Carsten Stephan: Mit Bleyweis vermiſchet und allerley angelegt

Vermiſchet man den Zinnober
gebuͤhrender maſſen mit Bleyweis,
ſo giebt er eine Leib-Farbe, und

werden damit angelegt allerhand
nackende Bilder, alle Berge,
Waͤlder und Schloͤſſer, ſo in der

Ferne liegen, auch allerley
rothbleiche Luft.

Vermiſcht man den Indig mit etwas
Bleyweis, ſo kan man allerhand
blaulichte Tuͤcher, Harniſche,

blaue Wein-Beere, dunckel-blaue
Kleider, Wolcken und Blumen
damit anlegen und ausſchattiren.

Macht man ihn aber noch heller
und ſetzt noch mehr Bleyweis dazu,
ſo wird damit allerley hell-blaue

Luft, die Berge, ſo in der Ferne
liegen, allerley hell-blaue Blumen,
das Waſſer, hell-blaue Kleider,

Schiefer-Daͤcher und dergleichen
Dinge mehr angelegt.

Es werden mit dem Lac, wenn er
mit etwas Bleyweis vermenget,
allerley Kleidungen, die roͤthlichten

Wein-Beere, die rothen Striche in
der Luft, die rothen Wangen der
ſchoͤnen Jungfrauen und kleinen

Kinder, das Kinn, die Knieſcheibe
und die Zaͤhe, allerley rothe
Vorhaͤnge, Roſen, rothe Krauts-

oder Kohl-Haͤupter, das Fleisch,
ſo den erzuͤrnten Kalekutiſchen
Haͤhnen uͤber den Schnabel haͤngt,

und noch viel unzehliche andere
Sachen mehr angeleget.

Carsten Stephan: Berliner Blau zu machen

Muͤhlos und ergetzlich

Nimm friſches Rinds-Blut, mach es in
einem groſſen Tiegel bey ſteten umruͤhren
wohl trocken, daß es glaͤntzend und im
reiben koͤrnig wird. Weinſtein, Salpeter,

von jedem 3. Pfund, ſtoſſe jedes a part
groͤblich. und miſche von einem jeglichen
die Helffte in einer groſſen Schuͤſſel
zuſammen, fuͤlle damit einen Topff und

detoniere es darinne, wenn es nicht ſtarck
mehr rauchet, ſo nimm es mit einem
eiſernen Loͤffel heraus, und verwahre es
bis zum Gebrauch an einem warmen Ort.

Des getrockneten Bluts und dieſes alcaliſchen
Saltzes anderthalb Pfund, miſche es wohl
unter einander, fuͤlle damit einen Schmeltz-
Tiegel wohl eingedruckt, was nicht hinein

gehet, wird nachgetragen, wenn es ſich ein
wenig geſetzet, ſetze den Tiegel auf ein
ſtuͤckgen Ziegel in einen von Backſteinen
aufgeſetzten Ofen, und lege rings herum

kleine Kohlen, den Tiegel aber decke mit
einer groſſen zu, blaſe das Feuer an, und
wenn die Kohlen uͤber und uͤber gluͤen, ſo
halte es eine gute Stunde in dieſem grad,

hernach fahre mit einem eiſernen Stilo
hinein, und ſtich in die Mitte etliche Loͤcher
hinein, doch zerſtoſſe den Tiegel nicht, und
wenn ſich keine Flamme mehr auf den

Loͤchern zeiget, ſo hebe den Tiegel aus,
und gieſſe das Saltz in ein warm gemachtes
eiſern oder irden Gefaͤß, trage es nach
und nach in einen Topf darinnne 7. Pfund

laulichtes Waſſer iſt, ſetze ihn ans Feuer,
ruͤhre es wohl um, und wenn es wohl ſiedet,
ſo hebe es weg, und filtrirs durch ein Tuch,
darinn ein Bogen Maculatur Papier liegt.

Engliſchen Vitriol ein halb Pfund calcinire
ihn roͤthlich, wiege davon anderthalb Loth,
dieſe koche in zwey Pfund Waſſer, und
wenn es geſotten, wird es filtrirt. 3. Pfund

reine Alaun, 13. Pfund Waſſer, ſetze es ans
Feuer, wenn es bald ſieden will, und die
Alaune meiſtens ſolviret iſt, ſo trage ein
Quentgen klein geſtoſſene Concinellen

darein, ruͤhre es wohl unter einander, und
laß noch einmal aufſieden, hernach durch
ein Tuch lauffen in den Topf, darinne die
Solutio Vitriols aufbehalten iſt, davon

ſchoͤpffe mit einem Noͤſſels-Toͤpffgen zwey
mal, und von der Saltz-Lauge einmal in
einen geraumen Topf, ruͤhre es wohl unter
einander, gieſſe es auf ein ausgeſpantes Tuch,

trockne es etc.

Carsten Stephan: Gespräch im Herbstwald

„Sieh, mein Liebster, all die Bäume,
Die im Sonnenlicht erstrahlen.
Einzig um der Schönheit willen
Taten sie sich bunt bemalen.
      Ach, die Welt ist voller Zauber!“

„Meine Kleine, hier weicht Stickstoff
Nur zurück in Stamm und Äste.
Und es bleiben Farbpigmente,
Dass sich keine Laus dran mäste.
      Darin liegt ja gar kein Zauber.“

„Aber sieh doch, all die Blätter,
Die im Winde niederschweben.
Einzig um der Schönheit willen
Haben sie sich hingegeben.
      Doch, die Welt ist voller Zauber!“

„Blätter fallen nur im Herbste,
Weil der Boden bald gefroren.
Sie verdunsten sehr viel Wasser,
Und der Baum müsste verdorren.
      Darin liegt ja auch kein Zauber.“

„Aber hör doch, all die Vögel,
Die ein letztes Mal noch singen.
Einzig um der Schönheit willen
Lassen sie ihr Lied erklingen.
      Doch, die Welt ist voller Zauber!“

„Dieser Vogelsang ist nur ein
Territorialverhalten.
Männchen scheuchen ihresgleichen,
Um so ihr Revier zu halten.
      Darin liegt erst recht kein Zauber.

Aber hör ich deine Stimme
Lispelnd jene Sätze sagen.
Und dann seh ich deine Schnute,
Der mein Wort will nicht behagen.
      Darin liegt ein großer Zauber!“

Carsten Stephan: Nachlasspfleger Volker Naake

Stirbt wer einsam, pflegt den Nachlass
Naake, braucht kein’ Dr. jur.,
Aber Herzblut und natürlich
Bunges Möbelpolitur.

Er putzt auch die Silberlöffel,
Staubt die Bücher ab konform,
Setzt sich in den Ohrensessel,
Dass die Kuhle bleibt in Form.

Des Verstorbnen dritten Zähne
Wollen nachts ins Wasserbad,
Tags der Krückstock auf den Gehsteig,
Droh’n dem Knaben auf dem Rad.

Äußerlich ist nicht die Pflege,
Sieht man hier, auch ideell.
Flott ertönt der Plattenspieler
Mit einhundert Dezibel.

Spielt Soldat am Wolgastrand er,
Ist Herr Naake obenauf,
Und in schönen grauen Schlüpfern
Frischt er Nachlassstreifen auf.

Hält die Uniform in Ordnung,
Eisern Kreuz am bunten Band.
All das zählt nun endlich wieder,
Weil’s des Glückes Unterpfand!

Carsten Stephan: Brückenbauer Blunskes prima Perspektive

Manchmal geht er über Brücken ohne Blick,
Manchmal sieht er einen wunderbaren Strick.
Manchmal möchte er Sprengmeister sein,
Manchmal stürzt auch eine Brücke selber ein.

Manchmal scheint sein Werk sehr gut zu gehn,
Manchmal hat er ein paar Pfeiler übersehn.
Manchmal ist er schon am Morgen blau,
Und dann grölt ein Lied er übern Bau.

Nur noch sieben Brücken und dann gehn,
Sieben Jahr zur Rente überstehn.
Sieben Jahr streich ich nur Asche ein,
Aber dann herrscht Südseesonnenschein.

Manchmal spuckt er auf den dicken Briefumschlag,
Manchmal hasst er einen jeden Brückentag.
Manchmal wirft er sich beinah vom Kran,
Manchmal Steine auf die Autobahn.

Manchmal tobt er durch das Baubüro,
Manchmal hockt er stumm im Dixieklo.
Manchmal trägt er seidene Dessous,
Manchmal sagt er: Jetzt ist aber Schluss!

Nur noch sieben Brücken und dann gehn,
Sieben Jahr zur Rente überstehn.
Sieben Jahr streich ich nur Asche ein,
Aber dann herrscht Südseesonnenschein.

Carsten Stephan: Kraut ahoi!

(Audiobeitrag wird nachgereicht)

Früher schlangen die Matrosen
Sauerkraut, das scheint euch klar,
Weil sie Vitamine brauchten.
Aber das ist gar nicht wahr.

Denn kein Mensch braucht Vitamine,
Das sind Märchen, seid nicht dumm.
Es genügte Wind in Segeln
Und in Kehlen reichlich Rum.

Ging der Rum einmal zur Neige,
Kam es schnell zur Meuterei.
Gab es eine lange Flaute,
Rief man nur: Zum Kraut herbei!

Bald schon bliesen da die Winde,
Und sie rochen sehr apart.
Und sie blähten alle Segel,
Und man setzte fort die Fahrt.

Durch die Kraft des Krautes machte
Der Koloss von Rhodos schwapp.
Mit ihr fuhr man gar in Gizeh
Einer Sphinx die Nase ab.

Ist auch euch nach Abenteuern,
Bleibt dem Sauerkraute treu.
Hisst auf euerm Bett das Laken,
Und dann heißt es: Kraut ahoi!

Carsten Stephan: Kindergartenclown Steve Markus

Nase rot, Orangenbommeln,
Keiner von den feinen Herrn,
Sondern Steve schuf unsre Kita,
Er hat uns zum Fressen gern.

Steves Ballons sehn viele Kinder,
Hören Rummelplatzmusik,
Schweben hoch bis in den Himmel,
Stevie ruft noch: „Kindlein, flieg!“

Schöne Spiele spielt er mit uns,
Auch im grünen Ödland hier:
Berghotelgast, Bullengürtel,
Boote basteln aus Papier.

Und wenn es ganz dolle regnet
Und das Wasser schnell und tief,
Auf die Straße unsre Boote!
Aus dem Gully winkt uns Steve.

Und er lacht und ruft sehr laut dann:
„Eure Wettfahrt nun beginnt
Mit den großen Lastkraftwagen!“
Dabei stirbt schon mal ein Kind.

„Macht doch nichts!“, sagt Stevie immer.
Doch wir Kinder finden’s doof.
Denn wir müssen es begraben
Auf dem Kita-Tierfriedhof.

Ist das Kind dann auferstanden,
Riecht’s nach Hamster statt Persil,
Folgt uns stets mit Küchenmessern.
Kennt es denn kein andres Spiel?

Auch schon tot, doch gut gebadet,
In der Wanne, unser Schwarm:
Stevies Ma spielt mit uns Fangen,
Nimmt uns gerne in den Arm.

Ja, wir lieben Stevies Kita,
Die ist super, doch nur bis
Er aus seinen Büchern vorliest:
Tausend Seiten – das macht Schiss!

Carsten Stephan: Was läßt sich über Möbel sagen?

Mit Goldsmith keine Pleite schieben

Adrett, allerliebst, anmutig, ansehnlich,
ansprechend, anziehend, apart, appetitlich
(Küche!), berückend, etwas Besonderes,
bildschön, blendend, brillant, duftig,
delikat, echt, eindrucksvoll, einnehmend,
einmalig, einzigartig, elegant, elfenhaft,
entzückend, erhaben, exquisit, charmant,
fabelhaft, fantastisch, fein, fehlerfrei,
fesch, flott, formvollendet, ganz groß,
gefällig, gewinnend, graziös, herb,
herrlich, hinreißend, hübsch, ideal,
imposant, jugendlich, klar, klassisch,
köstlich, kräftig, kühn, künstlerisch,
lebendig, leuchtend, lieblich, mächtig,
mondän, nett, niedlich, patent, pfundig,
pikant, prachtvoll, prächtig, raffiniert,
rank, rassig, reif, rein, reizend, sauber,
schick, schmissig, schmuck, schnittig,
schön, stattlich, stilvoll, strahlend,
sympathisch, tadellos, traumhaft,
vollendet, vornehm, wirkungsvoll,
wohlgeformt, wohlgestaltet, wunderbar,
zauberhaft, zierlich.

Nun darf man über eine Aufzählung
dieser Art nicht einfach hinweglesen,
so geht es nicht, das muß man sehr
aufmerksam in sich aufnehmen und
versuchen, jeden Begriff auf ein bestimmtes
Möbel anzuwenden. Erst, wenn dieses
gelungen ist, befreit man sich von den
stehenden Redewendungen
formschön modern preiswert.

Carsten Stephan: Möbelmäkelei

Nach Prof. Walde

Die Kommode ist ein Kastenmöbel, welches
seinen Namen nicht mit Unrecht trägt. Früher
stellte man die Kommode auf hohe Füße,
während jetzt die Schubkasten bis fast auf
den Fußboden reichen, so daß man sich bei
ihrer Benutzung zu sehr bücken muß; deshalb
ist die Kommode von heute nicht mehr so
„commode“ als ehedem.

Unter der seltsamen Bezeichnung „Vertikow“
versteht man einen Schrank oder Behälter
von zierlichen Formen zur Aufbewahrung
wichtiger oder wertvoller Gegenstände,
Kostbarkeiten, Nippes u. drgl. Der Name
soll herrühren von dem ersten Verfertiger
dieser Art von Schränken, die zumeist an
die Stelle der „Glasschränke“ unserer
Voreltern getreten sind. Von dem durch
das Eindringen des neuen Stiles veranlaßten
Umschwung der Dinge ist auch das Vertikow
nicht verschont geblieben; der moderne Stil hat
ihm das Urteil gesprochen, und dies lautete auf
Verbannung.

„Wandschrank“ ist eine wenig glückliche
Bezeichnung für ein an der Wand hängendes
Schränkchen von geringer Ausdehnung. Denn
auch der große Schrank steht jemals kaum
anders als an der Wand. Der Unterschied ist
in der Größe und darin zu suchen, daß jener
hängt und dieser steht. Der Name wird uns
erklärlich, wenn wir wissen, daß man früher
unter Wandschrank einen in der Wand
befindlichen Schrank verstand. Die Sitte,
Nischen in der Wand vorzusehen und
dieselben mit Türen zu verschließen, ist
nur langsam, erst seit der Gotik verdrängt
worden durch die Einführung beweglicher
Holzschränke.

Der Schreibtisch war ein Tisch, ehe er zu
dem heute oft so umfänglichen Schrank
wurde. Der Schreibtisch von heute hat
so gewaltige Ausdehnung angenommen,
daß zur Ausfüllung der Schränke und
Schubkasten schon ein ganzer Papierladen
erforderlich sein würde; daher bilden seine
Gelasse gewöhnlich entweder das Familien-
archiv, oder sie dienen als Bücherschrank.
Denn so viel Schreibwerk hat kaum der
Schriftsteller von Beruf, daß er die
Verschlüsse alle damit füllen könnte.

Mit dem undeutschen Namen „Salontisch“
bezeichnet man landläufig den meist für
Empfangsräume bestimmten, aber darin
ziemlich überflüssigen Tisch. Denn nur
die Gewohnheit läßt uns einen Raum ohne
größeren Tisch als unfertig möbliert
erscheinen; nimmt man diesen oder jenen
Luxusgegenstand, ein Buch, eine schöne
Bedeckung der Platte aus, so hat der Tisch
im Empfangszimmer nichts zu tragen,
infolgedessen auch keinen oder doch nur
den Zweck, daß man daran oder in seiner
Nähe Platz nehmen kann; ebensogut kann
man aber auch anderswo Platz nehmen, da
im Empfangszimmer weder gespeist, noch
gearbeitet oder gelesen wird. – Von der
früher so beliebten runden, ovalen oder
vieleckigen Form des Tischplattes macht
man neuerdings wieder gern Gebrauch.
Der runde Tisch hat den Vorzug, kein Unten
und Oben, kein Links und Rechts zu haben;
die von ihm gebotenen Plätze sind völlig
gleichwertig, es gibt keinen bevorzugten
Platz, keinen Rang am Tische, jeder Platz
ist Präsidentenplatz.