Christian Knieps: Ursuppe

vor dem wort
war das wur

vor dem wur
war das ur

und im ur
war das supp
nicht suppe
nur supp
ein blupp
ein schlapp
ein sch

dann:
plopp
ein ei
im nein
ein ja
im schleim
es zellte
es teilte
es eilte
es weilte

und plötzlich
hatte etwas
einen rand
und hinter dem rand
stand einer
und sagte:
ich

und das ur
das supp
das blupp
das ganze alte
warmgewesene
sah hoch
und dachte
oh nein
schon wieder einer

Christian Knieps: Es ist (nur) noch Suppe da

Der Brückentag hatte das Büro in eine eigentümliche Zwischenwelt verwandelt, in der weder gearbeitet noch wirklich frei gemacht wurde, sondern einige wenige Aufrechte ihre Anwesenheit durch geöffnete Tabellen und demonstrativ langsames Tippen rechtfertigten, während die Infrastruktur des Unternehmens bereits vollständig vor dem freien Vortag kapituliert hatte. Als Marco gegen halb eins mit jener kultivierten Gelassenheit, die er sich über Jahre aus Espresso, Hemden ohne sichtbare Marken und bewusstem Abstand zu allem entwickelt hatte, was nach einem Snack klang, zur Kantine ging, erwartete ihn ein Schild, dessen Tonfall beleidigend freundlich darauf hinwies, dass wegen des Brückentags geschlossen sei. Die zweite Kantine in einem anderen Unternehmen war ebenfalls geschlossen, die kleine Salatbar im Nebengebäude verriegelt, und selbst der Kühlschrank mit den überteuerten Wraps stand leer da wie eine Installation über den Niedergang Europas. Er blieb einen Moment stehen und empfand nicht nur Hunger – es war eine tiefe Kränkung –, denn Hunger war etwas Körperliches und damit Schnödes für jeden, während Kränkung kultivierter wirkte und insgesamt besser zu ihm passte.
Mit kontrollierter Würde ging er in die Büroküche, in der Hoffnung auf eine vergessene Packung Haferkekse oder wenigstens einen Apfel mit glaubwürdigem Herkunftssiegel, und dort sah er sie: Hinten links neben dem Wasserkocher stand eine einzelne Dose chinesischer Instantnudelsuppe. Sie hatte keine Marke, die ihm etwas sagte, keine Bilder, die Vertrauen erzeugten, sondern lediglich eine sehr glücklich gezeichnete Garnele und ungefähr siebenundzwanzig Zeilen Zutatenliste in Schriftgrößen, die normalerweise nur auf Mikrochips oder Beipackzetteln für Nebenwirkungen verwendet wurden. Er betrachtete die Dose mit jener Mischung aus Überlegenheit und Faszination, mit der Menschen auf Reality-TV oder Spielautomaten schauen, und dachte sofort: Das würde ich niemals essen! Dann aber schlich ein Gedanke durch den Frontallappen: Hypothetisch gesehen wäre es interessant zu wissen, wie Menschen das zubereiten und wie das funktioniert – dann stellte er den Wasserkocher an. Während das Wasser erhitzte, lauschte er in den Flur, obwohl kaum jemand da war, und stellte sich mit wachsendem Unbehagen vor, wie plötzlich ein Kollege hereinkommen und ihn dabei beobachten könnte, wie er kochendes Wasser in eine anonyme Nudeldose gießt, als hätte er unterwegs seine gesamte, über Jahre aufgebaute und gepflegte Persönlichkeit verloren. Dabei beschäftigte ihn nicht einmal der Gedanke, dass die Suppe jemand anderem gehören könnte, denn Diebstahl ließ sich erklären, Hunger ebenfalls, aber freiwilliger Konsum einer solchen Suppe hätte einen Makel seines Charakters offenbart, von dem er nicht wusste, ob er ihn sich selbst verzeihen könnte. Deshalb vermied er es auch konsequent, die Zutatenliste zu lesen, weil jeder Blick darauf entweder seine Entscheidung zerstören oder – noch schlimmer – sie legitimieren könnte.
Als die vorgeschriebenen Minuten vergangen waren, trug er den dampfenden Becher mit einer Haltung zurück an den Arbeitsplatz, die möglichst nach „chemisches Experiment“ aussehen sollte und keinesfalls nach einem – seinem Mittagessen. Er setzte sich, rührte vorsichtig um und betrachtete das Ergebnis kritisch – es roch überraschend gut. Nicht gut im Sinne von gut, sagte er sich sofort, gut im Sinne von intensiv, direkt, unanständig, wie schwülstige Popmusik oder kalorienbombardierte Hotelbuffets. Er traute sich, fühlte sich wie Neil Armstrong vor der Mondlandung, tauchte ein und nahm den ersten Löffel – sofort passierte etwas Schreckliches: Die Suppe schmeckte hervorragend. Nicht objektiv hervorragend, nicht Michelin-Stern-hervorragend – sie war auf eine Weise hervorragend, die seine gesamte Selbstwahrnehmung beleidigte, weil sie warm, salzig, scharf, künstlich und dennoch vollkommen zufriedenstellend war. Mit jedem weiteren Löffel wurde sein Schuldgefühl größer, weil er nicht nur etwas aß, das er in seinen Grundfesten verachtete – er genoss die Suppe wie ein Mensch ohne jede kulturelle Verteidigungslinie.
Als der Becher leer war, schob er ihn diskret tief in den Müll und hob dafür sogar alten Inhalt mit einem Taschentuch an, wischte den Schreibtisch ab und schwor sich mit ernster Entschlossenheit, dass dies ein einmaliger Ausrutscher gewesen sei, geboren aus Umständen, einer akuten, nicht-kontrollierbaren Schwäche und natürlich den geschlossenen Kantinen. Doch als er später den Rechner herunterfuhr und an den Einkauf für den Abend und das kommende Wochenende dachte, erschien irgendwo in seinem Inneren bereits eine kleine, leise Stimme, die sich fragte, in welchem Regal im Supermarkt seines Vertrauens solche Suppen normalerweise standen – erbärmlich, auf ganzer Linie!

Andreas Dietz: Einfalt am Waldesrand

Das Zirpen und das Tirilieren,
das Unkenrufen und das Quaken,
das Summen und das Musizieren,
das Hoppeln und das Hakenschlagen.
Am Waldesrande die verzückten
Gesichter, diese ganz entrückten.

Das Balzen und das aggressive,
mit voller Inbrunst das Markieren
von Jagdrevieren und die tiefe,
die Todesangst von Beutetieren.
Am Waldesrande die bedrückten
Gesichter, diese ganz missglückten.

Andreas Prucker: Ein Rezept für das Leben

Ein Rezept für das Leben.
So anstrengend es war, dies auch herzustellen,
wird es doch leider ganz schnell verspeist.
Wer es aß konnte nicht so recht sagen, was dies war.
Der Geschmack kam erst später.
Doch ab da gab es kein Leben mehr.
Alles schon weg gegessen
und das Rezept war vergessen.
Derjenige der dies zubereitete
kam aus der Zukunft
und verschwand darin wieder
als neue Gegenwart
in ein für si

Andreas Dietz: Auf dem Teller die Suppe

Nudeln fand er auf dem Teller,
Möhrchen auch und grüne Schoten.
Manches wurde aufgeboten.
Langsam aß er und dann schneller.

Mit dem Löffel angehoben,
aufgeschöpft die Schweinebrocken,
rausgefischt die Eierflocken.
Und die Nudeln schwammen oben.

Augen schauten mit viel Mühe
etwas trüb, sie sind vom Esser.
And’re Augen schauten besser,
nämlich glänzend aus der Brühe.