Matt S. Bakausky: Fett

Diese Geschichte ist mit Fett geschrieben. Sie handelt von Vergänglichkeit und zersetzt sich mit der Zeit von selbst. Ich bin ein Stück Fett. Ich mache Dinge die ein Stück Fett tut. Faul in der Ecke sitzen und verranzen. Ich hinterlasse Fettflecken wo hin ich auch gehe. Ich schäme mich kein Meter weit für meine Existenz. Ich bin keine Kunst, ich kann weg. Ich bin manchmal traurig, dass nicht mehr aus mir geworden ist. Vorallem wenn die Leute kommentieren: Schaut euch mal dieses eklige Stück Fett an. Aber was soll’s traurig hin; traurig her. Es ändert nichts an meinem innersten Sein. Ich werde verranzen. Einfach so. Das ist unser Schicksal in der Fett-Familie. Man könnte sagen es ist uns in die Wiege gelegt. Nichts bleibt für immer und so weiter und so weiter. Tschüss, tschau und gute Nacht!

David Telgin: SOL

im Augenblick zählt das Licht, die Sekunden
verlangsamen sich auf dem Flächenquadrat
in einem Raum zu dem Raum voller Größe
den deine Augen schlussendlich erfassen

hier rückt das Bild von dir selbst in das nächste
gekritzelte Stück deiner Schaffenskraft
wo deine Sonne kein Licht mehr benötigt
bist du bereits bei dir selbst und ganz nackt

für das gefrorene Meer, das von außen
setzt du den Fluss in Natté weiter ab
und mischst den Malstift zum Grau dieser Wüste

die uns umringt, jetzt wirkst du sentimental
und klopfst an die Tür, der Tür deines Herzens
mit dem du fliegst, wenn du losgelöst bist

Christian Knieps: Fluxus – der fließende Widerspruch

  1. Die wichtigsten Komponenten von Fluxus

Fluxus war weniger eine Stilrichtung als ein radikales Konzept von Kunst, das in den frühen 1960er-Jahren die Trennung zwischen Kunst und Leben auflösen wollte: Alles konnte Kunst sein, jeder konnte Künstler sein – und entscheidend war nicht das Werk, sondern die Handlung, das Momenthafte, gar das Flüchtige. Statt Gemälden oder Skulpturen schuf man Aktionen, kurze Performances, sogenannte „Events“, oft mit banalen Objekten, oft mit ironischer Geste – antikommerziell, antielitär und zudem antiautoritär. Interdisziplinär und intermedial verband Fluxus Musik, Theater, Sprache, Objektkunst und Alltagshandlungen, wobei nicht das Ergebnis, sondern der Prozess – das Tun selbst – zum zentralen Ausdruck wurde. Bedeutend war nicht das Artefakt, sondern das Ereignis.

  1. Kunst in einer Zeit der Institutionen wie Museen, Theater, Film und Schulen

So sehr sich Fluxus gegen den etablierten Kunstbetrieb richtete, so sehr war es doch auf ihn angewiesen – zumindest als Resonanzraum. Denn die 1960er-Jahre waren geprägt von wachsender Institutionalisierung des Kulturellen: Theaterhäuser, Museen, Filmarchive und Kunsthochschulen entwickelten sich zu Hütern des Kanons, zum Speicher gesellschaftlicher Selbstbeschreibung. Fluxus versuchte, diese Räume zu unterwandern – durch absurde Aktionen in Konzerthallen, durch ironisierte Vorlesungen an Universitäten, durch das bewusste Spiel mit bürgerlichen Erwartungshaltungen. Dennoch: Auch der Protest braucht eine Bühne, um überhaupt gehört zu werden – und selbst Subversion braucht gelegentlich einen Türöffner in Form von Aufführung, Buch oder Film. Fluxus wirkte im Kontrast zur Institution – aber eben nicht außerhalb von ihr.

  1. Konnte Fluxus nur deswegen existieren, weil es sich der Dokumentation sicher war?

Der größte Widerspruch von Fluxus liegt in der Tatsache, dass es zwar das Flüchtige, das Unwiederholbare, das Momenthafte zum eigentlichen Gehalt erklärte – und sich dennoch von Beginn an selbst dokumentierte: in Partituren, Fotografien, Filmen, Kassetten, Boxen und Flyern. George Maciunas, der organisatorische Kopf der Bewegung, war nicht nur Anti-Institutionalist, sondern auch ein genialer Archivar. Man könnte sagen: Fluxus wusste um seine eigene Vergänglichkeit – und sicherte sie gleichzeitig ab, um überhaupt Wirkung entfalten zu können. Vielleicht konnte Fluxus nur so radikal ephemer sein, weil es die Möglichkeit der Erinnerung einkalkulierte. Denn was vergeht, ohne dokumentiert zu werden, vergeht auch ohne Spuren – und nichts widerspricht dem Kunstsystem mehr, als spurlos zu sein.

Bastian Kienitz: TAUROMAQUIA DE NAVAS DEL MADRANO

(dt. Stierkampf von Navas del Madrano)

der rote Mond auf deinen leisen Lippen
ist eine Sonne bruchscharf schräg am Fell
du hast mich ausgeweidet, leergetrunken
im ersten Akt der Szene wunder Punkt

Beton gerührt und Kreide ausgegossen
mit Öl gemischt und schwarzem Brückenteer
der auseinanderbrach als wir Staub schluckten
im roten Regen alter Winterschwäche

jetzt taut man auf und schwitzt schweißbadend Lunge
im Happening Electric De‘-coll/age
der Adler fliegt die Sense | Katastrophe

Raum contra Müll und Schnee, der leider fehlt
um eine Abfahrt in das Licht zu wagen:
mors certa, Tod an einem Nachmittag…

Bastian Kienitz: 7000 Eichen

Flu wie fluide Mauern, die durchbrechen
den Stadtpark in zwei Hälften: Raum und Zeit
das Wachstum in den Mittelpunkt zu rücken
ich denke an Natur und fühl mich frei

den Baum als erstes in mein Herz zu schließen
klopft tropfend Regen durch den Blätterwald
und Wundersamen: Worte, die mir fehlen!
wenn alles Naturell natürlich bleibt

es war einmal ein Flügel, der jetzt kracht
bis er die Flügel FLUXUS wiederfindet
Ton wird geschliffen, bis dort nichts mehr ist

als Staub, Flut und Gezeiten in der Kunst
sich selbst entfesselt weiter zu bewegen:
ein Satz führt dieses Haiku ins Gebet…

Andreas Prucker: Luxus oder Fluxus

Bodega = bin oft dumm ein großer Arsch.
Ich muss ja nur noch mich ernähren.
Oh Mensch und Gewalt, im Index deiner Gefühle.
Trägst nun High Heels für Statuserweiterungen
und bist befreiter vom evolutionären Programm.
Nur dein Schubladendenken raubt dir dieses freie sein,
da wir uns ja alle selbst darin sprachlich bewusst hinein zwängen,
wie man als Mensch mit Luxusproblemen zu sein hat.
Sozial diffamierend und in Spenden Gewalt kaschierend.
Was man an humaner Selbsternährung halt so braucht.
Ich habe jetzt ein Punkt für ein genaues auftreten erreicht
und politisch geistig glaube ich falsch gewählt,
königliches fatalistisches rettet mich.
Doch leider.
Bin oft dumm ein großer Arsch.

Jasper Nicolaisen: Grönland

Ich bekräftige meinen anspruch
auf grönland
die berge
den schnee
die sprache
die schlecht gelaunten einwohner
den brennenden himmel
am morgen
die lage
auf dem weg
von beinahe überall
nach so gut wie nirgends
das trotzige verschwinden
björk
die heißen quellen
fünfzig poeten
auf hunderttausend einwohner
die fleischklößchen im möbelhaus
ich beanspruche es sehr
ich bin die seltenste aller erden
ich lege mich überall hin
ich entdecke auf langbooten amerika
ich exportiere töpferwaren
bis nach indien
ich habe die höchste depressionsrate der welt
ich habe einen eigenen tango
grönland grönland
über alles
über alles in der welt
blüh im glanze meines glückes
kleines grönland
ich verlange nicht viel
nur einen der unwichtigeren nobelpreise
vielleicht medizin
ich bin ein passabler herzchirurg
oder wirtschaft
come on
königliche akademie
von grönland

*atombombengeräusche*

https://archive.org/details/j-nicolaisen-gronland