Carsten Stephan: Nachlasspfleger Volker Naake

Stirbt wer einsam, pflegt den Nachlass
Naake, braucht kein’ Dr. jur.,
Aber Herzblut und natürlich
Bunges Möbelpolitur.

Er putzt auch die Silberlöffel,
Staubt die Bücher ab konform,
Setzt sich in den Ohrensessel,
Dass die Kuhle bleibt in Form.

Des Verstorbnen dritten Zähne
Wollen nachts ins Wasserbad,
Tags der Krückstock auf den Gehsteig,
Droh’n dem Knaben auf dem Rad.

Äußerlich ist nicht die Pflege,
Sieht man hier, auch ideell.
Flott ertönt der Plattenspieler
Mit einhundert Dezibel.

Spielt Soldat am Wolgastrand er,
Ist Herr Naake obenauf,
Und in schönen grauen Schlüpfern
Frischt er Nachlassstreifen auf.

Hält die Uniform in Ordnung,
Eisern Kreuz am bunten Band.
All das zählt nun endlich wieder,
Weil’s des Glückes Unterpfand!

Christian Knieps: Rauchende Schuldscheine


Eine Legende


Ein Mann im besten Alter seines Lebens, gekleidet in feinstem Brokat, golddurchwirkt und edelsteinbesetzt, viel reicher als alle Menschen, die heutzutage leben, und dennoch ist er nur der mächtigste Mann im Raum, jedoch nicht der Allermächtigste, eine Konstellation, die sich so oder so ähnlich vielleicht schon mal ergeben hat, aber niemals in dieser diametralen Ausrichtung – der eine hält einen Großteil der bekannten westlichen Welt in seiner Hand, der andere Mann hält ihn in der Hand. Es ist die Ausgeburt eines aufkommenden Weltalters, dessen Auswirkungen noch bis weit in die heutige Zeit hineinwirken und tief im Kapitalismus Wurzeln geschlagen haben; jedwede Grundausrichtung heutiger Märkte und Marktrealitäten fußt im Kern auf dieser Entwicklung, die sich nicht nur in diesem speziellen Raum, sondern in vielen Ecken Europas ausbreitete und weiterhin ausbreitet.
Im Augenblick aber hält der feine Herr im Brokatmantel eher ein Bündel Schuldscheine in der Hand, gerollt, auf feinstem Papier für die damalige Zeit geschrieben, geschnörkelte Schrift, feinste Kunst, die die Machtverhältnisse, aber vor allem die Abhängigkeiten zementiert. Es wird in diesem Raum und zu dieser Zeit nicht gesprochen – die Zeit des Redens ist längst vorbei – und als Konsequenz dieser Vorbei-Zeit handelt der reiche Mann, kramt in seiner Tasche nach etwas, das alle im Raum zum Staunen bringen wird, und als er drei Zimtstangen hervorholt, wissen die wenigsten der Anwesenden, dass diese drei Stangen der Verdienst eines einfachen Mannes für mehrere Jahre bedeuten, doch der Kenner ahnt, dass diese drei Stangen, die wohl zwischen 12 und 15 Gramm schwer sind, gut eine Golddukate an Wert besitzen – aber pah!, sagt sich der Mann, was ist schon eine Golddukate! Auch der Allerwichtigste weiß, was diese drei Stangen sind und woher der Mann im Brokat sie geliefert bekommen hat – aus den verheißungsvollen Landen im weiten Osten, die von den Venezianern kontrolliert werden –, und als er die drei Stangen an seine Nase hebt, riecht er den fremdländischen, betörenden Geruch des Zimts, dieser vom Stamm des Baums abgeschälten Rinde, die durch kunstbegabte, feingliedrige Hände mehrfach ineinandergelegt und getrocknet wird.
Mit diesen drei Stangen, deren Wert immensen Reichtum darstellt, würzt der in Brokat gekleidete Mann jedoch kein Wasser oder Kaffee oder Tee oder eine Speise, sondern – vermaledeit, er wird doch nicht! Doch, er wird! – er geht zu einer Fackel in der Nähe und hält die drei Stangen direkt hinein, sodass sie gleich Feuer fangen, der starken Trocknung sei Dank. Sie zündeln stark, die Zimtstangen, und kaum, dass sie sich eingebrannt haben und sich eine Mischung aus beißendem Feuergeruch und fremdländischen Sinneseindrücken im Raum verteilt, zieht der Brokatmann seinen Arm nach oben, während er zeitgleich die Hand mit den gerollten Papieren nach unten senkt, bis sie sich vor seinem Bauch treffen und in ein flammendes Meer übergehen. Alle blicken gebannt auf die rauchenden Schuldscheine, die Jakob Fugger eine Weile brennend anstarrt, ehe er zum Kamin an der Seite des Raums tritt und sein Vermögen, das er gerade vernichtet hat, ins offene, knisternde Feuer wirft, als wäre es ein Holzscheit, das den armen Mann auf dem Thron, seines Zeichens Kaiser Karl V., wärmen soll. Dieser Moment wird zur Legende, wie auch die Beziehung dieser beiden Männer zur Legende wird.

blumenleere: ist hungerkunst echt widerstand?!

past, present & future, the shangri-las, singen, nein, sangen die etwa schnurstracks von dem, was ist, was kommt oder doch viel mehr vom verlorenen paradies – our paradise lost –? o, ja! & schon erbluehen dunkle phantasien wie erbsuenden, die uns all die korrupten taten unserer vorfahren auferlegten, in den genen & mittels deprimierender schutthalden, deren fragmentarische natur uns zum hoffentlich – & das zugehoerige nomen starb nicht zuletzt, sondern bereits zuvor – anders wiederaufbauen noetigte. & daher gern ein kurzer exkurs gen geschichte; waren die methoden, mit denen sich wenige menschen auf kosten vieler bereicherten nach geltendem recht nicht zutiefst widerlich? & dennoch mit wenigen marginal nachhaltigen ausnahmen nie eine komplette tabula rasa – ok, ok, die kirche wurde mal ein wenig beschnitten (& vergessen wir nicht unsere franzoesische revolution), ausbeuten lassen wir uns allerdings weiter, nicht lediglich via die nachfahren der damaligen reichen, leider naemlich ebenso durch die aktuelle oppressionselite & statt sie zu koepfen, kuessen wir ihr, dummglaubend, ihre scheisze muesse sicher goldwert etablieren, den ueberfetten, stinkenden arsch, aus absurder angst, das unmoegliche zu verwirklichen & noch tiefer zu sinken. daher vielleicht lieber in der gosse verhungern, als solche kacke zu ertragen & zu fressen!

Bastian Kienitz: THE STOREHOUSE

Vergessen liegt in alten Kartonagen
vergilbt am Grau, dass sich erinnern will
erst war es still, dann hörten wir Licht krachen
nein, eine leere Dumpfheit war es, die

dazwischen Worte suchte, ein Geräusch
das etwas blechern und eintönig klingt
erwacht aus einem hohlen Farbenraum
der monochrom im Geisterhaften steht

nie wieder, hieß das Unscharf aus den Zweifeln
der Bruchstücke, die wie ein stummer Film
vorüberziehen und sich überschreiben

die alte Schreibmaschine macht klick klick
um aus dem Staub den Untergrund zu schlucken
der brach nach Lethe schmeckt im Morgenlicht…

Bastian Kienitz: Pleasantville II

früher: das Monochrom einer gelebten Wahrheit im Dezimalrausch der RÖHREN GLAS OBERFLÄCHE bis zum kleinsten Geräusch hinein auf Nu l l / T o n gestellt und heute: die bewegten Bilder von damals wie ein Déjà-vu aus alten Begebenheiten heraus. es war der Schnee. fällt leise, weil…

Bastian Kienitz: Neujahr

Gestern war er alt, heute ist er älter geworden und sehnt sich
nach den spitzen Zweigen im Wald, dem Anstrich der ihm eben
bei Laune umso bewusster wird. Die Stachelbeeren schmecken
grün sauer und jeder Riss auf seiner Haut liegt aufgebahrt auf
bleichen Knochen und jedes Weinglas, das er trinkt, erinnert ihn
an diese Zweige, in dem er die Kratzer in den Falten bewahrt.

Andreas Prucker: Warum

Tvb7ub9 tollwütiges Tanzhaus Liebe.
6ghu als Aluhut-Aber-glaube einer Vergangenheit, was gegenwärtig weiter bestehen bleibt.
Warum?
Baustelle Kultur ist die Baustelle der Zwänge im tollwütigen Eingriffsraum von verzerrter nicht verstandener Liebe. Ich will eine Eingriffszange für mein Gehirn, damit es sich um 180° drehen kann und ich diese neue Dissonanz in der Welt besser verstehen kann. Schon bekommt der Begriff Zangengeburt ein anderes Gewicht.

AI als authority income wird uns subtil und leise, wie feige zum neuen Aberglaube bewegen und es ist nicht meine Aufgabe als Care Arbeit, dies falsche verstehen von Sprache zu befrieden und zu verhindern ansieht. Ja, Chat GPT als neuen Aluhut finde ich folglich gut.
Ein auflösen von kulturellen Zwängen ist nur dann möglich, wenn ich es über meine Art für mich allein machen kann, was aber in prägender Erziehung kaum akzeptiert wird, da ich mich nicht ganz konform bei Lösungen außerhalb der autoritären Elektronik bewege.

Der kulturelle Krieg als Trieb ist ein manipulativer Eingriff in die Vorstellungen von Liebe und
folglich eine dumme Liebe, oder täusche ich mich und Missstände sollen ja bewusst Missstände bleiben, um damit profitable Geschäftsmodelle, über neue kulturelle Zwänge, als Trend im Zeitgeist über falsch verstandene Sprache zu erziehen.

Wir alle rügen sprachlich alle kriegerische Aktionen und verdienen an politischer sprachlicher Rüstung ungemein dazu und diese kriegerischen Missstände sollen doch deswegen, bitteschön Kriege bleiben.

Ist wie: Das unberechenbare an Trump, ist an den Börsen berechenbarer für neue Gewinne. Also eine schizophrene Welt, die man sich hier erstellt. Man muss nur für sich lernen, damit umzugehen. Somit ist dies alles eine Baustelle von verzerrten Wahrnehmungen, die wir für ein orientieren lieben.

Ja. Die Entfremdung des Menschen von sich selbst nimmt dadurch verstörende Züge an.
Uns Delphine macht es furchtbar traurig, das mitanzusehen.
Ich denke, wir werden euch bald Adieu sagen müssen.

blumenleere: in memoriam novalis


als schwindelnder taumel der tanzenden saiten/erloeschen wir brennend/noch ehe wir sehen/was hinter den bergen & taelern wohl liege/wohin all die stuerme in zukunft uns wehen//& drehen wir rueckwaerts die fastblinden augen/behaupten wir zaghaft verschwimmend konturen/eines heute/laengst gestern/einst morgen gewesen/die stimmen der zeiten/erinnerungsspuren//auch bleibt uns der sand nicht/es leeren sich haende/ach/wirklich/na welche/laengst selbst ja zwischen traeumen verloren//einzig/vergaenglich/zum schwingen des lebens/des augenblicks lupe/durch welchen wir ziehen//