Wir sind in einer dicken, dunklen Suppe aus Wasser, Seife und mäßigen Schmerzen eingelegt. Sie hat exakt unserer Körpertemperatur. Wir spüren nicht, wie sie alle unsere Zwischenräume ausfüllt, wie sie jedes einzelne Haar umschließt zum Beispiel. Wie schon immer kommen uns unsere Haare in diesem Schwebezustand vor wie Seetang, ohne, dass wir wüssten, wie Seetang wirklich aussieht. Wir haben Seetang nie in echt gesehen, yet here we are, floating in a soup of soap and seaweed.
Wir haben uns eingelegt in Wasser, Seife und mäßige Schmerzen, nachdem uns von innen her gegen die Hypodermis gepresst wurde, gegen das subkutane Fettgewebe, das wir doch loswerden sollten, seit wir elf sind, und das uns auch diesmal wieder vor dem Aufplatzen bewahrt hat. Gemeinsam mit dem viszeralen hätten wir es doch schon längst los sein sollen, jede Form von Ausmaß, das wir einnehmen, hätten wir los werden sollen in Wahrheit, nichts ist wichtiger, als weniger zu werden. Yet here we are, breit as ever, so viel Suppe verdrängend wie nur irgend wesensmöglich.
Wir wollten verschwinden. Zu etwas gemacht, das sich auflösen will, wollten wir verschwinden. Mit dem Hintergrund verschmelzen wie eine in Tapete gehüllte Tür und als solche uns gegenseitig einen unbemerkten Abgang ermöglichen. Wir wollten eine Tapetentür sein, aber keine solche mit einer auf camp-liker Höhe angebrachten Türschnalle durch die größtenteils unangenehme Männer treten. Im Fernsehen haben wir das gesehen und das wollen wir nicht sein, wir wollen eine Tapetentür in einem verfallenen Landsitz irgendwo in Italien sein, in einer Villa, einem tesoro abbandonato.
Wir wollten kaputt und verwüstet sein, abgeschält und zerfleddert, verkohlt und schimmelig, wurmzerfressene Klaviertasten, Stühle, die nun Schaukelpferde sind, abgeplatzer Putz, Artefakte, die kein lebender Mensch vermisst. Wir wollen seit 200 Jahren tote Menschen sein, gezeichnet, in goldenen Rahmen, über die von uns oder unseren Erben zurückgelassenen Gegenstände wachend, Pokale, Bücher, Schreibmaschinen.
Ich frage mich nicht, wer diese Menschen waren, ich sammle nur Material.
Und dann kommt einer und fotografiert dich und stellt dich, verlassenen Schatz, ins Internet mit Hashtags, denn du bist abbandoned, deserted, discarded for the whole world to see. Precious junk for grime lords and decay lovers. Manchmal bist du für den Algo sogar paranormal und musst menschenunmögliche Kraft aufwenden, um dich und die in deinen verfallenden Mauern eingeschriebene Hospitalität nicht zu vergessen, um nicht als Gespenst aus den verrottenden Bettlaken zu springen, samt der Axt, die du unter der Matratze versteckst und auf alles loszugehen, was die blinden Spiegel nicht mehr zu vervielfältigen imstande sind.
Der hält seine Kamera auf dich und dreht später digital die Sättigung hoch, dabei wollten wir doch blass und bleich werden.
Dann hasst du wieder alles, deine Contentwerdung, deine Aus- und Darstellung, das clickbaity Thumbnail auf deiner Stirn, die Captions und Hashtags, die dir eine Fratze aufmalen, zum Stattfinden gezwungen, zum sich verhalten, zum eine Meinung haben, bestenfalls gefestigt, festgefahren, zumindest eindeutig. Nachdenken müssen und nachdenken hassen, crash out gehen daran, dass sich deine zerebrale Matschpampe mit etwas anderem beschäftigen muss als mit Input. Du musst Output produzieren, Schreiben, du musst Du-Texte schreiben und dabei Texte hassen, die an ein Du gerichtet sind, das eigentlich Ich ist, das eigentlich eine Allgemeingültigkeit ausdrücken soll, also auch diesen Text, du musst deinen Text hassen, natürlich hasst du deinen Text, hast du überhaupt geschrieben, wenn du deinen Text nicht hasst? Und diese Risse überall, natürlich immer diese Risse. Ich hasse Risse. Sie sind genauso überstrapaziert wie ich.
Wir wollten doch einfach nur in Ruhe existieren gelassen werden. Auf unserem kaputten ausladenden Treppenaufgang ganz unten verweilen und heulen bis wir aufhören zu atmen. Abblättern wollten wir, zerfallen und uns auflösen zu einer Suppe in Vantablack in einer freistehenden Badewanne am Ende des Ganges, um später im Garten unter die Zypressen geleert zu werden.
Stattdessen stellt uns so ein Typ auf diese Höllenplattform und 50 Tausend Follower*innen konsumieren uns in ihre zerebrale Matschpampe hinein, um nicht darüber nachdenken zu müssen, dass auch sie tesori abbandonati sind, die zur Auflösung in Conten freigegeben wurden.
Ich frage mich, warum hier alles in Trümmern und Chaos liegt, als hätte jemand das Haus geschüttelt, wenn die Leute doch einfach gegangen sind und ich frage mich, ob, wer auch immer da gegangen ist, dabei auch die schwarzen Flecken hinterlassen hat.
Man hat uns zu etwas gemacht, das sich auflösen soll und uns dann vor den Vorhang gezerrt, unsere Gruft ausgehoben und uns Namen gegeben, die wir dann geändert haben. Wir haben unsere Muskeln, Sehnen und Gelenke aufgetrennt und sie so zusammengenäht, dass sie sich beim ersten Waschen nicht direkt wieder verziehen. So können wir jetzt in Seifenwasser liegen und es verdrängen, vielleicht dabei sogar das letzte Crashout verdauen, die liegen immer so schwer auf dem Magen. Unsere Haut hängen wir zum Trockenen auf
Ich hab eigentlich wirklich keinen Bock mich mit meiner Demontage zu beschäftigen, damit wer und was mich wann in Schutt und Asche legt. Ich will mich nicht mit den verhassten Rissen befassen müssen, damit sie erst zu verstecken, um sie irgendwann zu kleben. Ich will dauernd ausrasten, weil ich nicht länger Ausrasten müssen will. Ich will nicht aus Ausrasten müssen bestehen müssen.
Ich will mehr sein, als das, was mir passiert.