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Andreas Prucker: Dialekt
Dialekt ist eine Bewusstseinseinschränkende Sprache und fürht zu ausbleibenden Chancenverwertung und so zum nicht verwirklichen können vieler Möglichkeitsformen.
FD: Dialeggd
Ein Unsinnsgedicht
Damid ham’mer ned gereschned
dass de Dialeggt sisch so halde wüdde
Da hör’n mer dem Kind zu
wie’s brabbelt und babbelt
den Ludscher im Mund
den Ball um de Disch rum dotzd
die babbische Hände
am Dischduch abwischd
mit große Auge zum Vadder guckt
den Mund aufsperrt und sprischd:
Dem Paul sei Babba had sisch au ned so uffgerescht
Des mit dem Schreibe is hald gar ned so leischd
Die Wödder klinge so und schreibe sisch ganz anners
Wie soll des denn einer verstehe?
Des mit dem Dialeggt, des rafft doch wigglisch keiner
Aba spädestens wenn des Kind ald genuch is
von de Schul zur Uni zu gehe
dann is de Dialeggt verschwunde
Zurück bleibt Hochdeutsch wie es im Buche steht.
Mit dem sozialen Aufstieg kommt die Hochsprache.
Un nur die Heimad kann manschemal
den Dialeggt wieda naufhole
fühld sisch dann heimisch an
des Gebrabbel un Gebabbel
e weng minderbemiddeld
un stolz drauf
David Telgin: Su schwädzemer
(So sprechen wir)
Oma,
die sprach es
Und die Mutter
verstand es
Doch ich kenne
nur noch wenige Wörter
Dialekt,
der verschwindet.
Su schwädzemer
auf Hochdeutsch.
David Telgin: Sprachgrenze
„Ich chume us Dütschland“
sagte er
auf Schwiizerdütsch
Nach Jahren
in der Schweiz
Er sprach
fast fließend Dialekt
Doch er blieb
ein Fremder.
David Telgin: Mund-Art
In Berlin
kaufte ich
ein paar Schrippen
In der Pfalz
en Weck
Und in Köln
e paar Brötcher
Die schmeckten
Ich aß sie
alle weg
Die Dialekte
knusperten
Noch lange
im Ohr.
Christian Knieps: Die Grumbeere
Wenn man in der Eifel aufwächst oder auch nur lange genug dort verweilt, um nicht mehr nur Besucher, sondern Teil einer kratzigen, widerständigen Sprachlandschaft zu werden, dann bemerkt man irgendwann, oft erst beiläufig und dann mit wachsender Zuneigung, dass die Kartoffel dort nicht einfach Kartoffel heißt, sondern Grumbeere, ein Wort, das wie ein Fundstück aus einer älteren Erdschicht der Sprache wirkt, rau, rund, ein wenig verschroben, und doch so selbstverständlich im Mund derer liegt, die es benutzen, als habe es nie etwas anderes gegeben, als sei es immer schon genau dieses Wort gewesen, das zwischen Acker und Küche, zwischen Keller und Kochtopf, zwischen Kindheit und Erinnerung hin und her wanderte und dabei eine leise, aber beharrliche Identität formte, die sich nicht aus großen Erzählungen speist, sondern aus der täglichen Wiederholung kleiner, scheinbar unbedeutender Benennungen.
Denn Dialekt, und das zeigt sich an kaum einem Gegenstand so deutlich wie an der Kartoffel, ist weniger eine Abweichung vom Hochdeutschen als vielmehr ein Gedächtnis der Regionen, ein Speicher aus Lauten, Bildern und Bedeutungen, in dem sich Klima, Boden, Geschichte und soziale Nähe abgelagert haben, sodass die Grumbeere in der Eifel nicht nur eine Knolle bezeichnet, sondern zugleich die Erinnerung an steinige Felder, an mühseliges Auflesen, an Vorratskeller, in denen der Winter wie Erde und Keimlingen roch, und an Küchen, in denen einfache Gerichte den Rhythmus des Jahres mitvollzogen, während in anderen Gegenden Deutschlands, etwa wenn von Erdapfel, Grundbirne, Potaten oder Knollen gesprochen wird, jeweils andere Landschaften, andere Arbeitsweisen und andere kulturelle Selbstverständlichkeiten in die Sprache eingesickert sind, ohne dass man sie noch eigens benennen müsste.
So wird die Kartoffel, dieses unscheinbare, globale, millionenfach reproduzierte Nahrungsmittel, im Dialekt plötzlich wieder lokal, verletzlich, ortsbezogen eigen, weil sie ihren industriellen Namen verliert und stattdessen in eine Wortform schlüpft, die nicht aus dem Lateinischen oder Französischen stammt, sondern aus dem Mundwerkzeug einfacher Leute, die tastend, hörend, erlebend und verformend ein Wort an ihre eigene Wirklichkeit angepasst haben, bis aus der fernen patata eine Grumbeere werden konnte, deren Klang schon das Unregelmäßige, Erdige und Unperfekte in sich trägt, sodass man beim Aussprechen beinahe meint, die schiefe Form der Knolle selbst auf der Zunge zu spüren und die leichte Sprödigkeit der Schale zwischen den Zähnen zu hören.
Interessant ist dabei weniger die etymologische Korrektheit dieser Wörter als ihre emotionale Topografie, denn wer Grumbeere sagt, sagt fast immer mehr als nur Kartoffel, er sagt Kindheit, Herkunft, Zugehörigkeit, und er sagt es oft ohne sich dessen bewusst zu sein, während der Hochdeutschsprechende zwar verstanden wird, aber doch immer ein wenig wie ein Besucher klingt, der den Ort korrekt beschreibt, ohne seine Gerüche zu kennen, sodass sich im Dialektwort eine soziale Nähe bündelt, die nicht argumentiert, sondern voraussetzt, die nicht erklärt, sondern einlädt, und die in einem scheinbar banalen Substantiv einen ganzen Mikrokosmos von Erfahrungen aufruft, der sich gegen Vereinheitlichung sperrt, gerade weil er so unspektakulär daherkommt.
Vielleicht liegt darin auch die stille Widerständigkeit der Dialekte, dass sie nicht in Manifesten auftreten, sondern in Küchengesprächen, nicht in Parolen, sondern in Einkaufszetteln, auf denen Grumbeere steht, wo Kartoffeln gemeint sind, und dass sie gerade dadurch den globalen Tendenzen zur sprachlichen Glättung etwas entgegensetzen, das nicht donnernd, aber beharrlich ist, weil jedes Kind, das dieses Wort hört und übernimmt, eine kleine Linie der Kontinuität weiterzieht, ohne es zu merken, und damit eine Form von kulturellem Gedächtnis stabilisiert, die nicht archiviert, jedoch gelebt wird, die nicht bewahrt, sondern benutzt wird, und die gerade im täglichen Gebrauch ihre Legitimation findet.
Am Ende zeigt die Grumbeere, wie sehr Dialekt weniger ein Sonderfall der Sprache als ihre eigentliche lokale Basis ist, denn hier wird nicht normiert, sondern geformt, nicht verwaltet, sondern ausprobiert, und während das Hochdeutsche die Kartoffel in ein überregionales System einordnet, das Verständigung ermöglicht, aber Eigenheiten nivelliert, hält der Dialekt sie fest in einem Netz aus Lauten, das so eng mit Ort und Alltag verknüpft ist, dass man die Knolle kaum nennen kann, ohne unbewusst auch die Landschaft mitzubenennen, aus der sie stammt, sodass jedes Dialektwort letztlich ein kleines Archiv der Welt ist, in der es entstanden ist, und die Grumbeere damit nicht weniger als ein essbarer Beweis dafür wird, dass Sprache immer auch Boden unter den Füßen ist.