ordnung ging in eine Wolke über. Als sie ihr näher kam, wurde ihr klar, dass auch die Wolke aus tausenden kleineren und größeren Glaskugeln bestanden, alle gefüllt mit einer Art farbigem Rauch. Manchmal schien sich hier und da ein Bild zu manifestieren, bevor es sich plötzlich wieder auflöste. Alle paar Sekunden verfestigte sich in einer Kugel ein Bild und sie reihte sich in das letzte Regalfach ein. Sie las die Beschriftung der letzten Kugel, die gerade in das Regal gerollt war: Traum, Gedächtnisregal, letzte Kugel 20.05.2025, 15.34 Uhr. Dem folgte die nächste Kugel, darin zu sehen das Schildchen, das sie eben gelesen hatte: Traum, Gedächtnisregal, letzte Kugel, 20.05.2025, 15.34 Uhr. Darunter die Beschriftung: Traum, Regal, Beschriftung der letzten Kugel, 20.05.2025, 15.34 Uhr.
Neben ihr war in den letzten Augenblicken eine Figur erschienen, die sie nun mit strengen Augen ansah. „Vergangenheit und Zukunft. Deine Aufgabe ist es, den gegenwärtigen Augenblick einzufangen“, sagte die Figur und reichte ihr einen Köcher, mit dem man vielleicht Insekten oder Schmetterlinge fangen könnte. Sobald sie den Köcher in der Hand hatte, war die Figur wieder in die Ferne gerückt. Aber die Aufgabe schien ihr außerordentlich dringlich und mit der Nichterfüllung eine gehörige Strafe einherzugehen. So machte sie sich sofort daran, mit dem Köcher aus der Glaskugel-Wolke Glaskugeln zu fangen. Hatte sie jedoch erfolgreich eine Kugel mit dem Köcher erwischt, schien sich diese sofort in Luft aufzulösen, um dann augenblicklich mit Schildchen und Beschriftung versehen im Regal wieder aufzutauchen. Egal wie schnell sie versuchte, eine Kugel einzufangen und festzuhalten, sofort war sie wieder verschwunden.
„Glaskugel-Traum, Versuch Nr. 12, 20.05.2025, 15.35 Uhr“, las sie auf dem letzten Schildchen und schlug umso energischer mit dem Köcher auf die Kugeln ein.
„Das ist doch ganz unmöglich!“, schrie sie zu der Figur im Hintergrund.
Da wachte sie auf, etwas verschwitzt, aus dem Mittagsschlaf auf dem Sofa. Wo war sie? Welcher Tag war es? Ihre Uhr zeigte 15.36 Uhr.