Daphne Elfenbein: Winterschlaf mit Aldi

Ein unspektakulärer Tag. Das Leben im Elfenbeinturm ist nicht eben glamourös. Im Gegenteil. Frau Elfenbein schaut zu, wie aus einer undichten Stelle am Himmel der weiße Elfenstaub herabsinkt und beschließt, sich wieder einzurollen und den Winterschlaf fortzusetzen. Da irgendwann gegen Abend die wöchentliche Auffüllung der Speisekammer ansteht, schickt sie ihre Dienstboten zu einem Aldi-Markt, der still und mit Essen lockend, wie einst Mama, im Schnee steht und Kundschaft jeglicher Herkunft gleichberechtigt aufnimmt. Aus den winterschlafverklebten Augen glaubt Frau Elfenbein zu sehen, wie ein Mann im Aldi einen Kohlkopf vor sich herträgt und auf das Fließband legt. Irgendwer sagte ihr später, das sei ein Baby gewesen. Aber man sieht ohnehin nicht gut in diesen Tagen. Gesenkten Blickes schiebt man den Einkaufswagen aneinander vorbei. Ab und zu ein halbherziges „Entschuldigung“ gemurmelt, wegen Rempeln, und weiter. Dabei gäbe es allerhand zu sehen bei Aldi. Die Osterware liegt doch jetzt in den Auslagen. Die hat das Jesuskindlein schon Heiligabend unterm Stroh in seiner Krippe versteckt und – schwupps – zur allgemeinen Stimmungsaufhellung in die Metallkörbe bei Aldi gelegt. Ostereier mit glänzenden Schleifen, doof grinsende Osterhasen, ein Jägermeister Verschnitt mit Namen „Mümmelmann“. Fehlen nur noch die Narzissen. Wem es in diesen Tagen an Spaß mangelt – kann ja schon mal zum Eierlaufen antreten, oder zur Hasenjagd im Schnee. 

Und während die Gemüsehändler mit ihren Ständen auf dem Gehsteig sich mit Wärmestrahlern und dicken Handschuhen warm hielten, holte sich Frau Elfenbein ein paar winterschlaftaugliche Träume aus dem Internet. Filme, in denen die Herzen voll und der Geldbeutel leer ist. Aber das macht nichts, bei so viel Liebe. Filme, in denen keiner Angst hat, die Wahrheit zu sagen. Filme, in denen die Leute noch Arbeit haben, die eine Aufgabe ist und Geld noch dazu. Filme, in denen alle sich lieben in der Familie und keiner enterbt wird.
In der Bundesregierung werden indes mit der Säge Kümmelkörner gespalten. Herr Spahn darf seinen Entsagungs-Zwang am Volk abarbeiten und Herr Scholz seine Durchschnittlichkeit zum Besten geben . Frau Merkel macht nach dem Besuch der Grünen Woche eine Diät und die Panzerknacker aus Steglitz sind mit ihrer Beute auf dem Weg nach Spanien. Nur die Schulkinder haben nichts zu lachen. Die schauen ängstlich auf den Leistungsbarometer und machen ihre Hausaufgaben. Gespielt wird morgen. Oder überhaupt nicht. 

Dafür spielt aber jetzt Daphne Elfenbein. Sie bastelt und schnippelt und musiziert und unterweist ein nicht essbares Katzentier in Lasertechnologie. Sollen doch die Anderen Fleisch essen und Anschaffen gehen. Frau Elfenbein genießt ihren Tee und lässt die Beine baumeln. Herrlich ist das… so herrlich, dass sie all die Schimpfwörter vergisst, die sie je gelernt hat: Rindviech, Dreckschwein, dumme Gans, blöde Kuh… Signifikant, dass unsere Sprache grade die Namen der Tiere, die uns am Leben erhalten, als Schimpfwörter verwendet. „Was du geliebt hast, sollst du auch töten“ würde Heiner Müller jetzt dazu sagen. Aber der ist ja schon tot. Wurde er auch geliebt? Nach all diesen Filmen hält Daphne Elfenbein es allerdings für unumgänglich, dass wir auch lieben, was wir essen. Drum: Wer gemeinsam mit Daphne Elfenbein aufhören möchte, am Ast zu sägen, auf dem wir sitzen, bitte melden. 

Mit freundlichen Grüßen, 

Daphne Elfenbein

Vorzimmer von Dr. Gott

Andreas Lugauer: Nahteufelerfahrung

Für Eilige wird es am Ende dieses etwas längeren Textes eine Zusammenfassung geben.

In der Nürnberger Innenstadt gibt es ein kleines Café namens Treppenhauslounge. Es wird betrieben vom CVJM. Das ist der Christliche Verein Junger Menschen, der deutsche Ableger der – wir kennen sie von den Village People: YMCA, der Young Men’s Christian Association. Die Belegschaft der Treppenhauslounge wechselt häufig, immer aber besteht sie aus jugendlichen und jungerwachsenen Christ*innen von überall auf der Welt, die in ihrem jeweiligen Herkunftsland Mitglied des dortigen YMCA-Ablegers sind. Gelegentlich bin ich vormittags Gast in diesem Café, um vor der Schreib- und Lektürearbeit in einer nahegelegenen Bibliothek ein Frühstück einzunehmen. Es ist ein irgendwie subventioniertes Café und kann deswegen mit marktunüblich günstigen Preisen aufwarten. Das weiß aber kaum jemand, weswegen es dort meist angenehm oder vielmehr unangenehm leer ist.

Folgende Beobachtung mache ich bei diesen Besuchen immer wieder: Oft, wenn ich die Treppenhauslounge am Kornmarkt betrete und, noch bevor ich mir einen Tisch ausgucke und belege, am Tresen meine Bestellung aufgebe, machen die Mitarbeiter*innen so einen seltsamen Eindruck. So, als würde ihnen plötzlich eiskalt ums Heil, als umklammerten sie bei meinem Eintreten geschwind einen Rosenkranz in ihrer Hosentasche so fest, daß die Fingerknöchel weiß hervortreten, ja, als zögen sie augenblicklich einen Bußgürtel fester, auf daß er seine Stacheln noch tiefer ins Oberschenkelfleisch treibe.

Sie verhärten, verhornen dann in spürbar, dennoch verhalten bannendem Ausdruck, als fürchteten sie in meiner Gegenwart die Anwesenheit des Leibhaftigen. Sie scheinen, als glaubten sie ihn fast zu spüren, den großen Verwandler, den Verführer, das Große Thier, das alle ins Dunkel zu locken trachtet – zu spüren als eisigen Hauch, der ihnen vom Nacken aus beckenwärts schießt.

Während sie den Kaffee zubereiten, das Gebäck auf den Teller heben und dann kassieren, scheinen sie, als sagten sie innerlich hastig Ave-Marias auf, und zwar auf Latein. 

Ave Maria, gratia plena,
Dominus tecum.
Benedicta tu in mulieribus,
et benedictus fructus ventris tui, Iesus.
Sancta Maria, Mater Dei,
ora pro nobis peccatoribus
nunc et in hora mortis nostrae. Amen.

Angekommen beim Amen: wiederbegonnen beim Ave, und so in einem fort. 

Ave Maria, gratia plena,
Dominus tecum.
Benedicta tu in mulieribus,
et benedictus fructus ventris tui, Iesus.
Sancta Maria, Mater Dei,
ora pro nobis peccatoribus
nunc et in hora mortis nostrae. Amen.

Ave Maria, gratia plena,
Dominus tecum.
Benedicta tu in mulieribus,
et benedictus fructus ventris tui, Iesus.
Sancta Maria, Mater Dei,
ora pro nobis peccatoribus
nunc et in hora mortis nostrae. Amen.

Ave Maria, gratia plena,
Dominus tecum.
Benedicta tu in mulieribus,
et benedictus fructus ventris tui, Iesus.
Sancta Maria, Mater Dei,
ora pro nobis peccatoribus
nunc et in hora mortis nostrae. Amen.

Ave Maria, gratia plena,
Dominus tecum – und so weiter.

Äußerlich ist ihnen das fast nicht anzumerken, aber ihre Augen wandern kaum merklich unruhig hin und her, so als läsen sie die Zeilen des Gebets vom Blatt.

Verlasse ich das Café wieder, ohne daß jemand hinabgerissen wurde ins Fegefeuer, wirken sie sogleich erleichtert. Die Erleichterung entspringt dem Glauben, erfolgreich einer Prüfung widerstanden zu haben. Der mit meinem Eintreten heraufgezogene Schatten verschwindet, die plötzlich die Sonne verdunkelnden Unwetterwolken lichten sich, das Licht des Herrn bricht wieder in den Laden. 

Die Nahteufelerfahrung ist überstanden. 
Und die verstummten Vögel singen wieder ihr fröhlich Lied.

Hier gibt’s jetzt überhaupt keine Zusammenfassung. Das wäre ja, als schöbe man einen ganzen Leberkäse in den Backofen, büke ihn, schnitte ihn in Scheiben, äße dann aber nur die beiden Endstücke und würfe den Rest unverdaut in den Mülleimer. – Wir sind hier schließlich nicht bei Spiegel Online oder einem von seinen Epigonen. Mahlzeit!

Ronja Paffrath: Frühstück

1
name dropping in nürnberg zur blauen stunde
Clara Fieger trifft im Cereal Foyer
Ceal Floyer persönlich
mit einem Frostie auf den Kopf
Über dem Kopf von Kerstin Stakemeier
bringt mich eine psychotherapeutische emotionstabelle zum weinen,
ich halte ein und falle,
rein, schön, falle!
Wie kluge Wörter über KP Brehmer
mich zu Trost zürück bringen,
wie Frosties Milch herunter

2
Ich habe meine Tage,
alle.
Meine Tage gehören mir.
Ich habe meine Tage alle gegliedert:
Die Nacht mit dem Schlaf dazwischen kommen zu lassen und dann zur etwa gleichen Zeit zu frühstücken ist wichtig, damit das
tägliche Licht zum immer gleichförmigen (aber nicht zwingend gleichgroßen) Rechteck wird. Die Tage sind dann schon vom
Licht bezeichnet und man müsste nichts weiter machen.
Vom Licht bezeichnet müsste man nichts weiter machen
mit meinen Gliedern –
Meine Tage erblicken das Licht der Welt,
ich lege sie Glied auf Glied.
Gegliedert kommen sie aus mir heraus,
gebildet zu griechisch hystéria, Gebärmutter, Hysterie.
Vom licht bezeichnet,
mit meinen Gliedern,
lege ich Glied auf Glied,
lege ich Lid auf Lid,
lege ich ein Lied auf die Lippen.
Ich habe meine Glieder beisammen.
Ich habe meine Tage alle
gegliedert

3
ich habe einen apparat
mit dem ich etwas aufnehmen kann
in dem ich darauf schieße
ich bin ein apparat
mit dem ich etwas abgeben kann
in dem ich es erschieße
damit es nicht umsonst gestorben ist
bist du mein letzter apparat
mit dem ich etwas teile

4
er soll nicht umsonst gestorben sein
dieser tod von
hat uns nichts gekostet
und nichts eingebracht
er ist umsonst gestorben
also wirklich, ich bitte dich,
freundin, lass mich umsonst gestorben sein
und bleib dennoch ein freund
der preis für die kaufware
ist nicht der einkauf
der einkauf von
wurde nicht mit dem einkaufen bezahlt
ich habe dir einen mittelgroßen tod mitgebracht
die im internet haben ihn auf dem bett liegen oder unter dem schreibtisch
und schieben ihre glieder darunter
wir haben alle diese warmen füße
und jene müden zehen, die zum mond hin abstehen, zugedeckt
wow so ein extraflauschiger tod
teddybären mit herzen wurden dafür ausgeweidet
die füllende faser war noch zu
verwenden, weiße viskose
die rotbraunen hüllen dagegen sind im regenfall verschimmelt weil
sohnemann die waldbestattung vorzog
im vorbeifahren kann man sie nicht mehr für fliegenpilze halten:
sie sind jetzt eine birke
sei beruhigt schöne schonung
er ist nicht umsonst gestorben
der probemonat licht zieht in formation
vor deinem auge, dem bedeckten
himmel vorbei
aus dunkelgrüner ferne der gesang
die stimmen jeder stimmung
kommen bei dir an, freundin refrain
dieser tod
hat uns nichts gekostet
und nichts eingebracht
er ist umsonst gestorben
lass uns umsonst gestorben sein
und dennoch befreundet bleiben
der preis für die kaufware
ist nicht der einkauf
er wurde nicht mit dem einkaufen bezahlt
freundin freund freunde freundinnen
lasst uns befreundet bleiben
mit kostenlosen toden
lasst uns umsonst gestorben sein
freundin refrain
für kostenlose tode kostenlose
freundin refrain
umsonst sterben kostenloser freund
für den kostenlosen tod umsonst
freunde umsonst freundin judy refrain
schonung freundin schonung hier
wohnt schon nicht mehr weil verzogen
doch wohlmöglich zieht noch vor den
wolken wieder ein in dieses schöne
häuslein unsere liebe
freundin schonung refrain

5
Wenn auf mich geschossen wird,
bleibe ich

  • in Bewegung.
  • Oder: An einem Ort, aber über- oder unterbelichtet.
  • Oder: An einem Ort,
    aber zur Seite des Geschosses hin von Pflanzen, Gesteinen und Wänden verdeckt.
  • Oder: An einem Ort und klar, scharf umrissen, aber doppelt.
  • Oder: An einem Ort und klar, scharf umrissen, aber doppelt.
  • Oder: An einem Ort und klar, scharf umrissen, aber viele
    also jedes Körperteil vereinzelt sich,
    jedes vereinzelte Körperteil lebe ich aus,
    bis zu jeder möglichen Einsamkeit,
    aber ich bleibe in Kontakt.
    Mit meinen Gliedern
    lege ich Glied auf Glied,
    lege ich Lid auf Lid,
    lege ich ein Lied auf die Lippen.
    Ich habe meine Glieder beisammen.
    Ich habe meine Tage alle
    gegliedert

6
Aus dem Modus des Beschäftigungsverhältnisses:
Im Modus Autofokus Ein-Schuss, bringe die Misere durch ein Objekt auf den Punkt, dass in der gleichen Distanz situiert wird, wie
das Subjekt und verrücke die Misere auf den Punkt, nachdem das Bild neu kompositioniert wurde.
Subjekte durch die es schwer ist, die Misere auf den Punkt zu bringen:

  1. Mit Vorliebe kontrastierte Subjekte
    (Beispiel: Blauer Himmel, Uni-farbenes Murren, etc.)
  2. Sehr wenig suffisant aufgeklärte Subjekte
  3. Gegen den Tage gewaltsame Subjekte und solche mit starker Reflektion
    (Beispiel: Gefährt mit einer kraftvoll reflektierten Karosserie, etc.)
  4. Geschlossene und angeleinte, wiederentdeckte Subjekte, durch einen Kettenautomaten auf Autofokus
    (Beispiel: Tiere im Käfig, etc.)
  5. Repetitive Momente
    (Beispiel: Fenster eines Gebäudes, Tastaturen eines Computers, etc.)

Wichtig (von: Wicht; lebendes Wesen, Geschöpf, Ding, Dämon, Sache) !
Prozessieren Sie die Wiederaufladung genau nach der Impression.
Besonders im Falle von Beschuss, prozessieren Sie die Wiederaufladung immer genau nach der Impression.
Eine Prozession durch Sitzen schließt die Auswahl des auf Autofokus gestellten Kettenautomaten hinten an.
Das erfordert, den auf Autofokus gestellten Kettenautomaten auszuwählen und die Molette zu drehen, bis das rote Licht blinkt.
Passen Sie den Tusch ab um den Kettenautomat im Autofokus auszuwählen.

7
nachts wach
ronja geht alleine durch die
nacht, sagst du, begleite sie!
ich kann nicht, ich bin ronja
ich bin ronny, sagst du, gut,
so machen wir‘s, du begleitest ronja,
ich bin solange ronny und begleite clara
die mich ronni nennt, mit hut,
die nacht ist doch für alle da

Theobald O.J. Fuchs: Frühstück

Das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages. Die Zeitung ist ein wichtiger Bestandteil des Frühstücks. Nicht der wichtigste, aber schon sehr wichtig. Aber die Zeitung kommt heute sehr spät. Durchs Küchenfenster sehe ich die Zeitungsfrau auf ihr Rad steigen und weiter fahren. Ich gehe hinaus, ziehe die Zeitung aus der grünen Plastikröhre, die außen an unserem Jägerzaun befestigt ist. Ich will schnell zurück ins Haus, weil das Frühstück wartet. Im Gehen werfe ich einen Blick auf die Schlagzeilen und bleibe überrascht stehen. Da steht: »Verdacht bestätigt – erster Todesfall seit 143 Jahren!«

Drinnen stehen für mich auf dem Küchentisch dreizehn Sorten Marmelade und elf Sorten Wurst bereit. Ich habe noch nicht einmal angefangen und will doch von allem essen. Von jeder Marmelade einen Löffel. Himbeere, Schlehe, Erdbeere, Zwetschge, Kirsche, Orange, Apfel, Rhabarber, Pfirsich, Johannisbeere, Quitte, Mandarine und Radieschen. Von jeder Wurst eine Scheibe: Bierschinken, Stadtwurst, Gelbwurst, Mettwurst, grobe Leberwurst, feine Leberwurst, kalte Bratwurst, Pfefferbeißer, Bauernseufzer, Räucherschinken und kalte Frikadelle. Immer nur diese Sorten, keine anderen. Und das jeden Tag.

Die Meldung in der Zeitung bringt mich aus dem Tritt, meine Routine ist unterbrochen, ich bin verwirrt. Seit einhundertdreiundvierzig Jahren ist das Rezept für die Unsterblichkeit bekannt. Sofort, nachdem die Formel für ein ewiges Leben bekannt wurde, begannen alle Menschen so zu leben wie die Wissenschaftler es rieten. Im Grunde war es ganz einfach, die Zutaten waren alle längst bekannt, jeder konnte sich einfach und billig mit dem notwendigen Zeug eindecken: Dreizehn Sorten Marmelade und elf Sorten Wurst. Jeden Morgen von jeder Sorte Marmelade einen Löffel, von jeder Wurst eine Scheibe. Dazu Kaffee oder Tee, was man eben bevorzugt, und ein Brötchen, kein Problem. Auch ein Ei oder ein Stückchen Käse – da gibt es keine Vorgaben. Hauptsache Marmelade und Wurst, in der richtigen Menge, die richtigen Sorten. Das Resultat: Unsterblichkeit.

Und nun das: Ein Todesfall, irgendwo in Kanada, in einem kleinen Dorf. Dort ist zum ersten Mal seit einhundertdreiundvierzig Jahren wieder ein Mensch gestorben. Schnell gehe ich ins Haus, setze mich an den Frühstückstisch, beginne Wurst und Marmelade zu essen. Immer abwechselnd, ein Löffel hiervon, eine Scheibe davon, dazu Kaffee und ein Bissen von der Semmel. Wie immer, wie jeden Tag. Wie gestern, vorgestern, vorvorgestern. Wie seit einhundertdreiundvierzig Jahren, jeden Tag. Immer dieselben dreizehn Sorten Marmelade und elf Sorten Wurst.

In der Zeitung steht, der Mann in Kanada ist gestorben, weil er keine Wurst mehr sehen konnte. Weil ihm die Marmelade zum Halse hinaushing. Weil er es nicht mehr ertragen hatte, jeden Tag dasselbe zu frühstücken. Seine letzten Worte hätten gelautet: »Ehe ich noch ein einziges Mal Gelbwurst und Rhabarbermarmelade auch nur anschaue, will ich lieber sterben.«

Das hat er nun davon, denke ich. Hätte sich halt nicht so anstellen brauchen. Selber schuld. Mir schmeckt’s jedenfalls. Mir schmeckt’s sehr gut, jeden Tag, immer dasselbe.
Weil: Das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages.

Sarah Grodd und Lukas Ullinger: Ein Brunch – zwei Perspektiven

Sie weiß es. Sie weiß es ganz genau. Ich hasse brunchen. Wer hat sich diesen Unsinn überhaupt einfallen lassen? Überhaupt, diese unmögliche Uhrzeit. Soll das jetzt Frühstück oder Mittagessen sein? Das ist doch normalerweise nicht ohne Grund getrennt. Brunch – schon dieses Wort löst Abneigung in mir aus. Müssen wir jetzt für alles einen neuen Begriff einführen? Nicht mal Hobbits nennen ihr zweites Frühstück Brunch. Sondern das was es ist: ein zweites Frühstück. Und dann das Zeug, das es da zu essen gibt. Grenola, Granola oder was weiß ich, für mich ist das einfach Ofen-Müsli-selbstgemacht, aber egal. Im Prinzip wäre das alles ja halbwegs erträglich, Müsli geht ja wirklich zu jeder Tageszeit. Aber nicht, wenn da ihre bekackten Freundinnen dabei sind. Vor allem Jennifer. „Hi, Jenny!“ Ich pack die Trine nicht. Wenn Brunch in mir Abneigung auslöst, bringt Jennifer die totale Ablehnung in mir zum Vorschein. Ihr albernes Lachen, ihre krallenartigen Fingernägel und ihr absolut verkacktes Tattoo auf dem Rücken vom Selbstfindungstrip in Indien. Die Vollpanne in Person.

„Denkst du bitte an die Lachsröllchen im Kühli?“, kommt es aus dem Schlafzimmer. „Ja sicher.“, knirsche ich zurück. Wie sollte ich die Dinger auch vergessen. Bei 15 Pfannkuchen habe ich assistiert. Aber keine stinknormalen Pfannkuchen. Nein, die werden jetzt glutenfrei zubereitet. Weil Jenny kann ja jetzt kein Gluten mehr. Seit Indien. Also, ab zu DM glutenfreies Mehl, Agavendicksaft – Zucker geht auch nicht – und Demeter Eier. Ist besser für die Tiere. Dass der Lachs bei Netto im Angebot nur 1,70 kostet, wird geflissentlich übersehen.

„Und ziehst du dann auch das Hemd an, das blaue? Das steht dir doch so gut. Du kannst dann wieder den obersten Knopf zu machen, dann sieht das richtig gut aus.“, sagt sie und streckt wie eine halb geschminkte Schildkröte ihren Kopf in den Flur. Klar, denke ich mir. Das Ding ist dann so eng, dass ich keinen Bissen von dem Fraß runterbekomme. Ha, vielleicht gar nicht schlecht. Und warum muss die sich jetzt so dermaßen aufbrezeln! Zum Frühstück – Verzeihung, Brunch? Ehrlich, von mir aus kann das auch so ablaufen: Kaffee, Kippe, fertig. Gerne ungeduscht in Unterhose und am besten allein. Stattdessen müssen wir uns fertig machen um dann stundenlang beinahe-bio-Lachspfannkuchen und Käse mit Weintrauben auf kleinen Holzspießen in uns reinzustopfen. Danke dafür.

Heute ist ja eigentlich Fußball. Aber es stimmt schon: Jenny hat nur einmal im Jahr Geburtstag.

Und wenn Jenny nur einmal im Jahr Luft holen würde, mir doch egal.

Ich gehe zum Kühlschrank, hole die Lachsröllchen. Eines schnappe ich mir schon mal heimlich. Schmecken tatsächlich ziemlich gut – zugegeben. Besser noch schnell eines, soll Jenny doch ihr Müsli essen.

„Also, los geht’s…“ murmle ich durch geschlossene Zähne und binde mir die Schuhe zu.

Das Frühstück. Die wichtigste und großartigste Mahlzeit des Tages. Es gibt nur wenig, das ein schönes Frühstück mit frischem Kaffee- und Brötchengeruch toppen kann. Eine Sache, die das noch um Längen schlägt: der Brunch. Diese Fusion aus Frühstück und Mittag, da ist für jeden noch so süßen Zahn sowie herzhaften Gaumenfreund etwas dabei. Seit Wochen freue ich mich auf den heutigen Tag, denn die liebe Jenny hat zum Geburtstagsbrunch eingeladen.

Jenny und ihr geiles, ja weltberühmtes Granola. Sie weiß ganz genau, wie gut es ist. Da muss ich gegensteuern. Nur mit ein paar langweiligen Sea Salt-Chia-Buchweizenvollkorn-Brötchen mit Sesam-Topping aufzutauchen, das kommt definitiv nicht in Frage. Ich muss sie ausstechen. Stundenlang habe ich bei Pinterest nach Instagram-fähigen High Class-Rezepten gesucht, die zudem auch noch glutenfrei sind. Denn die arme Jenny bildet sich seit ihrem Indien-Selbstfindungstrip eine Gluten-Unverträglichkeit ein. Nun ja, so sind es nun Lachsröllchen geworden. Und die habe ich natürlich äußerst akkurat auf einem extra dafür gekauften Teller drapiert, genau so wie auf den Vorschaubildchen bei Pinterest. Hoffentlich lässt der die Finger davon, bis die Mädels es gesehen und anerkennend gelobt haben.

Hauptsache, wir vergessen die Dinger nicht! „Denkst du bitte an die Lachsröllchen im Kühli?“ schreie ich aus dem Schlafzimmer, damit er auch was zu tun hat. Diese Brunch-Vorbereitung stiehlt mir schließlich schon genug Zeit.

Jenny hat einen neuen Freund, den sie uns heute vorstellt. Martin, Markus oder so ähnlich. Ein schnieker Typ soll das sein. Jenny schwärmt jedenfalls unerträglich oft von ihm. Bedeutet also, sich heute besonders viel Zeit fürs Schickmachen zu nehmen. Das gilt natürlich für uns beide – für mich UND für ihn, denke ich und rufe: „Und ziehst du dann auch das Hemd an, das blaue? Das steht dir doch so gut. Du kannst dann wieder den obersten Knopf zu machen, dann sieht das richtig gut aus.“. Unter uns: alles Taktik. Brunch ist eben nicht nur Essen, es ist auch ein Statuszeigen, eine Anstrengung.

„Also, los geht’s…“ sage ich und ziehe mir die Jacke an.

Matt S. Bakausky: Die Person, die beim Spiel des Lebens schummelte

Die meiste Zeit verbringt man also in diesen Casinos und spielt darum am großen Rennen teilzunehmen. Doch man muss auch Zeit im Becken verbringen, um Schwimmen zu üben. Und mit viel Glück gewinnt man dann das goldene Ticket und darf an einem Rennen teilnehmen.
Jaja, das Licht am Ende des Tunnels – das sind die Glühlampen der großen Casinos. Wissen nur die wenigstens, aber ich weiß es, denn ich erinnere mich noch genau daran, als wäre es gestern gewesen.
Die Zeit vergisst man dabei, dafür sorgen die großen Casinobetreiber schon. Nirgendwo gibt es eine Uhr oder einen Hinweis darauf, ob es gerade Tag oder Nacht ist.
Wenn man dann am Rennen teilnimmt ist das was ganz großes. Aber wie gesagt, man muss auch das Schwimmen trainieren. Denn die Chance beim Rennen zu gewinnen ist gering. Zu viele Teilnehmer – manchmal gar über 100 Millionen. Man muss also eventuell tricksen.
Also ich hatte nach all der Zeit im Casino und im Schwimmbecken keinen Bock mehr darauf das Rennen zu verlieren und machte einen Deal. Ja ich weiß, nicht ganz die feine englische Art, doch wer würde sich nicht einen Vorteil verschaffen, um aus diesem öden Alltag herauszukommen? Vor allem gibt es viele Rennen bei denen man gar nicht gewinnt, wenn man der Beste ist. Da gewinnt keiner – der große Preis bleibt aus.Ich lernte einen Hacker kennen, der mir das ideale Rennen heraussuchen sollte. Ich schloss einen Pakt mit ihm. Alles Beginner außer mir und so schaffte ich es auf den ersten Platz.
Nach wie vielen Rennen? Tausenden? Nach wie vielen Stunden im Casino? Milliarden? Doch ich war noch nicht bereit ein Rennen zu gewinnen, das merkte ich erst später.
Man kann nicht wirklich betrügen. Klar ich hatte das große Rennen gewonnen, jedoch fehlt mir nun jeglicher Ehrgeiz. Hätte ich mir den im Schwimmbad erarbeitet, wäre ich in dieser Welt vielleicht erfolgreich.
Hätte mich nur jemand gewarnt, wäre ich im Schwimmbad geblieben. Ich bin einer von Milliarden Siegern und sehne mich zurück in die Stadt mit den hellen Lichtern. Doch diesmal würde ich es anders machen. Keine Rennen mehr, keine Casinos und im Schwimmbad lieber Pommes essen.

Marius Geitz: Zocken II

Oben und unten
Und stark und schwach
Vielleicht ist das die falsche Unterteilung
Geöffnet und verschlossen
Und das korrekte Maß
Vielmehr geht es doch darum bereit zu sein

Sicherheit und Sicherung
Des eigenen Tun
So viel Angst davor
Nochmal loszugeh‘n
Doch der Umkehrschluss
Ist der endgültige Stillstand
Und somit der Verlust
Tiefer zu seh‘n

Bereit für die Öffnung
Bereit für den Verschluss
Bereit dafür, dass sich was bewegt
Doch bereit zu sein
Heißt eine Lücke zu erkennen
Und diese Lücke auch zu verstehen

Der Gewinn ist rein
Der Gewinn ist klar
Der Gewinn ist was gewonnen werden will
Nur leicht zu erreichen
Ist dieser sicher nicht
Sonst wär’ das Leid auf dem Weg
Nichts wert
wenigstens nicht viel

Marius Geitz: Zocken I

Kaum ist eine Unzulänglichkeit offenkundig geworden,
fallen die Geier ein und zerfleischen alles.
Kaum ist ein kleiner Riss sichtbar geworden,
werden die Brechstangen angesetzt und heben alles aus den Angeln.
Kaum hat das Tempo für einen Moment nachgelassen,
Kommen die großen Räder und walzen alles platt.

Die Konsequenz daraus müsste sein,
jede Unzulänglichkeit zu verstecken.
Die Konsequenz müsste sein,
Jeden kleinen Riss zu verputzen.
Sie müsste sein,
Das Tempo unaufhörlich beizubehalten.
Kann das unsere Lösung sein?

Besser wäre doch,
Wir lachten die Geier aus
Besser wäre doch,
Wir schmälzten die Brechstangen ein
Besser wäre doch,
Wir fänden unser eigenes Tempo
Und am besten wäre doch,
Wir höben das Kinn und riefen:
Wir entscheiden selbst.

Untot in Gostenhof: (4) Serban zockt

Ida saß auf dem Sattel ihres schwarzen Damenrades und stützte sich mit einem Fuß an der wuchtigen Türschwelle des Gründerzeit-Wohnhauses ab. Es war Herbst, der Himmel hing graugelb wie Haferschleim über der Stadt, ein eisiger Wind blies durch die Straße und schleuderte eine Handvoll Regentropfen nach der anderen waagrecht gegen Passanten und Fensterscheiben. Auf dem Gepäckständer des Fahrrades war eine Banane festgeklemmt. Ida machte keine Anstalten, abzusteigen oder loszufahren. Stattdessen rauchte sie eine lange, dünne Zigarette in einer silbernen Zigarettenspitze. Ein kleiner Junge mit einem bunten Schulranzen auf dem Rücken bog um die Ecke und hüpfte auf die Türschwelle. 

»Hey, Alfons!« begrüßte Ida den Buben, der mit seiner Mutter und seiner Schwester im zweiten Stock wohnte. 

»Hey, Ida! Was machst du denn mit der Banane auf dem Fahrrad?« fragte der Junge. 

»Spezialdienstleistung: Lebensmittel ausliefern. Neuer Job. Ich halte gerade die Ruhezeit ein.« 

Sie blies einen Rauchring in die Luft. »Magst du schon mal hoch? Onkel Serban ist zu Hause. Er spielt bestimmt was mit dir, bis deine Mama nach Hause kommt.« 

In diesem Moment ertönte ein gedämpfter Klingelton. Ida begann, ihren rechten Arm zu schütteln. Rasch tauchte ein schwarzer Gegenstand im Bündchen ihrer schwarzen Lederjacke auf, und es dauerte nicht lange, da baumelte ein klobiger Telefonhörer an einem Spiralkabel aus dem Ärmel. 

»Lieferdienst Hotz & Partner … ja? … o.k., ich komme sofort!« 

»Muss du schon fort?« fragte Alfons. 

»Ich bin gleich bei euch! Ich muss nur schnell in die Südstadt, da braucht jemand in der Humboldtstraße dringend ein frisches Ei.« 

Ida streckte erneut ihren Arm aus und wackelte kurz mit dem Ellenbogen, woraufhin ein schneeweißes Hühnerei aus dem Ärmel in ihre Hand rutschte. 

»Ui!« sagte Alfons und machte große Augen. »Wie machst du das?«

»Übung, reine Übung!« grinste Ida und entblößte ein Paar nadelspitzer langer und schneeweißer Eckzähne. 

Sie klemmte das Ei vorsichtig neben die Banane unter den Metallbügel des altmodischen Gepäckträgers. Dann drückte sie die große schwarze Sonnenbrille fest auf ihre Nase und radelte los, während Alfons im Haus verschwand. 
Keine fünf Minuten später tauchte Ida wieder im Wohnzimmer ihrer Tante Mathilda und ihres Onkels Serban auf. Serban und die Nachbarkinder saßen auf dem Sofa und  starrten angestrengt nach oben zur Decke. Alle drei hatten eine messingfarbene Pfeife  im Mund stecken, in die sie mit aller Kraft hineinbliesen, aber kein Ton war zu hören. Oben, dicht unter der Stuckverzierung kreisten mit einem Affentempo drei Fledermäuse, die um die Wette flogen. 

»Na, ihr beiden! Spielt ihr wieder Fledermaus-Olympiade?« 

Onkel Serban spuckte die Ultraschall-Pfeife aus und schnappte geräuschvoll nach Luft. Sein großer runder Kopf glühte rot, wodurch seine weiße, in alle Richtungen abstehende Mähne besonders gut zur Geltung kam. 

»Genau! Diese kleinen Räuber hier haben mich zuvor schon beim Kirschkern-Spucken, bei ›Knochenmühle‹, Grabstein-Memory und beim ›Zombie, ärgere dich nicht!‹ besiegt!« 

»Und zwar zu Null!« jubelte Alfons‘ Schwester Emilie. 

In diesem Moment klingelte erneut das Telefon. Ida holte den Hörer aus dem Ärmel und nahm das Gespräch an: »Zwei Scheiben Salami? Scharf? Pferd – kein Problem! Ich bin in zwei Minuten bei Ihnen.« 

Sie sprang auf die Beine und schlang ein weites Tuch mit aufgedruckten Totenköpfen um ihren Kopf. 

»Lass mal Kind, ich mach das«, bestimmte Onkel Serban. »Leg du mal die Beine hoch!« 

»Aber Onkelchen! Ich bin noch gar nicht erschöpft! Den Lieferdienst habe ich doch erst heute morgen erfunden – « 

»Nichts da!« widersprach Serban energisch. »Ich bin quasi schon unterwegs!«

Er griff sich mit links und rechts hinter beide Ohren und zog jeweils eine Scheibe Salami hervor. Dann rief er »Tschü-üüs!« und machte einen Salto aus dem Fenster. 

»Na gut«, sagte Ida, »dann zock eben ich mit euch weiter. Der liebe Serban hofft doch nur darauf, dass ihm der Kunde einen Schnaps ausgibt. Was haltet ihr von einer Runde Phantom-Poker mit den Spinnen auf dem Dachboden?«


Erzähler: Carsten Striepe
Ida: Julia Gruber
Onkel Serban: Moses Wolff
Alfons: Benedikt
Emilie: Emma

Regie/Schnitt:
Lukas Münich
Titelmusik:
Andreas V. Weber

Robert Segel: LeidEchse

Ich habe die Hinterbeine entdeckt und du den Schwanz.
Einen Wimpernschlag, bevor sie in einer der unzähligen Felsspalten verschwanden.
Doch dieser Augenblick genügte, um sich das Muster einzuprägen. Ein sattes Grün, durchstreift von sandfarbenem Braun, besprenkelt mit dunklen Tropfen. Die winzig kleinen Schuppen, angeordnet in perfekter Symmetrie, erschaffen worden, um Sonnenstrahlen zu empfangen und Regentropfen abzuwehren.

Eine Eidechse, die es hier zu tausenden gab, und die bei jedem Schritt von uns flüchteten, ins Gras oder unter einen Stein und man sich immer wieder fragte: „Warum die Flucht?“
Man hätte sie niemals ausmachen können mit ihrer Tarnung.

Ein Wunder, eines von so vielen der Natur, doch man hat viel zu wenig Zeit, um die Augen zu öffnen und die Luft anzuhalten.
Hier hat man sie, hier auf dieser Insel.
Auf dem Festland hatte man uns gewarnt, die Inselbewohner wären verschroben und unfreundlich. Man hat uns dreist ins Gesicht gelogen, das haben wir gemerkt, gleich nachdem die Fähre andockte. Eine dreiste Lüge, um die Touristen auf dem Festland zu halten.
Und obwohl wir ihre Sprache nicht kannten, haben sie uns das Leben erklärt.
Das wahre Leben, das sich zwischen Leid und Glück versteckt und manchmal auch daneben.
Die Eidechsen, meinten sie, seien wie das Glück, das man versucht zu fangen, mit aller Macht. Doch je mehr man dafür einsetzt, desto eher flieht es in den nächsten Felsspalt.
Man müsse besonnen mit dem Glück umgehen und es entdecken, erzählte uns ein alter Knabe mit einem dieser atemberaubend schönen Tiere auf seiner Hand.
Sein Lächeln war zahnlos.

Und nun standen wir an der Felswand, die er uns empfohlen hatte und suchten nach der Eidechse, die uns eben aufgefallen war.
Wir durchsuchten jeden Felsspalt und verloren dort ein Stückchen Hoffnung, jedes mal, wenn unser Glück vorbeihuschte und sich ein neues Versteck suchte.
Wir jagten ewig.
Wir hatten keine Uhren und keinen Sinn für die Zeit.
Und als ich, wohl eher glücklich als gewollt,
diese Eidechse zu fassen bekam und nur ihren Schwanz behielt,
das Tier jedoch flüchten konnte,
wurden wir uns uneinig.
Denn du sprachst von Leid.