Arabella Block – Der Garten


Ich bin mein Garten.
Gewachsen bin ich wild.
Hab einen Zaun um mich gezogen.
Allerlei in mir kultiviert.
Schön sollte alles aussehen.
Fruchtbringend sein.
Und gerupft, gerupft hab ich.
Kraut gerupft, ausgerupft und mit Lust
die Erde von den schmutzigen Fingern geschüttelt.
O Lust des Rodens.
Geschwitzt hab ich.
Und die Nacktschnecken gefürchtet.
Alles für die Ernte.
Die hab ich verschenkt.
Was soll’s,
hab ich dann zu den Kletten gesagt,
und sie wachsen lassen.
Hab das Kraut willkommen geheißen
und sein wildes Blühen.
Die Äpfel den Igeln auf die Stacheln gespießt,
zwischen die wimmelnden Flöhe.
Den Ameisen gewunken.
Die Brennesseln kultiviert
für das Gaukeln eines Falters.
Blüht auch ihr, ihr Brombeeren,
und die Heckenrosen,
zückt eure Stacheln,
wuchert und schützt den Zaun.
Er bewahrt die Ernte
für das Chaos in mir.

Matt S. Bakausky (mit Alex K) – Die Schmähl-Eiche

Als Kind war ich gut im Tauchen, ich liebte die Besuche im städtischen Schwimmbad. Als ich dann mein erstes Haus mit den Millionen aus der Schriftstellerei gekauft hatte, war ich voller Freude. Nur ein Nachbar weit und breit und es gab eine wunderschöne Gartenanlage mit viel Platz. Vor meinen Augen hatte ich bereits den Swimming Pool eingeplant. Bei Brenners beauftragte ich das Schwimmbecken, zahlte in Bar. Denn Bargeld lacht.

Sie kamen vorbei und nahmen Maß. Dieser eine Baum müsste gefällt werden. Das würde ich locker in Kauf nehmen, dachte ich mir. So ein Baum mehr oder weniger würde doch nicht stören. Da irrte ich mich wohl. Herr Brenner sagte, dass man für so einen Swimmingpool-Bau im Garten bei der Behörde sich eine Genehmigung holen müsste. Eine reine Formalität.

Dienstag zwischen zehn und 14 Uhr wollte ein Herr Humpfel vorbeikommen und  ich dachte mir, der schaut sich das nur an und unterschreibt dann die Papiere. Aber Pusteblume. „Als Kind tauchte ich gerne und es war schon immer mein Traum einen eigenen Swimmingpool zu haben“, erzählte ich dem Humpfel, als er auftauchte. Er betrachtete den Bauplan und dann den Garten. Dann zeigte er auf den Baum. „Das ist eine Schmähl-Eiche, die steht unter Naturschutz.“ Ich schaue entgeistert. „Ja, kann man die nicht irgendwie woanders hinstellen?“ – „Ja ja, der Glaube versetzt Berge…“, sagt da Herr Humpfel, „aber so ne Schmähl-Eiche, die hat Wurzeln, das ist ihnen bewusst? Ne, die sind auf ihrem ganzen Grundstück.“ Ich schaue jetzt blöd.

„Das wird nichts mit ihrem Swimmingpool, sie können ja ein Planschbecken aufstellen“… Irgendwas in mir zerbrach in diesem Moment, ich konnte einfach nicht anders. Als kleines Kind war ich gut im Tauchen, ich liebte die Besuche im städtischen Schwimmbad. Es kam jetzt über mich, als ich wieder nüchterner wurde, lag da ein Herr Humpfel mit zermatschten Gesicht und in meiner Hand die verrostete Gießkanne, verschmiert mit Blut.

Am nächsten Tag kam ein Kommissar vorbei, um mich zu befragen. Ein Herr Humpfel hätte bei mir am gestrigen Tag einen Termin bei mir gehabt zu einer Begutachtung. Ich sagte, dass er irgendwie nicht erschienen wäre und dass ich mich zwar gewundert, aber nichts weiter dabei gedacht hätte. Der Kommissar notierte Dinge auf seinem Block.

Am Abend  ein Sucheinsatz. Das ganze Dorf sucht nach Herrn Humpfel von der Behörde. Mein Haus wird von der Polizei durchsucht. Kein Herr Humpfel wird gefunden. Irgendwann am frühen Morgen steht der Kommissar in meinem Garten und betrachtet den Baum.

„Wir wissen mittlerweile, dass sie gelogen haben, ein Nachbar hat Herrn Humpfel an ihrem Hauseingang gesehen“, sagt der Komissar. „Ich… ich…“ – mehr kommt nicht aus mir raus. „Wir werden jetzt ihren Garten ausgraben müssen“ – „Sehen Sie den Baum, das ist eine Schmähl-Eiche, sie steht unter Naturschutz.“

Der Kommissar beginnt zu telefonieren. Ich höre nur die Worte „Schmähl-Eiche“ und „Kann man da nichts machen?“… Dann wendet er sich mir zu: „Sie sind vorläufig festgenommen…“ Mir werden Handschellen angelegt.

Als Kind war ich gut im Tauchen, ich liebte die Besuche im städtischen Schwimmbad. Nach einem Tag in der Zelle kam ich wieder in Freiheit, das Auto von Herrn Humpfel wurde gefunden – auf dem Grundstück von meinem einzigen Nachbarn. Derjenige, der gegen mich ausgesagt hatte.

Einige Zeit später stand das Nachbargrundstück zum Verkauf. Ich schlug zu und ließ die Brenners einen Swimming Pool bauen.

Zeha Schmidtke – Unkenrufe

Nachts in der Gartenkolonie. Grillen zirpen. Ein paar wirklich laute Unken dominieren die Stimmung. Ein später Spaziergänger wird auf seinem Gang durch die Gemeinde von einem Nachbarn angesprochen.

nachbar

Nabend.

spaziergänger

Guten Abend.

nachbar

Na? Können Sie auch nicht schlafen bei dem Lärm, ne? Wissen Sie, was das ist? Wissen Sie, was das ist? Das ist vom Nachbarn hier.

spaziergänger

Ach.

nachbar

Ich sag immer: Gartenteich ist ne schöne Sache. Gartenteich haben wir alle. Aber das reicht dem Nachbarn ja nicht, er muß ja immer ne Extrawurst haben. „Gartenteich haben sie alle“, hat er sich wahrscheinlich gedacht: „Ich brauch was spezielles.“ Manche ticken ja so.

spaziergänger

Ja, ja.

nachbar

Er brauchte was Exklusives. Diese fetten Frösche. Aus dem Import. Solche Kawenzmänner sind das! Und das geht jetzt hier die ganze Nacht.

spaziergänger

Ach, so.

nachbar

Tun Sie mir doch mal einen Gefallen. Ich hab bisschen Probleme mit den Gelenken. Können Sie mal hier…einmal hier kurz drücken.

spaziergänger

Hier?

nachbar

Ja, ja.

Der Spaziergänger drückt auf den Knopf. Eine Explosion zerreißt die Nacht. Die Unken unken nicht mehr.

Der Nachbar lacht sich kaputt.

nachbar

Da fliegen sie! Die fetten Frösche!

Der Froschgarten brennt. Ein paar Planken fallen zu Boden.

nachbar

Jetzt sind sie ruhig. Die haben Sie wirklich sauber ruhig gekriegt.

Aus der Ferne: herannahende Sirenen: Polizei und Feuerwehr.

spaziergänger

Wieso ich?

nachbar

Ich muss dann mal los. Ihnen alles Gute!

Die Sirenen kommen näher.

Ende.

Daphne Elfenbein: FERNSEHEN…

.. nein, nicht Medien, nicht Internet, sondern Fernsehen! 

Das ist das Gerät, das ich neulich im Ferien Appartement vorfand, das ich für meinen Urlaub gebucht hatte, nur 150 Meter bis zum Strand. Ich bin von Natur aus neugierig, drum habe ich abends, als ich sonnenverbrannt und erfrischt vom Strand zurückkam, doch mal diese Fernbedienung in die Hand genommen, mit der ich die Welt der Sendekanäle so wundervoll beherrschen kann. Obwohl ich zu Hause keinen Fernseher habe, ich will ja im Urlaub nichts verpassen. 

Auf dem Bildschirm erschienen ein Mann und eine Frau, jung, attraktiv, modisch gekleidet, eloquent, geschminkt, totale Gewinnertypen, sogar mit leicht anarchischen Merkmalen, wie z. B. der zum Zöpfchen geflochtene Bart beim Mann und die Tattoos bei der jungen Frau. Etwas steif und verkrampft saßen sie da und unterhielten sich ganz zivilisiert. Da die beiden nichts wirklich zu sagen hatten, zappte ich weiter. Ein Rettungssanitäter gab Auskunft zu mehreren umgekippten und ineinander verkeilten Lastwagen im Hintergrund. Man habe ein Bein amputieren müssen. Aha, denke ich und zappe weiter. So lange, bis ich wieder zu den beiden Herrschaften mit den Tattoos und dem Zöpfchen Bart komme. Wie aus dem 3D-Drucker sehen die aus. Doch was sie sagen, weckt noch immer nicht mein Interesse. Ich schalte die 35 Kanäle, die rund um die Uhr für mich da sind ab und öffne das WLAN auf meinem Smartphone…. Die Zugangsdaten hängen – für jeden Feriengast sichtbar – an der Wand. Doch auch hier fand ich heute nichts von Interesse.

Wenn ich also hier etwas über das Fernsehen sagen soll, muss ich von der Vergangenheit sprechen. Unser erstes Gerät war ein SABA Schauinsland T2000 color von 1967. Ich war sechs Jahre alt. Am Samstag nach dem Baden saßen 4 saubere Kinder, mit Grießbrei und Apfelmus abgefüttert, vor dem Fernseher zur Sendezeit von Daktari. Danach kreischten und hüpften wir wie Judy der Schimpanse, oder brüllten wie Clarence der Löwe. Später kamen andere Serien dazu. Bonanza, Tarzan, Raumschiff Enterprise. Nur Fußball und Nachrichten waren das Fernseh-Monopol des Vaters. Hier herrschten klare Verhältnisse. Drum gab es wegen des Fernsehens niemals Streit. 

Eine meiner lebhaftesten Kindheitserinnerungen war Karl-Heinz-Köpcke, der unseren Vater regelmäßig derart in Rage brachte, dass er aufsprang und tobte wie Rumpelstilzchen, weil Herr Köpcke seiner politischen Meinung widersprach. Als auch die Nachrichten zu einer kommerziellen Unterhaltungsware wurde, verlor Vater sein Interesse an Politik. Fortan schlief er bierselig vor der Flimmerkiste ein. Sein allabendliches Schnarchen und Grunzen, während bewegte Bilder vergeblich um seine Aufmerksamkeit buhlten, gehörte zu den friedvollen Momenten in unserem Familienleben. Manchmal schreckte er aus dem Schlaf hoch, wenn ein Schuss fiel oder eine Frau kreischte. Das weiße Rauschen nach Sendeschluss versetzte ihn in Tiefschlaf. Wenn der durchdringende Pfeifton das nächtliche Wohnzimmer zerriss, ging er zu Bett, wenn er es fand. 

Heute wird 24/7 gesendet Die guten Sachen nach Mitternacht, wenn ohnehin keiner mehr fernsieht, denn Vater verstarb noch bevor der Flachbildschirm erfunden wurde. Vielleicht das Beste für ihn. Denn während über den Röhrenbildschirm noch Inhalte mit gedanklicher Tiefe in die Wohnzimmer gelangten, war der Flachbildschirm eine folgerichtige technische Entwicklung. 

Ich verkaufte meinen letzten Röhrenfernseher 2004 für 5 Euro an einen Nachbarn. Bis dato hatte ich schwarz gesehen und dem GEZ Mann an der Haustür kaltblütig Lügen aufgetischt. Danach habe ich nie mehr ferngesehen. Paradoxerweise zahle ich seither aber diese Gebühren. Darüber könnte ich mich jetzt auslassen. Mach ich aber nicht. Das würde die Sendung sprengen und Prof. Eisenbart und Dr. Meisendraht zur Verzweiflung bringen. Die haben es eh schwer genug. 

Zurück zu meinem Urlaub. Ich habe für den Rest der Tage die Fernbedienung nicht mehr in die Hand genommen. WLAN habe ich auch nicht mehr genutzt. Das war kein Verzicht, sondern das natürliche Wegfallen von Überflüssigem, wenn man zu sich selbst kommt. 

Fernsehen erhielt dann seine ursprüngliche Bedeutung zurück. Ich sah in die Ferne. Zum Beispiel aus dem Fenster direkt in den Himmel, wo die Wolken sind und das Wetter gemacht wird, ohne die Vermittlung des Deutschen Wetterdienstes. Oder ich sah – auf der Bank am Meer sitzend – zum Horizont, dort wo Meer und Himmel zusammenstoßen, ein Ort, den man niemals erreicht. Nichts ist im Weg, nichts versperrt die Sicht, nichts beansprucht die Informationsverarbeitung in meinem Gehirn, sodass ich anfange wirklich zu sehen, den Wind im Gesicht zu spüren und den eigenen Atem, leicht und frei. Das ist nicht nur Fernsehen, liebe Leute, das ist Großes Kino…

Arabella Block: Fernsehen

ganz nah
vor dem fern seher sitzen
der gar nichts sieht

nur meinen blick einfängt
der in vergeblicher langeweile
den horizont fokussiert

wo keine beute sich zeigt
doch hier springt es und zuckt
und ich starre dankbar 

gedankenverloren
krallen eingezogen
blutgeschmack unter der zunge

satt und lasse mich treiben
lasse für mich sehen
und lasse mich leben

Harald Kappel: BlauWeißNahsehen

irgendwo am Meer
wo’s warm ist
Bewegungen der Körper
Lampe aus
Lampe an
zwei Farben begegnen sich
blaue Tablette im Magen flau
weiße im Glas 
zusammengefügtes Warten
auf nassem Laken
im Zimmer
ein stummer Fernseher
die Wände voller geheimer Gedanken
draußen die Volksmenge
tobt
ein strömendes Grau
in Erwartung des Augenblicks
im Zimmer
Schneefall in der Wüste
draußen lärmende Mehrheiten
Bewegungen des Hauptstroms
im Zimmer
ein stummer Schrei

Harald Kappel: SchwarzWeißFernsehen

inmitten der Arbeit der Nacht
bade ich im Schwarzen Gold
die rauchigen Schlote
werfen Ungemach auf Unterwäsche und Laken
dunkle Schwerkraft
durchdringt unsere private Stille
das Dich und Mich
Käfer fallen im Novemberdunst
in die Kälte des nebligen Wassers
das letzte Grubenpferd lahmt
auf dem Heimweg
die Augen gewöhnen sich
an seine Langeweile
mein Fernseher schreit
in den meisten Ohren wächst wildes Grün
ich will es nicht hören
verdammter Mond
halbfertige Novembernacht
in den Kanälen rauschen Worte
erwartet 
und blöd 
ein dünner Draht 
verbindet die Unterwelt
mit der katholischen Messe
in eigenen Binnenmeer
sprechen Fische
unerwartet
der Neubau der Sprache
hellt die seltsame Befindlichkeit auf 
und ich sehe
in der Arbeit der Nacht
ungestrichene Sinnlosigkeit
nur
wer hilft dem Grubenpferd
auf dem Heimweg
zu sich selbst?
Du?
Ich?
nicht 

Margret Bernreuther: Fernsehen

Unser Wohnzimmer befand sich im obersten Stockwerk unseres riesigen Hauses und nahm dort beinahe die gesamte Fläche ein.
Ausgelegt war es mit einem rauen Teppich, der früher mal beige war, aber auf dem so oft etwas verschüttet worden war, das sich die eigentliche Farbe nicht mehr genau bestimmen ließ.

Wir hatten eine Leder Sofa Garnitur, bei der man die Sitzkissen abnehmen konnte, um dann auf den Lehnen sitzend Pferd zu spielen.
Auf der anderen Seite des Wohnzimmers stand ein Flügel.
Ein Klavier, aus hellem braunen Holz. Er passte gut zu uns.
Weil obwohl, es eben ein verdammter Flügel war, das Ding bestimmt unglaublich teuer gewesen ist, es doch einen irgendwie schäbigen Eindruck machte.

Einmal die Woche kam der Klavierlehrer, der es irgendwann aufgab, uns Klavier spielen beizubringen, weil wir sowieso nie übten und er es auch einfach nicht mehr hören konnten, wie wir uns immer noch bei der linken Hand bei „Für Elise“ abmühten.
Lieber brachte er uns ein selbstgebautes Schachspiel mit, das aus zwei Glasplatten bestand, zwischen die er die verschiedenen Felder in farbigen Quadraten eingelegt hatte.
Ich weiß nicht wie er annehmen konnte, dass dieses Schachspiel, nachdem er gegangen war auch nur einen Tag noch so aussehen würde.

Selbstverständlich lagen die Papierquadrate und die Glasplatten bei seinem nächsten Besuch, kreuz und quer im Wohnzimmer verteilt.
Also erstmal einsammeln und das Spielfeld wieder aufbauen.

Sieben Jahre lang kam der Klavierlehrer. Und ich weiß jetzt wie man Schach spielt.
Kann es aber nicht.

In unserem Wohnzimmer stand der Fernseher.
In den 80er Jahren gab es nur ein paar Dinge, die wir unbedingt anschauen mussten.
Und ich bin verblüfft, wenn ich mir es so überlege, wie zuverlässig wir die Zeiten von unseren Lieblingsserien wussten.
Colt Seavers – lief immer um 17:30 im ZDF mit Werbeunterbrechung, die gerne gesehen wurde, weil ja zwischendrin die lustigen Mainzelmännchen herumsprangen.
Dann gab es noch Spass am Dienstag – das war eigentlich leicht zu merken. Weil die Sendezeit ja quasi im Titel verankert war. Sonntag eigentlich auch die Sendung mit der Maus. Aber wir haben es meistens erst zum Löwenzahn geschafft. Was eine Stunde später dran war und wo der Peter Lustig dann immer gesagt hat, wir sollen jetzt abschalten.
Machten wir auch. Weil kam dann ja auch nichts. Fernsehgarten, oder langweilige Reisedokumentationen.

Ich erzähl meinen Kindern immer was das für eine Sache war. Mit dem Fernsehen und das es genau den einen Möglichkeitsraum gab, zur richtigen Zeit am Gerät zu sitzen, oder die Chance war vorbei.
Die Sendungen bauten aus diesem Grund auch nicht wirklich aufeinander auf. Es gab also selten, außer vielleicht bei der Schwarzwaldklinik, einen Cliffhänger.

Aber dann kam das Satelliten Fernsehen und das veränderte einfach alles.
So viele Sender, soviel Auswahl.
Wir bekamen erst spät einen Anschluss und da gab es dann RTL und Tele 5 und MTV, wo wirklich noch Musik lief.
Die Fernbedienung war nach ein paar Wochen schon kaputt oder einfach weg. Vielleicht hat unsere Mutter auch versucht unseren Konsum durch Verstecken etwas Einhalt zu gebieten.
Man konnte also nur noch direkt am Receiver umschalten.

Meine Geschwister und ich lagen abwechselnd, auf dem alten rauen, dreckigen Teppich und haben mit dem großen Zeh umgeschaltet.
26 Programme in die eine Richtung und dann, wenn dann nichts mehr kam, alles rückwärts.
Bis man auf etwas stieß, was man angucken wollte.

Wir hatten so gut wie nie eine Fernsehzeitung.
Manchmal zu Weihnachten um zu gucken wann Drei Haselnüsse für Aschenbrödel lief.
Es herrschte nur noch Willkür vor diesem Gerät.
Die festen Zeiten, die man vor dem Fernseher verbrachte komplett aufgelöst.
Auf dem Flügel sammelte sich der Staub.

Der Klavierlehrer kam eines Nachmittags nochmal. Um uns zu besuchen. Wir lagen auf dem Teppich und im Fernsehen lief gerade Danger Mouse.
Traurig stand er in der Tür, dann streichelte er sanft mit seinem Finger ein Muster in den Staub auf dem Flügel und verließ grußlos den Raum.

Matt S. Bakausky: Die neue Nachbarin

Ich hatte noch nie eine Nachbarin auf dem Stockwerk.

Rechts von mir wohnte schon immer ein Mann um die 50, der nachts gerne Keyboard spielte, Musik hörte oder mit seiner lauten Stimme durch die Wand telefonierte.

Links von mir wohnten kurzzeitige Besucher im Haus, die teils mehr, teils weniger, kontaktfreudig waren. Da gab es den Insektenmann, der so hieß wie ein Insekt und mir manchmal auch lästig war wie eines. Dann gab es den Fahrradmann, der es häufig schaffte, sich aus seiner Wohnung auszusperren und ansonsten im Treppenhaus Fahrräder reparierte. Ich half ihn einmal mit einer Plastikkarte die Türe zu öffnen und lieh ihm auch einmal Salz. Außerdem besuchte ich ihn nachts, als er mit seiner späteren Ex noch laut Techno hörte. Den Mann, der nachts an die Heizung klopfte und herumschrie, hatte ich fast vergessen.

Meiner Wohnung schräg gegenüber wohnte lange Zeit ein älterer Herr, der mich immer freundlich mit „Hallo, Herr Nachbar“ grüßte.

Aber zu den meisten Nachbarn herrschte eine Distanz, ich betrachtete sie eher aus der Ferne. Zum Beispiel wenn ich in die Wohnung kam und aus dem hinteren Gang einen für Schwerhörige eingerichteten Fernseher, der offensichtlich Tag und Nacht lief, hörte.

Dann gab es noch den Tag, an dem ich bei der Arbeit von einem Staubsaugergeräusch gestört wurde. Das wollte nie enden, ich dachte erst jemand wäre aufgrund des Lockdowns ausgetickt.
Traf dann aber auf dem Weg zum Rauchen auf den Nachbarn, der mich lange Zeit nicht grüßte.
Er erzählte mir, dass der Eigentümer von der Wohnung hinten am Gangende die Heizung reparieren wollte und dabei ein Ventil kaputtging und er jetzt mit dem Wasserstaubsauger hilflos, da alleine drin saß und das herausfließende Wasser der Heizungsanlage absaugte.
Ich wartete mit dem Nachbarn unten auf ein Fahrzeug und einen Mitarbeiter eines Energieunternehmens. Besorgte dem Wohnungseigentümer Reklame aus dem Altpapier, um ein wenig das Wasser zu entfernen. Er schnauzte mich irgendwann in seinem schlechten, gestressten Zustand an und ich verschwand in meiner Wohnung.

Wo war ich stehen geblieben? Eines Abends als ich mal wieder runter zum Rauchen ging, kam gerade eine Frau um die 30-40 aus ihrer Wohnung, mir schräg gegenüber gelegen. Sie fragte mich, ob ich wüsste, wie man hier Fernsehen kann.

Die Nachbarschaft mit einer gewissen Distanz zu betrachten meinte sie nicht, eher diese Beschäftigung, mit der ich in den 90er-Jahren viel Zeit verbracht hatte. Sich vor einen Bildschirm setzen und sich berieseln lassen.

Ich sagte ihr, dass ich nur weiß, dass es einen Anschluss gibt in der Wand, ich aber selbst kein entsprechendes Gerät besitze. Ich hatte komplett vergessen, dass es Menschen gibt die fernsehen, seitdem die schwerhörige Person ausgezogen war. Selbst kannte ich nur Streaming-Portale und auch da schaffte ich es nicht mich regelmäßig still und aufmerksam davorzusetzen.
Ich sagte „Sorry“ und wir verabschiedeten uns, ich mit einem „Noch viel Glück“ und sie mit einem „Das macht nichts.“

Ein paar Tage später klingelte es bei mir an der Tür, ich war mal wieder beim Arbeiten. Erhoffte mir irgendwas von einem unangekündigten Besuch und ging zur Wohnungstür. Da stand die neue Nachbarin und ich sagte durch die Türe: „Ja hallo“. Sie sagte irgendwas, was mich überzeugte die Türe zu öffnen. Dann erkannte sie mich und sagte: „Ach, sie haben ja gar kein Fernsehen“. Ihr Elektriker sei da und sie sucht jetzt die Satellitenanlage. Ich wusste nichts von dieser altmodischen Technik, nur dass es ja noch Kabel oder Antenne gibt.
Konnte ihr nur empfehlen einen anderen Nachbarn zu fragen. Sie sagte, sie hätte doch keinen anderen Nachbarn. Das stimmte wohl zum Teil, denn auch ich begegnete in diesem Haus selten Menschen. Ich wünschte ihr wieder viel Glück bei ihrer Mission und machte mich wieder an die Arbeit.

Anonym und aus der Distanz, aus der Ferne betrachte ich meine Nachbarschaft. Ich weiß, dass das auch anders sein könnte, jedoch habe ich schlechte Erfahrungen damit gemacht. Mit dem Insektenmann, älteren Damen und dem Fahrradmenschen. Die kommen einem irgendwann zu Nahe und labern einen voll, wenn man sie trifft. Meine Höflichkeit interpretieren sie als Interesse an ihren Wahngedanken.
Hätte ich wirklich Interesse an Unterhaltung, würde ich mir einen Fernseher zulegen.

Margit Heumann: Der Fern-Seher

Alleinstehende, Kranke, Fußlahme, Einsame, Schüchterne haben es oft nicht leicht, mit ihren Mitmenschen in Kontakt zu kommen. Die einen müssen das Bett hüten, die anderen können sich nur unter Schmerzen, mit Krücken und hinkend vorwärts mühen, manche haben Phobien oder sind ohnehin Analphabeten im zwischenmenschlichen Bereich. Sehr gern benützen sie stattdessen ein Fenster zu Welt, das sich öffnen lässt, durch das sie vom Wohnzimmer, vom Esstisch, vom Krankenlager aus auf die Anderen blicken können: den Fernseher. Aus sicherer Entfernung informiert er sie über gesellschaftliche Zu-, Um- und Missstände und über aktuelle Tagesereignisse, fremde Länder und Kulturen, aber auch menschliches Glück und zwischenmenschliche Katastrophen. 

Aber großes Aber: Der Fernseher ist kein Fenster zur wirklichen Welt. Sobald man ihn einschaltet, wird einem die Welt der Anderen übergestülpt, die von wieder Anderen ausgewählt wird, für die Geld und Einschaltquoten die bestimmenden Faktoren sind. Und was für eine Welt! Nicht die reale, die normale, nicht Menschen wie du und ich. Die TV-Anbieter weltweit kippen das ab, was ihrer Meinung nach lukrativ ist. Allen voran präsentieren sie Mord und Totschlag in mehr oder weniger blutrünstigen Varianten in den unzähligen Krimis. Dancing Star serviert Adabeis aus Politik und Seitenblicke-Gesellschaft. Rosamunde Pilcher liefert die Welt der Reichen und Schönen inklusive Intrigen und Happy End ins Wohnzimmer. Das Dschungelcamp langweilt mit C- und D-Promis und Ekelprüfungen. Historische Schinken in Schwarz-Weiß sollen Nostalgie-Bedürfnisse befriedigen. Talkshows diskutieren nach inszenierten Skripten. Nichts ist irrealer als das sogenannte Reality-TV, das Fälle von Familiendramen, Liebesproblemen, Krankheiten und ihre wundersame Heilung, Berichte von Restauranttestern, Auswanderern und Schuldenberatern als wahre Geschichten verkaufen. Die Liste wäre beliebig fortzusetzen. Kurz: Was von einem Fernsehabend bleibt, ist ein Haufen Müll, unter dem die eine oder andere sehenswerte Doku oder ein vergnüglicher Film verschüttgegangen ist. 

Dem Fern-Seher wird via Fernseher eine Scheinwelt präsentiert. Das wahre Leben spielt sich live ab. Also nichts wie aktiv werden und die Nähe zu realen Menschen suchen!