Christian Knieps: Meine Tropen der Skepsis

Der Abend begann mit dieser stillen Spannung, die entsteht, wenn zwei Menschen wissen, dass sie sich an einem Punkt befinden, an dem Gedanken plötzlich gefährlich werden können, weil sie nicht mehr bloß Theorien bleiben, sondern sich langsam in Entscheidungen verwandeln, und genau diese Spannung lag zwischen Mira und Jonas, während sie an dem kleinen Holztisch eines unscheinbaren italienischen Restaurants saßen, dessen Kerzenlicht ihre Gesichter in ein warmes, beinahe vorsichtiges Leuchten tauchte.
Jonas hatte den Wein bestellt, einen schweren roten aus Süditalien, von dem er behauptete, er schmecke nach Erde und Sonne zugleich, was Mira mit einem leicht ironischen Lächeln quittierte, weil sie wusste, dass Jonas grundsätzlich dazu neigte, Dingen Bedeutungen zuzuschreiben, die vielleicht gar nicht wirklich in ihnen lagen, sondern eher in seiner unerschütterlichen Hoffnung, dass hinter allem eine tiefere Wahrheit verborgen sei.
Mira hingegen betrachtete den Wein, das Glas, das Licht und sogar Jonas’ Worte mit jener ruhigen Distanz, die sie sich im Laufe ihres Philosophiestudiums angewöhnt hatte, weil sie irgendwann begriffen hatte, dass Gewissheiten selten länger hielten als die Überzeugung, mit der man sie gerade aussprach, und dass genau dort, zwischen Überzeugung und Wirklichkeit, der Raum entstand, in dem Skepsis zu einer Art Lebenshaltung wurde.
„Du glaubst wirklich, dass wir nichts sicher wissen können“, sagte Jonas schließlich, nachdem sie eine Weile über ihr Seminar zu antiker Philosophie gesprochen hatten, und in seiner Stimme lag nicht nur Neugier, sondern auch ein leiser Widerstand, wie bei jemandem, der zwar zuhört, aber zugleich hofft, dass sich die Welt am Ende doch einfacher erklären lässt als durch Zweifel.
Mira nahm einen Schluck Wein, stellte das Glas langsam zurück auf den Tisch und lehnte sich ein wenig zurück, als würde sie ihre Gedanken erst ordnen müssen, bevor sie sie aussprach, denn sie wusste, dass das, was sie jetzt sagen würde, nicht nur eine philosophische Erklärung sein würde, sondern auch ein Stück von ihr selbst.
„Die fünf Tropen der Skepsis sind eigentlich nur eine Art Landkarte“, begann sie schließlich, während draußen ein paar Passanten vorbeigingen und das Restaurant in jenes gedämpfte Murmeln verfiel, das Gesprächen eine fast vertrauliche Atmosphäre verleiht, „eine Landkarte dafür, warum unsere Überzeugungen immer wieder ins Rutschen geraten.“
Jonas lächelte leicht, weil er diese Art von Gesprächen liebte, auch wenn er insgeheim hoffte, dass sich Mira eines Tages vielleicht doch von ihrer Skepsis entfernen würde, so wie man manchmal hofft, ein Mensch könne sich für eine klarere, hellere Sicht auf die Welt entscheiden – obwohl es selten eine echte Entscheidung war.
„Die erste Trope“, sagte Mira langsam, „ist die der Meinungsverschiedenheit, und sie beginnt mit einer einfachen Beobachtung, nämlich dass Menschen über praktisch alles uneinig sind, über Moral, Wahrheit, Wahrnehmung, Götter, Politik, Liebe und sogar darüber, ob dieser Wein nun wirklich nach Sonne schmeckt oder nur nach Alkohol.“
Jonas lachte leise, doch Mira fuhr fort, während ihre Finger gedankenverloren über den Rand des Glases strichen, als würde sie die Struktur eines Arguments ertasten.
„Wenn aber kluge Menschen mit gleicher Ernsthaftigkeit zu völlig unterschiedlichen Überzeugungen gelangen, dann wird es schwierig zu behaupten, eine dieser Überzeugungen sei offensichtlich wahr, denn jede Seite hat Gründe, und genau deshalb beginnt Skepsis dort, wo wir erkennen, dass Überzeugung allein kein Beweis ist.“
Jonas nickte, doch in seinem Blick lag noch immer jene stille Zuversicht, die Mira schon beim ersten Seminar an ihm bemerkt hatte, als hätte er beschlossen, dass Zweifel zwar interessant seien, aber niemals das letzte Wort haben dürften.
„Die zweite Trope“, sagte Mira, während der Kellner unauffällig neue Kerzen anzündete und der Raum noch wärmer wurde, „ist die des unendlichen Regresses, und sie besagt, dass jede Begründung eine weitere Begründung verlangt, so wie ein Kind immer wieder fragt, warum, bis irgendwann niemand mehr eine Antwort hat, die nicht selbst wieder erklärt werden müsste.“
Jonas stützte das Kinn auf die Hand und sah sie an, nicht nur mit philosophischem Interesse, sondern auch mit jener vorsichtigen Zuneigung, die entsteht, wenn jemand merkt, dass die Gedanken eines anderen Menschen Teil seiner Persönlichkeit geworden sind.
„Die dritte Trope ist die der Relativität“, sagte Mira, „und sie erinnert uns daran, dass alles, was wir wahrnehmen oder beurteilen, immer in Beziehung zu etwas anderem steht, zu unserem Körper, unseren Sinnen, unserer Kultur, unserer Sprache, unserer Stimmung oder sogar zu der Tatsache, dass wir gerade hungrig oder verliebt sind.“
Jonas hob die Augenbrauen bei dem letzten Wort, doch Mira tat so, als hätte sie es gar nicht bemerkt, obwohl ein kaum sichtbares Lächeln über ihr Gesicht huschte.
„Die vierte Trope ist die der Hypothese“, fuhr sie fort, „und sie zeigt, dass viele unserer Überzeugungen letztlich auf Annahmen beruhen, die wir einfach akzeptieren müssen, weil wir sonst gar nicht anfangen könnten zu denken, auch wenn wir genau genommen keinen endgültigen Beweis für sie besitzen.“
Der Wein war inzwischen fast leer, und das Gespräch hatte jene langsame Tiefe erreicht, in der Worte nicht mehr wie Argumente wirken, sondern wie vorsichtige Schritte über ein Terrain, das gleichzeitig intellektuell und persönlich ist.
„Und dann kommt die fünfte Trope“, sagte Mira schließlich, während sie Jonas zum ersten Mal an diesem Abend wirklich direkt ansah, „die des Zirkelschlusses, bei der eine Begründung heimlich auf genau das zurückgreift, was sie eigentlich erst beweisen wollte, so wie jemand sagt, eine Quelle sei zuverlässig, weil sie von einer zuverlässigen Quelle bestätigt werde.“
Jonas schwieg einen Moment, weil er wusste, dass Mira mit diesen fünf Tropen nicht nur eine philosophische Theorie erklärte, sondern eine Art Haltung zur Welt, die ihr Leben wie ein unsichtbares Gerüst strukturierte.
„Deshalb ist Skepsis dein Lebensmotto“, sagte er schließlich ruhig, während draußen ein Auto vorbeifuhr und die Scheinwerfer kurz über das Fenster wie eine Erinnerung daran, dass die Welt außerhalb dieses Gesprächs weiterlief, langsam glitten.
Mira nickte langsam, doch ihre Stimme wurde etwas leiser, als sie antwortete, als hätte sie gerade bemerkt, dass zwischen philosophischer Klarheit und menschlicher Nähe manchmal ein unerwarteter Zusammenhang besteht.
„Ja“, sagte sie, „weil diese Tropen mir gezeigt haben, dass Gewissheit oft nur eine besonders überzeugende Gewohnheit ist, während Zweifel uns daran erinnert, dass wir immer noch lernen, sehen, fühlen und verstehen können, ohne so zu tun, als hätten wir die letzte Wahrheit bereits gefunden.“
Jonas betrachtete sie eine Weile schweigend, und in diesem Schweigen lag keine Widerlegung, sondern eher eine sanfte Nachdenklichkeit, wie sie entsteht, wenn jemand merkt, dass eine andere Sicht auf die Welt vielleicht nicht falsch ist, sondern nur einen anderen Mut verlangt.
„Vielleicht“, sagte er schließlich mit einem leichten Lächeln, „ist Liebe dann einfach eine Hypothese, die wir trotz aller Tropen ausprobieren, weil sie zwar nicht beweisbar ist, aber dennoch eine Erfahrung ermöglicht, die kein Argument vollständig ersetzen kann.“
Mira sah ihn an, zuerst skeptisch, dann nachdenklich, und schließlich mit jener vorsichtigen Offenheit, die entsteht, wenn selbst eine Skeptikerin erkennt, dass Zweifel nicht unbedingt das Ende einer Geschichte sein muss – vielmehr auch der Anfang eines Experiments sein kann, dessen Ergebnis noch niemand kennt.