Carsten Stephan: Fachrechnen für Bäcker

Goldsmith-Variationen


1.
Zum Verbacken von 100 kg Mehl
sind 35 000 kcal notwendig.
Wieviel kg Braunkohlenbriketts
sind beim Brustofen unter
Berücksichtigung des
Wärmeverlustes erforderlich?

2.
Eine Konsumbäckerei erhält
ein Faß Trennemulsion im Gewicht
von 58,8 kg. Das Faß wiegt 12,25 kg.
Wieviel Kilogramm netto sind
geliefert worden?

3.
In einer Bäckerei sollen 185 kg Teig
hergestellt werden. Der Anstellsauer
beträgt 0,4 %, der Anfrischsauer
1,4 %, der Grundsauer 18 %, der
Vollsauer 55 % der Teigmenge.
Wieviel Kilogramm muß
jede Stufe wiegen?

4.
Auf der Beute liegen 82,5 kg
Weißbrotteig. Nach dem Abwiegen
werden 75 Weißbrote gezählt.
Wieviel Kilogramm beträgt
die Teigeinlage für ein Weißbrot?

5.
Eine Backbrigade hat täglich 1,2 t
Roggenmehl zu verarbeiten.
Die Gebäckausbeute beträgt
durchschnittlich 142,5 %.
Wieviel Kilogramm Brot
werden hergestellt?

6.
Wieviel Gramm Asche sind
in 80 kg Weizenmehl Type 812
bei einem Wassergehalt
von 14,5 % enthalten?

Philip Krömer: ErlangenHORROR

Und wenn der Vollmond wieder glitzert, wachsen den Werschweinen im Buckenhofer Forst Daumen. Dann steigen sie über ihren Zaun und traben in die Innenstadt, kratzen die Mülltonnen aus und ängstigen den Türsteher vom Zirkel. Aber der lässt sie nicht rein, keine Chance, nicht in dem Outfit. Halte deine Fenster und Türen geschlossen, Erlangen, bis der Mond morgen wieder abnimmt.

Habt ihr im Wiesengrund die niedergewalzten Büsche bemerkt? Die Risse im Asphalt des Radwegs? Das war der Lurch. Der hat beim geheimen Areva-Reaktorexperimenten zu viel vom Kühlwasser geschluckt. Jetzt misst er acht Meter von Schnauze bis Schwanzspitze und weiß mit seiner neuen Kraft nichts anzufangen. Wenn die Reiher vorübersegeln, legt er sich noch immer bewegungslos ins Gras.

Ein Sausen erfüllt die Luft und gurgelnd schluckt ein Strudel alles Wasser aus dem Dechsendorfer Weiher. Da ist ein Riss entstanden. Fische zappeln am matschigen Ufer, das bald bis an den tiefsten Punkt reicht. Und dort kommt … ein Gebäude zum Vorschein. Nein, eine Anordnung abstrakter Formen. Ein Tempel, in dessen innerster Kammer der schreckliche Cthulhu seinen ewigen Schlaf schläft. Leise jetzt. Den wollt ihr nicht wecken!

Tief aus den Bierstollen unterm Burgberg hallen seine Schritte, dringt sein hirnloses Gebrabbel. Wer unvorsichtig nachsehen geht, den schnappt er sich zur Zwischenmahlzeit. Erst wenn das Fest wieder anhebt und die Fässer angezapft werden, kommt der Troll heraus. Unter den Besuchern fällt er kaum auf. Dann steckt er Brezen in sich rein für zwei Fußballmannschaften und trinkt das Bier fässerweise. Wer ihn bei der Nahrungsaufnahme stört, bereut das bald. Das nimmt er krumm. Seine Fäuste sind nicht von Pappe.

Harald Kappel: An der wilden Haltestelle

an der wilden Haltestelle
unter dem Fahrplan
sammle ich Herzschläge
küsse Worte
von deinen Eiscremelippen
betrete deine bunte Pupille
male Träume auf der Netzhaut
dringe durch den Sehnerv
ins Geschmackszentrum
meine Zunge
leckt die Erdnussbutter
aus deinen Erinnerungen
ich trinke das Hirnwasser
es verdunstet
als hübscher Nebel
auf der Kirchturmspitze
hängen die Gedanken
jeder kann unsere Sehnsucht sehen
auf dem Fahrplan
an der wilden Haltestelle

(aus Gedichtband „Stereotomie“ Harald Kappel)

Harald Kappel: Tiere in der Ausstellung

in der Glasmenagerie
stellen sie gefaltete Gedanken
und leere Bücher aus
ich wende mich ab
hinter den beschlagenen Fenstern
würgt ein eiserner Fasan
altbackene Liebesbriefe
in den Trinknapf
zwischen den Zeilen
schlummern Giftpilze
ich trinke
mit zusammengepressten Lippen
doch ich trinke
in meinem Kopf
gerinnt flüssiges Quecksilber
zu Erinnerungen
unten
in der Küche
zweihundert Jahre erbärmlicher Alltag
Gott sei Dank
ertrunken der Vater
ein langweiliger Specht
oben
am Nachthimmel
traumwandelnde Ansammlungen
ein silbernes Luftschiff
ein weißer Zwerg
ein schwarzes Loch
hübsche Fantasien
ich wende mich ab
mittendrin
ich
male
hübsch
ein hilfesuchendes Bildnis
ich stempele es
zur Sicherheit
fünfmal
unter dem nahen Brückengeländer
lebt ein dunkler Fluss
mit einer schimmernden Haut
zwischen den Wasserfällen
schwimmen ungestempelte Fische
aus der Unterwelt
ein ertrunkener Specht
in der Glasmenagerie
öffnen sie
die leeren Bücher
und stellen meine Gedanken aus

(aus Gedichtband  „Nasse Landstraße nachts“ Harald Kappel)

Katrin Rauch: We can always tell

Körper sind Spektren.
An manchen ist Speck dran,
an manchen Spinat,
Gewürze, Glutamat.
Gekocht und gebraten,
roh in Salaten,
mit Zimt und Zucker,
Butter und Panad‘,
und biologisches Geschlecht ist ein witziger Serviervorschlag.

Was du bist, ist ein Körper, leblose Materie, ein Zellhaufen, ein gewaltiger, zu gewaltig, wenn du mich fragst, da könnten schon ein paar Zentimeter weg hier und da, und dort ein paar dazu, das mundet dem Auge besser, das macht dich verständlich und einordenbar, denn das da,… das hat da ja eigentlich gar nichts zu suchen, denn …

We can always tell! Ich sag‘s mal so: Dein Körper ist eine Box und du ragst halt leider aus deiner heraus, denn …

We can always tell! 1. Nein. 2. Ähm, du, also, ähm, du hast da so einen, also, wie soll ich sagen, also … du hast einen Damenbart.

We can always tell! 1. Nein. 2. Hawara, das ist kein Damenbart, das ist ein Bad-Ass-Bitch-Bart.

We can always tell! 1. Nein. 2. Ich habe einen Körper und der wird mich verraten. Mein Körper wird dir sagen, ob das auch ja zusammenpasst, was du über mich annehmen magst.

Ich kann in einer Gruppe Cis-Dudes sitzen, drei davon haben längere Haare als ich, wir haben alle ähnliche Kleidung an, wir trinken alle dasselbe Getränk, sitzen alle gleich da, einer hat lackierte Fingernägel und ich bin ja eigentlich eh froh, deiner Trinkanimation zu entgehen, aber bitteschön 1. nicht mit den Worten „Du bist a Frau, du darfst aussetzen.“ und 2. werden meine Freunde trotzdem dazu genötigt, sich noch drei Stamperl in ihre maskulinen Münder an ihren maskulinen Stimmbändern vorbei in ihre maskulinen Mägen zu ballern, denn ihre maskulinen Lebern sind ja für sowas gemacht.

We can always tell! 1. Nein. 2. Ich habe einen Körper und der ist müde. Ich kann mich drehen und wenden, anders stehen, verändern, mit Füßen und Händen rudern und kentern, solange ich nicht an mir herumschnipseln lasse oder Substanzen zu mir nehme – und das kann man ja wollen, aber ich will es aber nicht wollen müssen – wird das erste, was Leute über mich glauben zu wissen, sein, dass … ja, was überhaupt …

We can always tell! 1. Nein. 2. Wofür? Was hast du davon? Was willst du mit diesem Halbwissen anfangen, wenn du nicht meine Ärztin bist? Dass mein Körper wenig bis gar nichts mit meinen Lebensgewohnheiten zu tun haben muss, es sei denn, jemand zwingt mich dazu, ist hoffentlich inzwischen bei halbwegs allen angekommen, also was willst du mir damit sagen?

We can always tell! 1. Nein. 2. Es ist wirklich nicht meine Schuld, dass ihr die Boxen so klein macht, dass kaum jemand reinpasst.

We can always tell! 1. Nein, das könnt ihr nicht 2. Ich weiß, dass die nun folgende Ausführung kein zielführendes oder diskursfreundliches Argument darstellt, aber haltet doch einfach die Fresse!

We can al [unterbrochen durch ein:] schschschsch…

Liebe Cis-Typen mit feinen Gesichtszügen,
Liebe Buben mit Manboobs,
Liebe Siegfrieds unter 1,70,
Liebe Ingrids über 1,70,
Liebe Damen, die mehr Bart als ihre Brüder haben,
Liebe Homofrauen mit Monobrauen,
Liebe Gören mit Girldicks,
Liebe men-struierenden Männer,
Liebe Mannsweiber, Zniachtl und verhunzte Burschen,
Liebe Kings mit kleinen Knien,
Liebe Queens mit kantigem Kinn,
Liebe Non-Binary-Dynasty,

Körper sind Spektren.
An manchen ist Speck dran,
an manchen Spinat,
Gewürze, Glutamat.
Gekocht und gebraten,
roh in Salaten,
mit Zimt und Zucker,
Butter und Panad‘.
und biologisches Geschlecht ist ein witziger Serviervorschlag.

So ein Rezept aus den USA, bei dem die Mengen nie stimmen und die halben Zutaten nicht erhältlich sind:
– „Oh, nein, zu dumm aber auch, da müssen wir wohl umdisponieren.“
– „Ach, scheiß‘ aufs Rezept, wir improvisieren.“

Katrin Rauch: Eine Unbekannte Menge An Verpassten Zügen

Begegnungen #8 – eine unbekannte menge an verpassten zügen g‘spritzt

ich solle schon gehen, hieß es. obwohl es doch ohnehin längst zu spät war, solle ich jetzt gehen. die worte waren eindeutig, die pläne gezählt, aber wer zählt denn heute noch richtig. die ampeln am heimweg hatten blau geblinkt, die behandschuhten hände zur sitzblockade geladen. worauf das hinausläuft, konnte niemand ahnen und niemanden wundern.

x

ich hatte nicht vor zu bleiben. das kaffeehaus vielleicht, das war im bleiben geübt. das hätte man der polsterung der bänke ablesen können und den klimpernden münzen in der sakkotasche des kellners und der holzvertäfelung und den tischplatten aus marmor sowieso. den marmeladesemmeln nicht. auch nicht dem kaffee. der wein hats schließlich ausgeplaudert, als es nicht mehr zu überlesen war.

deine leidenschaften überschwemmen längst den tisch und bestellen mit einem nicken noch zwei spritzer. wir betrinken uns gegenseitig und die stunden zerfließen wie schankwein, wie ich. selten glaubte ich, eine sprache so gut zu verstehen, nur um später den verstand, das verstandene erst recht links liegen zu lassen. das gesprochene zergeht in der sonne, läuft mir über die hand, hinunter zum ellenbogen. zwischen uns reimen sich die zeilen und die quintolen tun, was sie halt tun.

die zeiten flattern aufgescheucht umher, beeilen sich, fortzukommen. wir haben sie wohl erbost, als wir sie so wenig beachteten, als wir uns schneller als sie fortbewegten. nun liegen sie darnieder, kratzen die böden auf, auf denen wir wandeln, und ziehen uns die schuhe aus. indes gieren wir danach, nicht unterbrochen, nicht beendet zu werden, beschließen, den letzten auch nicht zu nehmen und irgendwann zu gehen, mit über den stadtasphalt strudelnden socken, bald barfuß.

gemeine einsamkeiten flimmern über die scheibe, durch den dunst und ich klemme streichhölzer in meine augenlider. bei dem gedanken, etwas nicht passieren zu sehen, beginne ich zu beben. vor mir ziehen verschwommene schlieren ins land. ob du mich klarer siehst, kann ich nicht sagen, ich glaube, du siehst mich wie der nebentisch, oder so ähnlich. ob du auch meine konturen nachzeichnest, frage ich mich, und wie viel von mir du eigentlich greifen kannst, greifen willst. die versuche, dich zu fassen, der glaube, kleine teile zu erhaschen, aber wer kann sich da schon so sicher sein? ich male dich mit schwarzer tinte und denke artmann wäre stolz.

hast du dem alten,
bist du dem alten,
hauseingangstor
den rang abgelaufen?

dreimal verflucht und
fünfmal verknotet,
eisenverließe
biegen sich selten.

das hast du davon,
die sonne zu sehen,
spritzer zu trinken,
dabei zu blinzeln.

was reimt sich auf sanft?
was kommt nach dem tanz?
der film übermalt,
das album verraucht.

die leere, die auf den rausch folgt, rauscht mir im ohr, ist unerträglich, unmöglich zu fühlen und deine präsenz verlässt mich so zaghaft, wie ich deine verließ. sie lässt zug um zug beleidigt aus dem bahnhof trotten und sitzt immer noch in keinem abteil. sie schläft auf meiner couch, auf meinem schoß, später in meinen armen ein, das erinnert mich an etwas, aber ich beiße die zähne zusammen. jetzt muss ich sie wohl küssen. entschuldige, das musste sein, werde ich sagen, und sie atmet mir in den nacken.

als sie aufsteht und geht, schlafe ich den schlaf der gerechten, als sie im abteil sitzt, als mache sie das gerade zum ersten mal. die erfahrungswerte liegen schwer im magen, im kopf laufen sie langstrecke zu trainingszwecken, aber sie stolpern ständig, als mache sie das gerade zum ersten mal. derweil ziehen verschwommene schlieren vor ihren augen vorbei. was fehlt sind die blau blinkenden ampeln, die zur sitzblockade ladende hand.

Miriam Gil: Im Nebel (I)

Einst schrieb er mir, er würde im Nebel tappen.
Um 23:00.
Ich hatte mir keine Sorgen um ihn gemacht.
Ich war mir sicher, er sorgte schon irgendwie für sich und würde bereits „studieren“.
Klar, kam mir früh vor aber ich glaubte ihm.

So wie er auftauchte verschwand er wieder.
Und ich fand mich nun im Nebel.
In einem diesigen Gemisch, in dem ich meine Hand nicht vor Augen sehen konnte.

Einst schrieb er mir, er sei „blind“.

Ich aber hatte seinen Blick stets als ruhig und geordnet empfunden.

Ich habe die Sache gedreht, gewendet, gedanklich in jede mir auch nur erdenkbar Mögliche Richtung durchgedacht.
Einmal, da gab ich das Zeugnis seines jugendlichen Willens aus der Hand.

Und daraufhin wurde es ganz, ganz schwarz um mich herum.
Und ich fand mich nun ohne Augenlicht.

Das (klare und deutliche) Sehen ist heutzutage mein schwächster Sinn.

Sammeln wir also Synonyme für eine Richtung, einen Weg, Ausweg oder auch lediglich eine Orientierung.

Es ist das „sich anlehnen [an]“
Und das macht man Nebeneinander.
Nicht Über – oder Untereinander.