Carsten Stephan: Auf hoher See mit Jack London

(Audiobeitrag wird Nachgereicht)

Ich weiß wohl, was soll es bedeuten,
Dass ich so elend bin.
Die alten Seefahrtsromane,
Die wollen mir nicht in den Sinn.

Das Schiff geht in gläserner Dünung,
La Plata verbirgt die See.
Der Käpten auf der Kampanje
Ruft eisern: Helm in Lee!

Da halen die matten Matrosen
Mit Kraft die Brassen an.
Sie fieren flugs die Schote
Und brassen Rahen um dann.

Sie geien auf die Bauchgordings,
Sie lassen Bulinen gehn,
Beschlagen und reffen die Segel
Bei Blitz und Donnergedröhn.

Ich glaube, die Wellen verschlingen
Mich eher noch als den Kahn.
Und das hat mit wirren Worten
Der London Jack getan.

Carsten Stephan: Kraut ahoi!

(Audiobeitrag wird nachgereicht)

Früher schlangen die Matrosen
Sauerkraut, das scheint euch klar,
Weil sie Vitamine brauchten.
Aber das ist gar nicht wahr.

Denn kein Mensch braucht Vitamine,
Das sind Märchen, seid nicht dumm.
Es genügte Wind in Segeln
Und in Kehlen reichlich Rum.

Ging der Rum einmal zur Neige,
Kam es schnell zur Meuterei.
Gab es eine lange Flaute,
Rief man nur: Zum Kraut herbei!

Bald schon bliesen da die Winde,
Und sie rochen sehr apart.
Und sie blähten alle Segel,
Und man setzte fort die Fahrt.

Durch die Kraft des Krautes machte
Der Koloss von Rhodos schwapp.
Mit ihr fuhr man gar in Gizeh
Einer Sphinx die Nase ab.

Ist auch euch nach Abenteuern,
Bleibt dem Sauerkraute treu.
Hisst auf euerm Bett das Laken,
Und dann heißt es: Kraut ahoi!

Katharsis3000: Ein Stadtkanal für die feministische Wirklichkeit und wie man weibliche Wut kanalisieren kann

(Audioversion wird nachgereicht)

Wenn man in die Wasser des Feminismus abtaucht, an Erkenntnissen und Ideen, wie an fernen Häfen strandet, sich dem Flow ungeahnter subversiver Energien hingibt, mit dem Echolot die Tiefen sondiert und sich mitten im Wellenrausch verstanden und verbunden fühlt, erwärmt sich das Herz und es weiten sich die inneren Welten. Manche mögen sich, wenn sie wieder auftauchen wie die griechische Göttin Aphrodite fühlen, die einst dem schäumenden Meer entsprang, um mit ihren transformativen Kräften Erdbewohner*innen zu verzaubern und zu verwandeln.

Wenn man in die Wasser des Feminismus abtaucht, an Erkenntnissen und Ideen, wie an fernen Häfen strandet, sich dem Flow ungeahnter subversiver Energien hingibt, mit dem Echolot die Tiefen sondiert und sich mitten im Wellenrausch verstanden und verbunden fühlt, erwärmt sich das Herz und es weiten sich die inneren Welten. Manche mögen sich, wenn sie wieder auftauchen wie die griechische Göttin Aphrodite fühlen, die einst dem schäumenden Meer entsprang, um mit ihren transformativen Kräften Erdbewohner*innen zu verzaubern und zu verwandeln. 

Nehmen wir doch nur mal an, es gäbe so eine frisch dem feministischen Wassern entsprungene Göttin, die versucht, im Nürnberger Hafen aufzutauchen. Wie würde es ihr auf ihrer Held*innenreise ergehen? Während sich unsere neugeborene feministische Heldin in Nürnbergs Hafenbecken die Gischt aus dem Gesicht wischt, beginnt sie, noch bevor sie das Wasser verlässt, die Wirklichkeit mit anderen Augen zu sehen. Noch benommen vom ungeahnten feministischen Rausch prallt sie gegen den harten Beton des Kanalbetts und schlägt sich dabei den Kopf auf. Nachdem sie die eisigen Sprossen in der Wand wie durch ein Wunder erheischt und mit letzter Kraft erklimmt, verbrennt sie sich sofort die Haut am heißen Asphalt und verliert das Bewusstsein. Während unsere Heldin abwesend und blutverschmiert am bayernhafen Nürnberg vegetiert, schleicht sich langsam eine in chorischen Gesängen gebettete, bis in die Eingeweide stechende, wütend wummernde Bassline in ihre Absence. Sie kündigt Kali an, die hinduistische Göttin des Todes, der Zerstörung und der Erneuerung. Als sich der Wind endlich gen Osten dreht, zeichnen sich im Traum die Umrisse der blauen Todesgöttin immer klarer zwischen den rauchenden Flammen ab. Das feurig tänzelnde Inferno der vielarmigen Kali bahnt sich flackernd seinen Weg in das Bewusstsein unserer feministischen Heldin. Auf einem Berg aus Gebeinen tanzend fuchtelt die irre Anmutende wild mit ihrer Sichel herum. In einer Hand den frisch abgetrennten Kopf eines Dämons präsentierend, kreischt Kali immer wieder: „I will take you deep down now! I will take you deep down now!“ Fasziniert und schaudernd gleichzeitig erkennt unsere Heldin darin die sich seit Jahrtausenden anhäufende weibliche Wut, die der Unterdrückung durch das patriarchale System entspringt. Wie Uma Thurman in Kill Bill, rächt sich Kali auf eine archaische Art an den Peinigern. Wie warm und kalt es unserer Heldin da doch gleich wird. Als die Bassline langsam ihren Wumms verliert und die Glut nur noch glimmt, küsst die sanfte, in Vogelgezwitscher getauchte Abendsonne unsere Heldin aus ihrem inneren Blutbad wach. Verwirrt und geklärt in einem steigt sie auf ihr Fahrrad, um sich über die Südwesttangente in Richtung Fürther Straße durch den Verkehr zu quälen. Während sie sich ihren Weg vorbei an Gabionenwänden, Autoschieberbrachen, Bürokomplexen, Baumärkten, Fast-Food-Läden, Autoersatzteilsupermärkten, Wendebuchten, Möbelhäusern, Schlachthöfen, parkenden Autos, fahrenden Autos und nochmals Autos bahnt, stellt sie sich die Frage, ob sie bereit ist, das alles länger so hinzunehmen. Sie erinnert sich an ihr Bad im Feminismus und sieht ihre Umgebung unter dieser Perspektive als eine lebensfeindliche vom Patriarchat konstruierte Wirklichkeit. Die ganze Stadt als eine versiegelte Kraterlandschaft gespickt mit luftverpesstenden raumverschlingenden Stahlblechmaschinen. Am Peak des Leiblstegs angekommen, breitet sich vor ihren Augen das Corpus Delicti der Stadt aus: Der Frankenschnellweg. Während unserer Heldin oben am Leiblsteg Abgase durch das Haar wehen, sich Feinstaubpartikel in ihren Lungenbläschen absetzen und sie das Autotreiben am Frankenschnellweg direkt unter ihr, auf sich wirken lässt, fühlt sie sich verloren, einsam und isoliert, als ob sie eine Welt betrete, die sie nicht betreten mag, weil sie ihr nichts als negative Gefühle zu geben hat. Plötzlich sieht sie mit klaren Augen eine vom Patriarchat geschundene und zerschnittene Stadt vor sich, den Frankenschnellweg als die klaffende Wunde per excellence. Jeder der/die schon mal versucht hat, zu Fuß oder mit dem Rad von Gostenhof über die Rothenburger Straße nach St. Leonhard zu kommen, weiß, welche Todesängste mancher in der Unterführung des Frankenschnellwegs auszuhalten hat. So ging es nun auch unserer Heldin auf dem Leiblsteg. Sie sieht und spürt die real existierende Fetischisierung des motorisierten Individualverkehrs, unter anderem ein Rudiment des Dritten Reichs, direkt unter sich dahinbrettern und kann nicht anders, als diese lebensfeindliche Ausgeburt des Patriarchats zu verteufeln. Da langsam Kalis Bassline wieder zu wummern beginnt, weiß unsere Heldin, dass sie einen Weg finden muss, um ihre Wut zu kanalisieren. Sie muss sich entscheiden, ob sie die Ausfahrt nehmen wird, die sie zum Widerstand führt, oder ob sie der Abzweigung folgt, die sie zu einer konstruktiven Vision einer anderen Wirklichkeit leitet. Tief in ihrem Herzen spürt sie, dass es im feministischen Kampf um mehr geht, als um performative Irritationen oder Slogans auf Kaffeetassen. Sie erkennt, dass der Gender Pay Gap, die Care-Krise, der Klimawandel, etc. Symptome einer Werteschieflage sind. Sie wird sich bewusst, dass diese Asymmetrie nur dadurch entstehen konnte, dass in patriarchalen Gesellschaften Werte und Verhaltensweisen eng an biologische Geschlechtsmerkmale geknüpft sind, die wiederum Grenzen konstruieren und somit scheinbar die männliche Herrschaft legitimieren. Wie wir alle wissen, wird in diesem patriarchalen Konstrukt Männern die Rolle der Herrscher und Frauen die der Untergebenen zugeschrieben. So erklärt sich unserer Heldin die Abwertung weiblich kodierter Werte, wie Intuition, Weichheit, Regeneration, Empfänglichkeit, Empathie, Lebendigkeit usw., als symbolische Gewalt des Patriarchats, die sich in realen Herrschaftsstrukturen, wie eben zum Beispiel dem Gender Pay Gap, verwirklicht. In ihrer scharfen Analyse symbolisiert der Frankenschnellweg die sich real verwirklichte gesellschaftliche Vormachtstellung männlich kodierter Werte, wie ewiges Wachstum, unbegrenzte Leistungsbereitschaft, Gefühlsausblendung, Rigidität, Linearität, Rationalität etc. Der deutlichste Beweis, dass Nürnberg eine patriarchal konstruierte „Autostadt“ ist, zeigt sich für unsere Heldin in den realen gesundheitsgefährdenden Konsequenzen, wie den regelmäßig gemessenen zu hohen Feinstaub- und Lärmbelastungen. Doch auch enorme Hitzebelastungen, durch die immer heißer und trockener werdenden Sommer, potenzieren sich durch die hohe Versiegelungsrate der Stadt und gesellen sich zu Nürnbergs lebensfeindlichen Dämonen. Unsere Heldin denkt an all die Lebewesen, die unter den gesundheitsgefährdenden Folgen einer überproportional an den Bedürfnissen von Autofahrerinnen ausgerichteten Stadtplanung leiden. Die Worte einer indigenen kolumbianischen Aktivistin, die mit ihrem Frauenkollektiv zum Schutz und zur Verteidigung des Territoriums und des Lebens1 seit Jahren gegen die gesundheitsschädlichen Folgen des Kohleabbaus in La Guajira und gegen die Vertreibung der von indigenen Gemeinschaften kämpft, kommen ihr in den Sinn. Sie spricht davon, dass sie sich mit den Frauen des globalen Nordens verbunden fühle, da auch diese irgendwann, so wie sie, von den Konsequenzen des rücksichtslosen Raubbaus an der Natur betroffen seien. Für diese Frauen ist es eine heilige feministische Aufgabe, sich nicht nur für das Leben der Kinder und Alten, sondern auch der Natur per se einzusetzen, da sie sich als Frauen dem Lebendigen besonders verbunden fühlen. Für unsere Heldin ist klar, dass unter anderem durch die trockenen heißen Sommer die Folgen gewissenloser Ressourcenausbeutung ebenso in Nürnberg angekommen sind. Auch hier, an Ort und Stelle, sind lebenserhaltende Maßnahmen längst notwendig. Was für eine wohltätige Wundversorgung wäre es wohl, die Trasse des Frankenschnellwegs vom gesundheitsschädlichen Autoverkehr und dem Asphalt zu befreien? Unsere Heldin stellt sich eine von Abgasen und Lärm desinfizierte 44 Hektar große Verletzung vor. Zur Regeneration des Gewebes wäre es nun notwendig, den Asphalt abzutragen; dann könnte man damit beginnen, die klaffende Wunde gut auszuspülen. In ihrem Inneren konstelliert sich das Bild eines fließenden Gewässers an Stelle der Stadtautobahn. Unsere Heldin würde auf dem Leiblsteg nun nicht mehr über einem Todesangst und Stress 1 Originaler Name der Bewegung: Colectivo de mujeres por la protección y defensa del territorio y la vida en La Guajira, Colombia verbreitenden Superhighway, sondern über einem auf die ganze Stadt regenerierend wirkenden Stadtkanal stehen. Sie stellt sich vor, wie sich an einer solchen heilsamen Oase langsam das Leben zu kultivieren beginnt. Kinder, die spielen und plantschen. Menschen, Tiere und Pflanzen, die die Sonne, das kühle Nass und die frische Luft genießen. Sonntagsausflügler*innen und Tourist*innen, die nach einer ausgiebigen Fahrradtour ein kühles Bier am Ufer des Kanals zu sich nehmen. Feste, die gefeiert werden, Platz zwischen Bäumen, Sträuchern und Blumen, um die Seele baumeln zu lassen. Zudem hätte die Stadt in den heißen Sommern eine Frischluftschneise, die auch Starkregenwassermengen kompensieren könnte, sodass Nürnberger*innen besser vor Hitzewellen und Platzregen geschützt wären. Unsere feministische Heldin weiß nun, wohin sie ihre Reise als nächstes führen wird, denn sie erinnert sich an eine Bande, namens Nürnberg-Fürther Stadtkanalverein, die ihre Vision eines gesellschaftlichen Wertewandels teilt und sich dafür einsetzt, dass der Frankenschnellweg entsiegelt und zu einem Kanal rückgebaut wird. Was für eine geniale Idee! Unsere Heldin beschließt, sich nicht länger in ihrem weißen Quelleturm zu verschanzen, sondern sich der Bande anzuschließen, um sich für den Bau eines Stadtkanals einzusetzen und somit ihre lebensbejahende feministische Vision Wirklichkeit werden zu lassen. Denn schließlich will sie sich bei ihrer zweiten Geburt den Kopf nicht wieder am harten patriarchalen Beton aufschlagen, sondern an weichen saftigen Wiesenbänken geborgen und sanft ins Leben treten. Clara Zetkin, die erhabene Feministin im proletarischen Kampf um das Frauenwahlrecht, wird ihr auf ihrer Reise geistig zur Seite stehen, denn diese schrieb einmal, dass es nicht darauf ankomme, ob eine Idee für die Herrschenden akzeptabel sei, sondern darauf, ob die Massen dafür zu begeistern seien. Deshalb entdecke auch du die Göttin in dir und begib dich auf deine feministische Held*innenreise!

Uwe Stiller: Der Trauzeuge

Ehe man sich traut-
Manch einer eher nicht:
Ich hätt‘ gern ‘ne Braut,
Doch nur vor Gericht?
Die Trauung sprießt aus Trieben,
Sich immer neu zu verlieben.
Oh Ehemann… Ach Ehefrau…
Gemeinsam träumt und wacht,
Zusammen plant und lacht!
Denn man vertraut
Mit Zuversicht,
Stets vorwärts schaut:
Vom Nebel zum Licht.

Carsten Stephan: Kindergartenclown Steve Markus

Nase rot, Orangenbommeln,
Keiner von den feinen Herrn,
Sondern Steve schuf unsre Kita,
Er hat uns zum Fressen gern.

Steves Ballons sehn viele Kinder,
Hören Rummelplatzmusik,
Schweben hoch bis in den Himmel,
Stevie ruft noch: „Kindlein, flieg!“

Schöne Spiele spielt er mit uns,
Auch im grünen Ödland hier:
Berghotelgast, Bullengürtel,
Boote basteln aus Papier.

Und wenn es ganz dolle regnet
Und das Wasser schnell und tief,
Auf die Straße unsre Boote!
Aus dem Gully winkt uns Steve.

Und er lacht und ruft sehr laut dann:
„Eure Wettfahrt nun beginnt
Mit den großen Lastkraftwagen!“
Dabei stirbt schon mal ein Kind.

„Macht doch nichts!“, sagt Stevie immer.
Doch wir Kinder finden’s doof.
Denn wir müssen es begraben
Auf dem Kita-Tierfriedhof.

Ist das Kind dann auferstanden,
Riecht’s nach Hamster statt Persil,
Folgt uns stets mit Küchenmessern.
Kennt es denn kein andres Spiel?

Auch schon tot, doch gut gebadet,
In der Wanne, unser Schwarm:
Stevies Ma spielt mit uns Fangen,
Nimmt uns gerne in den Arm.

Ja, wir lieben Stevies Kita,
Die ist super, doch nur bis
Er aus seinen Büchern vorliest:
Tausend Seiten – das macht Schiss!