Lea Schlenker: Im Internet

Du hast etwas gesagt
im Internet
was ich dir nicht glaube
das wäre ja der Wahnsinn
würde das stimmen
Ich werde jetzt also kommen
um dich zu jagen

Ich möchte einen Stempel
für die Wahrheit erfinden
und ich möchte
dass eine Lüge ein bisschen was kostet
dass jedes Mal, wenn jemand etwas
zweideutiges sagt
irgendwo am Straßenrand
eine reife Melone platzt

Du hast etwas gesagt
im Internet
Ich akzeptiere deine Meinung
aber du liegst falsch
es stimmt gar nicht
dass im Winter
Aprikosensaison ist
und Tintenfische das doppelte
wie ein Mensch wiegen
das Meer ist salzig
und die Erde ebenso

Überall auf der Welt
sickerte in den Böden der Straßen der Städte
schon Blut durch
dass nun vertrocknet unter den Tramlinien steckt
Blut von Menschen wie du und ich
die die Zeitungen studieren
aber den Worten nicht glauben

Wir können jetzt dieses Gedicht lesen
und anfangen die Wahrheit zu glauben
anfangen die Wahrheit zu verstehen
oder zumindest die Lügen zu erkennen

Julia Eckert: Der Drache steigt

So unfassbar leicht verbunden
Nichts bleibt mehr auf Distanz
Bilderfluten auf trockene Augen
Bleibt der Datenstrom unerfassbar
Flimmerunruhe vor dem Monitor
Gedoppelter Bildschirm eine neue Art von Rastlosigkeit
Rückt Fernsehen viele Stückchen ferner
Drähte fangen langsam an zu schlafen
Ans Kabel Mäuschen
Was bindet so wie online
Punkt Punkt Komma Strich
Der windfarbene Faden
Hält die ins Netz Gegangenen
Verhilft ihnen zum virtuellen Höhenflug

Christian Knieps: Die eine Freiheit

Archiv der Europäischen Morgenpost – Ausgabe vom 17. Oktober 2034: Sechs Jahre nach der großen Registrierung: Wie das freie Internet verschwand

Es ist inzwischen schwer, sich daran zu erinnern, wie es einmal war. Schwer nicht, weil die Zeit so weit entfernt wäre – sechs Jahre sind historisch gesehen kaum mehr als ein Atemzug –, sondern weil die Veränderung so vollständig war, dass das alte Internet heute fast wie eine Legende wirkt, wie eine jener Geschichten aus den frühen Tagen der Elektrizität oder des Automobils, als alles neu, ungeordnet und zugleich voller Möglichkeiten war.
Bis zum Frühjahr 2028 galt das Internet in weiten Teilen der Welt noch immer als jener Raum, der sich seit den 1990er Jahren langsam entfaltet hatte: ein Geflecht aus offenen Netzen, privaten Plattformen, anonymen Foren, verschlüsselten Nachrichtenkanälen und dunkleren Ecken, die man gemeinhin unter dem Sammelbegriff „Darknet“ zusammenfasste. Staaten versuchten zwar immer wieder, Kontrolle auszuüben, doch die Struktur des Netzes selbst – dezentral, technisch komplex und global verteilt – ließ nur begrenzte Eingriffe zu.
Dann kam der Sommer 2028 und die einschneidenden Entscheidungen.
Die unmittelbaren Auslöser sind heute Gegenstand zahlloser Analysen und politischer Streitigkeiten. Mehrere koordinierte Cyberangriffe auf kritische Infrastrukturen in Europa, Nordamerika und Ostasien hatten innerhalb weniger Wochen Stromnetze, Krankenhäuser und Finanzsysteme zeitweise lahmgelegt. Gleichzeitig verbreiteten sich über soziale Netzwerke und verschlüsselte Plattformen automatisierte Desinformationskampagnen, deren Ursprung bis heute nicht eindeutig geklärt ist. In der öffentlichen Wahrnehmung verschmolzen diese Ereignisse zu einem einzigen Gefühl: dem Eindruck, dass sich ein globales Kommunikationssystem entwickelt hatte, das zwar Freiheit versprach, aber niemandem mehr wirklich gehörte.
Im Oktober desselben Jahres trafen sich Vertreter von 42 Staaten in Genf zur sogenannten Konferenz über digitale Souveränität. Das Ergebnis war das später so genannte Internationale Netzprotokollabkommen (INPA) – ein Vertrag, der die Grundstruktur des Internets zwar formal unangetastet ließ, aber seine Nutzung radikal neu definierte.
Der Kern des Abkommens war einfach formuliert, aber weitreichend:
Jede digitale Aktivität im Netz musste künftig einer registrierten Identität zugeordnet sein.
Anonyme Nutzung, wie sie zuvor über VPN-Dienste, Tor-Netzwerke oder andere Verschleierungstechniken möglich gewesen war, wurde schrittweise abgeschafft oder in staatlich kontrollierte Systeme überführt. Selbst Bereiche, die früher als Darknet galten, verschwanden nicht vollständig, wurden aber in sogenannte überwachte Tiefennetze überführt – abgeschlossene Netzwerksegmente, in denen jede Verbindung protokolliert und jede Identität verifiziert wurde.
Die Umsetzung erfolgte erstaunlich schnell.
Ab 2029 führten viele Länder eine digitale Bürgerkennung ein, eine Kombination aus biometrischer Registrierung, kryptographischem Schlüssel und staatlich verwalteter Identitätsnummer. Wer online gehen wollte – sei es zum Lesen von Nachrichten, zum Versenden von Nachrichten oder zum Zugriff auf Cloud-Dienste –, musste sich über diese Identität anmelden.
In Europa wurde das System über die bereits existierende eID-Infrastruktur aufgebaut. In den Vereinigten Staaten entstand ein föderales Netzwerk digitaler Identitätsanbieter. China und mehrere asiatische Staaten integrierten die Regelungen in bestehende nationale Plattformen.
Technisch blieb das Internet damit weiterhin ein Netz aus Kabeln, Servern und Protokollen. Doch seine soziale Architektur veränderte sich grundlegend.
„Früher konnte man sich im Netz bewegen wie in einer großen, unübersichtlichen Stadt“, sagt die Medienhistorikerin Dr. Amelie Krüger von der Universität Köln. „Es gab öffentliche Plätze, private Wohnungen, dunkle Hinterhöfe und auch Orte, die niemand so genau kontrollierte. Heute ist das Internet eher mit einem Flughafen vergleichbar: Jeder Schritt wird registriert, jede Bewegung ist nachvollziehbar.“
Befürworter der Reformen verweisen auf die messbaren Effekte. Laut dem europäischen Cybersecurity-Bericht von 2033 ist die Zahl großangelegter digitaler Angriffe auf staatliche Infrastruktur seit Einführung der Registrierungssysteme um mehr als 85 Prozent gesunken. Organisierte Cyberkriminalität sei erheblich schwieriger geworden, da jede Transaktion und jede Kommunikation einer überprüfbaren Identität zugeordnet werden könne.
Auch viele Unternehmen begrüßen die neue Ordnung. Große Plattformen mussten ihre Moderationssysteme nicht mehr allein auf algorithmische Filter stützen, sondern konnten Nutzer eindeutig identifizieren und bei Regelverstößen sperren.
Doch parallel dazu ist eine andere Entwicklung sichtbar geworden – eine, die weniger leicht in Statistiken zu fassen ist.
„Das Netz hat einen Teil seiner kulturellen Dynamik verloren“, meint der Soziologe Luis Andrade, der an der Universität Barcelona zur digitalen Öffentlichkeit forscht. „Anonymität war immer auch ein Schutzraum für Experimente, für politische Minderheiten oder für Menschen, die ihre Identität aus persönlichen Gründen nicht offenlegen wollten.“
Viele kleinere Diskussionsforen verschwanden nach 2029, weil Betreiber die neuen Identitätsanforderungen technisch oder finanziell nicht umsetzen konnten. Andere Plattformen entschieden sich bewusst, ihre Dienste einzustellen, statt sie vollständig in das Registrierungsregime zu integrieren.
Auch die früher lebendige Szene unabhängiger Entwickler und Netzaktivisten hat sich verändert. Einige wanderten in rechtliche Grauzonen aus, etwa in lokale Mesh-Netzwerke oder geschlossene Forschungssysteme, die außerhalb des öffentlichen Internets operieren. Andere akzeptierten die neuen Regeln und arbeiten nun innerhalb der staatlich regulierten Strukturen.
Interessanterweise hat sich selbst der Begriff Darknet gewandelt.
Vor 2028 bezeichnete er meist technisch schwer zugängliche Netzwerke, die bewusst anonym organisiert waren. Heute verwenden Behörden den Begriff für spezielle, streng überwachte Bereiche des Netzes, in denen etwa Ermittlungsbehörden oder Sicherheitsinstitutionen arbeiten. Ironischerweise ist das „dunkle Netz“ damit zu einem der transparentesten Teile der digitalen Infrastruktur geworden.
Für jüngere Nutzer, die erst nach 2028 regelmäßig online gingen, erscheint diese Ordnung oft selbstverständlich. Sie kennen das Internet nur als Raum, in dem man sich einloggt, identifiziert und bewegt – ähnlich wie bei Bankgeschäften oder Behördenportalen. Ältere Generationen erinnern sich jedoch noch an eine andere Zeit.
„Man konnte sich damals einfach einloggen und irgendwo teilnehmen“, sagt der 54-jährige Softwareentwickler Martin Schreiber. „Manchmal war das chaotisch, manchmal auch gefährlich. Aber es war auch ein Ort, an dem Ideen entstehen konnten, ohne dass gleich jemand wusste, wer man war.“
Ob diese Freiheit tatsächlich verloren ging oder nur eine romantisierte Erinnerung darstellt, wird wohl noch lange diskutiert werden. Sicher ist nur eines: Das Internet von heute ist nicht mehr jenes offene Experiment, das es einmal war. Es ist zu einer Infrastruktur geworden – stabiler, kontrollierter und berechenbarer.
So manche Beobachter sagen, das ist genau der Preis gewesen, den die Staaten der Welt bereit waren zu zahlen, als sie im Jahr 2028 beschlossen, dass die Freiheit des Netzes nicht länger wichtiger sein durfte als seine Kontrolle.

Bastian Kienitz: Tunnelpfad 2.0

im Krampf der Nerven zucken
Aktionspotenziale

FEUER

der tausendfachen Reizverstärkung
inmitten eines kleinen Universums:
arbeiten / lernen / arbeiten

die Kanäle sind ein Tor zur Welt
digitalisiert [on off on off] so wird die Festplatte gebootet
morgens um sieben Uhr aufgestanden und
abends umso schneller eingeschlafen

ein Tag hat 24h im ewigen Delirium des Koffeinrausches
und wieder denken wir an Zeitvertreib bis die Blockade einer Synapse
ein letztes Gewitter vergiftet [Natrium/Kalium] pumpt durch die Venen
stößt aneinander im Gleichgewicht welches wir
zu halten versuchen

diskutieren über Kurvenlagen
und funktionieren wie Roboter
im Tunnelrausch:

GAME OVER!

Matt S. Bakausky: WAREZ

Ich surfe im Internet mit 10.000 Gigabit pro Sekunde. Den neuen Tarantino in 4k im DIVX Format lade ich in 20 Millisekunden herunter. Anschauen werde ich ihn nicht, ist ja Schund. Aber sammeln macht Spaß. Ich habe 240 Tabs im Browser offen, zwischen denen ich hin und her wechsle. Ich bin Profi. GTA6 lade ich in 0,4 Sekunden herunter. Zocken werde ich es nicht, ist ja Schund. Ich habe 240 Terabyte HDD Speicher und 32 Terabyte SSD Speicher. Ich nenne den Rechner nur: Die Maschine. Die Maschine lädt und lädt, es wird gesammelt. Ich bin Sammler und nicht Jäger. Quake 5 lade ich in 0,2 Sekunden herunter und kopiere es rüber auf die HDD. Spielen werde ich es nicht, ist ja Schund. Überhaupt macht gar nichts mehr Spaß seitdem ich sammle. Ich habe auch keine Zeit mehr zum zocken und Filme schauen. Irgendjemand muss ja die 240 Browser Tabs bedienen. Aber außer der Sammelsucht geht nicht mehr viel in meiner Freizeit. Kein Spaß mehr am Gerät. Ich checke kurz den Tarantino und schau nach der Qualität, mehr Interesse habe ich daran nicht. Alles ist Schund. Müll. Nicht zu gebrauchen. Langweilig. Aber ich sammle weiter. Ich bin Profi.