Silke Gruber: Lei Da

(Today’s Question: Was ist Dialektliteratur?)

Die Angerer Theresa
und die Pfurtscheller Maria
und die Oberamtsbacher Roswitha,
de schreibn üba die schian Bliamalen vorn Haus
und üban hartn Winta in die Berg und
üban heilign Herrgott und
üba ia oanzige Liab und
Tirol isch lei oans, so schreibn sie
in oana kindlichn Freid, dass da sHerz grad so
augian kannt.

Die Angerer Maria
und die Pfurtscheller Theresa
und die Oberamtsbacher Roswitha,
de dadenkns ebn leida nit viel weiter außi
als wia beim Kuchlfenschta,
wenns übahaup oans ham.

Die Angerer Roswitha
in deim Kopf
die Pfurtscheller Maria
in deim Kopf
die Oberamtsbacher Theresa
in deim Kopf:

so schreibn sie
so sein sie
lei
da

Silke Gruber: Isch Eh Lei

Isch eh lei

Es meischte
isch eh lei a Schmee
isch eh lei a Lug,
sein jå eh ålls lei Schmeetantla
eh ålls lei Lugntschippl.

Es oane
isch a Gschroa
unds åndre a Gsums.
Unds meischte
sowieso a Glump,
unds åndre a Graffl,
isch eh lei a Graffl! Isch eh lei a Glump!
Isch eh lei a Graffl und a seltenes Glump.
Und isch eh −
ålls lei a Schmee …

Wås håschn då im Aug?
Ah isch eh lei a Greggn.
Wås håschn då am Schuach?
Ah isch eh lei a Klachl.
Wås schwimmpn då in da Suppn?
Ah isch eh lei a Hoa.
Wås håschn då im Kopf?
Ah isch eh lei Stroa.

isch eh lei a Graffl
isch eh lei a Gsums
isch eh lei a Greggn
isch eh lei a Glump
isch eh lei a Klachl
isch eh lei a Gschroa
ah, isch eh lei Stroa.
Gott sei Dank, sei froa!
Ålls
koa
Stress.

Also schwitz koan Wettex und mach bitte koan Wirbl.
Loan di amål zrugg und reg di bitte nit au.
Loan di zrugg und vergiss nit aufs Schnaufn.
Loan di oanfach zrugg, zefix!

Es meischte isch eh
ålls lei zum wissen
unds mehrigschte isch lei zum toan −
oder ebn zum låssn.
Also låss guat sein
und steiga di nit ålm aso eini, um Gottsgrischtiwilln!

Es isch eh lei a Graffl
isch eh lei a Gsums
isch eh lei a Greggn
isch eh lei a Glump
isch eh lei a Klachl
isch eh lei
a Hoa!
Sei decht froa, harschafzaitn!

Mia sein jå a lei a Hoa in irgndoana Suppn
mia sein jå a lei a Greggn in irgendam Aug
mia sein jå a lei a Blinddarm in irgendam Bauch
mia sein jå a lei a Strichpunkt in irgendam Buach
mia sein jå a lei a Klachl auf irgendam Schuach

I bin jå a lei
in irgendam Kopf es Stroa
in irgendam Kopf
es Gsums und Gschroa −
seima decht froa:
Ålls
nit da Rede wert.

FD: Dialeggd

Ein Unsinnsgedicht

Damid ham’mer ned gereschned
dass de Dialeggt sisch so halde wüdde

Da hör’n mer dem Kind zu
wie’s brabbelt und babbelt
den Ludscher im Mund
den Ball um de Disch rum dotzd
die babbische Hände
am Dischduch abwischd
mit große Auge zum Vadder guckt
den Mund aufsperrt und sprischd:

Dem Paul sei Babba had sisch au ned so uffgerescht
Des mit dem Schreibe is hald gar ned so leischd
Die Wödder klinge so und schreibe sisch ganz anners
Wie soll des denn einer verstehe?

Des mit dem Dialeggt, des rafft doch wigglisch keiner
Aba spädestens wenn des Kind ald genuch is
von de Schul zur Uni zu gehe
dann is de Dialeggt verschwunde

Zurück bleibt Hochdeutsch wie es im Buche steht.
Mit dem sozialen Aufstieg kommt die Hochsprache.

Un nur die Heimad kann manschemal
den Dialeggt wieda naufhole
fühld sisch dann heimisch an
des Gebrabbel un Gebabbel
e weng minderbemiddeld
un stolz drauf

Christian Knieps: Die Grumbeere


Wenn man in der Eifel aufwächst oder auch nur lange genug dort verweilt, um nicht mehr nur Besucher, sondern Teil einer kratzigen, widerständigen Sprachlandschaft zu werden, dann bemerkt man irgendwann, oft erst beiläufig und dann mit wachsender Zuneigung, dass die Kartoffel dort nicht einfach Kartoffel heißt, sondern Grumbeere, ein Wort, das wie ein Fundstück aus einer älteren Erdschicht der Sprache wirkt, rau, rund, ein wenig verschroben, und doch so selbstverständlich im Mund derer liegt, die es benutzen, als habe es nie etwas anderes gegeben, als sei es immer schon genau dieses Wort gewesen, das zwischen Acker und Küche, zwischen Keller und Kochtopf, zwischen Kindheit und Erinnerung hin und her wanderte und dabei eine leise, aber beharrliche Identität formte, die sich nicht aus großen Erzählungen speist, sondern aus der täglichen Wiederholung kleiner, scheinbar unbedeutender Benennungen.
Denn Dialekt, und das zeigt sich an kaum einem Gegenstand so deutlich wie an der Kartoffel, ist weniger eine Abweichung vom Hochdeutschen als vielmehr ein Gedächtnis der Regionen, ein Speicher aus Lauten, Bildern und Bedeutungen, in dem sich Klima, Boden, Geschichte und soziale Nähe abgelagert haben, sodass die Grumbeere in der Eifel nicht nur eine Knolle bezeichnet, sondern zugleich die Erinnerung an steinige Felder, an mühseliges Auflesen, an Vorratskeller, in denen der Winter wie Erde und Keimlingen roch, und an Küchen, in denen einfache Gerichte den Rhythmus des Jahres mitvollzogen, während in anderen Gegenden Deutschlands, etwa wenn von Erdapfel, Grundbirne, Potaten oder Knollen gesprochen wird, jeweils andere Landschaften, andere Arbeitsweisen und andere kulturelle Selbstverständlichkeiten in die Sprache eingesickert sind, ohne dass man sie noch eigens benennen müsste.
So wird die Kartoffel, dieses unscheinbare, globale, millionenfach reproduzierte Nahrungsmittel, im Dialekt plötzlich wieder lokal, verletzlich, ortsbezogen eigen, weil sie ihren industriellen Namen verliert und stattdessen in eine Wortform schlüpft, die nicht aus dem Lateinischen oder Französischen stammt, sondern aus dem Mundwerkzeug einfacher Leute, die tastend, hörend, erlebend und verformend ein Wort an ihre eigene Wirklichkeit angepasst haben, bis aus der fernen patata eine Grumbeere werden konnte, deren Klang schon das Unregelmäßige, Erdige und Unperfekte in sich trägt, sodass man beim Aussprechen beinahe meint, die schiefe Form der Knolle selbst auf der Zunge zu spüren und die leichte Sprödigkeit der Schale zwischen den Zähnen zu hören.
Interessant ist dabei weniger die etymologische Korrektheit dieser Wörter als ihre emotionale Topografie, denn wer Grumbeere sagt, sagt fast immer mehr als nur Kartoffel, er sagt Kindheit, Herkunft, Zugehörigkeit, und er sagt es oft ohne sich dessen bewusst zu sein, während der Hochdeutschsprechende zwar verstanden wird, aber doch immer ein wenig wie ein Besucher klingt, der den Ort korrekt beschreibt, ohne seine Gerüche zu kennen, sodass sich im Dialektwort eine soziale Nähe bündelt, die nicht argumentiert, sondern voraussetzt, die nicht erklärt, sondern einlädt, und die in einem scheinbar banalen Substantiv einen ganzen Mikrokosmos von Erfahrungen aufruft, der sich gegen Vereinheitlichung sperrt, gerade weil er so unspektakulär daherkommt.
Vielleicht liegt darin auch die stille Widerständigkeit der Dialekte, dass sie nicht in Manifesten auftreten, sondern in Küchengesprächen, nicht in Parolen, sondern in Einkaufszetteln, auf denen Grumbeere steht, wo Kartoffeln gemeint sind, und dass sie gerade dadurch den globalen Tendenzen zur sprachlichen Glättung etwas entgegensetzen, das nicht donnernd, aber beharrlich ist, weil jedes Kind, das dieses Wort hört und übernimmt, eine kleine Linie der Kontinuität weiterzieht, ohne es zu merken, und damit eine Form von kulturellem Gedächtnis stabilisiert, die nicht archiviert, jedoch gelebt wird, die nicht bewahrt, sondern benutzt wird, und die gerade im täglichen Gebrauch ihre Legitimation findet.
Am Ende zeigt die Grumbeere, wie sehr Dialekt weniger ein Sonderfall der Sprache als ihre eigentliche lokale Basis ist, denn hier wird nicht normiert, sondern geformt, nicht verwaltet, sondern ausprobiert, und während das Hochdeutsche die Kartoffel in ein überregionales System einordnet, das Verständigung ermöglicht, aber Eigenheiten nivelliert, hält der Dialekt sie fest in einem Netz aus Lauten, das so eng mit Ort und Alltag verknüpft ist, dass man die Knolle kaum nennen kann, ohne unbewusst auch die Landschaft mitzubenennen, aus der sie stammt, sodass jedes Dialektwort letztlich ein kleines Archiv der Welt ist, in der es entstanden ist, und die Grumbeere damit nicht weniger als ein essbarer Beweis dafür wird, dass Sprache immer auch Boden unter den Füßen ist.