Nebenbei, hat der Professor Wuiser gesagt, ist das mit dem Heiligen Geist auch so eine Sache. Im Grunde genommen, wär dieser Geist ja gar kein Geist. Also kein Geist, wie man sich ihn vorstellt, so mit einem weißen Bett-Tüchl drüber und so weiter. Wenn man die Leut auch fragt, wie der Heilige Geist eigentlich ausschauen tät, wissen sie es nicht oder sagen, dass es eine Taube ist, wie man sie in der Kirche drin sieht, über dem Altar. Zu Pfingsten gibt es manchmal ein Spektakel dazu. Da geht oben eine Klappe auf, und dann lassen sie den Heiligen Geist von oben runter. Der hängt dann an einem Seil und wird von droben runtergekurbelt. Und dann können sich die Leut eine Vorstellung machen, wie das ist, das mit dem Heiligen Geist. Aber in Wirklichkeit hat ihn noch keiner gesehen. Zumindest keiner in der jüngeren Vergangenheit gesehen. Im Grunde genommen, hat der Professor Wuiser gesagt, geht das auch gar nicht, weil mit dem Heiligen Geist ja auch gar nichts zum Anfassen gemeint ist. Und ein Gespenst erst recht nicht. Tatsächlich heißt der Heilige Geist auf Latein nicht umsonst „spirtitus sanctus“ und nicht „larva“, von dem nebenbei gesagt auch das Wort „Larve“ herkommt. Ein Spiritus, das ist etwas ganz anderes wie ein Gespenst oder ein Phantom. Das ist eher eine Kraft, eine Seele, hat der Professor Wuiser gesagt, eine Art Hauch. Und dieser Hauch tät durch die Welt wehen und alles durchdringen und mit seiner Seele im wahrsten Sinne „beseelen“. Bloß haben die damals mit dem Heiligen Geist mal etwas falsch verstanden und dann entsprechend falsch übersetzt. Seitdem heißt der Heilige Geist im Englischen auch „Holy Ghost“, was soviel bedeutet wie: das heilige Gespenst. Denen ist aus Versehen die Beseelung zum Gespenst geworden. Und das hat sich bis heute so gehalten. Die haben gesagt, das kann man nicht mehr rückgängig machen. Weil der Heilige Geist ja auch die eine feste Garantie dafür ist, dass man ihn verstanden hat. Und wenn man den Heiligen Geist verstanden hat und mit ihm erfüllt ist, kann man folglich auch gar nichts mit ihm falsch machen. In der Theorie zumindest. Bloß haben die sich damals vertan, und darum ist der Heilige Geist heute im Englischen ein heiliges Gespenst und kein Hauch mehr. Was meinen Sie? Für was der Heilige Geist eigentlich da ist? Bei der Firmung haben sie uns gesagt: damit man im Leben ja keine Fehler mehr macht!
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Margit Heumann: Nacht(un)ruhe
Tock-tock-tock. Was klopft mit dem Mitternachtsschlägen vom Kirchturm um die Wette? Pünktlich zur Geisterstunde ein Gespenst?
„Blödsinn“, denkt Alfred, „das ist mein überreiztes Gehirn.“
Tag und Nacht lassen den Waffenproduzenten seine Geschäfte nicht los. Irgendwo ist immer Krieg und es wird nicht einfacher, Exportverbote für Rüstungsgüter zu umgehen und sowohl Aggressoren als auch Verteidiger zu beliefern. Deswegen leidet er unter chronischer Schlaflosigkeit, schon seit Wochen, keine Nacht macht er ein Auge zu. Was Wunder, dass er an Halluzinationen leidet.
„Ich brauche dringend einen Arzt“, murmelt er vor sich hin.
Es klopft wieder. Diesmal an der Tür. Länger und lauter.
„Wer kann das sein?“ Seufzend wirft sich Alfred einen Mantel über und öffnet.
„Da bin ich!“ Draußen steht eine hagerer, fast durchscheinende Gestalt, Stethoskop um den Hals, OP-Maske, OP-Haube, Stirnlampe, Brille. Offensichtlich ein Arzt. In weißem Kittel mit goldenen Knöpfen, wohl ein Professor oder Primarius. „Sie haben mich gerufen?“
„Das ist … das ist ja wie Geisterbeschwörung“, stammelt Alfred. „Aber wenn Sie schon mal da sind: Ich schlafe schlecht, seit Wochen mache ich keine Nacht ein Auge zu. Ich höre und sehe schon überall Gespenster …“
„Ihnen kann geholfen werden“, antwortet der Arzt. „Schuld ist die Seele.“
„Zum Teufel mit der Seele! Ich glaube nicht an Esoterik.“
„Jeder Mensch ist von Natur aus beseelt“, erklärt der Arzt.
„Und Sie können Seelen kurieren?“
„Kurieren nicht, aber davon befreien.“
„Eine Operation?“ Der Gedanke gefällt Alfred nicht.
„So ähnlich, aber völlig schmerzfrei.“
„Ich kann es mir nicht leisten, lange auszufallen.“
„Keine Sorge! Ich verfüge über genügend Mittel, die ihre Geschäfte erst richtig anzukurbeln.“
Alfred bekommt glänzende Augen. „Solche Mittel gibt es? Her damit!“
„Moment. Sie müssen mir dafür Ihre Seele verkaufen.“
„Herzlich gern.“ Als Manager weiß er, dass es kein Geschäft ohne Gegengeschäft gibt. „Und was sind das für Mittel?“
„Kokain. Opium. Ecstasy. Speed. Sie erleichtern den Soldaten die Kriegsführung.“
Alfred begreift das Geschäftsmodell im Handumdrehen. „Genial. Je mehr Ihrer Rauschmittel ich umsetze, desto mehr Waffen werden gebraucht.“
„Und umgekehrt! Eine Win-win-Situation für uns beide. Und ohne Seele schlafen Sie trotzdem gut.“ Er hält ihm die Hand hin. „Deal?“
Alfred zögert keinen Augenblick. „Deal!“, bestätigt er und schlägt ein.
„Eine Frage noch, reine Neugier: Was wird aus meiner Seele?“
Im Weggehen macht der Mann eine gleichgültige Handbewegung. „Sie haben es ja selbst gesagt: Zum Teufel mit der Seele.“
Der Arztkittel weht hinter ihm her und das Klopfen eines Pferdehufs hallt durch die Nacht. Alfred schlottern die Knie. Er friert, als hätte ihm jemand die Kleider vom Leib gerissen.
„Da hol mich doch der Teufel“, stößt er zähneklappernd hervor und geht zurück ins Bett. „Aber das ist mir meine Nachtruhe wert.“
Das Ein-Uhr-Läuten der Kirchturmuhr hört er schon nicht mehr.
Verena Schmidt: Zehn Geister und einer, der nicht dazugehört
Der gruselige Geist,
ist der Geist, der die Seele vereist.
Der spirituelle Geist,
ist der Geist mit dem du ins Innere deiner Seele zu neuen Erfahrungen reist.
Der Himbeergeist,
ist der Geist, der die Leber verschleißt.
Der Teamgeist heißt Geist,
weil er Menschen zusammenschweißt.
Der wissenschaftliche Geist,
ist der Geist, der sich für den Fortschritt ein Bein ausreißt.
Der Liebesgeist
heißt Geist, denn das Leben ist die Liebe und des Lebens Leben Geist.
Der Weihnachtsgeist
macht, dass jeder das bunte, liebevoll drapierte Papier aufreißt.
Der Quälgeist
ist der kleine Geist, an dem sich die Oma die Zähne ausbeißt.
Der heilige Geist
ist der Geist, der dir in Reli den Arsch aufreißt.
Der Weingeist
beseelt und macht müde meist.
Ach und da hinten …
der kleine Braune im rechten Eck.
Das ist der kleine braune Geist
auf den jeder scheißt.
Matt S. Bakausky: Der Geist
Um mich kreist ein Geist. Der mir alles Mögliche zeigt.
Tolle Autokennzeichen mit Schnapszahlen, Müll auf der Straße, Polizeiautos, traurig oder böse schauende Menschen …
Der Geist ist es, der mir all das zeigt.
Mal eine Katze, die hastig über die Fahrbahn läuft, mal die roten Lichter des Turms des Energieunternehmens, mal den Mond, mal eine Straßenlaterne.
Doch der Geist ist in letzter Zeit unzuverlässig geworden.
Wenn ich Musik höre über Kopfhörer und in der Straßenbahn sitze, zeigt mir der Geist Menschen, die über mich reden, schlechte Dinge sagen.
Ich mag den Geist nicht mehr besonders, früher waren wir Freunde.
Jetzt weckt er mich mitten in der Nacht auf und ich höre einen Nachbarn meinen Namen sagen. Oder ein lautes Hämmern im Haus.
Der Geist hat angefangen zu spuken.
Ich vermisse den freundlichen Geist, der mir Schnapszahlen auf der Uhr zeigte.
Der mir zeigte was ist.
Jetzt fühle ich mich durch den Geist gemobbt.
Ich würde ihn gerne loswerden, aber ich weiß nicht, ob das überhaupt geht.
Er zeigt mir noch manchmal ein gutes Buch, meistens zeigt er mir jedoch Geräusche im Haus. Eine Klospülung, ein Bohren, Stimmen. Er lässt mich weniger schlafen.
Ich kenne den Geist seit Jahrzehnten. Er war schon immer da. In letzter Zeit ist er unzuverlässig geworden.
Aber ohne ihn kann ich nicht.
Mina Reischer: Nikolai Iwanowitsch, Du hast mich ins Licht geführt
What if someone smart is not at hand
When I need to come up with masterplan
It’s okay, by now it’s in my head
And I’ll ask my myself what would you have said.
Ich bin zu zaghaft, zu schüchtern, zu verschlossen, zu misstrauisch.
Ich habe kein Glück, gehöre aber wenigstens zu den Schwachen, die versuchen, sich zu verteidigen. Was wenn mein Ziel außerhalb der Grenzen des Erreichbaren, weit hinter der Front des Lebens liegt?
Das sind nicht Deine Sätze. Das Glück ist, glaube ich, sehr alt. Etwas, was wir mit uns tragen und was man immer wieder ausgraben muss.
Es ausgraben?
Ja. Unter all dem Schutt, der dabei zu Tage tritt, entdeckt man zunächst mal diese dicke Kruste. Wer es schafft, bis dorthin zu kommen und die abkratzt, kann für eine Millisekunde eins sein mit dem Raum und der Zeit und sich selbst. Wann das geschieht, ist unvorhersehbar. Aber auch das nenne ich Glück, dass wir nicht nur betonmäßig stabil herumstehen müssen, sondern auch graben und kratzen dürfen. Ein großes Wagnis. Wir müssen wagen. Ohne zu wagen gelangen wir nicht zum Glück.
I should not be alone.
Calm down!
I should not be alone.
Calm down! Du weißt doch genau, dass es menschlich nach unten geht. Es gibt kaum eine Hürde, die niedriger ist. Die Wahrscheinlichkeit zu fallen wächst bekanntlich, wenn man sich sagt, dass man nicht fallen darf. Nur Du kannst Deine internen Probleme lösen.
Ich neige dazu zu idealisieren. Ich werde nie vergessen. Diese Sekunde werde ich nie vergessen. Das stand im Raum, dann sagt er es einfach: Zack. Wir brauchen noch zwei. Zwei mal zwei. Zwei mal vier. Und es gab dieses Lächeln. Kästnergedicht: In dieser Nacht trug ich alles Leid der Welt.
Calm down! Erkenntnis ist ein „Für Sich“ und durchfließt nur einen nicht verzweifelten Menschen spontan, weil sie das Grundwasser des Lebens ist. Für den Prozess sind abschließbare Türen wesentlich. Erst wenn die Tür fest hinter Dir schließt, öffnet sich auch dieser innere Brunnen.
Das Gefühl von der Luft vollständig abgesperrt zu sein, verursacht in mir Schwindel. Und ich merke, dass sich doch nichts dreht.
Wach auf! Es ist Zeit.
I should not be alone. Ihr könnt mich zum Grabe tragen.
Wach auf! Zwischen Deinem Schwarz und meinem Rot liegt noch mindestens Grün minus Blau. Ein ganzes, unendlich weites Spektrum. Ein Zeichen von Vereinsamung ist es, wenn da nichts mehr an Farbe ist, so dass Du immer denkst, sie haben Dich vergessen. Sie vergessen nicht nur Dich, sie vergessen so vieles: Wenn bis Samstag Vormittag niemand im Haus die Zeitung vom Donnerstag vom Treppenabsatz mitgenommen hatte, gingen wir davon aus, dass sie uns gehört. Aneignung nach Zeitablauf. Von Ewigkeit zu Ewigkeit ist es immer gleich lange still. Deshalb muss sie auch mal ablaufen, die Zeit. Die Zeiger allerdings drehen sich immer weiter, unaufhörlich im Kreis.
I should not be alone. Der Weg zum Nebenmenschen scheint für mich sehr lang. Und unaufhörlich anstrengend.
Dann solltest Du Deinen Kreis noch mehr einschränken. Überhaupt solltest Du immer wieder nachprüfen, ob Du Dich außerhalb Deines Kreises versteckt hältst. Fast alle, die hier arbeiten, sind am Einknicken, haben den Rand ihrer Möglichkeiten bereits erreicht. Keiner Deiner Arbeitgeber liest Deine Gedanken. Das Geschehene kann nie rückgängig gemacht, sondern nur getrübt werden. Sobald diese chaotische, undurchsichtige Phase vorbei ist, teile mir bitte Deine neue Adresse mit.
Nikolai Iwanowitsch, wie schön, dass Du geboren bist.
Unendlich sehr vermiss ich Dich, im Herzen fest behalt ich Dich.
Du hast mich ins Licht geführt, für Deine Farben dank ich Dir.
Da hast Du also gestanden, an einer Mauer gelehnt, eine Zigarre in der Hosentasche. An diesem Tag hast Du mir einen Bogen geformt, der beinahe ein Kreis ist. Das war ein großes Glück. Anmaßung von Wirklichkeit: Im Nachhinein würde ich sogar behaupten dieser Moment war besonders wirklich. Der Kreis, der keiner ist, hat eine winzige Öffnung, ganz unscheinbar. Dort gelangt die Unruhe hinein, die stetig nach einem Ausgleich sucht. Die Technik des Lebens ist eigenartig. Durch Auferlegung einer allzu großen oder vielmehr aller Verantwortung erdrückst Du Dich.
Musik: Felix Foerster
Arabella Block: Sex
6
folgt auf
1 bis 5
wahrnehmen,
gefallen,
erproben,
funkenschlagen
und wollen.
Das Wunder
ereignet sich bei
7
Margret Bernreuther: Systemische Beratung
Du redest ohne Unterlass.
Ich höre dir zu. Ich hänge an deinen Lippen. Ich habe mich dir zu Füßen gesetzt und lausche deinen Worten. Du sprichst nicht mit mir. Du erwartest keine Antworten.
Du berichtest von deiner gescheiterten Beziehung und was dir angetan wurde.
Ich versuche das Verstandene mit Blicken und langezogenen Hmmms zu bestätigen.
Ab und zu stehe ich auf und wechsle die Schallplatte. Meine Musikauswahl lässt du unkommentiert. Darum geht es ja nicht und ich versuche auch hier möglichst unemotional zu bleiben.
Dass du überhaupt wieder hier sitzt, grenzt für mich an ein Wunder.
Vor Wochen hattest du dich von mir verabschiedet. Mir gesagt, dass aus uns nichts werden kann.
Dass es noch so viel zu bearbeiten gibt in deiner eigenen Welt.
Du bist auch noch verliebt. In eine andere Frau, die dich nicht will und wo du dich nur von mir hast trösten lassen.
Und wie gut ich das kann. Wie mir ständig etwas einfällt um dich auf andere Gedanken zu bringen.
Gedanken und auch Gefühle lassen sich doch steuern.
Immer wieder verfolge ich da einen verhaltenstherapeutischen Ansatz.
Was tut man wenn sich die Gedanken immer wieder um dieselbe Sache drehen?
Eine Sache die sich durchdenken aber nicht lösen lässt.
Ich muss also versuchen, anders über diese Sache zu denken, oder sogar versuchen überhaupt nicht mehr darüber nachzudenken.
Diese Sache also, mit der anderen Frau. Und wie du mir sogar erklärst, wie sich die Rollen getauscht haben. Du auf einmal der Gewollte bist und nicht mehr der Verschmähte.
Dieses Mal meinst Du mich.
Ich bringe dir Verständnis entgegen.
In meinem Kopf ist es genauso, dass das noch passieren wird.
Du hast nun schon so einen mutigen Schritt getan.
Mir geschrieben das du einen Fehler gemacht hast und das du sehr dumm warst und das mich vermisst.
Aber jetzt sitzt du bei mir und redest von der anderen Frau. Ich kann dir bestimmt helfen.
Ich kann es schaffen, dass du sie vergisst. Du musst nur auf mich hören.
Ich bin aber still. Ich sage dir nichts. Wohlwollend lasse ich dich verbal auf mir abwichsen.
Es ist wie in einem Porno, nur ohne Sex.
Es ist Abend und wird dunkel. Du hast dich leer geredet. Dich über mir zu ergießen hat dir aber keine Erleichterung verschafft. Du musst jetzt nach Hause. Gemeinsames Abendessen?
Vielleicht ein andermal.
Ella Carina Werner: Brüste
Wenn er Brüste hätte, sagte kürzlich ein Bekannter von mir und verdrehte schwärmerisch die Augen; oh wenn er Brüste hätte, dann würde er andauernd an diesen herumspielen, den ganzen Tag! Ob wir Frauen denn nicht dadurch im Alltag stark abgelenkt seien; ob wir nicht den ganzen Tag heimlich daran herumkneten würden, ob wir wollten oder nicht?
Der Mann hat natürlich recht. Natürlich wollen alle Frauen immerzu an ihren fabelhaften Brüsten herumfummeln, daran herumwalken wie an zwei rohen Brötchenteigbatzen, was könnte herrlicher sein.
Das ist auch der Grund, weshalb Frauen in den vergangenen Jahrhunderten nicht so viel zustande gebracht haben, Stichwort Karriere. Wie soll man auch ein Studium abschließen, wenn man die herrlichsten Spielzeuge vor der Nase hat?
Es heißt, Marie Curie war clever und habe bei der Arbeit ein extrem sperriges Korsett getragen, das sie an der Fummelei gehindert hat, das war ihr Glück.
Die chemischen Elemente Polonium und Radium wären sonst bis heute nicht entdeckt (Mutmaßung).
Jasper Nicolaisen: Sex-Adventskalender
Geschäftsidee:
Ich mache dieses Jahr so einen Sex-Adventskalender, in dem aber ungewöhnliche, teils wirklich anregende, teils bisschen „esomäßige“, aber auch absurde und traurige Überraschungen in jedem Säckchen sind. Bestallung mal so aus der Hüfte wie folgt.
1. Tasse mit Klitorisverherrlichung
2. Ein Fisch aus Schokolade
3. Ein altes Sega-Spiel, wo aber die Kontakte feucht glänzen
4. Ein Hund aus Kastanien
5. Badezusatz (Rosmarin/Rose/Sand)
6. Erdnussbutter
7. Eine neckische Satinmaske, wo über beiden Augen Augen aufgemalt sind
8. Das Rezept für Sperma, das mal in der testcard war
9. Zwei fickende Nikoläuse
10. Ein Zettel mit einer besinnlichen Frage zu „Slow loving“
11. Kleiner Pflaumenschnaps
12. Schokoriegel (wegen der Geschichte mit Mick Jagger und dem Schokoriegel)
13. 50g Mehl, 50g Zucker, 1 Tasse Öl
14. Eine Walnuss, ein Stück von einem Gartenschlauch, das Mundstück einer Posaune und mehr Öl, zum Üben von Analverkehr
15. Sprühsahne, leicht überm Haltbarkeirsdatum
16. Eine Peitsche aus Wolle
17. Ein Musterbuch mit ganz kleinen Stoffstücken (auch Kunststoffe) zum „Fetischschnuppern“
18. Hundekostüm zum Ausschneiden (Ohren, Nase, Schwanz)
19. „Zauberpille“, die dich in einen Mann verwandelt (Süßstoff)
20. Streichhölzer, die aussehen wie ein Harry-Potter-Zauberstab
21. Ein Zentimetermaß
22. Holz
23. Sehr klein gedruckte Werkausgabe von James Joyce
24. Unterwäsche in Obstform
25. Alles von vorne.
Juliane Kling: Dynamit
Wie du da jetzt vor mir stehst, weiß ich nicht, wie ich dir jemals das Gefühl geben konnte, dass du nicht schön genug bist. Dass du es nicht wert bist, geliebt zu werden, nicht von dir, von mir oder von irgendwem.
Die Luft ist schwer und feucht, ballt sich rund um dein Gesicht, das von der heißen Dusche leicht gerötet ist. Du nimmst das Handtuch und du schaust mich an.
Fragst stumm, ob ich noch warten kann.
Am liebsten fällst du, wenn du ganz alleine bist. Du weißt, dass mir das nicht gefällt, aber im Grunde ist es das, was uns zusammenhält. Und ja, mein Herz, ich weiß, wie sehr du dich zerrissen hast. Dich gebeugt, geflickt und wieder aufgehoben hast.
Und um nicht nochmal zu brechen, bist du gerannt. Hast deine Hölle weit ins Innerste verbannt.
Und als du in deinen Schuhen nicht mehr laufen konntest, bist du barfuß gegangen, um den Regen zu spüren und den Asphalt unter deinen Füßen.
Ich hab gesagt, ich trage dich, doch du meintest, ein Vergessen gibt es nicht. Nicht in einem Kopf, in dem die Wände Augen haben und Erinnerungen Waffen tragen.
Ich hab gekämpft um dich und mich, aber schlussendlich hast du doch gewonnen, mir mit deinen Argumenten jedes Wort genommen. Du hast gemeint, wo willst du hin mit mir, mit dieser ewigen, verfluchten Suche nach dem Wir?
Und so blieben meine Bitten haltlos wie der Wind, der in seiner Halbherzigkeit nicht einmal Papier zum Fliegen bringt. Du lässt das Handtuch fallen und du siehst mich an. Sagst, dass du es leid bist, den Karren immer wieder selbst aus dem Dreck ziehen zu müssen. Und dass du nur mit mir fickst, um nicht mehr denken zu müssen.
Ich weiß, dass du mich bloß verletzten willst, weil dein Hass dir gleich beim Springen hilft.
Mein Blick wandert an deinem Körper entlang, vom Hals bis zu den Beinen schau ich dich an. Du bist so schön, dass es mir die Sprache raubt. Du öffnest die Arme und mein Atem wird laut.
Und als ich dich anfasse, spüre ich das Dynamit in deiner Brust, fühl die Wut und den Schmerz und den tiefen Verlust. Und ohne Sinn und ohne Verstand verlierst du dich in meinen Händen, erlaubst mir, dich zu lenken und den Sturm abzuwenden.
Und als du kommst, schlägt dein Herz ganz wild und frei, du bebst und du seufzt und dann ist es vorbei. Du weichst schon zurück, streichst dein Haar aus der Stirn, weigerst dich partout, mir in die Augen zu sehen. Denn so nah wir gerade zusammen waren, so fern sind wir uns, wenn sich die Rauchwolken legen.
Nicht nur einmal hab ich dich zu oft verlassen, hab mich selbst bekriegt und dich in einem Minenfeld gelassen. Und Liebste, es kommt viel zu spät, doch du hast jedes Recht, mich in Sprengstoff zu kleiden und meinen Anblick zu meiden. Denn was bin ich mehr als eine Reflexion, von der Welt gemacht zu deiner wutentbrannten Illusion? Und wie du da jetzt vor mir stehst, inmitten von Explosionen und Detonationen, hoffe ich, dass dich irgendwann irgendjemand fragen wird, nach all den Jahren, nach all den Schlachten, nach all der Zeit?
Und dass du dann wissen wirst, was dir am Ende bleibt.
Dass du dich umdrehst, mit dem Handtuch in der Hand.
Weg vom Spiegel, weg von mir,
denn letztendlich gehörst du nur dir.