Carsten Stephan: Gespräch im Herbstwald

„Sieh, mein Liebster, all die Bäume,
Die im Sonnenlicht erstrahlen.
Einzig um der Schönheit willen
Taten sie sich bunt bemalen.
      Ach, die Welt ist voller Zauber!“

„Meine Kleine, hier weicht Stickstoff
Nur zurück in Stamm und Äste.
Und es bleiben Farbpigmente,
Dass sich keine Laus dran mäste.
      Darin liegt ja gar kein Zauber.“

„Aber sieh doch, all die Blätter,
Die im Winde niederschweben.
Einzig um der Schönheit willen
Haben sie sich hingegeben.
      Doch, die Welt ist voller Zauber!“

„Blätter fallen nur im Herbste,
Weil der Boden bald gefroren.
Sie verdunsten sehr viel Wasser,
Und der Baum müsste verdorren.
      Darin liegt ja auch kein Zauber.“

„Aber hör doch, all die Vögel,
Die ein letztes Mal noch singen.
Einzig um der Schönheit willen
Lassen sie ihr Lied erklingen.
      Doch, die Welt ist voller Zauber!“

„Dieser Vogelsang ist nur ein
Territorialverhalten.
Männchen scheuchen ihresgleichen,
Um so ihr Revier zu halten.
      Darin liegt erst recht kein Zauber.

Aber hör ich deine Stimme
Lispelnd jene Sätze sagen.
Und dann seh ich deine Schnute,
Der mein Wort will nicht behagen.
      Darin liegt ein großer Zauber!“

Andreas Prucker: Wald

April, April. Schon verstecke ich die Eier im Wald.
Wer bin ich und Warum?
Der Soldatenosterhase als neuer Kanzler und bewertungstechnisch bin ich nur noch im politischen
Wald für neue Armut, wie für Euch bestellt.
Ja Bitteschön und Dankeschön.
Seien Sie herzlichst dafür eingestellt, dass wir kein schwimmen in Bäder mehr ermöglichen,
da wir es bevorzugen ein wildes Seebaden zu erlauben, was uns Wahlerfolge garantieren wird,
da ja neuerdings Gehirn fressende Amöben als Klimawandel-Beigabe im Wasser,
hier dies unerwartete Wahlhelfertum nutzvoll einsetzen werden.
Sehen Sie mich als ein neuen politischen Systemsprenger an,
der im psychopathischen Verhalten seine Grundkenntnisse erworben hat,
um hier im Parteien-bürokratischen Wald Dinge so zu gestalten,
dass wir alle neuerdings Regierungsbewegungstechniken besser verstehen.
Nach dem Motto: Eier für Alle macht freier im Wald.
(Einsatz einer Megaphon-stimme)
Das Gerede von immer zu erwartender Armut, als politische Lösung für einen neuen Wohlstand
macht die Leute handlungsunfähig, da diese Schizophrenie in ihrer eigentlichen Aussage jedwede
Kreativität und Impulsförderung zu neuen Wachstum zerstört. Dadurch kommen nur falsche
Entscheidungen zustande, die alles weitere verschlimmern werden. Wir führen Euch zurück ins
MA-O-AM. MA-O-am. MA-o-AM.
(Und das Volk schreit:)
Relaxed fit. Relaxed fit. Relaxed fit.
Ja, es lebe

Christian Knieps: Der Letzte, der entkam

Es begann nicht mit einem Trick, auch nicht mit einer Kiste, und vor allem nicht mit einem Schloss, das nachgab – es begann mit einem Zittern, das keiner sah, mit einem Blick in den Spiegel, der nicht zurückschaute, und mit dem dumpfen Gefühl, dass das, was alle Welt bewunderte, vielleicht nur die Hülle war für etwas, das sich langsam zersetzte, Tag für Tag, in der Stille nach dem Applaus.
Er war der Mann, der sich aus allem befreite – und keiner fragte, was ihn dazu brachte, sich überhaupt fesseln zu lassen. Harry Houdini, geboren als Erik Weisz, wanderte nicht nur aus der Alten Welt in die Neue, sondern auch aus der Welt des Sichtbaren in eine Welt, die nur er kannte, eine Welt aus Luftmangel, Adrenalin, aus dem ständigen Drang, sich zu übertreffen, sich selbst zu schlagen, nicht aus Ehrgeiz, sondern aus Angst – Angst davor, dass niemand merkt, wie sehr er selbst daran zweifelte, ob das, was er sah, was er fühlte, was er vorführte, je wahr gewesen war.
Denn jedes Mal, wenn er in Ketten lag, jede Sekunde, in der das Wasser über ihm zusammenschlug, war nicht nur ein Kampf gegen den Tod, sondern gegen das Verstummen in ihm – gegen diese eine Stimme, die nie schrie, sondern immer nur flüsterte, mit sanfter Grausamkeit: Du bist nicht genug! Du warst nicht genug! Du wirst nie genug sein!
Und so ließ er sich einsperren, wieder und wieder, nicht weil er glaubte, dass es ein Entkommen gab, sondern weil das Entkommen ihm für einen Moment ein Echo schenkte – das Echo der Menge, das Rauschen des Applauses, dieses süße, kurzlebige Beben, das seinen Körper durchfuhr wie eine Droge, die keine Euphorie schenkte, sondern Erleichterung – für Sekunden, nicht mehr, denn schon im nächsten Atemzug wusste er, dass es nicht reichte.
Er war süchtig, ja, aber nicht nach Ruhm – süchtig nach dem Augenblick vor dem Verschwinden, nach dem Moment, in dem das Schloss klickte und die Welt stillstand, süchtig nach der Grenze zwischen Sein und Nichtsein, wo das Bewusstsein dünner wurde als Papier, wo alles in ihm zitterte, vibrierte, schwankte – wo er, für den Bruchteil einer Ewigkeit, nicht Künstler war, nicht der Sohn eines Sohnes eines Sohnes, kein Betrüger im eigentlichen Sinne, nicht Prophet, sondern einfach nur: da.
Doch sobald das Licht zurückkam oder der Sauerstoff und der Jubel dem Staunen der Menschen wichen, fiel es wieder auf ihn zurück, das Gewicht der Selbstinszenierung, die Einsamkeit desjenigen, der keine Rolle mehr spielen kann, weil er längst zur Rolle geworden ist – und so wurde jedes neue Kunststück ein Fluch, jede neue Sensation ein Beweis, dass der letzte Applaus schon wieder verklungen war.
Er sprach von Wahrheit, jagte wagemutig Scharlatane, zerriss die Schleier des Spiritismus, als könnte er sich selbst beweisen, dass es jenseits des Sichtbaren nichts gab – nichts außer dem, was man sich erarbeitet hatte, gespiegelter Zentimeter für Zentimeter, eingesogener Atemzug für Atemzug – und vielleicht tat er es, weil er selbst längst nicht mehr wusste, ob er real war, ob es ihn außerhalb der Bühne gab, außerhalb des Fluchs, sich jeden Tag wieder aus sich selbst befreien zu müssen.
Denn da war etwas in ihm, das nicht verschwand – eine Ahnung, dass all die Zuschauer nicht wegen der Flucht kamen, sondern wegen des Leids, das er nie zeigte, aber das durch seine Adern brannte wie der kalte Griff der Handschellen – sie wollten sehen, wie weit ein Mensch sich treiben lassen kann, wie tief er tauchen muss, bevor nichts mehr zurückkehrt.
Und so ging er immer weiter, baute Kammern, die fast tödlich waren, ließ sich kopfüber aus Fenstern hängen, kletterte in versiegelte Särge, als wolle er die Grenze herausfordern, den Tod verhöhnen, nur um heimlich zu hoffen, er möge endlich kommen, still, ohne Applaus, ohne Erklärung – ein letzter Trick, ohne Rückweg.
Als der Schlag dann aber in seiner finalen Form kam, war er müde. Vielleicht hätte er ihn abwehren können, vielleicht war es Zufall, vielleicht auch nicht – in Wahrheit hatte er den Kampf schon lange begonnen, lange vor dem ersten Trick, lange vor der ersten Bühne, dort, wo der Junge mit den leeren Taschen stand und spürte, dass er nur dann gesehen wurde, wenn er verschwand.
Er starb nicht, weil er scheiterte – er starb, weil er zu lange glaubte, dass es genügte, sich zu befreien, solange das Publikum zusah. Doch niemand befreit sich aus sich selbst – diese Form der Kunst ist den Illusionisten nicht gegeben.

Doch das ist vielleicht das Dunkelste an seiner Geschichte: dass ein Mann, der dem Tod unzählige Male die Tür vor der Nase zuschlug, am Ende daran zerbrach, dass niemand sah, wie sehr er jeden Tag ertrank – nicht im Wasser, sondern in sich.
Er war der Letzte, der entkam – und der Erste, der wusste, dass Flucht keine Rettung ist, sondern nur eine andere Form von einer Kette, die irgendwann spannen würde, sodass er zwangsläufig stolpern musste.

Bastian Kienitz: Der alte Mann und das Meer

Er fuhr hinaus, seit Wochen ohne Glück
und wie ein altes Lied bewegte sich das Meer
mal stumm, dann wieder stürmisch und zurück
auf Festland bleibt sein Boot bescheiden, leer.
Von nichts lebt es sich wahrlich nicht zu Mund
und dieses Unglück kommt auch nicht von ungefähr
so sagt man sich und gibt so allem einen Grund.
bis er den größten Fisch an seiner Angel hat
und dieser Fisch ist Wurzelwerk, die See und
bis zu seinem Ende – er und eines Endes statt…

Andreas Prucker: Killerunterhosen

Im Wald vertsecke ich dann meine Eier,
so das Sie niemand finden kann.

Wer bin ich und Warum?

Der letzte Satz mit der Killerunterhose
sollte statt mit Unglücksverlauf,
selbst verschuldetes Leben heißen,

doch falsch in die Irre geführt
passt besser zur Realität.
Und keine Angst die Killerunterhosen
kommen nicht nochmal vor.

Alexander Rachmann: Seines Unglückes Schmied

Das Wiedersehen, das aufwühlt.

Der erste Kuss, der enttäuscht.

Der Heiratsantrag nach einem Streit.

Die Versöhnung ohne Veränderung.

Das Ankommen, ins unaufgeräumte Wohnzimmer.

Der große Traum, den man hat.

Die stille Natur, in der niemand ist.

Die Karriere, die Freunde kostete.

Der Ausbruch aus allen Zwängen, der im anderen Zwang endet.

Andreas Dietz: Glück und Unglück im April

Der Goethe reimte einst im März
beim Weine abends diesen Scherz:

„Den ersten April musst überstehn,
Dann kann dir manches Guts geschehn.“

Das mag so sein, doch gilt es nicht,
falls Unglück tritt ans Tageslicht.

Und auch bei Gutem hüte dich!
Das Schicksal wütet fürchterlich.

Auf jedes Gute folgt das Bös‘
und umgekehrt. So generös

das Schicksal einen Ausgleich will.
Das gilt besonders im April.