Katrin Rauch: Ville abbandonate


Wir sind in einer dicken, dunklen Suppe aus Wasser, Seife und mäßigen Schmerzen eingelegt. Sie hat exakt unserer Körpertemperatur. Wir spüren nicht, wie sie alle unsere Zwischenräume ausfüllt, wie sie jedes einzelne Haar umschließt zum Beispiel. Wie schon immer kommen uns unsere Haare in diesem Schwebezustand vor wie Seetang, ohne, dass wir wüssten, wie Seetang wirklich aussieht. Wir haben Seetang nie in echt gesehen, yet here we are, floating in a soup of soap and seaweed.


Wir haben uns eingelegt in Wasser, Seife und mäßige Schmerzen, nachdem uns von innen her gegen die Hypodermis gepresst wurde, gegen das subkutane Fettgewebe, das wir doch loswerden sollten, seit wir elf sind, und das uns auch diesmal wieder vor dem Aufplatzen bewahrt hat. Gemeinsam mit dem viszeralen hätten wir es doch schon längst los sein sollen, jede Form von Ausmaß, das wir einnehmen, hätten wir los werden sollen in Wahrheit, nichts ist wichtiger, als weniger zu werden. Yet here we are, breit as ever, so viel Suppe verdrängend wie nur irgend wesensmöglich.


Wir wollten verschwinden. Zu etwas gemacht, das sich auflösen will, wollten wir verschwinden. Mit dem Hintergrund verschmelzen wie eine in Tapete gehüllte Tür und als solche uns gegenseitig einen unbemerkten Abgang ermöglichen. Wir wollten eine Tapetentür sein, aber keine solche mit einer auf camp-liker Höhe angebrachten Türschnalle durch die größtenteils unangenehme Männer treten. Im Fernsehen haben wir das gesehen und das wollen wir nicht sein, wir wollen eine Tapetentür in einem verfallenen Landsitz irgendwo in Italien sein, in einer Villa, einem tesoro abbandonato.


Wir wollten kaputt und verwüstet sein, abgeschält und zerfleddert, verkohlt und schimmelig, wurmzerfressene Klaviertasten, Stühle, die nun Schaukelpferde sind, abgeplatzer Putz, Artefakte, die kein lebender Mensch vermisst. Wir wollen seit 200 Jahren tote Menschen sein, gezeichnet, in goldenen Rahmen, über die von uns oder unseren Erben zurückgelassenen Gegenstände wachend, Pokale, Bücher, Schreibmaschinen.

Ich frage mich nicht, wer diese Menschen waren, ich sammle nur Material.


Und dann kommt einer und fotografiert dich und stellt dich, verlassenen Schatz, ins Internet mit Hashtags, denn du bist abbandoned, deserted, discarded for the whole world to see. Precious junk for grime lords and decay lovers. Manchmal bist du für den Algo sogar paranormal und musst menschenunmögliche Kraft aufwenden, um dich und die in deinen verfallenden Mauern eingeschriebene Hospitalität nicht zu vergessen, um nicht als Gespenst aus den verrottenden Bettlaken zu springen, samt der Axt, die du unter der Matratze versteckst und auf alles loszugehen, was die blinden Spiegel nicht mehr zu vervielfältigen imstande sind.
Der hält seine Kamera auf dich und dreht später digital die Sättigung hoch, dabei wollten wir doch blass und bleich werden.


Dann hasst du wieder alles, deine Contentwerdung, deine Aus- und Darstellung, das clickbaity Thumbnail auf deiner Stirn, die Captions und Hashtags, die dir eine Fratze aufmalen, zum Stattfinden gezwungen, zum sich verhalten, zum eine Meinung haben, bestenfalls gefestigt, festgefahren, zumindest eindeutig. Nachdenken müssen und nachdenken hassen, crash out gehen daran, dass sich deine zerebrale Matschpampe mit etwas anderem beschäftigen muss als mit Input. Du musst Output produzieren, Schreiben, du musst Du-Texte schreiben und dabei Texte hassen, die an ein Du gerichtet sind, das eigentlich Ich ist, das eigentlich eine Allgemeingültigkeit ausdrücken soll, also auch diesen Text, du musst deinen Text hassen, natürlich hasst du deinen Text, hast du überhaupt geschrieben, wenn du deinen Text nicht hasst? Und diese Risse überall, natürlich immer diese Risse. Ich hasse Risse. Sie sind genauso überstrapaziert wie ich.


Wir wollten doch einfach nur in Ruhe existieren gelassen werden. Auf unserem kaputten ausladenden Treppenaufgang ganz unten verweilen und heulen bis wir aufhören zu atmen. Abblättern wollten wir, zerfallen und uns auflösen zu einer Suppe in Vantablack in einer freistehenden Badewanne am Ende des Ganges, um später im Garten unter die Zypressen geleert zu werden.


Stattdessen stellt uns so ein Typ auf diese Höllenplattform und 50 Tausend Follower*innen konsumieren uns in ihre zerebrale Matschpampe hinein, um nicht darüber nachdenken zu müssen, dass auch sie tesori abbandonati sind, die zur Auflösung in Conten freigegeben wurden.


Ich frage mich, warum hier alles in Trümmern und Chaos liegt, als hätte jemand das Haus geschüttelt, wenn die Leute doch einfach gegangen sind und ich frage mich, ob, wer auch immer da gegangen ist, dabei auch die schwarzen Flecken hinterlassen hat.


Man hat uns zu etwas gemacht, das sich auflösen soll und uns dann vor den Vorhang gezerrt, unsere Gruft ausgehoben und uns Namen gegeben, die wir dann geändert haben. Wir haben unsere Muskeln, Sehnen und Gelenke aufgetrennt und sie so zusammengenäht, dass sie sich beim ersten Waschen nicht direkt wieder verziehen. So können wir jetzt in Seifenwasser liegen und es verdrängen, vielleicht dabei sogar das letzte Crashout verdauen, die liegen immer so schwer auf dem Magen. Unsere Haut hängen wir zum Trockenen auf


Ich hab eigentlich wirklich keinen Bock mich mit meiner Demontage zu beschäftigen, damit wer und was mich wann in Schutt und Asche legt. Ich will mich nicht mit den verhassten Rissen befassen müssen, damit sie erst zu verstecken, um sie irgendwann zu kleben. Ich will dauernd ausrasten, weil ich nicht länger Ausrasten müssen will. Ich will nicht aus Ausrasten müssen bestehen müssen.
Ich will mehr sein, als das, was mir passiert.

Christian Knieps: Es ist (nur) noch Suppe da

Der Brückentag hatte das Büro in eine eigentümliche Zwischenwelt verwandelt, in der weder gearbeitet noch wirklich frei gemacht wurde, sondern einige wenige Aufrechte ihre Anwesenheit durch geöffnete Tabellen und demonstrativ langsames Tippen rechtfertigten, während die Infrastruktur des Unternehmens bereits vollständig vor dem freien Vortag kapituliert hatte. Als Marco gegen halb eins mit jener kultivierten Gelassenheit, die er sich über Jahre aus Espresso, Hemden ohne sichtbare Marken und bewusstem Abstand zu allem entwickelt hatte, was nach einem Snack klang, zur Kantine ging, erwartete ihn ein Schild, dessen Tonfall beleidigend freundlich darauf hinwies, dass wegen des Brückentags geschlossen sei. Die zweite Kantine in einem anderen Unternehmen war ebenfalls geschlossen, die kleine Salatbar im Nebengebäude verriegelt, und selbst der Kühlschrank mit den überteuerten Wraps stand leer da wie eine Installation über den Niedergang Europas. Er blieb einen Moment stehen und empfand nicht nur Hunger – es war eine tiefe Kränkung –, denn Hunger war etwas Körperliches und damit Schnödes für jeden, während Kränkung kultivierter wirkte und insgesamt besser zu ihm passte.
Mit kontrollierter Würde ging er in die Büroküche, in der Hoffnung auf eine vergessene Packung Haferkekse oder wenigstens einen Apfel mit glaubwürdigem Herkunftssiegel, und dort sah er sie: Hinten links neben dem Wasserkocher stand eine einzelne Dose chinesischer Instantnudelsuppe. Sie hatte keine Marke, die ihm etwas sagte, keine Bilder, die Vertrauen erzeugten, sondern lediglich eine sehr glücklich gezeichnete Garnele und ungefähr siebenundzwanzig Zeilen Zutatenliste in Schriftgrößen, die normalerweise nur auf Mikrochips oder Beipackzetteln für Nebenwirkungen verwendet wurden. Er betrachtete die Dose mit jener Mischung aus Überlegenheit und Faszination, mit der Menschen auf Reality-TV oder Spielautomaten schauen, und dachte sofort: Das würde ich niemals essen! Dann aber schlich ein Gedanke durch den Frontallappen: Hypothetisch gesehen wäre es interessant zu wissen, wie Menschen das zubereiten und wie das funktioniert – dann stellte er den Wasserkocher an. Während das Wasser erhitzte, lauschte er in den Flur, obwohl kaum jemand da war, und stellte sich mit wachsendem Unbehagen vor, wie plötzlich ein Kollege hereinkommen und ihn dabei beobachten könnte, wie er kochendes Wasser in eine anonyme Nudeldose gießt, als hätte er unterwegs seine gesamte, über Jahre aufgebaute und gepflegte Persönlichkeit verloren. Dabei beschäftigte ihn nicht einmal der Gedanke, dass die Suppe jemand anderem gehören könnte, denn Diebstahl ließ sich erklären, Hunger ebenfalls, aber freiwilliger Konsum einer solchen Suppe hätte einen Makel seines Charakters offenbart, von dem er nicht wusste, ob er ihn sich selbst verzeihen könnte. Deshalb vermied er es auch konsequent, die Zutatenliste zu lesen, weil jeder Blick darauf entweder seine Entscheidung zerstören oder – noch schlimmer – sie legitimieren könnte.
Als die vorgeschriebenen Minuten vergangen waren, trug er den dampfenden Becher mit einer Haltung zurück an den Arbeitsplatz, die möglichst nach „chemisches Experiment“ aussehen sollte und keinesfalls nach einem – seinem Mittagessen. Er setzte sich, rührte vorsichtig um und betrachtete das Ergebnis kritisch – es roch überraschend gut. Nicht gut im Sinne von gut, sagte er sich sofort, gut im Sinne von intensiv, direkt, unanständig, wie schwülstige Popmusik oder kalorienbombardierte Hotelbuffets. Er traute sich, fühlte sich wie Neil Armstrong vor der Mondlandung, tauchte ein und nahm den ersten Löffel – sofort passierte etwas Schreckliches: Die Suppe schmeckte hervorragend. Nicht objektiv hervorragend, nicht Michelin-Stern-hervorragend – sie war auf eine Weise hervorragend, die seine gesamte Selbstwahrnehmung beleidigte, weil sie warm, salzig, scharf, künstlich und dennoch vollkommen zufriedenstellend war. Mit jedem weiteren Löffel wurde sein Schuldgefühl größer, weil er nicht nur etwas aß, das er in seinen Grundfesten verachtete – er genoss die Suppe wie ein Mensch ohne jede kulturelle Verteidigungslinie.
Als der Becher leer war, schob er ihn diskret tief in den Müll und hob dafür sogar alten Inhalt mit einem Taschentuch an, wischte den Schreibtisch ab und schwor sich mit ernster Entschlossenheit, dass dies ein einmaliger Ausrutscher gewesen sei, geboren aus Umständen, einer akuten, nicht-kontrollierbaren Schwäche und natürlich den geschlossenen Kantinen. Doch als er später den Rechner herunterfuhr und an den Einkauf für den Abend und das kommende Wochenende dachte, erschien irgendwo in seinem Inneren bereits eine kleine, leise Stimme, die sich fragte, in welchem Regal im Supermarkt seines Vertrauens solche Suppen normalerweise standen – erbärmlich, auf ganzer Linie!

Andreas Dietz: Einfalt am Waldesrand

Das Zirpen und das Tirilieren,
das Unkenrufen und das Quaken,
das Summen und das Musizieren,
das Hoppeln und das Hakenschlagen.
Am Waldesrande die verzückten
Gesichter, diese ganz entrückten.

Das Balzen und das aggressive,
mit voller Inbrunst das Markieren
von Jagdrevieren und die tiefe,
die Todesangst von Beutetieren.
Am Waldesrande die bedrückten
Gesichter, diese ganz missglückten.