Christian Knieps: Der Mann mit der Lampe

Ein-Mann-Eine-Szene-Ein-Kurzstück.

Personen

Der Mann mit der Lampe.
Der Anrufer (nur als Stimme).

Set

Neben einem Lesesessel steht eine Lampe. Eine mit einem großen Stoff-Schirm, wie sie in den Siebzigern modern waren. Nicht zu bunt, aber auch nicht zu altbacken. Der Lampenständer sollte aus einem glänzenden Material sein, z.B. Messing. Auf der anderen Seite des Lesesessels steht ein Beistelltischchen, auf dem mehrere Bücher und ein Handy liegen.

Szene

Ein Mann sitzt in dem Lesesessel und liest ein Buch. Er ist auf einer der letzten Seiten. Neben ihm brennt die Lampe und bietet genügend Licht, um gut lesen zu können. Der Mann blättert eine Seite nach der anderen um, liest. Zwischendurch lächelt er an einer Stelle, dann wieder legt er seine Stirn in Runzeln. Am Ende des Textes hält er kurz ein und starrt auf die letzte Seite, dann klappt er das Buch zu, fährt mit der flachen Hand über das Cover, nimmt es hoch, schaut wie gebannt auf den Umschlag und küsst das Buch sanft und innig. Dann schließt er die Augen, führt das Buch an seine Brust, hält es wie eine überaus wichtige Sache fest umschlungen.
Mann indem er mit geschlossenen Augen spricht; ruhig:
Wie schön wäre es nur, solch ein erfülltes Leben zu führen! Unfassbar! Einfach unfassbar! Diese Liebe! Diese tiefempfundene Liebe! Dieses Vertrauen! Dieses unendliche Vertrauen! Warum kann es eine solche Liebe, ein solches Vertrauen, ein solches Leben nicht in Wirklichkeit geben? Warum müssen wir uns damit abfinden, dass es niemals so sein wird wie im Roman? Warum kann die Welt nicht so sein, dass wir uns gegenseitig respektieren, lieben, verstehen, achten…
Das Handy klingelt; der Mann ist im ersten Moment erschrocken, legt dann aber das Buch auf seinen Schoß, nimmt das Handy, drückt eine Taste und hält es an sein Ohr.
Mann indem er recht unsicher spricht:
Hallo?!
Anrufer dessen Stimme aus dem Hintergrund gut zu hören ist:
Nun ja! Ähm! Hallo!?
Mann verwirrt:
Hallo?!
Anrufer seinerseits verwirrt:
Ja! Ähm! Hallo?! Ist da wer? Der Mann zögert kurz, dann schaut er auf sein Handydisplay. Habe ich irgendwen in der Leitung? Hallo?!
Der Mann im Lesesessel legt auf und sein Handy auf den Beistelltisch.
Mann:
War wohl ein Verwirrter! Oder einer, der sich verwählt hat! Mich ruft doch sonst keiner an! Schüttelt den Kopf und findet das Buch auf seinem Schoß, nimmt es auf und betrachtet das Cover, als das Handy erneut klingelt. Was soll das?! Indem er sein Handy aufnimmt und erneut auf die Annahme-Taste drückt. Was wollen Sie?
Anrufer:
Nun ja! Eigentlich mit Ihnen sprechen, aber…
Mann:
Aber was?
Anrufer:
Sie scheinen nicht in der Stimmung zu sein, um mit mir zu sprechen.
Mann:
Das hat nichts mit meiner Stimmung zu tun!
Anrufer:
Nicht? Womit dann? Es kommt keine Antwort. Ich kann Ihnen helfen, wenn Sie…
Mann:
Wer zum Geier sind Sie eigentlich?
Anrufer:
Habe ich mich nicht vorgestellt? Ach du meine Güte! Klar, dass Sie sich nicht wohl fühlen, wenn ich… Aber ja, klar, ich kann mich Ihnen vorstellen. Also, nun ja, ich bin… na ja, ich denke, Sie würden Gott zu mir sagen! Der Mann zögert und ist wie versteinert. Hallo?! Noch in der Leitung? Ein wenig schreiend. Hallo?!
Anstatt zu antworten, nimmt der Mann das Handy vom Ohr und legt auf.
Mann sein Handy weglegend:
Was für ein Spinner! Erst will er mir nicht verraten, wer er ist und dann das! Ich… Das Handy klingelt erneut. Nicht schon wieder! Soll es doch klingeln. Das Handy klingelt mehrfach, doch der Mann reagiert nicht. Er sitzt im Lesesessel und starrt vor sich hin; ist beinahe regungslos. Das Handy klingelt immer weiter, sodass er irgendwann nervös wird, aggressiv sein Telefon ergreift und auf die Annahmetaste drückt. Was?!
Anrufer:
Auch wenn Sie aufgelegt und mich einen Spinner genannt haben, möchte ich dennoch mit Ihnen…
Mann:
Woher wissen Sie, dass ich Sie einen Spinner genannt habe?
Anrufer:
Vielleicht, weil ich Gott bin und alles weiß! Ich weiß auch, dass Sie immer noch nicht daran glauben, dass ich Gott bin!
Mann:
Wie sollte ich auch! Immerhin…
Anrufer:
Immerhin muss man an mich glauben, was vielen nicht mehr so leicht fällt, nicht wahr?
Mann:
Irgendwie so was! Ich kann mir aber immer noch nicht vorstellen, dass Sie Gott sein sollen! Ich meine, warum rufen Sie mich an? Warum schlüpfen Sie nicht in irgendeinen Körper, kommen vorbei und reden mit mir? Oder zünden sich an und kommen als brennender Dornenbusch…
Anrufer:
Sie meinen, ich soll mich so verhalten wie in den Geschichten der Menschen, an die so viele glauben? Würde Ihnen das vielleicht helfen?
Mann mit einem Mal unsicher wirkend:
Nun ja, ich denke schon.
Anrufer:
Schauen Sie zu ihrer Lampe! Indem der Mann tatsächlich seinen Kopf zur Lampe dreht, geht diese aus und wieder an. Nun, sind Sie jetzt überzeugt.
Mann:
Nicht wirklich. Ich meine, das kann auch ein billiger Trick sein, den Sie irgendwie über den Strom steuern und irgendwie so…
Anrufer:
Glauben Sie das wirklich? Sie wollen mir also sagen, dass Sie eher daran glauben, dass ich die Stromverbindung an einer Ihrer Steckdosen manipulieren kann, als dass Sie daran glauben, dass ich das bin, was Sie Gott nennen?
Mann:
Ist das eine rhetorische Frage?
Anrufer:
Glauben Sie? Beide schweigen für einen Moment. Ich könnte auch den Lampenschirm wackeln lassen. Der Lampenschirm wackelt. Oder das Licht flackern lassen. Das Licht flackert. Oder wenn Sie es verlangen, kann ich sogar die Lampe etwas singen lassen. Die Lampe bewegt sich, das Licht verändert sich und aus dem Hintergrund ertönt »I’ve Got You Under My Skin« von Frank Sinatra. Der Mann betrachtet das ganze staunend. Als die Musik endet. Glauben Sie mir jetzt?
Mann:
Ich soll Ihnen glauben, dass Sie der Gott in der Lampe sind?
Anrufer:
Von mir aus auch das! Nennen Sie mich den Gott in der Lampe! Wenn Sie damit an mich glauben!
Mann stotternd, unsicher:
Ich… Ich weiß nicht… Was wollen Sie? … Ich meine, was… Was ist der Grund… Ihres Anrufes? Ich bin doch nur ein kleines Licht! Selbst… Selbst der Schein… Der Schein dieser Lampe ist größer als mein Licht!
Anrufer:
Ich habe Sie eben beim Lesen Ihres Buches beobachtet und dachte mir, dass Sie wahrscheinlich der Richtige sind!
Mann:
Der Richtige wofür?
Anrufer:
Um wieder Liebe, Wärme, Vertrauen, Respekt und all das unter die Menschen zu bringen! Langes Schweigen. Hallo?! Sind Sie noch in der Leitung.
Mann kaum ein Wort hervorbringend:
Ja! Ich… Aber…
Anrufer:
Ich kann verstehen, dass das jetzt alles etwas zu viel für den Moment ist. Auch die anderen Propheten haben…
Mann fassungslos:
Sie wollen aus mir einen Propheten machen? Ich soll…
Anrufer:
Keine Angst. Das passiert nicht von heute auf morgen. Wir bauen das langsam auf, beginnen mit einfachen Aufgaben, ehe Sie…
Mann plötzlich aggressiv, aufstehend:
Was wollen Sie eigentlich? Wer sind Sie? Sie sind nicht Gott! Sondern irgendwer von irgendeiner Sekte, die Kontrolle über mein Stromnetz und meine Lampe… dreht sich zur Lampe Und lassen Sie meine Lampe in Ruhe! Schmeißt sein Handy auf den Lesestuhl, fasst die Lampe am Schirm, schüttelt diese. Raus aus meiner Lampe! Raus aus meinem Haus! Raus aus meiner Steckdose! So laut wie nur möglich brüllend. Einfach raus hier!
Anrufer:
Ist ja schon gut! Ich wollte doch nur…
Mann schreiend:
Raus! Sofort!
Anrufer:
Da will man den Menschen was Gutes tun und Sie zur Liebe unter den Menschen zurückführen – und was bekommt man? Unfassbar diese…
Mann schreiend:
Raus! Verlassen Sie sofort mein Haus! Sucht das Handy, stürzt sich fast auf den Lesesessel und legt auf. Ist das denn zu fassen? Was es da draußen für Irre geben muss. Hält sich die Hand vor den Mund. Ich muss aufpassen, denn nicht nur das Stromnetz scheint manipuliert worden zu sein. Auch muss es hier überall Wanzen geben. Untersucht zunächst den Tisch, dann den Lesesessel, ehe er zu der Lampe übergeht, unter dessen Schirm er sogar seinen Kopf steckt. Wo sich diese Wanzen nur verstecken? Erneut flackert das Licht und der Mann zuckt aus dem Schirm zurück. Schreiend. Das ist nicht witzig! Das ist gar nicht witzig! Aufhören! Sofort aufhören! Geht zum Schalter und schaltet die Lampe aus, doch gleich darauf schaltet sich die Lampe wieder ein. Der Mann schaltet sie noch mehrfach aus, doch jedes Mal geht die Lampe wieder an. Na warte, dir werde ich es zeigen! Indem er den Stecker zieht und beginnen will, die Glühbirne aus der Lampe zu drehen, geht die Lampe erneut an. Wundernd. Wie ist das nur möglich?
Anrufer aus dem Hintergrund; mit wohlwollender Stimme:
Ganz einfach! Weil ich dein Gott bin und nicht nur in deiner Lampe wohne! Willst du jetzt an mich glauben?
Mann für einen Moment geschockt, dann sieht er sich wie ein gehetztes Tier nach allen Seiten um und rennt aus dem Raum; dabei:
Hilfe! Hilfe! Irgendwer verfolgt mich! Hilfe!
Ab.
Anrufer aus dem Hintergrund; aufseufzend:
Noch vor wenigen Jahren wären die Menschen in Ehrfurcht erstarrt, wenn ich das mit der Lampe gemacht hätte! Wie viele haben sich vor den Ständer gekniet und den Lampenschirm als ihren Gott angebetet? Und heute? Selbst das größte Wunder bedeutet für die Menschen kaum mehr als dass sie dahinter einen Trick vermuten! Leiser, fast schon resignierend. Schöne neue Welt, in der das Wunder der Lampe kaum mehr ist als ein Trick! Leiser. Fade out. Nicht mal in einer Lampe ist Platz für mich. Ganz leise. Schöne, neue Welt, in der ich keinen Platz mehr im Leben der Menschen finde.
Alle ab.

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