Ferenc Liebig: Die Sprossen einer Leiter

Existieren, das ist mutig in der heutigen Zeit, existieren, ohne die Augen zu verschließen, das könne nicht jeder, die meisten schaffen das nicht, die, die es nicht schaffen, versuchen sich abzulenken, in der Ablenkung geschieht das Nichtexistieren. Ein befreundeter Dichter sagte, ich hätte gerne einen Körper aus Buchstaben. Ich fragte ihn, ob er bestimmte Buchstaben bevorzuge. Natürlich, A,T, C und G. It’s in my DNA. Er überschlug sich vor Lachen. Das wäre so gut. Das müsse er aufschreiben. TAG C. CAT G. Er fabrizierte neue Wörter. Ich sagte, er sehe so glücklich aus. Ich fragte, ob ich ihm einen Spiegel bringen soll. Das brauche ich nicht, rief er, als würde er auf einer Bühne stehen. GAG. TAT. Neue Metaphern braucht das Land. AGATA. GATACA. Er würde einen Vulkan finden. Der Vulkan würde ausbrechen. Der Vulkan wäre ein Körper, dem man verzeiht, weil er so todtraurig ausschaut. Der Vulkan wäre ein Wald, nur ohne Bäume, damit ohne Blätter, ohne Harz, ohne das Geraschel von Tieren, ohne Moos, in das man einsinkt, nur ein Wald, der existiert, weil man ihn Wald nennt. Das Wort wäre wichtiger als die Bedeutung, ruft er ins Publikum. Was macht einen Wald zum Wald. Vier Buchstaben, klagt er und während er klagt, wirft er sich auf den Boden. Es existiert über vier Buchstaben. Vier Buchstaben lassen den Wald existieren. Nicht der Specht, nicht das Wildschwein, nicht die Eiche, nicht der Pfifferling, nicht das tote Geäst, nicht der Unrat, den die Dümmsten in den Wald karren, als wäre der Wald eine Sammelstelle für Sperrmüll, nicht das Laub, nicht der Zapfen, nicht der erdige Geruch. Ich schrieb in einem Gedicht, ich würde Kreise ziehen, zum Meridian werden. Ich strich die Zeile. Nun existiert sie hier, weil sie existieren will. Sie braucht nur zu existieren. Sie muss sich nicht überdenken. Einfach nur sein. Sie kann sich darüber glücklich schätzen. Wie auch der Wald existiert, wenn das Wort aufgeschrieben wird. Wald. Da bist du nun. Vier Buchstaben und du wirst zu einer Assoziation, zu einer Verkettung, zu einem Baumhaus, zu Nieselregen, zu Borkenkäfern, Dornen, Zecken, krustiger Rinde, Wurzelgeflecht, Stein, Bärlauch, Windröschen, blauschimmernden Blüten, Himbeeren, Knacken, Lichtung, Bärenfalle. Der befreundete Dichter unterbricht meine Gedanken mit einer Axt. Wir bräuchten Holz für ein Feuer, denn im Wald würde es kalt werden und das Feuer hält das Ungeziefer ab. ATTACCE. Das müsste er aufschreiben, er wäre das Ungeziefer, das in eine Flamme geworfen wird, dessen Chitinpanzer in den Flammen knistert. Ein festgesaugtes Insekt, das sich nicht abschütteln lässt, das unter die Haut wandert. AGAGAGAGAGA. Rot ist im Gefieder. Blutroter Ahorn. TAGACAT. Wir könnten uns abkürzen. Er hieße ab jetzt A. und ich C. oder er G. und ich A. Im Wald abkürzen. Verirren. Wie Teig geknetet werden. Bis der Waldgeist den Teig in den Ofen schiebt und Brot aus uns macht. Das ist mutig. Zu Brot zu werden. Zu metamorphosieren. Um als Brot in Öl getunkt zu werden. GAT. Man müsse hören und sehen, immer beides hören und beides sehen. Das wäre die Lösung auf eine Antwort. Im Wald hören und sehen. Den Wald hören und sehen. Den Wald von seiner Nichtexistenz ausklammern. Mein Dichterfreund holt ein Jagdgewehr. Zum Feuer gehöre Braten. Wohlduftender Braten. Krosse Haut, die zwischen den Zähnen knistert. Weiches Fleisch, das vom Knochen abfällt. Er richtet die Flinte auf mich. Du gefällst mir, sagt er. Er sagt, es ist mutig zu existieren. In einer Zeit wie dieser.

Christian Knieps: Der weiße Hirsch

In einer Nacht ohne Mond, in der der Himmel wie ein verschlossenes Auge über den Hügeln lag und selbst die Sterne sich zurückgezogen zu haben schienen, stand der Junge am Rand des Waldes, noch zu jung, um seine Furcht zu benennen, aber bereits alt genug, um zu spüren, dass das Schweigen um ihn herum nicht leer war, sondern wartend, gespannt und mit einer Bedeutung aufgeladen, die sich ihm erst später vollständig erschließen würde.
Der Wald, der ihm tagsüber vertraut gewesen war wie ein grob gewebter Mantel aus Moos, Rinde und Vogelrufen, hatte sich verwandelt in einen atmenden Körper, dessen Herzschlag er nicht hörte, sondern in den Knien fühlte, während die Dunkelheit zwischen den Stämmen dichter wurde und die Welt hinter ihm, das Haus, das Feuer, die Stimmen, in eine andere Zeit zurückfiel, als hätte sie für diesen Augenblick aufgehört, Anspruch auf ihn zu erheben.
Dann trat der weiße Hirsch aus dem Dickicht, nicht hastig oder vorsichtig, sondern mit einer Ruhe, die der Bewegung jedes einzelnen Muskels eine Würde verlieh, als sei dieser Schritt nicht zufällig, sondern Teil eines lange vorbereiteten Zeichens, und sein Fell schimmerte nicht, weil Licht es traf, sondern weil es selbst Licht trug, ein stilles, inneres Leuchten, das den Wald nicht erhellte, sondern ihn verständlich machte.
Der Junge wusste in diesem Moment, ohne Worte, ohne Lehre und Vergleich, dass dies kein Tier war, wie er andere Tiere gekannt hatte, keine Beute, kein Geist der Jagd, sondern etwas Älteres, etwas, das nicht erschien, um gesehen zu werden, sondern um zu sehen, und dessen Blick ihn nicht musterte, sondern abwog, als prüfe er nicht den Körper des Jungen, sondern die Richtung seines noch ungelebten Lebens.
In den Geschichten der Alten, die der Junge nur halb gehört und nie ganz geglaubt hatte, war vom weißen Hirsch gesprochen worden als vom Boten der Anderswelt, als vom Grenzgänger zwischen Zeiten, als vom Tier, das Könige prüfte und Kinder auswählte, und nun verstand er, dass diese Geschichten nicht dazu gedacht gewesen waren, geglaubt zu werden, sondern dazu, eines Tages erkannt zu werden, wenn die Stunde dafür gekommen war.
Der Hirsch senkte den Kopf nicht zum Gruß und hob ihn nicht zur Warnung, sondern verharrte, und in dieser Bewegungslosigkeit lag eine Einladung, die keine Wahl ließ, weil sie nicht forderte, sondern offenbarte, dass der Weg, den der Junge bisher gegangen war, nur der Vorhof gewesen war zu einem Pfad, der erst jetzt sichtbar wurde, schmal, unbeleuchtet, aber unumkehrbar.
Als der Hirsch sich schließlich wandte und zwischen die Bäume schritt, folgte der Junge ihm nicht sofort mit den Füßen, sondern mit einem inneren Nachvollzug, mit einem plötzlichen Verstehen, dass Zukunft nicht etwas war, das auf ihn wartete, sondern etwas, das ihm entgegenkam, in Gestalt dieses Tieres, das älter war als Namen und jünger als jede Entscheidung, die er noch treffen würde.
Der Wald öffnete sich nicht, er veränderte lediglich seine Ordnung, und wo zuvor Chaos gewesen war, entstand eine Linie, ein unsichtbarer Faden, dem der Hirsch folgte und den der Junge, ohne ihn sehen zu können, spürte wie eine Spannung in der Brust, als hätte jemand eine Saite in ihm angeschlagen, deren Ton erst Jahre später hörbar werden würde.
In dieser mondlosen Nacht, in der kein Licht die Richtung vorgab und kein Schatten als Warnung diente, lernte der Junge, dass Führung nicht immer präsent ist, dass Macht nicht beginnt mit dem Beherrschen anderer, sondern mit dem Erkennen eines Rufes, der so leise ist, dass man ihn nur hört, wenn man bereit ist, alles andere zum Schweigen zu bringen.
Der Hirsch blieb an einer Lichtung stehen, die im Dunkel kaum als solche zu erkennen war, und dort, wo sich Himmel und Erde berührten, ohne sichtbar zu sein, drehte er den Kopf noch einmal zurück, nicht um den Jungen zu prüfen, sondern um ihm zu bestätigen, dass er gesehen worden war und dass dieses Gesehenwerden eine Verpflichtung war, keine Auszeichnung.
Was der Hirsch dem Jungen zeigte, war kein Bild der Zukunft, kein Reich, kein Thron, kein Schlachtfeld, sondern eine Richtung, eine Ausrichtung des Inneren, die bedeutete, Verantwortung zu tragen für das, was zwischen den Welten liegt, für das Unsichtbare ebenso wie für das Offensichtliche, für die Übergänge, an denen andere zögern oder scheitern würden.
Der Junge verstand, dass Macht nicht als Besitz zu ihm kommen würde, sondern als Last, als Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, die ihn von den Seinen entfernen und zugleich tiefer mit ihnen verbinden würden, und dass der weiße Hirsch nicht zurückkehren würde, um ihn daran zu erinnern, weil Erinnerung selbst Teil dieser Macht war.
Als der Hirsch schließlich im Wald verschwand, nicht plötzlich, sondern so, als löse er sich Schicht um Schicht aus der Welt, blieb keine Leere zurück, sondern eine Verdichtung, ein Gefühl von Bedeutung, das den Jungen nicht erdrückte, sondern aufrichtete, als hätte sich seine Wirbelsäule an eine unsichtbare Ordnung angepasst.
Er kehrte in dieser Nacht nicht verändert zurück, zumindest nicht in einer Weise, die andere hätten benennen können, doch etwas in seinem Blick hatte sich verschoben, ein Wissen war eingezogen, das nicht nach außen drängte, sondern wartete, geduldig, lauernd, wie der Wald selbst, der nichts vergisst und alles wiedererkennt.
Viele Jahre später, wenn Entscheidungen an ihm hingen wie schwere Früchte, wenn Menschen in ihm mehr sahen, als er sich selbst zugestand, und wenn er an Weggabelungen stand, an denen kein Rat half, würde er an diese mondlose Nacht denken und an den weißen Hirsch, nicht als Erinnerung, sondern als fortdauernde Bewegung, als Weg, der ihm einst gezeigt worden war und den er, Schritt für Schritt, weiterging, ohne ihn je ganz zu verstehen, aber immer in dem Wissen, dass er ihn nicht selbst gewählt hatte, sondern von ihm gewählt worden war.

Carsten Stephan: Gespräch im Herbstwald

„Sieh, mein Liebster, all die Bäume,
Die im Sonnenlicht erstrahlen.
Einzig um der Schönheit willen
Taten sie sich bunt bemalen.
      Ach, die Welt ist voller Zauber!“

„Meine Kleine, hier weicht Stickstoff
Nur zurück in Stamm und Äste.
Und es bleiben Farbpigmente,
Dass sich keine Laus dran mäste.
      Darin liegt ja gar kein Zauber.“

„Aber sieh doch, all die Blätter,
Die im Winde niederschweben.
Einzig um der Schönheit willen
Haben sie sich hingegeben.
      Doch, die Welt ist voller Zauber!“

„Blätter fallen nur im Herbste,
Weil der Boden bald gefroren.
Sie verdunsten sehr viel Wasser,
Und der Baum müsste verdorren.
      Darin liegt ja auch kein Zauber.“

„Aber hör doch, all die Vögel,
Die ein letztes Mal noch singen.
Einzig um der Schönheit willen
Lassen sie ihr Lied erklingen.
      Doch, die Welt ist voller Zauber!“

„Dieser Vogelsang ist nur ein
Territorialverhalten.
Männchen scheuchen ihresgleichen,
Um so ihr Revier zu halten.
      Darin liegt erst recht kein Zauber.

Aber hör ich deine Stimme
Lispelnd jene Sätze sagen.
Und dann seh ich deine Schnute,
Der mein Wort will nicht behagen.
      Darin liegt ein großer Zauber!“

Christian Knieps: Fluxus – der fließende Widerspruch

  1. Die wichtigsten Komponenten von Fluxus

Fluxus war weniger eine Stilrichtung als ein radikales Konzept von Kunst, das in den frühen 1960er-Jahren die Trennung zwischen Kunst und Leben auflösen wollte: Alles konnte Kunst sein, jeder konnte Künstler sein – und entscheidend war nicht das Werk, sondern die Handlung, das Momenthafte, gar das Flüchtige. Statt Gemälden oder Skulpturen schuf man Aktionen, kurze Performances, sogenannte „Events“, oft mit banalen Objekten, oft mit ironischer Geste – antikommerziell, antielitär und zudem antiautoritär. Interdisziplinär und intermedial verband Fluxus Musik, Theater, Sprache, Objektkunst und Alltagshandlungen, wobei nicht das Ergebnis, sondern der Prozess – das Tun selbst – zum zentralen Ausdruck wurde. Bedeutend war nicht das Artefakt, sondern das Ereignis.

  1. Kunst in einer Zeit der Institutionen wie Museen, Theater, Film und Schulen

So sehr sich Fluxus gegen den etablierten Kunstbetrieb richtete, so sehr war es doch auf ihn angewiesen – zumindest als Resonanzraum. Denn die 1960er-Jahre waren geprägt von wachsender Institutionalisierung des Kulturellen: Theaterhäuser, Museen, Filmarchive und Kunsthochschulen entwickelten sich zu Hütern des Kanons, zum Speicher gesellschaftlicher Selbstbeschreibung. Fluxus versuchte, diese Räume zu unterwandern – durch absurde Aktionen in Konzerthallen, durch ironisierte Vorlesungen an Universitäten, durch das bewusste Spiel mit bürgerlichen Erwartungshaltungen. Dennoch: Auch der Protest braucht eine Bühne, um überhaupt gehört zu werden – und selbst Subversion braucht gelegentlich einen Türöffner in Form von Aufführung, Buch oder Film. Fluxus wirkte im Kontrast zur Institution – aber eben nicht außerhalb von ihr.

  1. Konnte Fluxus nur deswegen existieren, weil es sich der Dokumentation sicher war?

Der größte Widerspruch von Fluxus liegt in der Tatsache, dass es zwar das Flüchtige, das Unwiederholbare, das Momenthafte zum eigentlichen Gehalt erklärte – und sich dennoch von Beginn an selbst dokumentierte: in Partituren, Fotografien, Filmen, Kassetten, Boxen und Flyern. George Maciunas, der organisatorische Kopf der Bewegung, war nicht nur Anti-Institutionalist, sondern auch ein genialer Archivar. Man könnte sagen: Fluxus wusste um seine eigene Vergänglichkeit – und sicherte sie gleichzeitig ab, um überhaupt Wirkung entfalten zu können. Vielleicht konnte Fluxus nur so radikal ephemer sein, weil es die Möglichkeit der Erinnerung einkalkulierte. Denn was vergeht, ohne dokumentiert zu werden, vergeht auch ohne Spuren – und nichts widerspricht dem Kunstsystem mehr, als spurlos zu sein.

Bastian Kienitz: TAUROMAQUIA DE NAVAS DEL MADRANO

(dt. Stierkampf von Navas del Madrano)

der rote Mond auf deinen leisen Lippen
ist eine Sonne bruchscharf schräg am Fell
du hast mich ausgeweidet, leergetrunken
im ersten Akt der Szene wunder Punkt

Beton gerührt und Kreide ausgegossen
mit Öl gemischt und schwarzem Brückenteer
der auseinanderbrach als wir Staub schluckten
im roten Regen alter Winterschwäche

jetzt taut man auf und schwitzt schweißbadend Lunge
im Happening Electric De‘-coll/age
der Adler fliegt die Sense | Katastrophe

Raum contra Müll und Schnee, der leider fehlt
um eine Abfahrt in das Licht zu wagen:
mors certa, Tod an einem Nachmittag…

Andreas Prucker: Luxus oder Fluxus

Bodega = bin oft dumm ein großer Arsch.
Ich muss ja nur noch mich ernähren.
Oh Mensch und Gewalt, im Index deiner Gefühle.
Trägst nun High Heels für Statuserweiterungen
und bist befreiter vom evolutionären Programm.
Nur dein Schubladendenken raubt dir dieses freie sein,
da wir uns ja alle selbst darin sprachlich bewusst hinein zwängen,
wie man als Mensch mit Luxusproblemen zu sein hat.
Sozial diffamierend und in Spenden Gewalt kaschierend.
Was man an humaner Selbsternährung halt so braucht.
Ich habe jetzt ein Punkt für ein genaues auftreten erreicht
und politisch geistig glaube ich falsch gewählt,
königliches fatalistisches rettet mich.
Doch leider.
Bin oft dumm ein großer Arsch.