Als der Forschungsantrag bewilligt worden war, suchte die Institutsleitung nach einer geeigneten Person, die das Projekt durchführen sollte. Die Wahl fiel auf mich. Ich dachte ja, dass man mich ausgesucht hatte, weil ich so schlau sei, weil ich den Ruf eines erfahrenen und geschickten Wissenschaftlers hätte oder einfach wegen meiner wirklich sehr schönen Wimpern. Aber nein. Ich bekam den Auftrag, weil ich als einziger am Lehrstuhl Gummistiefel besitze.
Ende Juli fuhr ich also los und machte mich auf die Suche nach der Ursuppe. Nach jener schleimigen, stinkenden, brodelwarmen und mit organischen Molekülen gesättigten Brühe, aus der einer Hypothese nach alles organische Leben entstanden ist. Danach sollte ich suchen – und zwar auf dem Wacken-Festival.
Der Regionalzug, den ich genommen hatte, um Geld zu sparen, kreuzte zickzack durch Norddeutschland. Der Lokführer hatte versehentlich die Landkarte verkehrt herum gehalten, so dass wir eine höllische Verspätung hatten. Die Sonne brannte vom Himmel, die Klimaanlage gehörte zur Gen Z und machte gerade ein Sabbatical. Doch zum Glück konnte man in den alten Waggons noch die Fenster öffnen. Ich saß also in einer milden Brise und hatte die Füße auf den Sitz gegenüber gelegt. Außer mir saß nur noch eine alte Dame im Großraumwagen und zwar direkt nebenan.
»Sie sollten die Füße nicht auf den Sitz legen!«, ermahnte sie mich. Nun ja, das wusste ich natürlich, aber irgendwie war in der Hitze mein Verstand angeschmolzen und ich spürte in mir einen rebellischen Instinkt erwachen, der mich quasi gegen meinen eigenen Willen dazu zwang, auf nichts und niemanden zu hören und mich an keine Regeln zu halten. Die beste Attitüde für ein krachspießiges Heavy-Metal-Festival übrigens.
»Kümmern Sie sich bitte um Ihre eigenen Angelegenheiten«, giftete ich zurück.
»Na, sie werden schon sehen…«, orakelte die Dame.
Und als hätte sie’s bestellt, schoss eine Möve zum Fenster herein, packte meine weißen Leinen-Slipper mit dem Schnabel und war schon wieder draußen.
»Sehen Sie? Die Biester haben gelernt, erbeutete Luxus-Accessoirs gegen Pommes- und Eis-Tüten zu verticken, wussten Sie nicht, nicht wahr?«
Na fabelhaft, dachte ich, und ich habe kein zweites Paar Sommerschuhe eingepackt…
Wenig später stand ich also in kniehohen schwarzen Gummistiefeln am schattenlosen Bahnsteig und blinzelte im grellen Licht, um den Shuttle-Bus zu finden.
Das Festival-Gelände war trocken wie eine chilenische Salzwüste. Zelte, Bierstände, Wohnmobile, Metal-Typen und Camping-Möbel lagen herum wie ein Haufen europäischer Giftmüll, der hier illegal entsorgt wurde.
Anstelle bis zur Hüfte im Schlamm zu versinken, watschelte ich also in den zwei Nummern zu großen Wattpuschen über festgebackene Agrar-Ödnis. Und entwickelte dabei allmählich großen Hunger. Zufällig sah ich in der Nähe eine Imbissbude und stolperte gleich dorthin.
»Einmal drei, bitteォ, stammelte ich komplett auf Autopilot wie immer, wenn mein fränkischer Körper dringend eine Tankfüllung Bratwurstbrötchen brauchte.
»Hammwanich. Gibt immer nur eine.«
»Wie? Warum? Was hätten Sie stattdessen?«
»Auf der Tafel steht das alles geschrieben: Vogel, Hochzeit, Leber, Wurst, Brot, Bohne, Brenn…«
Ich sah auf, beschattete meine Augen mit beiden Händen und erkannte, was da vor mir auf dem trockenen Boden stand: Ein Soup-Truck.
Nun gut. Also ein Pott Einmal-Alles mit Jedem. Die Suppe schmeckte prima, aber sie war scharf und heiß. Mir brach der Schweiß aus allen Poren, und als die freundliche Frau fragte, ob’s noch ein Kaffee sein dürfe, tauchte ich fluchtartig hinter dem dichten Wall aus Bierdosen, der die wogende Menschenmenge umgab, unter.
Über das Gelände wanderten merkwürdig träge Staubwirbel wie bekiffte Wirbelstürme, zu allem Überfluss hatte ich, damit ich unter all den schwarz beklufteten Langhaarigen nicht allzu sehr auffiel, eine lange schwarze Lederkutte gewählt, um darunter meinen weißen Laborkittel zu verstecken. Aber zumindest mein Magenknurren übertönte jetzt nicht mehr die dröhnende Musik von einer Schwermetallbühnen.
Als ich weiter schlurfte, bemerkte ich ein seltsames Geräusch. Eine Art Schmatzen oder Saugen. Wie das Geräusch, wenn man einen Eiskaffee mit Sahne mit dem Strohhalm fast zu Ende geschlürft hat und nur die allerletzte Pfütze am Boden des Glases vergeblich Widerstand leistet.
Ich blieb stehen und sah mich um. Nichts. Als ich aufs Geratewohl in die Richtung losging, wo ich das Geräusch vermutet hatte, begann es von Neuem. Es schien von allen Seiten zugleich zu kommen und war immer genau dort am lautesten, wo ich gerade hinging.
Naja. Das war natürlich auch kein Wunder. Denn nach etlichen Stunden auf diesem verwüsteten Gelände, hatte sich tatsächlich eine Ursuppe gebildet, und zwar in meinen Gummistiefeln. Wie in einer antiken Parabel hatte ich mein Ziel erreicht, ohne zu wissen, wie nahe ich ihm die ganze Zeit gewesen war. Wissenschaftliche Magie pur!
Und wie ich mich so unter den Konzertbesuchern umsah: irgendwie hätte man da gleich darauf kommen können, dass alles höhere Leben vom Saft in einem Paar überhitzter Gummistiefel abstammt. Es gilt eben immer noch: die einfachsten Erklärungen sind immer die besten.
Kategorie: Glosse
Janika Wehmann: Unglück
Warum heißt Unglück „kein Glück“, Unschlitt aber nicht „kein Schlitt“, sondern Talg/Tierfett? Könnte man das Bedeutungsprinzip nicht tauschen? Ich benenne dich, Unschlitt, um in „nicht vegan“ und dafür gibst du mir mein Glück zurück? Nein, ein unzumutbares Angebot? Na gut.
Das Unglück kann man auch anders umschreiben: Strafe, Pech, Chaos. Das klingt leider immer noch leidvoll, negativ und unglücklich.
Wie wäre es hiermit: das Unglück im Sinne von besonderen Umständen, Kraft der Natur, Leben im Moment.
Dann ist ein Unglück, wenn es lebensweltbezogenen Unterricht auf der Straße gibt (weil das Klassenzimmer wegen eines Wasserschadens nicht betreten werden darf).
Dann sind majestätische und glitzernde Wellen ein Unglück (weil sie von einem Tsunami ausgelöst wurden).
Dann ist das aufmerksame Betrachten des Löwenzahns, der sich aus dem Asphalt bahnt, ein Unglück (weil man zu spät merkt, dass einem gerade ein abgeschossenes Raketenteil auf den Kopf fällt).
Alles halb so schlimm also? Mit der Macht der Worte das Unheil unsichtbar machen? Wir wissen ja, was es in der Sprache nicht gibt, das gibt es auch im echten Leben nicht.
Ach herrje, vor lauter Sinnieren habe ich das Glas umgeworfen und das Wasser hat sich über meinen Unglückstext ergossen. So ein Malheur. Das kam ungeheuer unerwartet. Denn die (ungelungene) Pointe bleibt nun ungelesen. So ein Glück
Theobald Fuchs: Wenn die Zukunft mit voller Absicht am Wartehäuschen vorbeifährt
Jetzt hatten sie schon so lange über das Wesen der Zeit nachgedacht, dass es langsam echt Zeit wurde. Für eine Antwort, wie und was das alles, woher sowieso, die Leute waren schon recht ungeduldig geworden.
Mit immer neuen Ausreden waren DIE DORT dahergekommen, hatten wirres Zeug geredet, um Zeit zu gewinnen. Dass es ein beträchtliches, also ein echt arschschwieriges Problem sei, hatten SIE gesagt, alleine wenn man daran dächte, wie mörderkurz die Gegenwart sei, jammerten SIE, eigentlich nur der Bruchteil eines Moments und dazu davon noch ganz viele, weil ja jeder Ort im Universum ein eigenes Hier und Jetzt habe, also sei man mit unendlich vielen Gegenwarten konfrontiert, klagten SIE, was per se keine schöne Situation sei, und dann auch noch der Druck von der Straße. Leute, die fordern, endlich die Wahrheit mitgeteilt zu bekommen, Leute, die nicht länger warten wollen. jetzt Ergebnis her, aber zack! Sonst Schluss, es reicht, ihr hattet genug Zeit.
Unterm Strich, global betrachtet keine einfache Gemütslage. Umso erstaunlicher, dass es dann doch noch klappte, das mit der Antwort, dass also wirklich DIE DORT die Lösung fanden, alles erklärt werden konnte, komplett in Einklang mit dem Dings, der Relativität, nicht wahr? Und dem Trick mit den Uhren, mit der Urzeit ohne サhォ auch – muss man gar nicht weiter ausführen, weil das ja automatisch folgt, wenn man die Lösung kennt.
In einem Wort: Wahnsinn! Die Lösung verblüffte alle. Wegen ihrer Einfachkeit mit サkォ zum einen, das war kaum zu glauben, wie simpel, dass da vorher, also vor DENEN niemand darüber gestolpert war, aber na gut, manchmal findet man ja selber etwas nicht, und am Ende sitzt du auf der Fernbedienung. Und andererseits – was war das nochmal, jetzt muss ich selber nochmal kurz nachdenken, Moment… ach ja, die Lösung ließ sich absolut verständlich in unter einer Minute erklären, als ob es ein Nichts wäre, aber das hatten wir schon, genau.
Und zum anderen wurde klar, dass wir es halt auch schon immer gewusst hatten, bloß halt nicht kapiert, dass das so ist. Dass man wirklich soo lange auf dem Schlauch stehen kann – geschenkt. Auch zwei Mal wegen mir. Aber eigentlich hätten DIE DORT schon etwas früher darauf kommen können, ich meine, wie stumpf kann man sein? Niemand wartet gerne. Da sind SIE wirklich in der letzten Sekunde rübergekommen mit Brauchbarem, arschknapp. Aber jedenfalls hat sich diesmal das Warten echt gelohnt, mega Hammer die Auflösung, wirklich echt. Soderle, und ich muss jetzt wirklich weiter, Tschaui!
blumenleere: hitzerisse
& so, also, lautet die geschichte, wie wir zu wasser kamen, & zwar naemlich gerade als die sengende hitze einer gnadenlos unbarmherzigen sonne & das knirschen zwischen unseren schier erbaermlich panisch klappernden zaehnen unsere ausgedoerrten maeuler mit senkrecht aufkreischender verzweiflung bestrich & uns, beinahe, hinweg ueber die wanderduenen des unertraeglichen – sprich: der indifferenten wueste des todes … – gen nirwana – eine fata morgana …? – trieb: da, ja, da rief uns ploetzlich meine mutter rein, indem sie uns mitteilte, die sandkastenzeit waere nun wohl oder uebel vorbei & wir sollten uns besser einen schluck klaren nasses goennen, uns unserer dreckigen klamotten entledigen & den schatten der wohnung linderung & die notwendige basis fuer eine regeneration unserer kraefte entziehen, statt drauszen gleich raeudigen hunden unter wogen schmutzigen staubs zu krepieren. ach, & weil unsere sonst durchaus relativ nennenswerten widerstaende gegen erwachsene machtausuebungen & anweisungen jedweder art mitterweile leider fast vollkommen vertrocknet waren, gehochten wir, kaum murrend, & stillten unseren durst, brav & untertaenig & gierig, am heimischen busen beziehungsweise herd …
blumenleere: burnin‘ ur furniture may lead to a celebration of life
schlag das haus auf, die wohnung. darin prothesen, dir, laut massenwahn, deine mehr bis minder alltaeglichen taetigkeiten zu erleichtern, sowie semistationaere aufbewahrungsbehaelter fuer kuenstliche abgelegte haeute & allerlei zeug, dessen scheinbare notwendigkeit deiner blanken unfaehigkeit entspringt, dich den umstaenden & dir begegnenden ereignissen ohne ein pathologisches horten von vorsichtsmasznahmen & gegengiften zu unterwerfen: du, also, verstellst dir den raum mit pervers geknechtetem material – wider seine natur mit viel aufwand zum vermeintlichen stillstand gezwungen –, seinen wandel verdraengend, abnutzungserscheinungen verfluchend … aber, wieso, nur, wo dir doch klar sein muesste beziehungsweise sollte, dass seine erosion dadurch zwangslaeufig beschleunigt wird, nutzt du es denn dann, um ruecksichtlos darauf zu liegen, sitzen, speisen, scheiszen, kopulieren? willst du in einer zeitkapsel vor dich hinvegetieren, dich in deiner nahezu grabkammer dem quirligen leben entziehen & dir die luft zum atmen von letztlich primaer industrieware rauben lassen, die das, was du zuhause nennst, mit seiner widerlich sperrigen anwesenheit verseucht …?
blumenleere: schwaermerisch zertret‘ ich allzu klebrige schwaermereien …
eine muse: eine muse scheint irgendwas –beziehungsweise ein konkreter mensch – & zwar irgendwo zwischen katalysator – beschleunigung kreativer prozesse – & transistor – verstaerken inspirierender impulse – zu sein, ferner jedoch mitunter gar selbst das der so dringend kultur schaffen wollenden persona akut fehlende gegenstueck darzustellen, welches letztere unbedingt & quasi zwingend benoetigt, um pittoresk ueber sich hinauszuwachsen & in einem mehr oder minder euphorischen flieszen sie berauschende werke hervorzubringen, die sie fuer gut genug haelt, sich vor sich & anderen mit ihnen zu schmuecken – & das vielleicht blosz deswegen, weil ihre unsicherheit solch enorme ausmasze annimmt, dass sie, sofern niemand auszer ihr verantworlich waere, fuer ihr schaffen, sie sich, von erbarmungslosen zweifeln zerfressen, nicht aus ihrem schneckenhaus wagen wuerde? eine gefaehrliche allianz, ganz unabhaengig dessen, denn es manifestiert sich in ihr ein streben gen totale abhaengigkeit & sobald das ueberhoehte wesen sich rar macht, ungnaedig agiert oder verschwindet, was dann? ich fuer mich & meinen teil favorisiere dahingegen & daher nach wie vor eher den kompromisslosen, koerper, geist & psyche laeuternden waldgang – & verabscheue opportunismus, hinternkuessen, infantile schulterschluesse –: die sublime einsamkeit – eins mit allem, im oestlichen sinne …? – des anarchen – maennlich, weiblich, divers et cetera … – in memoriam ernst juenger & max stirner: voila!
blumenleere: den leeren tischen & gestaden
trachte verschwenderisch nach ueberopulenten & -kandidelten trachtenpersiflagen,
auf dass diese deine dann pseudotrachten explizit nach einer dich auszerordentlich schmerzhaft vertrimmenden tracht pruegel trachteten, da du die bestehenden ordnungen kategorisch erstarrter konservativer trachtenvereine gezielt in neumodische un- & umordnungen hinein zu stuerzen suchst … eine frage, also, der blickwinkel, der weltanschauungen & perspektiven: der einen freud, der andren leid – wandel kontra bestaendigkeit. & waeren wir dem i-ging naeher als dem blanken faschismus unsrer scheinheiligen, verlogenen bibeln & vermeintlich in granit gemeiszelten, in ihren hoechst ambivalenten umsetzungen elitaere blasen behuetenden & die relativ armen mehr & mehr zermalmenden scheiszgesetze, wuerden uns – dem salz der erde …? – ganz flugs mal hier die steine von den augen rollen & wir saehen klarer, unablaessig uns veraendernd, die metamorphosen des chaos, deren inkonsistente schaumspitzen wir auch sogleich schon bildeten.
Maria Fischer: Ordnung und Unordnung
Als ich mit dem Blick flüchtig von meinem Rad auf den Boden traf,
entdeckte ich verzückt ein einsames gepinseltes Herz. Unter seiner
blutroten Schicht schimmerte tiefer, klebschwarzer Teer. Wohl ein
kreativer Geist zauberte dieses unerwartete Liebessymbol auf die
trostlosen schmutzigen Teerflecken. Von Kopf wie Fuß auswärts,
strichen noch Tropfen des damals heißen Teeres auf einem kurzen
Weg. Blutrote wie tiefschwarze Fahrradspuren verliefen
geradedurch Richtung Nord und Süd – von frischer Farbe.
Plötzlich fiel mir die Ordnung in unserem Herzen ein.
Frische Verletzungen im Herzen. Aber auch frische Liebesfreuden
senkrecht durchs Herz. Verteilt in unserem Körper, Geist wie Seele.
Diese Spuren bescheren uns Unordnung, alles ist
durcheinandergewirbelt, sobald das Herz liebt oder schmerzt. Doch
manchmal braucht es diese Wirbel um wieder eine Grundordnung zu
bekommen.
Wie sagt man doch so schön: „Du hast in meinem Herzen Spuren
hinterlassen.“
Nun liegt es an dir selbst, was macht man mit diesem Durcheinander?
Ignorieren oder daraus Lernen, Genießen und dankbar Sein?
Letztendlich bestimmt es jeder für sich selbst. Sobald du diese
frischen Spuren im Herzen spürst, lebst du. Es ist so gesehen das
sicherste Zeichen, dass du am Leben bist. (Wenn man den Herzschlag
und die Atmung ausklammert.) Jeder nimmt diese (Un-) Ordnung auf
eigene subtile Weise wahr. Es ist ein Geschenk des Universums an
das Leben. Auch wenn es sehr scharf stechen wie tief schmerzen
kann – es hört irgendwann auf wehzutun. Alles geht vorbei.
Es ordnet sich im Leben alles zu seiner Zeit. Den Zeitpunkt
bestimmen dabei nicht wir. Doch können wir es uns so erträglich wie
möglich gestalten. Wir verbringen zum Beispiel jeden Tag Zeit damit,
Ordnung in unser Haar zu bringen.
Nur wie sieht es mit unserem Herzen aus?
In diesem Moment begebe ich mich als „stiller Beobachter“ an die
Spitze des zerfahrenen Herzens. Demütig betrachtend. Es ist so
wichtig, langfristig darin Ordnung zu haben, um ganz einfach
„glücklich“ zu sein. Es bestimmt, wie du dich fühlst und somit wie du
lebst. Wie du liebst. Ob du lachst? Wie achtsam sind wir mit dem
Gleichgewicht zwischen Unordnung und Ordnung in unserer
Gefühlshochburg? Deine innere Harmonie ist aufgeräumt, wenn du im
wahrsten Sinne des Wortes mit deinem Herzschlag lebst und liebst.
Ein hilfreicher praktischer Kompass ist nur dein Eigenes ebenso wie
einmalig. Jederzeit verfügbar und immer ehrlich.
Es ist dein Bauchgefühl, deine Intuition. Gleich ob du dich
entscheiden willst, wer für dich gut ist oder wer dir eher schadet
und Energie raubt. Dein Bauchgefühl ist dein Geschenk seit deiner
Geburt und solange du lebst. Nutze es, niemals wird es dich verraten.
Das Leben ist ein Geschenk mit all seinen Facetten. Seien es
Teerspitzenflecken, rundrote Liebesreifenspuren oder tiefgraue
Gefühlsabdrücke. Alles hat seinen Sinn in der Ordnung wie
Unordnung. Wir nehmen – wohl auch ziehen wir – mit unserem Herzen
an, wie ein Magnet. Schließlich setzt der Bauch ein. Du kommst ins
Handeln und hörst auf dich selbst. Dann wird alles gut und wenn es
noch nicht gut ist, bist du noch nicht an deinem Ankerplatz im Hafen
deines Lebens angekommen.
Ella:r Gülden: Vom Urlauben
Die Holländer:innen auf Campingplätzen überall in Italien oder in Westfrankreich, in der Lüneburger Heide und an der kroatischen Adria, und die Engländer:innen in ihren Ferienhäusern auf der anderen Seite des Ärmelkanals, wo sie bruchstückhaft „Frrançais“ sprechen und „Crroissant“ und „Pain“ au chocolat reinfressen. Oder an der Nordostsee Fischbrötchen mit Bismarckhering, ja der mit den fünf Bällen spielt..
Naja und selbst die deutschen Urlaubsfreund:innen wollen häufig dorthin, wo das Essen interessant schmeckt, das Gras anders grün ist und die Badegewässer etwas klarer sind, oder wärmer, oder kälter
Oder die Berge höher…
-als in und um
Sonneberg (i. Thüringen) …
Sonniger ist es aber in Offenburg, Pforzheim, Karlsruhe, Kempten im Allgäu und Freiburg im Breisgau
Dacia datsche Fliegenklatsche
In Schland sind die Erdbeeren auf den Selbstpflückfeldern auch schon reif, manchmal gibt es neben diesen ein Labyrinth aus
Stroh
Und zum Zwetschgendatschi am Sommersonntag die Waldmeisterinnenbrause.
Kirschkernausspucken vielleicht manchmal und Himbeerenbärem
Besser als Ballaballa’rmann?! Wasserball und Frisbee am Baggerseeufer, Aufblasflamingo, Schlauchboot und der Spaß hat kein Sommerloch
Manche oder viele bleiben ja jedenfalls auch zuhause, „Urlaub auf Balkonien“ haha, wer kennt’s nicht? Terrasien klingt nicht so attraktiv, oder vielleicht Wintergartien?!
Und warten dann drauf, dass sie die Übergangsjacke endlich zum Wintermantel hängen können und die Eisdielerin durchgehend öffnet
Und die kühlschrankkalte Fruchtbowle steht dann bald bereit, mit den Ananas- und Bananenförmigen Eiswürfeln, und sangria mit dem auch eiskalten Wein und Zimt und an der abwischbar beschichteten Plastiktischdecke hängend diese lila Trauben und grünen Äpfel zum Beschweren, falls ein Sommersturm aufkommt
Für’s extremere Sichbewegen gibt’s auch bereits früher im Jahr die Sommerfrischler:innen, – die, die Anfang Mai schon bei elf Grad Wassertemperatur ihre jünger als sie gebliebenen Stahlkörper in den Voralpensee getaucht haben
Um sich unverbraucht, neu, vital und einfach kühl zu fühlen
PS: Kaltbaden ist ansonsten ja auch das geupdatete, krassere Kneippen für die jüngeren Immunboostaffinen
Und gar allen geben die gelbe Sau oben im Himmel und der lau-sachte Sommerwind hier unten Auftrieb um grundsatzentspannt und fit zu werden als auch zu bleiben für die bald lebenslange Lohnarbeit
Carsten Striepe: Flaschenpost
Gesellschaftskritik ist ein Lifestyleprodukt. Nicht mehr als ein schickes Accessoire von Akademiker:innen jeglicher Coleur, das sie vor sich hertragen und begeistert davon erzählen welche tollen Erkenntnisse und Erfahrungen sie im Austausch miteinander gewinnen durften. Stolz präsentieren sie das Unsagbare der Woche ohne die Tragweite überhaupt begreifen zu wollen. Gleich einer Holiday-Experience und einer Afterwork-Session mit den ach so geliebten Kolleg:innen. Ein Glaubensbekenntnis, dass wir dies und jenes erkannt und in uns vernichtet haben, während die ganze Scheiße einfach weitergeht. Und manchmal reicht die Demut gerade noch für ein Bier getränktes Bekenntnis, die immer noch anwesenden inneren Widersprüche anzuerkennen. Aber bald hat man es geschafft. Bald ist man frei vom Widerspruch. Ganz bestimmt. Bald. Und dann?!
Uns ist einiges abhanden gekommen über die Zeit: Die einstige Schlagkraft der Krüppel- und Irrenbewegung, die Antipsychiatrie und Patient:innenkollektive, die autonomen Bewegungen gegen die Zumutungen des Geschlechterverhältnis, sowie die antirassistischen Proteste der 80er und 90er Jahre, selbst die 68er-Bewegung trotz all ihrer Irrwege, Karriereambitionen und Projektionen. Heute sind sie Speaker:innen, Workshopgebende, Lehrer:innen, Pädagogi:nnen, Wirtschafts- und Businessmenschen im Anzug. Sie sitzen in Gremien und Kampagnen, sind promovierte Expert*innen für dies und das, geben schlaue TED-Talks zu wichtigen Themen, sie wissen wie man redet und wie man Menschen für sich gewinnt, sie überzeugen in der Kommunalpolitik und auf Bundesebene, machen Expertisen-Beratung, reden über Sustainabilty und SDGs. S-D-Gs! Echte Macher eben. So hört zumindest jemand zu – was er oder sie hört und daraus schließt ist nicht weiter von Belang. Was daraus folgt – egal, denn es geht um das Bekenntnis! Ein Workshop hier und da. Für das höhere Ideal! Für die gute Sache! Für die einfachen Botschaften! Mehr als Harmonie ist nicht drin.
War das erklärte Ziel nicht die Abschaffung des entfremdeten Tuns und Machens, des Kategorisierens, des Labels und der Etiquette? Eine radikale Kritik der Zurichtung eines jeden Subjekts? Gegen alles was scheiße ist? Nieder mit den Palästen? Eine Welt frei von Zwang und zweckgesteuerten, instrumentellen Beziehungen? Die Bezugnahme aufeinander radikal verändern und neudenken? “Alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen” …und so weiter und so fort? Antiquiertes Geschwätz, für das sich kein Absatzmarkt am sogenannten Meinungskorridor mehr findet. Die heiklen Themen werden ausgespart, weil jemand die Meinung aus gänzlich anderen Gründen teilen könnte, der uns nicht gefällt. Diskussionen um emanzipatorische Belange sind nicht weiter von Wissensaustausch und schmerzhafter Bereicherung durch Widerspruch geprägt, sie sind zum Austausch von Bekenntnissen verkommen. Es wird abgeklopft ob die Person gegenüber den Standpunkt teilt. Wenn nicht, lohnt sich keine weitere Auseinandersetzung. Der Unterschied von Argument und Standpunkt verschwimmt.
Seit Herbst letzten Jahres ist nichts mehr wie es war. Zu verschieden die Verschiedenheit. Zu heimelig und bequem die Gedanken, die zum Einfachen führen. Brechts “Das Einfache, das schwer zu machen ist” scheint noch weiter in die Ferne gerückt als je zuvor. Da sind nur noch anonyme Schützengräben aus denen geschossen wird. Das Lob auf Selbstkritik ist nichts wert, wenn sie nicht verstanden, geschweige denn kollektiv eingelöst wird. War bis zu diesem Tag immer weit entfernt von jetzt. Was wenn die autoritäre und konformistische Rebellion das letzte bisschen vom Tellerrand der Gesellschaftskritik kratzt und sich einverleibt? Wo sind die Unterschiede im Suchen nach dem greifbaren Bösen in der Welt? Wie schafft man die Gehirnakkrobatik sich selbst aus der Kritik auszuschließen und dem Wahn – die eigene Gewordenheit in all dem Ekel ignorierend – verfällt? Wie viel Pragmatismus ist nötig bis zur völligen Selbstaufgabe? Was bleibt da übrig als angepasste Selbstvergewisserung und Klarheit der einfachen Worte? Vernichtung statt Verneinung ist schön – sie tut uns ja nicht weh, nur den anderen. Innere Konflikte werden beiseite gestellt und suchen eine Leinwand zur Projektion auf der stellvertretend Schlachten geführt werden. Dabei muss und wird doch sowieso alles kurzüber in Flammen stehen.
Wo kämen wir da hin wenn Gesellschaftskritik weh tun würde? Sie muss angenehm serviert werden auf einem buntem Porzellanbett, von dem wir jedes Wort schlürfen solange es uns schmeckt. Geh mir weg mit Gewordenheit, Zurichtung und Verhältnissen! Hört mir auf mit dieser Beharrlichkeit! Sei konstruktiv – auch wenn du dir nicht ausgesucht hast hier zu sein! Bitte nicht zu kompliziert, es soll ja auch jeder verstehen und mitkommen können. Klassismus wider Willen, dem Unverstandenen keine Chance einzuräumen bevor es verstanden werden kann. Klar, hier und da ein Begriff der uns suggeriert es sei von Relevanz. Wir brauchen Reichweite – sonst lohnt es sich nicht. Kritik muss sich aber lohnen sonst ist sie nichts wert. Wenn sie das soll, ist sie dann nicht vielmehr ihr Gegenteil? Ich habe noch nie davon gehört, dass einfache Antworten komplexe Probleme gelöst hätten.
Vor Jahren laß ich in einem Gedicht: Dialektik sei es tagsüber rote Flugblätter zu verteilen und abends schwarze Gedichte zu schreiben. Ist es noch Dialektik wenn letzteres zu überwiegen droht?
Allmählich ziehe ich ernsthaft in Erwägung ans Meer zu ziehen. Wenn wir schon dem Untergang geweiht sind, wünsche ich mir die Flaschenpost wenigstens am Strand lesen zu können.