Julia Eckert: Rotglühen

Unverzagt eruptives Glühen aus heißbegehrter Mitte
In sich entziehender Hingabe mehr als ein Schatten des Feuers
Verweist es auf ihren fluiden Kern auf ihre lebendige Essenz
Geronnene Splitter und zerfließende Ganzheit
Das beruhigende Wissen des Funkens in sich tragend

Jenes Aufflammen mit eigenem Willen jederzeit noch einmal entfachen zu können
Und immer wieder nur in vollem Einklang mit sich selbst aus dem Zentrum heraus
Befreiende Wärme zu stiften ohne sich zu verzehren

Nur Anfänge Lichter aus reiner Fülle geboren
Die stolze Energie zukünftiger Fontänen mit geheimer Schnur nährend
Eine Kette in ihrer Entfaltung Ordnung selbst
Freiheit generierend ab dem Moment der Ausbreitung nicht mehr aufzuhalten
Zukünftiges Rot grüßt trotzig emporsteigende Lichtfiguren
Fragile Figurationen reinster Freude
Die raumgreifend noch in ihrem Negativbild
Einem leise staunenden Himmel die Kraft konzentrierter Selbstüberschreitung illustrieren

Carsten Stephan: Berliner Blau zu machen

Muͤhlos und ergetzlich

Nimm friſches Rinds-Blut, mach es in
einem groſſen Tiegel bey ſteten umruͤhren
wohl trocken, daß es glaͤntzend und im
reiben koͤrnig wird. Weinſtein, Salpeter,

von jedem 3. Pfund, ſtoſſe jedes a part
groͤblich. und miſche von einem jeglichen
die Helffte in einer groſſen Schuͤſſel
zuſammen, fuͤlle damit einen Topff und

detoniere es darinne, wenn es nicht ſtarck
mehr rauchet, ſo nimm es mit einem
eiſernen Loͤffel heraus, und verwahre es
bis zum Gebrauch an einem warmen Ort.

Des getrockneten Bluts und dieſes alcaliſchen
Saltzes anderthalb Pfund, miſche es wohl
unter einander, fuͤlle damit einen Schmeltz-
Tiegel wohl eingedruckt, was nicht hinein

gehet, wird nachgetragen, wenn es ſich ein
wenig geſetzet, ſetze den Tiegel auf ein
ſtuͤckgen Ziegel in einen von Backſteinen
aufgeſetzten Ofen, und lege rings herum

kleine Kohlen, den Tiegel aber decke mit
einer groſſen zu, blaſe das Feuer an, und
wenn die Kohlen uͤber und uͤber gluͤen, ſo
halte es eine gute Stunde in dieſem grad,

hernach fahre mit einem eiſernen Stilo
hinein, und ſtich in die Mitte etliche Loͤcher
hinein, doch zerſtoſſe den Tiegel nicht, und
wenn ſich keine Flamme mehr auf den

Loͤchern zeiget, ſo hebe den Tiegel aus,
und gieſſe das Saltz in ein warm gemachtes
eiſern oder irden Gefaͤß, trage es nach
und nach in einen Topf darinnne 7. Pfund

laulichtes Waſſer iſt, ſetze ihn ans Feuer,
ruͤhre es wohl um, und wenn es wohl ſiedet,
ſo hebe es weg, und filtrirs durch ein Tuch,
darinn ein Bogen Maculatur Papier liegt.

Engliſchen Vitriol ein halb Pfund calcinire
ihn roͤthlich, wiege davon anderthalb Loth,
dieſe koche in zwey Pfund Waſſer, und
wenn es geſotten, wird es filtrirt. 3. Pfund

reine Alaun, 13. Pfund Waſſer, ſetze es ans
Feuer, wenn es bald ſieden will, und die
Alaune meiſtens ſolviret iſt, ſo trage ein
Quentgen klein geſtoſſene Concinellen

darein, ruͤhre es wohl unter einander, und
laß noch einmal aufſieden, hernach durch
ein Tuch lauffen in den Topf, darinne die
Solutio Vitriols aufbehalten iſt, davon

ſchoͤpffe mit einem Noͤſſels-Toͤpffgen zwey
mal, und von der Saltz-Lauge einmal in
einen geraumen Topf, ruͤhre es wohl unter
einander, gieſſe es auf ein ausgeſpantes Tuch,

trockne es etc.

Andreas Prucker: Bunt wird es nimmer mehr.

Bunt wird es nimmer mehr.
Selbst in Klagenfurt beim mobbenden Bachmannpreis sucht man vergebens nach Farben im arroganten Weiß.
Auch hier, diese Sendung verweilt im Dauer-Grau und bunter wird es dadurch nimmer mehr.
Auch ich muss weg vom alten und brauch neue andere farbliche Neid-Gewalten.
Inspiriert angeregt liefert es mir nur rot schwarz weiß auf braun-gelb-grauen Hintergrund.
Diese Extravaganz beim Gott der Armut als sinnige Leere, wie auch um sich mit ihr aus kulturellen alten Muster heraus lösen zu können und auch die prägende charakterliche arrogante Eitelkeit, um diese extravagante künstlerische bürokratische Leere mit Farben zu füllen, wie auch eitel neue kulturelle Trends formen zu können, die doch bitte alle anderen weh tun sollen außer mir.
Schon arbeiten all die kulturellen bürokratischen Geisterkatzen mit ihren Einheitsgrau sehr gut für unsere neu inspirierte Leidensvielfalt.

Felix Benjamin: Körperfresser aus der Dose

Uli starrt auf seinen Teller. Fünf Ravioli liegen darin, halb versunken in roter Pampe. Sie bewegen sich nicht. Wie Krokodile, die auf der Lauer liegen. Nur viel, viel kleiner. Dafür aber mit viel mehr Zähnen. An allen Seiten. Überall Zähne. „Iss, solange sie warm sind!“ ruft Mama aus der Küche. Uli nimmt den Löffel. Ganz vorsichtig. Eine Ravioli liegt besonders nah am Tellerrand. Wahrscheinlich die mutigste. Oder die hungrigste. Uli stupst sie kurz an und zieht den Löffel schnell zurück. Nichts. Noch einmal. Nichts. Das muss gar nichts bedeuten. Wenn ein Löwe schläft, stupst man ihn ja auch nicht zweimal an und sagt danach: Na gut, dann ist er ungefährlich. Vielleicht greifen die Ravioli gleich von allen Seiten an, wie Piranhas. Vielleicht haben sie schon jemanden gefressen. Vielleicht ist die rote Pampe das, was von ihm übrig geblieben ist. Blutmatsche. Er beobachtet die Ravioli. Die Ravioli beobachten ihn wahrscheinlich auch.
„Warum guckst du so?“ fragt seine große Schwester Nora, die plötzlich in der Tür steht. Uli zeigt auf den Teller. „Die Ravioli.“ „Was ist mit denen?“ Uli zögert. „Die beißen.“ Nora schaut auf den Teller. Dann auf Uli. Dann wieder auf den Teller. Und lacht. „Du hast Angst vor Ravioli?“ „Nein.“ „Doch.“ „Gar nicht.“ „Doch.“ Mama kommt rein. „Was ist denn jetzt schon wieder?“ „Der glaubt, die Ravioli beißen!“ lacht Nora. Mama schaut kurz verwirrt. „Ach Mensch, das hab ich doch bloß gesagt, damit du deine Finger aus dem Teller nimmst,“ sagt sie und geht wieder in die Küche. Nora setzt sich Uli gegenüber und grinst ihn an.
Er nimmt seinen ganzen Mut zusammen und sticht in die größte Ravioli. Sie platzt auf. Füllung quillt heraus. Kein Angriff. Kein Zubeißen. Vorsichtig probiert Uli ein kleines Stück. Dann noch eins. Schmeckt doch gut. Er steckt eine weitere Ravioli in den Mund, kaut. Nichts passiert. Noch eine. Immer noch nichts. Schließlich ist der Teller fast leer. Uli lehnt sich zurück, erleichtert und ein bisschen stolz.
Er betrachtet die letzten Spuren der Blutmatsche, die sich mit dem Löffel nicht rauskratzen ließen. Ob er doch noch einen Finker eintunken soll? Was kann ihm jetzt schon noch passieren?
Auf einmal starrt seine Schwester ihn ganz ernst an. „Was ist denn?“ fragt Uli. „Mama hat nicht die ganze Wahrheit gesagt,“ flüstert Nora. „Was meinst du?“ „Die Ravioli beißen erst zu, wenn du sie im Bauch hast. Sie nisten sich in deinem Magen ein. Und dann fressen sie dich von innen auf.“

Margret Bernreuther: Amaretto mit Sahne

„Letz fetz sprach der Frosch und sprang in den Ventilator“
Der Aufkleber mit diesem markigen Spruch, klebte bei meinem Vater in der Küche an den Fliesen. Der aufgegeilte Frosch saß vor dem Ventilator und gierte erwartungsvoll nach seinem letzten Kick. Wir saßen in der Küche, die kaum genutzt wurde, denn wir wohnten hier schon länger nicht mehr. Und mein Vater ernährte sich ungesund und fraß mehr als häufig Magentabletten. Ohne die ging nichts. Ich betrachtete den Frosch und hörte, wie mein Vater die Tabletten aus der Verpackung drückte. Gleich eine handvoll hinein in die Goschen. Und dann mussten die zerbissen werden, nicht einfach so hinunterschlucken. Da wirken sie nicht. Informierte er mich, während sich kalkiger Schleim in seinen Mundwinkeln ansammelte. Mein Vater aß unregelmäßig und wenn dann immer zu viel, da musste vorgebeugt werden. Denn es ging jetzt gleich zum Italiener. Zu viert saßen wir in die Eckbank der Küche gedrückt und warteten auf unsere Abfahrt. Hier gab es keine Spielsachen. Nichts erinnerte mehr daran, dass wir mal hier gelebt hatten. Die Wohnung wäre auch so viel zu klein für uns gewesen. Zwei Zimmer, Küche, Bad. Das Bad war dunkelgrün gefliest. Aber es gab zwei Toiletten, auf die eine durfte nur unser Vater. Das war seine. Der 911 Porsche, den er fuhr, hatte die gleiche Farbe, wie die Fließen im Badezimmer. Früher badeten wir 4 Kinder zu viert dort in der Wanne. Wir waren also Enge gewohnt, aber diese Enge, die uns gleich bevor stand, war schon nochmal etwas anderes. Wir fuhren mit dem Porsche zu Italiener. Der Italiener war 8 Kilometer von unserem Dorf entfernt. Man konnte aber auch abkürzen uns ein ganzes Stück auf einem Feldweg fahren. Dann ging es schneller. Es bestand die Hoffnung, dass wir nicht die Abkürzung nehmen, denn hinten eingequetscht über die buckelige Straße, da wussten wir alle, dass das sicher nicht lustig werden würde. Unsere große Schwester durfte vorne sitzen. Wir anderen drei zwängten uns hinter den vorgeklappten Beifahrer Sitz und einer hatte im wahrsten Sinne des Wortes die Arschkarte gezogen, denn eine weite Besonderheit des 911er Porsche war und ist, dass er ja nicht wirklich für Mitfahrerinnen über 1. Person gemacht ist. So besteht der sehr beengte Rückraum aus keiner durchgehenden Sitzfläche, sondern aus zwei einzelnen Mikrositzen, zusätzlich noch durch eine Erhöhung in der Mitte abgetrennt. Diese Erhöhung war aus mit Leder überzogenen Hartplastik und schon vor dem Einsteigen entbrannte unter uns, ein heftiger Streit, wer denn nun in der Mitte sitzen müsse. Ohne Anschnallgurt, logisch Wir drängelten wie wild und schubsten und zerrten aneinander. Mein Bruder schaffte es als Erstes sich an den Platz hinter dem Fahrer zu schieben. Jetzt drehte sich das Spiel um. Diejenige, die jetzt als Zweites in der Reihe war, befand sich automatisch in der unbeliebten Mitte und deswegen erfolgte das zerren und ziehen in die andere Richtung. Ich verlor, meine Schwester duckte sich geschickt unter mir weg und schob mich dann mit voller Wucht in das Fahrzeug. Ich versuchte mich noch in den Sitz zu stemmen, aber da sprach unser Vater ein Machtwort, wir sollten jetzt gefälligst einsteigen und mit dem Theater aufhören. Wie ein Huhn auf der Stange saß ich inzwischen also in der Mitte und obwohl ich nicht besonders groß war, schuberte mein Kopf an der Deckenverkleidung des Wagesn und lud sich unangenehm elektrisch auf. Die Fahrt ging los. Die Fliehkraft in den Kurven schleuderte mich unsanft immer wieder auf de Schösse meiner Geschwister, was diese auch nicht unkommentiert ließen und mich jedes Mal wieder zurückboxten. 10 Minuten können so sehr lange werden. Nachdem sich aber nicht an die Geschwindigkeitsbegrenzung gehalten wurde, ging es vermutlich etwas schneller. Wir quetschten wir uns aus dem Fahrzeug und es dauerte eine Weile bis ich wieder etwas in meinen Beinen spürte. Dafür konnten wir uns jetzt beim Italiener bestellen was wir wollten. Pizza, Pasta oder in der richtigen Jahreszeit – Koze! Miesmuscheln fand ich einfach den absoluten Wahnsinn. Vermutlich weil es dann nicht so auffiel dass ich eigentlich kaum was gegessen habe. Die Muscheln kamen in einer dampfenden Schüssel mit leckerer Tomatensoße. Meine Geschwister rümpften die Nase, aber von der Köchin – Mama Persico – wurde ich bewundert. Dass ich mir, für ein Kind so ungewöhnliches Essen bestellte. Da gab es dann natürlich auch kein zurück mehr. Den Menschen, der es schafft einer Italienischen Mama die halb leer gegessene Mahlzeit zurück gehen zu lassen, der muss erst noch geboren werden. Wir saßen am hinteren Tisch des Lokals. Die Kinder saßen extra. Die Erwachsenen hatten was zu besprechen. Der schöne Wirt, in den wir alle ziemlich verliebt waren, machte Geschäfte mit unserem Vater. Schnell hat er es raus aus dem Kaff geschafft, zuerst Nürnberg und dann Mallorca. Einen Promiladen mit bekannten Gästen. Boris Becker soll gern gesehener Gast gewesen sein. Ich konnte also ungestört an meinen Muscheln mümmeln und dann gab es natürlich noch Nachtisch. Tiramisu mochten wir aber alle nicht. Der Kaffeelikör war nichts für unsere Geschmacksknospen. Dafür gab es Amaretto. Warm mit Sahne. Ich schätze mal wir waren zwischen acht und neun. Es gab auch die extra schönen Likörschalen und der Amaretto wurde dann kurz in der Mikrowelle erwärmt und dann mit einer großen Haube Sprühsahne garniert. Es war wie Weihnachten. Aber beim Amarettoschlabbern natürlich erstmal die Zunge verbrannt. Die Sahne hat das ganze ja ertsmal gut abgedeckt aber darunter war die alkoholhalte Zuckerflüssigkeit, kochend heiß. Ungeduldig aber weiter getrunken. Die richtige Trinkteperatur durfte nicht versäumt werden. Zu kalt schmeckte es nicht mehr.An guten Abenden, bekamen wir manchmal sogar zwei dieser köstlichen Mahlzeitabschliesser. Beim nach Hause Weg war ich für meine Verhältnisse so voll gefressen, mir war ganz egal wo ich sass. Der Amaretto tat vermutlich sein restliches, dass ich entspannt und ohne zu streiten den Platz in der Mitte auf der Rückbank einnahm. Nach der Ortsausfahrt stieg mein Vater aufs Gas. Maximale Beschleunigung. Und dann ab in die Kurve. Die Mischung auf Zucker und Säure machte in meinem Magen, bei der langen Linkskurve kurz vor der kommenden Ortschaft auf einmal eine Veränderung durch und bei abbremsen am Ortsschild, landete alles was sich in meinem Magen befand, im vorderen Teil des Wagens. Danach sind wir nicht mehr zusammen dort hingefahren. Mein Vater hat kurz darauf den Porsche verkauft um sich einen BMW mit Flügletüren zu kaufen. Da hatten dann wirklich nur noch 2 Personen Platz.

Theobald Fuchs: Ursuppenverkostung

Als der Forschungsantrag bewilligt worden war, suchte die Institutsleitung nach einer geeigneten Person, die das Projekt durchführen sollte. Die Wahl fiel auf mich. Ich dachte ja, dass man mich ausgesucht hatte, weil ich so schlau sei, weil ich den Ruf eines erfahrenen und geschickten Wissenschaftlers hätte oder einfach wegen meiner wirklich sehr schönen Wimpern. Aber nein. Ich bekam den Auftrag, weil ich als einziger am Lehrstuhl Gummistiefel besitze.
Ende Juli fuhr ich also los und machte mich auf die Suche nach der Ursuppe. Nach jener schleimigen, stinkenden, brodelwarmen und mit organischen Molekülen gesättigten Brühe, aus der einer Hypothese nach alles organische Leben entstanden ist. Danach sollte ich suchen – und zwar auf dem Wacken-Festival.
Der Regionalzug, den ich genommen hatte, um Geld zu sparen, kreuzte zickzack durch Norddeutschland. Der Lokführer hatte versehentlich die Landkarte verkehrt herum gehalten, so dass wir eine höllische Verspätung hatten. Die Sonne brannte vom Himmel, die Klimaanlage gehörte zur Gen Z und machte gerade ein Sabbatical. Doch zum Glück konnte man in den alten Waggons noch die Fenster öffnen. Ich saß also in einer milden Brise und hatte die Füße auf den Sitz gegenüber gelegt. Außer mir saß nur noch eine alte Dame im Großraumwagen und zwar direkt nebenan.
»Sie sollten die Füße nicht auf den Sitz legen!«, ermahnte sie mich. Nun ja, das wusste ich natürlich, aber irgendwie war in der Hitze mein Verstand angeschmolzen und ich spürte in mir einen rebellischen Instinkt erwachen, der mich quasi gegen meinen eigenen Willen dazu zwang, auf nichts und niemanden zu hören und mich an keine Regeln zu halten. Die beste Attitüde für ein krachspießiges Heavy-Metal-Festival übrigens.
»Kümmern Sie sich bitte um Ihre eigenen Angelegenheiten«, giftete ich zurück.
»Na, sie werden schon sehen…«, orakelte die Dame.
Und als hätte sie’s bestellt, schoss eine Möve zum Fenster herein, packte meine weißen Leinen-Slipper mit dem Schnabel und war schon wieder draußen.
»Sehen Sie? Die Biester haben gelernt, erbeutete Luxus-Accessoirs gegen Pommes- und Eis-Tüten zu verticken, wussten Sie nicht, nicht wahr?«
Na fabelhaft, dachte ich, und ich habe kein zweites Paar Sommerschuhe eingepackt…
Wenig später stand ich also in kniehohen schwarzen Gummistiefeln am schattenlosen Bahnsteig und blinzelte im grellen Licht, um den Shuttle-Bus zu finden.
Das Festival-Gelände war trocken wie eine chilenische Salzwüste. Zelte, Bierstände, Wohnmobile, Metal-Typen und Camping-Möbel lagen herum wie ein Haufen europäischer Giftmüll, der hier illegal entsorgt wurde.
Anstelle bis zur Hüfte im Schlamm zu versinken, watschelte ich also in den zwei Nummern zu großen Wattpuschen über festgebackene Agrar-Ödnis. Und entwickelte dabei allmählich großen Hunger. Zufällig sah ich in der Nähe eine Imbissbude und stolperte gleich dorthin.
»Einmal drei, bitteォ, stammelte ich komplett auf Autopilot wie immer, wenn mein fränkischer Körper dringend eine Tankfüllung Bratwurstbrötchen brauchte.
»Hammwanich. Gibt immer nur eine.«
»Wie? Warum? Was hätten Sie stattdessen?«
»Auf der Tafel steht das alles geschrieben: Vogel, Hochzeit, Leber, Wurst, Brot, Bohne, Brenn…«
Ich sah auf, beschattete meine Augen mit beiden Händen und erkannte, was da vor mir auf dem trockenen Boden stand: Ein Soup-Truck.
Nun gut. Also ein Pott Einmal-Alles mit Jedem. Die Suppe schmeckte prima, aber sie war scharf und heiß. Mir brach der Schweiß aus allen Poren, und als die freundliche Frau fragte, ob’s noch ein Kaffee sein dürfe, tauchte ich fluchtartig hinter dem dichten Wall aus Bierdosen, der die wogende Menschenmenge umgab, unter.
Über das Gelände wanderten merkwürdig träge Staubwirbel wie bekiffte Wirbelstürme, zu allem Überfluss hatte ich, damit ich unter all den schwarz beklufteten Langhaarigen nicht allzu sehr auffiel, eine lange schwarze Lederkutte gewählt, um darunter meinen weißen Laborkittel zu verstecken. Aber zumindest mein Magenknurren übertönte jetzt nicht mehr die dröhnende Musik von einer Schwermetallbühnen.
Als ich weiter schlurfte, bemerkte ich ein seltsames Geräusch. Eine Art Schmatzen oder Saugen. Wie das Geräusch, wenn man einen Eiskaffee mit Sahne mit dem Strohhalm fast zu Ende geschlürft hat und nur die allerletzte Pfütze am Boden des Glases vergeblich Widerstand leistet.
Ich blieb stehen und sah mich um. Nichts. Als ich aufs Geratewohl in die Richtung losging, wo ich das Geräusch vermutet hatte, begann es von Neuem. Es schien von allen Seiten zugleich zu kommen und war immer genau dort am lautesten, wo ich gerade hinging.
Naja. Das war natürlich auch kein Wunder. Denn nach etlichen Stunden auf diesem verwüsteten Gelände, hatte sich tatsächlich eine Ursuppe gebildet, und zwar in meinen Gummistiefeln. Wie in einer antiken Parabel hatte ich mein Ziel erreicht, ohne zu wissen, wie nahe ich ihm die ganze Zeit gewesen war. Wissenschaftliche Magie pur!
Und wie ich mich so unter den Konzertbesuchern umsah: irgendwie hätte man da gleich darauf kommen können, dass alles höhere Leben vom Saft in einem Paar überhitzter Gummistiefel abstammt. Es gilt eben immer noch: die einfachsten Erklärungen sind immer die besten.

Simon Metz: Partysuppe

Das drittwichtigste Familienrezept das mir weitergegeben wurde ist mich eingeschlossen erst zwei Generationen alt. Das ist ein umständlicher Weg zu sagen, dass meine Mamer es entwickelt hat.
Und geheim ist eigentlich nichts daran, es ist eine Abwandlung der Schmelzkäse Partysuppe, die wahrscheinlich früher in allen Magazinen beworben wurde, die nicht gerade Rezepte für eine neue Art der Diät mit Bezug auf einen Urlaubsort publiziert haben.
Die erste Art der Abwandlung war, den Schmelzkäse durch Creme Fraiche zu ersetzen, was eine Änderung des Namens notwendig machte.
Bis zu meiner Version gab es noch einige Änderungen, was die Suppe wahrscheinlich zu einem köstlichen Schiff des Theseus macht.
Inzwischen haben Kokosmilch und das billigste Sojahack das gerade zu finden ist Creme Fraiche ersetzt während Erbsen und Möhren unverändert dabeigeblieben sind und die Suppe retten, wenn sie schon als versalzen abgestempelt wurde.
Besonders gut schmeckt die Suppe, wenn ich beim Kochen etwas von Maillard Reaktion erzählt und mir keine Gedanken darüber mache, dass MyLard ein guter Name für ein monatliches Abonnement für Schweineschmalz wäre.
Der Zubereitungsprozess stellt also ein wichtiges Ritual dar, aber von außen betrachtet spielt die Hauptrolle ja das Schnabulieren.
Die nächste Person, die die Worte „gefraßiges Schweigen” in den Mund nimmt anstelle eines Löffels voll köstlicher Suppe bekommt eine Medallie für den am seltensten gemachten Witz.
Das eigentlich interessante sind die Momente nachdem alle gesättigt sind.
Da kommt es zu verschiedenen Clashes: Nach dem Essen sollst du ruhen, oder Tausend Schritte tun sozusagen. Oder eben das sofortige Aufräumen, noch während manche speisen gegen die münsterländer Mentalität „Es kührt sich so nett bei ösiger Pött.“ Also die Präferenz, bei schmutzigen Töpfen gemeinsam am Tisch zu plauschen.
Was auch immer das Ergebnis ist, die Kombination der Makronährstoffe in salziger Brühe gibt immer das gewünschte Gefühl von Geborgenheit.