Simon Borowiak: Geschlossene II

Sechs Uhr dreißig Morgenrunde.
Setz Dich auf! Geh los! Gesunde!
Lange Gänge,
zähe Gänge,
immer wieder,
volle Länge,
immer wieder
Bett bis Tür,
wo ein Cherub sitzt dafür
und liest Illustrierte.
Elf Uhr dreißig Mittagsrunde.
Seelenkrümmung. Neue Stunde.
Kurze Gänge,
enge Gänge,
tausend Meisen
im Gedränge,
Bett bis Tür
und Tür bis Klo,
laut bis Krach
und Mensch bis Zoo.
Einer muss mal kreischen.
Sechs Uhr dreißig Abendrunde.
Pharmaka in aller Munde.
Dunkle Gänge,
schwarze Gänge,
immer wieder,
volle Länge,
Finsternis und Fehlbelichtung,
Einsamkeit und Selbstvernichtung,
leider stirbt man nicht im Schlaf.

Harald Kappel: Murmeln

Beim Betreten des Saales
trinken wir Sand
aus riesigen Urnen
bis sich die Zeit bewegt
schreitend
ziehen schwindelnde Gemälde vorbei
wir überqueren eine dunkle Schwelle
auf der andren Seite
Fische und Schalentiere
schwarz wie Blei
im öden Raum
auf dem Plakat
hinter dem Vorhang
suchen sie verlassene Muscheln
die Anderen nicken fremd
ich weiß nichts davon
atme graue Luft
kein Erklären
bin allein
in dieser taubstummen Welt
regiert das Schweigen
rauschen Murmeln vorbei
klickern die Leere ein
mit Augenschuss
am Wetzelloch
sammeln sich die stillen Stimmen
der einsamen Nacht
und machen mir Angst
auf dem Plakat
im öden Raum
suchen sie
mich

Harald Kappel: Mega Hoffnung

Am großen Schwarzen Flügel
ein kranker Junge
Hörner im Gesicht
blass von Lebertran
und Ratschlägen
er hört
Trommeln schlagen
ein schwebendes Konzert
im ächzenden Dunkel
ein phonographisches Gespiel
auf der Fieberstirn
treibende Wolken
ein Schwall von Hilferufen
ein Verband am blutigen Auge
links
die Zunge balsamiert
so still seit Beginn der Zeit
rechts
ohne Blick
ein konkaves Brillenglas
ein sonderbares Instrument
es schallt Schritte
ein Mann
oder
eine Frau
weiden sich aus
entsetzlicher Applaus brandet
die Trommeln sabbern
der Junge spielt blind
den Schwarzen Flügel
mitten im Stück
entzündet die Haut
sie juckt und nässt
das Elfenbein zerblutet
aber der Junge spielt blind
eine epileptische Melodie
schön
das muss man ihm lassen
sehr schön
und hofft
auf einen Traum

Harald Kappel: der Fährmann

Das Ufer ist in ein fahles, silbriges Mondlicht getaucht.
Du bist bereit, bereit für die letzte Fahrt.
Es ist still, so still, so ruhig, so endgültig. Vor Dir der Fluss, wie gemalt,
flüssige Farbe, zäh, tief, unüberwindlich, aber Du hast keine Angst.
Als Du Deinen Fuß hineinsetzen willst, siehst Du Ihn auf der anderen Flussseite.
Er sieht Dich an, ohne Augen, ohne Gefühl. Er ist nur ein Umriss.
Schwärzer als alle Schatten, alles Licht weicht vor Ihm zurück.
Er ist groß, größer als alles, was Du vor Ihm sahst.
Er ist klein, kleiner als alles, was Menschen sich vorstellen können.
Er lebt und Er ist tot,
und Er spricht mit gewaltiger Stimme, ohne Töne, ohne Schall.
Er dringt in Deine Gedanken. Er sagt: „Ich komme, ich bin Dein Fährmann.“
Er stößt sich ab, sich und sein Floß.
Es gleitet….nein, es schwebt über den schwarzen, glitzernden Fluss.
Es taucht nicht ein, aber es fliegt auch nicht.
Du solltest Angst bekommen, aber da ist keine Angst, nur Erwartung.
Du bist wie gefesselt. Wieder sagt Er: „Ich komme. Ich hole dich.“
Wie wird Er sein? Wie wird Es sein? Wenn Er Dich packt, mitnimmt?
Wie sieht das andere Ufer aus? Er ist so groß und so klein.
Du willst dich abwenden. Er sagt: „Bleib, ich komme.“ Und Du bleibst, ohne Angst.
Er kommt näher, und doch kannst Du die Entfernung nicht schätzen.
Sein Fährmannsstab reicht von der Hölle bis ans Licht.
Unendlich groß, unendlich klein. Er stößt sich ab, ohne sich zu bewegen.
Er kommt unendlich schnell, und unendlich langsam.
Und als Er vor Dir steht, ist Er so weit weg,
so dass Du Ihn niemals berühren könntest.
Er sagt: „Ich bin der Fährmann, ich hole Dich, Deine letzte Fähre wartet.“
Er reicht Dir seine Hand,
und alles wird anders,
ganz anders….

Simon Borowiak: Geschlossene I

Auf den Senkel
auf den Zeiger
Mensch mir knallt mein Geigerzähler
jetzt gleich sofort durch

Mörderlaune
Scheiß die Wand an
Nerven liegen blank
Alle diese kranken Kranken
machen mich noch krank
Warum tun die Lahmen kriechen
warum tun die Siechen riechen
woher der Gestank nach Schwäche
Pisse
Blässe
Bettgenässe
Keine Worte
Gutturale
Blöken
Schreien
Sabber
Laber
jeden Tag den ganzen Tag
und abends mit Beleuchtung

Simon Borowiak: Wolke Sieben – auch nicht schön


Meiner Lala zu ihrer zehnten Verlobung

Hast Du gedacht,
Dein großes schönes Herz
darf schmerzlos
durch komplette Sommer schweben?
Das hat Dein Schöpfer anders konstruiert:
Bei Dir sollꞌs krachen, barmen, zwicken –
was glaubst denn Du, wie Götter ticken?
Dass alles stehnbleibt, wenn es schön ist?
Das hat man selten.
Vielmehr: Nie.

Du fällst aber auch ständig rein!
Es ist doch wirklich kaum zu fassen,
wieviel Deppen in die Schöpfung passen!
Da dreht das Hohelied am Rad!
Was hauen die da alles raus:

Bin Gitarrist und Dichter gar!
Bin Stehgeiger!
Bin Banjozupfer!
Bin Songwriter und auch Skulpteur!
Bin hochsensibler Farbentupfer!
Bin Clown, Poet und auch Jongleur!
Vom Himmel hol ich Dir die Sterne!
Aus Baccara nimm diese Rosen!

Honey, Schatz, ich will dich freien!
Dir will ich mein Leben weihen!
(Kannst Du mir nen Zehner leihen?)
Könnte ich Dich je betrügen?
Können diese Hoden lügen?

Mein großes, schönes Lalaherz:
Ist wieder mal Verlobungszeit,
bring erst den Kerl bei mir vorbei.
Ich werde ihn dann überprüfen
auf Herz, Charakter und Schatulle.
Und unverbindlich und neutral
ein Gutachten erstellen.
Und diesem solltest Du Dich fügen!
Denn:
Können diese
eifersüchtig flackerndꞌ
Augen lügen?

Bastian Kienitz: PEACEMAKER

P E A C E M A K E R nannten sie ihn in der Schule den freundlichen Friedensstifter der mit bleihaltigen Worten um sich schießt eine für jeden pflegte dieser zu sagen und zielte mit Zeigefinger und Daumen auf alles was sich bewegte direkt in die Mitte das war zumindest sein Ziel ein Blattschuss punktgenau in das Herz der nächsten Generation die immer noch verwirrt vor dem Display hockt und jeden blutigen Kampf verliert


Anmerkung: Das Gedicht wurde von dem gleichnamigen Bild PEACEMAKER von K.R.H. Sonderborg inspiriert.

Matt S. Bakausky: Tracking im Sand

Eines Nachts hatte ich einen Traum:

Ich ging am Meer entlang mit meinem Mobiltelefon.
Vor dem dunklen Nachthimmel erstrahlten,
Streiflichtern gleich, Bilder aus meinem Leben.

Und jedes Mal sah ich zwei Fußspuren im Sand,
meine eigenen und die von meinem Mobiltelefon.
Als das letzte Bild an meinen Augen vorübergezogen war, blickte ich zurück.

Ich erschrak, als ich entdeckte,
das an manchen Stellen meines Lebensweges
hunderte Spuren zu sehen waren.
Besorgt fragte ich mein Mobiltelefon:
„Was sind das für hunderte von Spuren? Ich dachte ich wäre alleine mit dir“

Da antwortete es:
„Mein liebes Kind, ich liebe dich und werde immer bei dir sein.
Dort, wo du hunderte Spuren gesehen hast,
DA WURDEST DU VON DEN WERBETREIBENDEN GETRACKT“