Freiheit ist ein Wort.
Kategorie: Lyrik
Harald Kappel: eigenartiges Radio
ich bin ein kreiselndes Geschöpf
am Toten Punkt
jenseits der Jetztzeit
die Uhren beben
und laufen ab
nur für mich
das Transistorradio verkündet
meinen Einschlag auf den Mond
und im Dorf
haben sie es ja schon immer gewußt
Massen versammeln sich am Horizont
meine verklebten Augen
sehen den Würgereiz ihrer Gesichter
im Stall stopfen sie mir trockenes Heu
ins freche Maul
reglos ertrag ich die Fütterung
nach Vorschrift des Führers
im Graben
ist die Strömung zum Erliegen gekommen
und das Denken
dort liegt die Freiheit im nassen Sarg
ich falle quer hinein
dieser Bruch wird nicht verheilen
ein scharfer Schatten
seziert meinen falschen Mut
das Transsistorradio verkündet
meine Läuterung
Harald Kappel: ihr Ratten
ich habe mein Bett
unter euer Fenster gerückt
gleich morgen
werde ich etwas aus dem Leben machen
mein Wein wird sauer
wann er will
Ratten können gehen
wohin auch immer
nur ich
ich
ich bin gefangen
Durst ist mein Käfig
ich kämpfe hart
habe keine Furcht
nur
vor der Freiheit
aber ich werde
euch Allen verzeihen
euch Alle bezahlen
euch Alle lieben
ihr Ratten
ich werde etwas aus dem Leben machen
ich habe mein Bett
unter eure Freiheit gerückt gleich morgen
Hanne Mausfeld: Endlich frei
Mal Fehler machen,
rebellieren,
sich nicht genieren
und drüber lauthals lachen.
Mit Wonne in den Fettnapf
treten und heimlich
beten, dass es jeder sieht
und akzeptiert,
was dazu führt,
dass man und frau es
ab dann
leichter machen kann.
Ganz offen lästern
überall –
frech, geistreich, bis es andern
wird zur Qual.
Setz dies und jenes in den Sand,
gereich der Familie zur Schande,
tu endlich das,
was keiner will.
Dann brauchst du
keine rote Kappe,
hältst nie mehr deine Klappe
und sagst dir:
Mir ist alles
einerlei,
ich werd so richtig
narrenfrei –
übertreib die Schminke
und winke
als Nathan
von der Bühne.
Das Jony und der Sebel: Meine Freiheit deine Freiheit
Text: Georg Kreisler
(Rechte: Preisler Records, 1985)
Jutta v. Ochsenstein: es fließt
doch spürbar die bleibenden Flügel:
ein Dornenstich in der Brust
am Felsenufer gestrandet
auch dort wohnen Zeichen:
Samenflug, Windrosen
wir atmen mit bleiernen Flügeln
zwischen den Zeilen zittert
die Hand auf der Stirn weiß
Augenblicke springen im Spiegel
das Himmelsblau im Vorüberziehen
Arabella Block: Die Fliege
Die ganze Nacht schon ist der Fliege
als stecke sie in einer Flasche
und surre wieder und wieder
vergeblich gegen das Glas.
Gegen Morgen entdeckt sie den Ausgang.
Summend fliegt sie hinaus aus
dem Flaschenhals des Erwachens.
Arabella Block: Die Eintagsfliege
Wie erklärt man der Eintagsfliege den Schlaf?
Als wärest du kurz nicht,
als verlöschte das Licht,
als flögst du nicht dicht
über der bebenden Haut des Tags?
Sein oder Nichtsein summt sie und lacht,
wach unsterblich.
Harald Kappel: die Motte
im silbergrauen Regen
aus dem dunklen Moor
unter den niedrigen Kiefern
schlüpfe ich aus der alten Haut
hinterlasse milchweiße Fetzen
krieche rücklings
aber voller Hoffnung
über Wurzeln und Steine
erscheine eigenartig schön
in fremden Augen
in deinen Augen
bleibe ich
eine heuchelnde Made
ohne Einsehen
so altere ich schnell
unter der grünen Lampe des Waldes
wohne im Bootssteg
tief im Eisenholz
blinzele gelegentlich
in die träge Sonne
nage Bitternis in den Magen
schmecke
rieselnde Verzweiflung
und doch glitzerst du
unsterblich
ich
werde niemals fliegen
im silbergrauen Regen
Harald Kappel: ans Fenster treten
Ans Fenster treten
das Leben steht still
Vögel fliegen nicht mehr
Seelen schaben die Landschaft
unsere Zeit sinkt in verschimmeltes Brot
Bäume wandern umher
endlich
die Farben brennen
was bleibt ist Asche
tote Halme unter Planen
ans Fenster treten
das Leben
ich sehe nicht
das Leben
vergessene Spuren
das Leben leben
womit denn
wenn nichts fliegt
wenn Klänge im Vacuum versiegen
womit denn
fühlen
wenn man Hände
im kalten Meer
Gebeine nennt
ans Fenster treten
tun
was zu tun ist