Christian Knieps: Der Letzte, der entkam

Es begann nicht mit einem Trick, auch nicht mit einer Kiste, und vor allem nicht mit einem Schloss, das nachgab – es begann mit einem Zittern, das keiner sah, mit einem Blick in den Spiegel, der nicht zurückschaute, und mit dem dumpfen Gefühl, dass das, was alle Welt bewunderte, vielleicht nur die Hülle war für etwas, das sich langsam zersetzte, Tag für Tag, in der Stille nach dem Applaus.
Er war der Mann, der sich aus allem befreite – und keiner fragte, was ihn dazu brachte, sich überhaupt fesseln zu lassen. Harry Houdini, geboren als Erik Weisz, wanderte nicht nur aus der Alten Welt in die Neue, sondern auch aus der Welt des Sichtbaren in eine Welt, die nur er kannte, eine Welt aus Luftmangel, Adrenalin, aus dem ständigen Drang, sich zu übertreffen, sich selbst zu schlagen, nicht aus Ehrgeiz, sondern aus Angst – Angst davor, dass niemand merkt, wie sehr er selbst daran zweifelte, ob das, was er sah, was er fühlte, was er vorführte, je wahr gewesen war.
Denn jedes Mal, wenn er in Ketten lag, jede Sekunde, in der das Wasser über ihm zusammenschlug, war nicht nur ein Kampf gegen den Tod, sondern gegen das Verstummen in ihm – gegen diese eine Stimme, die nie schrie, sondern immer nur flüsterte, mit sanfter Grausamkeit: Du bist nicht genug! Du warst nicht genug! Du wirst nie genug sein!
Und so ließ er sich einsperren, wieder und wieder, nicht weil er glaubte, dass es ein Entkommen gab, sondern weil das Entkommen ihm für einen Moment ein Echo schenkte – das Echo der Menge, das Rauschen des Applauses, dieses süße, kurzlebige Beben, das seinen Körper durchfuhr wie eine Droge, die keine Euphorie schenkte, sondern Erleichterung – für Sekunden, nicht mehr, denn schon im nächsten Atemzug wusste er, dass es nicht reichte.
Er war süchtig, ja, aber nicht nach Ruhm – süchtig nach dem Augenblick vor dem Verschwinden, nach dem Moment, in dem das Schloss klickte und die Welt stillstand, süchtig nach der Grenze zwischen Sein und Nichtsein, wo das Bewusstsein dünner wurde als Papier, wo alles in ihm zitterte, vibrierte, schwankte – wo er, für den Bruchteil einer Ewigkeit, nicht Künstler war, nicht der Sohn eines Sohnes eines Sohnes, kein Betrüger im eigentlichen Sinne, nicht Prophet, sondern einfach nur: da.
Doch sobald das Licht zurückkam oder der Sauerstoff und der Jubel dem Staunen der Menschen wichen, fiel es wieder auf ihn zurück, das Gewicht der Selbstinszenierung, die Einsamkeit desjenigen, der keine Rolle mehr spielen kann, weil er längst zur Rolle geworden ist – und so wurde jedes neue Kunststück ein Fluch, jede neue Sensation ein Beweis, dass der letzte Applaus schon wieder verklungen war.
Er sprach von Wahrheit, jagte wagemutig Scharlatane, zerriss die Schleier des Spiritismus, als könnte er sich selbst beweisen, dass es jenseits des Sichtbaren nichts gab – nichts außer dem, was man sich erarbeitet hatte, gespiegelter Zentimeter für Zentimeter, eingesogener Atemzug für Atemzug – und vielleicht tat er es, weil er selbst längst nicht mehr wusste, ob er real war, ob es ihn außerhalb der Bühne gab, außerhalb des Fluchs, sich jeden Tag wieder aus sich selbst befreien zu müssen.
Denn da war etwas in ihm, das nicht verschwand – eine Ahnung, dass all die Zuschauer nicht wegen der Flucht kamen, sondern wegen des Leids, das er nie zeigte, aber das durch seine Adern brannte wie der kalte Griff der Handschellen – sie wollten sehen, wie weit ein Mensch sich treiben lassen kann, wie tief er tauchen muss, bevor nichts mehr zurückkehrt.
Und so ging er immer weiter, baute Kammern, die fast tödlich waren, ließ sich kopfüber aus Fenstern hängen, kletterte in versiegelte Särge, als wolle er die Grenze herausfordern, den Tod verhöhnen, nur um heimlich zu hoffen, er möge endlich kommen, still, ohne Applaus, ohne Erklärung – ein letzter Trick, ohne Rückweg.
Als der Schlag dann aber in seiner finalen Form kam, war er müde. Vielleicht hätte er ihn abwehren können, vielleicht war es Zufall, vielleicht auch nicht – in Wahrheit hatte er den Kampf schon lange begonnen, lange vor dem ersten Trick, lange vor der ersten Bühne, dort, wo der Junge mit den leeren Taschen stand und spürte, dass er nur dann gesehen wurde, wenn er verschwand.
Er starb nicht, weil er scheiterte – er starb, weil er zu lange glaubte, dass es genügte, sich zu befreien, solange das Publikum zusah. Doch niemand befreit sich aus sich selbst – diese Form der Kunst ist den Illusionisten nicht gegeben.

Doch das ist vielleicht das Dunkelste an seiner Geschichte: dass ein Mann, der dem Tod unzählige Male die Tür vor der Nase zuschlug, am Ende daran zerbrach, dass niemand sah, wie sehr er jeden Tag ertrank – nicht im Wasser, sondern in sich.
Er war der Letzte, der entkam – und der Erste, der wusste, dass Flucht keine Rettung ist, sondern nur eine andere Form von einer Kette, die irgendwann spannen würde, sodass er zwangsläufig stolpern musste.

Bastian Kienitz: Der alte Mann und das Meer

Er fuhr hinaus, seit Wochen ohne Glück
und wie ein altes Lied bewegte sich das Meer
mal stumm, dann wieder stürmisch und zurück
auf Festland bleibt sein Boot bescheiden, leer.
Von nichts lebt es sich wahrlich nicht zu Mund
und dieses Unglück kommt auch nicht von ungefähr
so sagt man sich und gibt so allem einen Grund.
bis er den größten Fisch an seiner Angel hat
und dieser Fisch ist Wurzelwerk, die See und
bis zu seinem Ende – er und eines Endes statt…

Alexander Rachmann: Seines Unglückes Schmied

Das Wiedersehen, das aufwühlt.

Der erste Kuss, der enttäuscht.

Der Heiratsantrag nach einem Streit.

Die Versöhnung ohne Veränderung.

Das Ankommen, ins unaufgeräumte Wohnzimmer.

Der große Traum, den man hat.

Die stille Natur, in der niemand ist.

Die Karriere, die Freunde kostete.

Der Ausbruch aus allen Zwängen, der im anderen Zwang endet.

Andreas Dietz: Glück und Unglück im April

Der Goethe reimte einst im März
beim Weine abends diesen Scherz:

„Den ersten April musst überstehn,
Dann kann dir manches Guts geschehn.“

Das mag so sein, doch gilt es nicht,
falls Unglück tritt ans Tageslicht.

Und auch bei Gutem hüte dich!
Das Schicksal wütet fürchterlich.

Auf jedes Gute folgt das Bös‘
und umgekehrt. So generös

das Schicksal einen Ausgleich will.
Das gilt besonders im April.

Christian Knieps: Die Grumbeere


Wenn man in der Eifel aufwächst oder auch nur lange genug dort verweilt, um nicht mehr nur Besucher, sondern Teil einer kratzigen, widerständigen Sprachlandschaft zu werden, dann bemerkt man irgendwann, oft erst beiläufig und dann mit wachsender Zuneigung, dass die Kartoffel dort nicht einfach Kartoffel heißt, sondern Grumbeere, ein Wort, das wie ein Fundstück aus einer älteren Erdschicht der Sprache wirkt, rau, rund, ein wenig verschroben, und doch so selbstverständlich im Mund derer liegt, die es benutzen, als habe es nie etwas anderes gegeben, als sei es immer schon genau dieses Wort gewesen, das zwischen Acker und Küche, zwischen Keller und Kochtopf, zwischen Kindheit und Erinnerung hin und her wanderte und dabei eine leise, aber beharrliche Identität formte, die sich nicht aus großen Erzählungen speist, sondern aus der täglichen Wiederholung kleiner, scheinbar unbedeutender Benennungen.
Denn Dialekt, und das zeigt sich an kaum einem Gegenstand so deutlich wie an der Kartoffel, ist weniger eine Abweichung vom Hochdeutschen als vielmehr ein Gedächtnis der Regionen, ein Speicher aus Lauten, Bildern und Bedeutungen, in dem sich Klima, Boden, Geschichte und soziale Nähe abgelagert haben, sodass die Grumbeere in der Eifel nicht nur eine Knolle bezeichnet, sondern zugleich die Erinnerung an steinige Felder, an mühseliges Auflesen, an Vorratskeller, in denen der Winter wie Erde und Keimlingen roch, und an Küchen, in denen einfache Gerichte den Rhythmus des Jahres mitvollzogen, während in anderen Gegenden Deutschlands, etwa wenn von Erdapfel, Grundbirne, Potaten oder Knollen gesprochen wird, jeweils andere Landschaften, andere Arbeitsweisen und andere kulturelle Selbstverständlichkeiten in die Sprache eingesickert sind, ohne dass man sie noch eigens benennen müsste.
So wird die Kartoffel, dieses unscheinbare, globale, millionenfach reproduzierte Nahrungsmittel, im Dialekt plötzlich wieder lokal, verletzlich, ortsbezogen eigen, weil sie ihren industriellen Namen verliert und stattdessen in eine Wortform schlüpft, die nicht aus dem Lateinischen oder Französischen stammt, sondern aus dem Mundwerkzeug einfacher Leute, die tastend, hörend, erlebend und verformend ein Wort an ihre eigene Wirklichkeit angepasst haben, bis aus der fernen patata eine Grumbeere werden konnte, deren Klang schon das Unregelmäßige, Erdige und Unperfekte in sich trägt, sodass man beim Aussprechen beinahe meint, die schiefe Form der Knolle selbst auf der Zunge zu spüren und die leichte Sprödigkeit der Schale zwischen den Zähnen zu hören.
Interessant ist dabei weniger die etymologische Korrektheit dieser Wörter als ihre emotionale Topografie, denn wer Grumbeere sagt, sagt fast immer mehr als nur Kartoffel, er sagt Kindheit, Herkunft, Zugehörigkeit, und er sagt es oft ohne sich dessen bewusst zu sein, während der Hochdeutschsprechende zwar verstanden wird, aber doch immer ein wenig wie ein Besucher klingt, der den Ort korrekt beschreibt, ohne seine Gerüche zu kennen, sodass sich im Dialektwort eine soziale Nähe bündelt, die nicht argumentiert, sondern voraussetzt, die nicht erklärt, sondern einlädt, und die in einem scheinbar banalen Substantiv einen ganzen Mikrokosmos von Erfahrungen aufruft, der sich gegen Vereinheitlichung sperrt, gerade weil er so unspektakulär daherkommt.
Vielleicht liegt darin auch die stille Widerständigkeit der Dialekte, dass sie nicht in Manifesten auftreten, sondern in Küchengesprächen, nicht in Parolen, sondern in Einkaufszetteln, auf denen Grumbeere steht, wo Kartoffeln gemeint sind, und dass sie gerade dadurch den globalen Tendenzen zur sprachlichen Glättung etwas entgegensetzen, das nicht donnernd, aber beharrlich ist, weil jedes Kind, das dieses Wort hört und übernimmt, eine kleine Linie der Kontinuität weiterzieht, ohne es zu merken, und damit eine Form von kulturellem Gedächtnis stabilisiert, die nicht archiviert, jedoch gelebt wird, die nicht bewahrt, sondern benutzt wird, und die gerade im täglichen Gebrauch ihre Legitimation findet.
Am Ende zeigt die Grumbeere, wie sehr Dialekt weniger ein Sonderfall der Sprache als ihre eigentliche lokale Basis ist, denn hier wird nicht normiert, sondern geformt, nicht verwaltet, sondern ausprobiert, und während das Hochdeutsche die Kartoffel in ein überregionales System einordnet, das Verständigung ermöglicht, aber Eigenheiten nivelliert, hält der Dialekt sie fest in einem Netz aus Lauten, das so eng mit Ort und Alltag verknüpft ist, dass man die Knolle kaum nennen kann, ohne unbewusst auch die Landschaft mitzubenennen, aus der sie stammt, sodass jedes Dialektwort letztlich ein kleines Archiv der Welt ist, in der es entstanden ist, und die Grumbeere damit nicht weniger als ein essbarer Beweis dafür wird, dass Sprache immer auch Boden unter den Füßen ist.