Janika Wehmann: Unglück

Warum heißt Unglück „kein Glück“, Unschlitt aber nicht „kein Schlitt“, sondern Talg/Tierfett? Könnte man das Bedeutungsprinzip nicht tauschen? Ich benenne dich, Unschlitt, um in „nicht vegan“ und dafür gibst du mir mein Glück zurück? Nein, ein unzumutbares Angebot? Na gut.

Das Unglück kann man auch anders umschreiben: Strafe, Pech, Chaos. Das klingt leider immer noch leidvoll, negativ und unglücklich.

Wie wäre es hiermit: das Unglück im Sinne von besonderen Umständen, Kraft der Natur, Leben im Moment.

Dann ist ein Unglück, wenn es lebensweltbezogenen Unterricht auf der Straße gibt (weil das Klassenzimmer wegen eines Wasserschadens nicht betreten werden darf).

Dann sind majestätische und glitzernde Wellen ein Unglück (weil sie von einem Tsunami ausgelöst wurden).

Dann ist das aufmerksame Betrachten des Löwenzahns, der sich aus dem Asphalt bahnt, ein Unglück (weil man zu spät merkt, dass einem gerade ein abgeschossenes Raketenteil auf den Kopf fällt).

Alles halb so schlimm also? Mit der Macht der Worte das Unheil unsichtbar machen? Wir wissen ja, was es in der Sprache nicht gibt, das gibt es auch im echten Leben nicht.

Ach herrje, vor lauter Sinnieren habe ich das Glas umgeworfen und das Wasser hat sich über meinen Unglückstext ergossen. So ein Malheur. Das kam ungeheuer unerwartet. Denn die (ungelungene) Pointe bleibt nun ungelesen. So ein Glück

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