Felix Benjamin: Ausländer

In der zweiten Klasse laufe ich neben meinem Freund Tino die Straße entlang. Wir haben uns gerade das Sams im Theater angeschaut. Auf der anderen Straßenseite sehen wir zwei Jungs in unserem Alter, die sich in einer uns fremden Sprache anschreien und anfangen, aufeinander einzuschlagen. 

„Ich dachte, Ausländer halten immer zusammen,“ sagt Tino. Ich antworte: „Warum? George Bush und Saddam Hussein kämpfen doch auch gegeneinander.“

Felix Benjamin: Traum

„Angebot und Nachfrage, Angebot und Nachfrage“ murmle ich nervös vor mich hin, als der Wirtschaftslehrer das Klassenzimmer betritt. Doch ich habe Glück: Ich werde nicht abgefragt, sondern wir machen Klassenfahrt. In der Jugendherberge teile ich mir ein Zimmer mit Linus Volkmann und nenne ihn Wenzel. 

Wir sitzen auf dem Sofa, trinken Bier und rauchen. Wenzel unterhält sich mit Arne Zank, der uns gegenübersitzt. „Das ist ja Arne Zank!“, denke ich aufgeregt, will mich aber nicht als nerviger Fan zu erkennen geben und rauche still vor mich hin.

Auf einmal sind da aber auch alle anderen Tocos und da muss ich dann doch mal aufstehen und hingehen. Ihre Managerin lässt mich nicht zu ihnen durch und sagt, dass die jetzt leider keine Zeit haben, weil sie professionelle Pressefotos machen müssen. Sie sind alle ganz in schwarz gekleidet.

Jan Müller steht hinter der Managerin und nickt mir freundlich zu.

Felix Benjamin: Filme

In der vierten Klasse dreht sich alles nur noch um den Übertritt aufs Gümminasium. Mama sagt: „Mein Kind geht nicht auf die Hauptschule!“
Was passiert, wenn ich es nicht aufs Gümminasium schaffe?! Bin ich dann nicht mehr ihr Kind?! Das frag ich mich nachts im Bett, lieg deshalb lange wach und komme in der Schule noch schlechter mit.
Mama bringt mich jede Woche zur Frau Göllner. Das ist eine komische Frau, die will, dass ich meine Familienmitglieder als Tiere male und sich dazu Notizen macht.
Ich gehe trotzdem gern zu ihr, weil sie einen Abreißkalender hat, wo jeden Tag ein anderes Filmfoto drauf ist und auf der Rückseite immer eine Inhaltsangabe vom Film steht. 365 Blätter voll Action und Abenteuer. In diesem Kalender darf ich jede Woche schmökern.
Aber vorher muss ich mich immer eine Ewigkeit auf eine Matratze legen und die Augen zumachen. Frau Göllner sagt ständig: „Deine Arme werden schwer, ganz schwer…Deine Beine werden schwer, ganz schwer“ und so weiter.
Niemals, während ich da so liege, wird irgendwas schwer. Nur das Warten darauf, mir wieder den Kalender schnappen zu dürfen, ist schwer.
Ich liege mit geschlossenen Augen rum und male mir all die tollen Filme aus, die in dem Kalender drin sind, und all die noch tolleren Filme, die ich machen will, wenn ich groß bin.
Endlich darf ich die Augen wieder aufmachen, zu Frau Göllners Schreibtisch gehen und mir den Kalender anschauen, bis ich ihn schweren Herzens aus der Hand geben muss, weil Mama mich abholen kommt. Jede Woche das Gleiche.
In der letzten Sitzung schenkt mir Frau Göllner den Kalender. Den kenne ich zwar mittlerweile längst auswendig, nehme ihn mir aber jeden Abend zur Hand, wenn Mama aus meinem Zimmer geht und sagt, dass ich noch Autogenes Training machen soll. Ich wüsste ja jetzt, wie`s geht.
Mein Schlaf ist weiterhin scheiße, aber letztlich schaffe ich es aufs Gümminasium und darf Mamas Kind bleiben.

Felix Benjamin: Reise ins Licht

Du bist noch ein Kind und liegst in deinem Bett. Deine Mama kommt zur Tür rein und sagt zu dir, dass du jetzt endlich das Licht ausmachen sollst. Du fragst, ob sie dann das Licht im Flur anlassen kann, weil du sonst Angst hast. Sie sagt zu dir, dass das nur Stromverschwendung wäre, wünscht dir eine gute Nacht und macht die Tür hinter sich zu. Du rufst sie nochmal zurück.
Du fragst, was sein wird, wenn du mal gestorben bist. Was da dann sein wird, wenn du nicht mehr lebst. Deine Mama sagt zu dir, dass da einfach nichts sein wird. Du antwortest, dass dir das ganz schlimme Angst macht. Und sie erwidert, dass alles irgendwann zu Ende ist, dass das ganz normal ist und man davor gar keine Angst haben muss. Sie wünscht dir nochmal eine gute Nacht und geht aus deinem Zimmer. Du bleibst im Dunklen liegen und hast so große Angst wie noch nie zuvor.
Du versuchst dir das Nichts vorzustellen. Ist das dann für immer so dunkel wie jetzt? Nein, es kann ja nicht dunkel sein, das wäre ja auch irgendetwas. Bist du dann für immer so einsam wie jetzt? Auch nicht, denn um einsam sein zu können, müsste es dich ja geben, und es wird dich nicht mehr geben. Deine Mama hat gesagt, da wird einfach nichts sein. Nichts.
Du hast Angst vor dem Einschlafen. Das ist ein bisschen wie Sterben, denkst du.
Irgendwann bist du offenbar doch eingeschlafen, denn du wachst auf. Du liegst im Dunkeln und hörst deine Mama schreien, du hörst deinen Papa schreien. Du kannst kein Wort verstehen, aber irgendwie hört es sich schlimmer an als sonst. Es kracht und scheppert und klirrt. Du suchst den Lichtschalter neben deinem Bett, doch du findest ihn nicht. Du stehst auf und tastest dich an der Wand entlang, bis du die Tür gefunden hast. Du machst sie auf und findest auch im Flur den Lichtschalter nicht. Du tappst mit deinen nackten Füßen über den kalten Boden durch die Dunkelheit. Du tastest dich an der Wand entlang, immer den Schreien hinterher, bis du das Schlafzimmer deiner Eltern gefunden hast.
Du drückst die Türklinke nach unten und siehst deine Mama neben dem Ehebett stehen. Sie steht da in Unterwäsche und schreit und greift immer wieder wahllos nach Sachen um sie herum, um sie ins Bett zu schmeißen. Sie sieht dich nicht, und du gehst weiter ins Zimmer rein. Du siehst deinen Papa im Bett sitzen, er sitzt da halb unter der Bettdecke und schreit. Er sieht dich, wie du neben ihm am Bettrand stehst, und ehe du dichs versiehst, packt er dich und zieht dich zu sich ins Bett.
Er drückt dich ganz fest an sich, du kannst dich nicht mehr bewegen. Er sagt immer wieder: „Keine Angst, mein Kind, ich beschütz dich vor dieser Nutte, ich beschütz dich vor dieser Hure“. Aber er sagt das nicht zu dir, er sagt das zu deiner Mama, die umso mehr schreit und umso mehr Sachen um sich schmeißt. Er beschützt dich nicht, im Gegenteil, du bist sein Schutzschild. Du kannst dich nicht rühren, du bist gefangen. Du kannst den Sachen nicht ausweichen, die dir entgegenfliegen. Du machst die Augen ganz fest zu, du presst die Lippen aufeinander und hältst die Luft an.
Auf einmal wird alles ganz leicht.
Da wo du jetzt bist, da ist nicht Nichts. Da ist alles, nur Mama und Papa sind da nicht.

Felix Benjamin: Scheitern als Chance

Jetzt ist Erik oben in seiner Wolke und es tut nichts mehr weh. Von hier oben ist der blaue Planet ganz klein und unbedeutend. Klein und unbedeutend ist auch die Spezies, der seine Eltern angehört. Säugetiere, die am Wochenende den Rasen mähen und den Rest der Zeit ihr Reihenhaus abbezahlen. Zwischendurch wirft diese Tierart auch mit Geschirr nach ihrem Nachwuchs, wenn der es wagt, mit den Fingern zu essen. Erik sieht sich diese Welt an wie eine Tierdokumentation. Er sieht seinen eigenen Körper im Keller seines Elternhauses auf dem Teppichboden liegen und an die Decke starren.
Neben seinem Körper steht ein stinkender Wassereimer, in den eine abgeschnittene Colaflasche getaucht ist. Auf der Flasche qualmt glühende Asche vor sich hin. Neben dem Eimer liegt Eriks Rucksack. Der ganze Rucksack ist voller Shit, den Erik heute Morgen auf dem Schulklo gegen all seine Ersparnisse eingetauscht hat. Oder vielmehr gegen alles, was er in den letzten Wochen gestohlen hat. Das Zeug soll mit Opium gestreckt sein und Erik glaubt, dass es so ist. Seit Jahren raucht er täglich Eimer, aber heute ist er so breit wie noch nie. So wie jetzt soll es für immer sein.
Vor ein paar Stunden, er weiß nicht mehr wann, denn sein Zeitgefühl hat er verloren, hatte Erik noch mit seiner Mutter zu Mittag gegessen, und sie hatte die seltene gemeinsame Zeit für ein pädagogisch wertvolles Gespräch genutzt. „Du, mein Großer, eins musst du mir bitte versprechen, ja? Wenn du mit deiner Clique auf einer Fete bist und dir eine Haschischzigarette angeboten wird, dann möchte ich nicht, dass du daran ziehst.“
Erik hatte sich große Mühe geben müssen, sich einen Lachanfall zu verkneifen, allein schon wegen der Wortwahl. Clique. Fete. Haschischzigarette. Diese Frau lebte auf einem so völlig anderen Planeten als er. Nie im Leben würde er Hasch in einer Zigarette rauchen, das wäre doch pure Verschwendung. Der Putzeimer seiner Mutter, den sie ein paar Tage verwundert gesucht und sich dann einen neuen gekauft hatte, war viel effektiver.
Erik hatte ein: „Ja, okay“ hervorgepresst. Doch der Vortrag seiner Mutter war noch weitergegangen. „Ich hab mit der Frau Reinicke gesprochen, der Mutter von der Eva aus deiner Jahrgangsstufe, und die hat erzählt, dass sie in ihrer Jugend viele Freunde hatte, die gekifft haben. Und aus keinem von ihnen ist was geworden. Die haben keine vernünftige Arbeit gefunden, keine Familien gegründet, und nichts von allem Weiteren geschafft, was zu einem erfüllten Leben dazugehört.“
Erik hätte all dem viel zu erwidern gehabt. Er hätte gern gefragt, wo seine Eltern, die 1968 in seinem Alter waren, denn diese Zeit verbracht haben, wenn sie nicht ein einziges Mal selbst Kiffern begegnet waren, sondern diese nur vom Hörensagen kannten. Und er hätte gern gefragt, ob seine Mutter ihm ihr Leben, das sie jeden Sonntag weinend in der Waschküche verbrachte, wirklich als ein „erfülltes Leben“ verkaufen wollte. Doch er hatte nur interessiert schauend genickt und „Hmm“ gemacht.
Daraufhin hatte er sich seinen Rucksack geschnappt und war die Kellertreppe runter in sein Zimmer gegangen. Bevor er die Tür hinter sich zuzog, hatte er noch das Licht im Flur ausgeschaltet. Das war deshalb überlebenswichtig, weil er keinen Zimmerschlüssel hatte. Den hatten ihm seine Eltern in der kurzen Zeit abgenommen, als er seine erste und einzige Freundin hatte. Das war gefühlt Jahrhunderte her.
Durch die opake Glasscheibe seiner Zimmertür konnte er sehen, wenn das Licht im Kellerflur anging. Dann wusste er, dass er ungefähr eine halbe Minute Zeit hatte, den Eimer in seinem Schrank zu verstecken, bevor seine Eltern an seine Zimmertür klopften. Nach dieser Sicherheitsvorkehrung hatte Erik mit seinem üblichen Nachmittagsprogramm begonnen: Stereoanlage einschalten, Eimer rauchen, auf dem Teppich liegen, zu seiner Wolke schweben. In der gleichen Zeit würde seine Mutter oben im Wohnzimmer vorm Fernseher liegen, mit den Füßen auf dem Couchtisch. Irgendwann würde die Haustür ins Schloss fallen, dann würde seine Mutter schnell aufspringen, den Fernseher ausmachen und in die Küche verschwinden, ehe sein Vater das Wohnzimmer betrat.
Später würden seine Eltern dann nebeneinander vorm Fernseher sitzen, bis seine Mutter ins Bett ging. Sein Vater würde vorm Fernseher sitzen bleiben und dort einschlafen. Sie würden es nicht mitbekommen, wenn Erik seinen abendlichen Fressfilm schob und den Kühlschrank plünderte. So war es schon immer und so wird es für immer sein, hatte sich Erik gedacht. Und das hatte er in diesem Moment so richtig geil gefunden, weil er sich auf die braunen Platten in seinem Rucksack gefreut hatte und auf die vielen schönen Wochen oben auf seiner Wolke, die sie ihm ermöglichen sollten.
Jetzt ist er schon wieder seit einigen Stunden auf dieser Wolke und mittlerweile tut`s schon ein bisschen weh, weil seine Lunge brennt. Aber es fühlt sich auch wunderschön an. Der Shit ist viel stärker als sonst. Sein ganzer Körper ist warm, es kribbelt überall unter der Haut, alle Farben um ihn herum leuchten. Er hat jeden einzelnen Ton aus seiner Stereoanlage absolut intensiv wahrgenommen, als würden die Doors live in seinem Zimmer spielen. Nein, als wäre er selbst der verdammte Jim Morrison. Mittlerweile ist die Musik schon lang vorbei, aber auch das Vogelzwitschern vor seinem Fenster klingt total geil, die vorbeifahrenden Autos, die Spaziergänger, die sich unterhalten. Was ist das doch für eine wundervolle Welt. So wie jetzt soll es für immer sein.
Auf einmal hört Erik das Klicken des Lichtschalters am anderen Ende des Flurs, und tatsächlich, als er zur Tür schaut, sieht er, dass das Licht angegangen ist, und er hört Schritte auf der Treppe. Scheiße. Er muss aufstehen, er muss den Eimer im Schrank verstecken, er muss den Rucksack verstecken, damit sein Haschvorrat nicht entdeckt wird. Doch es geht nicht, es geht kein Stück. Sein Körper ist zu schwer, er kann sich keinen Millimeter bewegen.
Er will alle Kraft zusammennehmen, doch da ist keine Kraft, gar keine. Der Teppichboden zieht ihn an, zieht ihn nach unten. Die Schritte kommen immer näher. „Warum riecht`s hier nach Rauch?“ hört Erik seinen Vater sagen und sieht seine Silhouette durch die Glasscheibe. Scheißescheißescheiße. Erik sieht noch, wie die Türklinke nach unten gedrückt wird, bevor sein Körper im Boden versinkt.


Felix Benjamin

Am Ende der ersten Klasse schrieb die Grundschullehrerin von Felix Benjamin in sein Zeugnis: „Wir hören dir sehr gern zu, wenn du vorliest. Beim Schreiben musst du dir noch mehr Mühe geben.“ Und so wurde er halt Sprecher (gut!) und Autor (geht so) von Eisenbart und Meisendraht.

Dem besorgten Zuhörer, der nach der Ausstrahlung seines Textes „Reise ins Licht“ bei RadioZ anrief und fragte, ob es Felix Benjamin gut geht, möchte er hier antworten: „Ja, schon. Seit ich bei Eisi und Meisi untergekommen bin, geht`s.“


Felix Benjamin bei EBMD

Autor

Sprecher

Felix Benjamin: My Home is my Castle

gelesen von Esther Sambale

Hier auf Schloss Friedenau ist die Welt noch in Ordnung. Hier flaniert der gutmütige Patriarch Christoph von Anstetten mit seiner dritten Frau Barbara von Sterneck durch die Alleen. Hier leitet Sohn Henning das Familienimperium. Hier striegelt Stieftochter Kati ihre Pferde. Seit Jahrhunderten ist dieses prächtige Anwesen im Besitz des ehrbaren Adelsgeschlechts. Doch jetzt steht alles auf dem Spiel. Heute wird es sich entscheiden: Kann Christoph die niederträchtige Intrige seiner Exfrau Clarissa aufklären oder werden die von Anstettens ihr Schloss, ihr Gestüt, einfach alles verlieren?
Lena ist seit der ersten Folge bei den von Anstettens dabei. Deshalb geht es heute auch um ihre Zukunft. Doch wenn sie sich nicht in die Hose machen will, muss sie jetzt wirklich mal schnell aufs Klo. Jetzt ist das Haus der Brandners zu sehen, die nächsten fünf Minuten werden also nicht auf dem Schloss spielen. Das ist zu schaffen.
Seit Lena ihren eigenen Fernseher hat, muss sie sich nur noch selten ins Feindesland hervorwagen. So schnell sie kann, rennt sie durch das verminte Gebiet zum Klo. Noch schneller will sie wieder zurück. Doch schon steht ihre Mutter in der Tür. „Du hast ja gar nicht ordentlich gespült!“ mault sie. Für Feindkontakt hat Lena jetzt echt keine Zeit. Sie muss zu den von Anstettens zurück. Es geht um`s Schloss.
„Hab ich wohl“, sagt Lena und versucht vergeblich, sich an ihrer Mutter vorbei zu drängen.
„Hast du nicht! Oder warum klebt da sonst noch deine Scheiße?“
„Wo?“
„Da!“ schreit Lenas Mutter, packt sie am Pferdeschwanz und drückt ihren Kopf tief in die Schüssel. „Siehst du`s jetzt endlich? Mach das weg!“
Als Lena in ihr Zimmer zurückkommt, läuft schon der Abspann. Sie hat die entscheidenden Minuten verpasst und wird erst in knapp 24 Stunden erfahren, was passiert ist. Das Wasser der Klospülung tropft von ihrem Kinn, und Lena weiß nicht, ob sie morgen, wenn sie den Fernseher einschaltet, ins Zuhause ihrer Wahlfamilie zurückkehren kann oder ob die Pforten des Schlosses ihr für immer verschlossen bleiben werden.