Es begann nicht mit einem Trick, auch nicht mit einer Kiste, und vor allem nicht mit einem Schloss, das nachgab – es begann mit einem Zittern, das keiner sah, mit einem Blick in den Spiegel, der nicht zurückschaute, und mit dem dumpfen Gefühl, dass das, was alle Welt bewunderte, vielleicht nur die Hülle war für etwas, das sich langsam zersetzte, Tag für Tag, in der Stille nach dem Applaus.
Er war der Mann, der sich aus allem befreite – und keiner fragte, was ihn dazu brachte, sich überhaupt fesseln zu lassen. Harry Houdini, geboren als Erik Weisz, wanderte nicht nur aus der Alten Welt in die Neue, sondern auch aus der Welt des Sichtbaren in eine Welt, die nur er kannte, eine Welt aus Luftmangel, Adrenalin, aus dem ständigen Drang, sich zu übertreffen, sich selbst zu schlagen, nicht aus Ehrgeiz, sondern aus Angst – Angst davor, dass niemand merkt, wie sehr er selbst daran zweifelte, ob das, was er sah, was er fühlte, was er vorführte, je wahr gewesen war.
Denn jedes Mal, wenn er in Ketten lag, jede Sekunde, in der das Wasser über ihm zusammenschlug, war nicht nur ein Kampf gegen den Tod, sondern gegen das Verstummen in ihm – gegen diese eine Stimme, die nie schrie, sondern immer nur flüsterte, mit sanfter Grausamkeit: Du bist nicht genug! Du warst nicht genug! Du wirst nie genug sein!
Und so ließ er sich einsperren, wieder und wieder, nicht weil er glaubte, dass es ein Entkommen gab, sondern weil das Entkommen ihm für einen Moment ein Echo schenkte – das Echo der Menge, das Rauschen des Applauses, dieses süße, kurzlebige Beben, das seinen Körper durchfuhr wie eine Droge, die keine Euphorie schenkte, sondern Erleichterung – für Sekunden, nicht mehr, denn schon im nächsten Atemzug wusste er, dass es nicht reichte.
Er war süchtig, ja, aber nicht nach Ruhm – süchtig nach dem Augenblick vor dem Verschwinden, nach dem Moment, in dem das Schloss klickte und die Welt stillstand, süchtig nach der Grenze zwischen Sein und Nichtsein, wo das Bewusstsein dünner wurde als Papier, wo alles in ihm zitterte, vibrierte, schwankte – wo er, für den Bruchteil einer Ewigkeit, nicht Künstler war, nicht der Sohn eines Sohnes eines Sohnes, kein Betrüger im eigentlichen Sinne, nicht Prophet, sondern einfach nur: da.
Doch sobald das Licht zurückkam oder der Sauerstoff und der Jubel dem Staunen der Menschen wichen, fiel es wieder auf ihn zurück, das Gewicht der Selbstinszenierung, die Einsamkeit desjenigen, der keine Rolle mehr spielen kann, weil er längst zur Rolle geworden ist – und so wurde jedes neue Kunststück ein Fluch, jede neue Sensation ein Beweis, dass der letzte Applaus schon wieder verklungen war.
Er sprach von Wahrheit, jagte wagemutig Scharlatane, zerriss die Schleier des Spiritismus, als könnte er sich selbst beweisen, dass es jenseits des Sichtbaren nichts gab – nichts außer dem, was man sich erarbeitet hatte, gespiegelter Zentimeter für Zentimeter, eingesogener Atemzug für Atemzug – und vielleicht tat er es, weil er selbst längst nicht mehr wusste, ob er real war, ob es ihn außerhalb der Bühne gab, außerhalb des Fluchs, sich jeden Tag wieder aus sich selbst befreien zu müssen.
Denn da war etwas in ihm, das nicht verschwand – eine Ahnung, dass all die Zuschauer nicht wegen der Flucht kamen, sondern wegen des Leids, das er nie zeigte, aber das durch seine Adern brannte wie der kalte Griff der Handschellen – sie wollten sehen, wie weit ein Mensch sich treiben lassen kann, wie tief er tauchen muss, bevor nichts mehr zurückkehrt.
Und so ging er immer weiter, baute Kammern, die fast tödlich waren, ließ sich kopfüber aus Fenstern hängen, kletterte in versiegelte Särge, als wolle er die Grenze herausfordern, den Tod verhöhnen, nur um heimlich zu hoffen, er möge endlich kommen, still, ohne Applaus, ohne Erklärung – ein letzter Trick, ohne Rückweg.
Als der Schlag dann aber in seiner finalen Form kam, war er müde. Vielleicht hätte er ihn abwehren können, vielleicht war es Zufall, vielleicht auch nicht – in Wahrheit hatte er den Kampf schon lange begonnen, lange vor dem ersten Trick, lange vor der ersten Bühne, dort, wo der Junge mit den leeren Taschen stand und spürte, dass er nur dann gesehen wurde, wenn er verschwand.
Er starb nicht, weil er scheiterte – er starb, weil er zu lange glaubte, dass es genügte, sich zu befreien, solange das Publikum zusah. Doch niemand befreit sich aus sich selbst – diese Form der Kunst ist den Illusionisten nicht gegeben.
—
Doch das ist vielleicht das Dunkelste an seiner Geschichte: dass ein Mann, der dem Tod unzählige Male die Tür vor der Nase zuschlug, am Ende daran zerbrach, dass niemand sah, wie sehr er jeden Tag ertrank – nicht im Wasser, sondern in sich.
Er war der Letzte, der entkam – und der Erste, der wusste, dass Flucht keine Rettung ist, sondern nur eine andere Form von einer Kette, die irgendwann spannen würde, sodass er zwangsläufig stolpern musste.
Schlagwort: sprecher verena schmidt
Bastian Kienitz: Schwere Steine
auf den schweren
Feldern der Stadtluft
sinkst du hart
wie ein Stein
in den Boden
um zwischen dem
Gehweg und Kanten
zu winkeln || Licht
Bastian Kienitz: Der alte Mann und das Meer
Er fuhr hinaus, seit Wochen ohne Glück
und wie ein altes Lied bewegte sich das Meer
mal stumm, dann wieder stürmisch und zurück
auf Festland bleibt sein Boot bescheiden, leer.
Von nichts lebt es sich wahrlich nicht zu Mund
und dieses Unglück kommt auch nicht von ungefähr
so sagt man sich und gibt so allem einen Grund.
bis er den größten Fisch an seiner Angel hat
und dieser Fisch ist Wurzelwerk, die See und
bis zu seinem Ende – er und eines Endes statt…
Alexander Rachmann: Seines Unglückes Schmied
Das Wiedersehen, das aufwühlt.
Der erste Kuss, der enttäuscht.
Der Heiratsantrag nach einem Streit.
Die Versöhnung ohne Veränderung.
Das Ankommen, ins unaufgeräumte Wohnzimmer.
Der große Traum, den man hat.
Die stille Natur, in der niemand ist.
Die Karriere, die Freunde kostete.
Der Ausbruch aus allen Zwängen, der im anderen Zwang endet.
Andreas Dietz: Glück und Unglück im April
Der Goethe reimte einst im März
beim Weine abends diesen Scherz:
„Den ersten April musst überstehn,
Dann kann dir manches Guts geschehn.“
Das mag so sein, doch gilt es nicht,
falls Unglück tritt ans Tageslicht.
Und auch bei Gutem hüte dich!
Das Schicksal wütet fürchterlich.
Auf jedes Gute folgt das Bös‘
und umgekehrt. So generös
das Schicksal einen Ausgleich will.
Das gilt besonders im April.
Andreas Prucker: Dialekt
Dialekt ist eine Bewusstseinseinschränkende Sprache und fürht zu ausbleibenden Chancenverwertung und so zum nicht verwirklichen können vieler Möglichkeitsformen.
David Telgin: Su schwädzemer
(So sprechen wir)
Oma,
die sprach es
Und die Mutter
verstand es
Doch ich kenne
nur noch wenige Wörter
Dialekt,
der verschwindet.
Su schwädzemer
auf Hochdeutsch.
Christian Knieps: Die Grumbeere
Wenn man in der Eifel aufwächst oder auch nur lange genug dort verweilt, um nicht mehr nur Besucher, sondern Teil einer kratzigen, widerständigen Sprachlandschaft zu werden, dann bemerkt man irgendwann, oft erst beiläufig und dann mit wachsender Zuneigung, dass die Kartoffel dort nicht einfach Kartoffel heißt, sondern Grumbeere, ein Wort, das wie ein Fundstück aus einer älteren Erdschicht der Sprache wirkt, rau, rund, ein wenig verschroben, und doch so selbstverständlich im Mund derer liegt, die es benutzen, als habe es nie etwas anderes gegeben, als sei es immer schon genau dieses Wort gewesen, das zwischen Acker und Küche, zwischen Keller und Kochtopf, zwischen Kindheit und Erinnerung hin und her wanderte und dabei eine leise, aber beharrliche Identität formte, die sich nicht aus großen Erzählungen speist, sondern aus der täglichen Wiederholung kleiner, scheinbar unbedeutender Benennungen.
Denn Dialekt, und das zeigt sich an kaum einem Gegenstand so deutlich wie an der Kartoffel, ist weniger eine Abweichung vom Hochdeutschen als vielmehr ein Gedächtnis der Regionen, ein Speicher aus Lauten, Bildern und Bedeutungen, in dem sich Klima, Boden, Geschichte und soziale Nähe abgelagert haben, sodass die Grumbeere in der Eifel nicht nur eine Knolle bezeichnet, sondern zugleich die Erinnerung an steinige Felder, an mühseliges Auflesen, an Vorratskeller, in denen der Winter wie Erde und Keimlingen roch, und an Küchen, in denen einfache Gerichte den Rhythmus des Jahres mitvollzogen, während in anderen Gegenden Deutschlands, etwa wenn von Erdapfel, Grundbirne, Potaten oder Knollen gesprochen wird, jeweils andere Landschaften, andere Arbeitsweisen und andere kulturelle Selbstverständlichkeiten in die Sprache eingesickert sind, ohne dass man sie noch eigens benennen müsste.
So wird die Kartoffel, dieses unscheinbare, globale, millionenfach reproduzierte Nahrungsmittel, im Dialekt plötzlich wieder lokal, verletzlich, ortsbezogen eigen, weil sie ihren industriellen Namen verliert und stattdessen in eine Wortform schlüpft, die nicht aus dem Lateinischen oder Französischen stammt, sondern aus dem Mundwerkzeug einfacher Leute, die tastend, hörend, erlebend und verformend ein Wort an ihre eigene Wirklichkeit angepasst haben, bis aus der fernen patata eine Grumbeere werden konnte, deren Klang schon das Unregelmäßige, Erdige und Unperfekte in sich trägt, sodass man beim Aussprechen beinahe meint, die schiefe Form der Knolle selbst auf der Zunge zu spüren und die leichte Sprödigkeit der Schale zwischen den Zähnen zu hören.
Interessant ist dabei weniger die etymologische Korrektheit dieser Wörter als ihre emotionale Topografie, denn wer Grumbeere sagt, sagt fast immer mehr als nur Kartoffel, er sagt Kindheit, Herkunft, Zugehörigkeit, und er sagt es oft ohne sich dessen bewusst zu sein, während der Hochdeutschsprechende zwar verstanden wird, aber doch immer ein wenig wie ein Besucher klingt, der den Ort korrekt beschreibt, ohne seine Gerüche zu kennen, sodass sich im Dialektwort eine soziale Nähe bündelt, die nicht argumentiert, sondern voraussetzt, die nicht erklärt, sondern einlädt, und die in einem scheinbar banalen Substantiv einen ganzen Mikrokosmos von Erfahrungen aufruft, der sich gegen Vereinheitlichung sperrt, gerade weil er so unspektakulär daherkommt.
Vielleicht liegt darin auch die stille Widerständigkeit der Dialekte, dass sie nicht in Manifesten auftreten, sondern in Küchengesprächen, nicht in Parolen, sondern in Einkaufszetteln, auf denen Grumbeere steht, wo Kartoffeln gemeint sind, und dass sie gerade dadurch den globalen Tendenzen zur sprachlichen Glättung etwas entgegensetzen, das nicht donnernd, aber beharrlich ist, weil jedes Kind, das dieses Wort hört und übernimmt, eine kleine Linie der Kontinuität weiterzieht, ohne es zu merken, und damit eine Form von kulturellem Gedächtnis stabilisiert, die nicht archiviert, jedoch gelebt wird, die nicht bewahrt, sondern benutzt wird, und die gerade im täglichen Gebrauch ihre Legitimation findet.
Am Ende zeigt die Grumbeere, wie sehr Dialekt weniger ein Sonderfall der Sprache als ihre eigentliche lokale Basis ist, denn hier wird nicht normiert, sondern geformt, nicht verwaltet, sondern ausprobiert, und während das Hochdeutsche die Kartoffel in ein überregionales System einordnet, das Verständigung ermöglicht, aber Eigenheiten nivelliert, hält der Dialekt sie fest in einem Netz aus Lauten, das so eng mit Ort und Alltag verknüpft ist, dass man die Knolle kaum nennen kann, ohne unbewusst auch die Landschaft mitzubenennen, aus der sie stammt, sodass jedes Dialektwort letztlich ein kleines Archiv der Welt ist, in der es entstanden ist, und die Grumbeere damit nicht weniger als ein essbarer Beweis dafür wird, dass Sprache immer auch Boden unter den Füßen ist.
Christian Knieps: Gon
Allister McAllister bekam an einem sonnigen Mainachmittag ein Päckchen zugestellt, in dem er ein schmales Heftchen fand – wenn man es denn so nennen möchte, da es kaum mehr als eine lose Blattsammlung zwischen zwei alternden Klappdeckeln war –, und kaum, dass er die oberste Seite des Textes auch nur zu lesen begonnen hatte, war er in einer Welt gefangen, die ihn Zeit seines Lebens nicht mehr loslassen sollte: Gon.
Noch nie zuvor in seinem Leben hatte Allister McAllister von diesem Wort gehört, nicht mal in seiner Arbeit als Historiker war ihm dieses Wort untergekommen. Doch nun lag es vor ihm, und mit jeder Seite, die er verschlang, drang er tiefer und tiefer in die Welt des Gon ein, bahnte sich einen Weg durch das tiefe Wesen dieses einen Wortes und gelangte auf die andere Seite, weit entfernt von der hiesigen Welt der Gelehrsamkeit, weit entfernt von der heutigen Welt der Allwissenheit durch das Internet. Er befand sich auf der anderen Seite der Welt, ganz gleich, von wo er aus seinen Ursprungspunkt festlegte.
Dort, auf einer scheinbaren Insel, landete Allister McAllister am Strand, an dem das sanfte Meer anbrandete, und mit jedem Schritt wurde der Sand fester und fester, und als er den ersten leichten Hügel erklommen hatte, sah er in eine vor ihm liegende, geschützte Ebene voller Fruchtbarkeit hinein, durch die trotz des dichten Urwalds eine kleine Straße wand, die nur von Menschenhand angelegt worden sein konnte. Das Urvertrauen in seinen Körper spürend, ging er einige Schritte voran, den leichten Hügel hinab, und erreichte die Straße. Sich nach allen Seiten umblickend, wunderte er sich, dass er hinter sich das Meer nicht mehr hörte, sondern nichts; es herrschte vollkommene Stille.
Er war jetzt ein Wa, ein Lehrling des Gon, die Stufe, in der die Menschen beginnen, sich über die Welt im Allgemeinen und ihre Umwelt im Speziellen zu wundern. Die kleinen Dinge beginnen aufzufallen, nicht die großen, weltbewegenden, sondern die Nuancen, die Schattierungen, und nicht selten fällt es dem Einzelnen schwer, sich gerade auf diese Details zu konzentrieren, insbesondere, wenn er aus einer Welt kam, in der das große Ganze das Allheilmittel jeden Zusammenhangs zu sein scheint.
Plötzlich spürte er auch, trotz seines festen Schuhwerks, den sandigen Boden unter seinen Füßen, vernahm Unebenheiten und kleine Einsenkungen, begann, einzelne Sandkörner zu spüren, und hätte sich vielleicht sogar in diesem Spüren verloren, wenn er nicht aufgemerkt hätte. Er sah auf und vor sich jene Straße, die nun nicht mehr unendlich tief in den weiten Urwald führte, sondern einer Linienstruktur folgte, die zwar nicht symmetrisch, aber auf ihre Weise rhythmisch war.
Allister McAllister blieb stehen, um die neue Entwicklung zu verstehen, denn es lag in seinem Wesen, die Dinge in seiner Umgebung nachzuvollziehen und zur Gänze verstehen zu wollen. Daher war er an die Universität gegangen und dort geblieben, hatte sich stets dafür interessiert, was hinter der nächsten Frage steckt, die man stellen kann, solange zu einem bestimmten Thema, bis alle Fragen geklärt sind – auch wenn er selbst wusste, dass dieser Zustand niemals erreicht würde –, aber was macht das schon, solange man sich versucht, auf dieses Ziel hinzubewegen?
Doch hier, auf dieser Insel, hinter sich die Brandung, unter sich die einzelnen Sandkörner, vor sich die unrhythmisch rhythmische Straße durch den Urwald, der dann doch kein Urwald war, schien es keine Fragen mehr zu geben; es war ganz, als ob die Fragen hier, an diesem einsamen Ort auf der Welt – war er noch auf dieser Welt? – ein Ende finden. Hier finden alle Fragen ein Ende! Das dachte Allister McAllister und ging mit einem weiten Schritt in Richtung des Herzens der Insel, sah mit jedem weiteren Schritt, wie die sich unrhythmisch rhythmisch schlingende Straße sich geradezog, wenn er dorthin kam, und er ging und ging weiter fort, tief hinein in den Urwald, der zu einem lichten Wald wurde, dann zu einer Allee, und schließlich, als nur noch eine gerade Linie von Bäumen eine unendlich scheinende, gerade Straße säumte, da vernahm er mit einem Mal eine Melodie in seinem Ohr. Diese Melodie war ihm völlig unbekannt, so etwas hatte er noch nie gehört, und just in dem Moment, in dem er verstand, dass es die Musik der Natur war, die einzigartige Musik der allumfassenden Natur, da wurde er zum Ra und gelangte damit auf die dritte Stufe des Gon. Nun war er ein Gon-Wa-Ra und ging als wissender Meister die gerade Allee mit der geraden Baumreihe entlang, die so gar nichts mehr mit dem Urwald und der Sanddüne und dem anbrandenden Rauschen des Meeres gemein hatte, das er zuvor erlebt hatte.
Urplötzlich, als käme es aus dem Nichts und auch für Allister McAllister völlig unerwartet, endete die Baumallee und es blieb nur die Straße. Doch auch die endete bald schon und es blieb nur die Umgebung, die mit jedem weiteren Schritt eintöniger und eintöniger wurde, bis sie in einem einzigen Farbton war – einem melangierten Braun, in das alle Farben zusammenlaufen. Alsdann verschwammen auch noch die Konturen und nach den Konturen verblasste das melangierte Braun, wurde heller und heller, und nach einer Weile des Vorangehens – auf welchem Grund? – gelangte der Gehende an den Punkt, dass er im konturlosen Weiß stehen blieb. Er stellte sich nicht die Frage, auf was er stand, ob er Luft atmete oder nicht, ob das seine Gedanken waren oder nicht – denn es hatte keinen sonderlichen Wert, diese Gedanken zu haben. Es hatte gar keinen Sinn, auch nur irgendeinen Sinn zu suchen in dieser Welt, in dieser Nichtwelt, in die Allister McAllister kam, um zu etwas zu werden, was sich Gon-Wa-Ra-Ta nennt und ein Gona in der Welt des Gon ist, die letzte Stufe der Erkenntnis. Somit blieb er stehen und begriff, unabhängig von seinen Nichtgedanken, dass er am Ende seiner Reise angelangt war, die von der losen Blattheftsammlung ausging und an diesem Ort hier endete.
Genau in diesem Augenblick des Erkennens beendete er seine Reise, gelangte zurück in die Welt, aus der er verschwunden war, sah sich an dem Ort um, an dem er sich befand, bemerkte die Vielzahl an Farben, Konturen, Geräuschen und Gerüchen – und alles war ihm irgendwie übertrieben und unwichtig. Allister McAllister war als Gona in eine Welt zurückgekehrt, die er nicht mehr verstehen konnte, aber die er vor allem nicht mehr verstehen wollte. Und so beendete er diese Reise mit dem Wissen, dass vieles verborgen liegt und dass nur sehr wenig davon von den Menschen entdeckt wird. Was für eine Verschwendung der menschlichen Talente! Diesen Satz sagte er immer und immer wieder zu sich selbst, erkannte in der Welt ein Übermaß an Verschwendung und wurde zu so etwas wie ein Eigenbrötler, der sich immer mehr in die Welt des Gon zurückwünschte, auch wenn er ahnte, dass er nach seiner Erleuchtung niemals wieder zurückkehren würde.
David Telgin: Familie II
Die Idylle
trügt
Was verbirgt sich
hinter der Fassade?
Wie viel Streit
und Leid?
Familie
Das war
einmal.