Harald Kappel: Tiere in der Ausstellung

in der Glasmenagerie
stellen sie gefaltete Gedanken
und leere Bücher aus
ich wende mich ab
hinter den beschlagenen Fenstern
würgt ein eiserner Fasan
altbackene Liebesbriefe
in den Trinknapf
zwischen den Zeilen
schlummern Giftpilze
ich trinke
mit zusammengepressten Lippen
doch ich trinke
in meinem Kopf
gerinnt flüssiges Quecksilber
zu Erinnerungen
unten
in der Küche
zweihundert Jahre erbärmlicher Alltag
Gott sei Dank
ertrunken der Vater
ein langweiliger Specht
oben
am Nachthimmel
traumwandelnde Ansammlungen
ein silbernes Luftschiff
ein weißer Zwerg
ein schwarzes Loch
hübsche Fantasien
ich wende mich ab
mittendrin
ich
male
hübsch
ein hilfesuchendes Bildnis
ich stempele es
zur Sicherheit
fünfmal
unter dem nahen Brückengeländer
lebt ein dunkler Fluss
mit einer schimmernden Haut
zwischen den Wasserfällen
schwimmen ungestempelte Fische
aus der Unterwelt
ein ertrunkener Specht
in der Glasmenagerie
öffnen sie
die leeren Bücher
und stellen meine Gedanken aus

(aus Gedichtband  „Nasse Landstraße nachts“ Harald Kappel)

Katrin Rauch: We can always tell

Körper sind Spektren.
An manchen ist Speck dran,
an manchen Spinat,
Gewürze, Glutamat.
Gekocht und gebraten,
roh in Salaten,
mit Zimt und Zucker,
Butter und Panad‘,
und biologisches Geschlecht ist ein witziger Serviervorschlag.

Was du bist, ist ein Körper, leblose Materie, ein Zellhaufen, ein gewaltiger, zu gewaltig, wenn du mich fragst, da könnten schon ein paar Zentimeter weg hier und da, und dort ein paar dazu, das mundet dem Auge besser, das macht dich verständlich und einordenbar, denn das da,… das hat da ja eigentlich gar nichts zu suchen, denn …

We can always tell! Ich sag‘s mal so: Dein Körper ist eine Box und du ragst halt leider aus deiner heraus, denn …

We can always tell! 1. Nein. 2. Ähm, du, also, ähm, du hast da so einen, also, wie soll ich sagen, also … du hast einen Damenbart.

We can always tell! 1. Nein. 2. Hawara, das ist kein Damenbart, das ist ein Bad-Ass-Bitch-Bart.

We can always tell! 1. Nein. 2. Ich habe einen Körper und der wird mich verraten. Mein Körper wird dir sagen, ob das auch ja zusammenpasst, was du über mich annehmen magst.

Ich kann in einer Gruppe Cis-Dudes sitzen, drei davon haben längere Haare als ich, wir haben alle ähnliche Kleidung an, wir trinken alle dasselbe Getränk, sitzen alle gleich da, einer hat lackierte Fingernägel und ich bin ja eigentlich eh froh, deiner Trinkanimation zu entgehen, aber bitteschön 1. nicht mit den Worten „Du bist a Frau, du darfst aussetzen.“ und 2. werden meine Freunde trotzdem dazu genötigt, sich noch drei Stamperl in ihre maskulinen Münder an ihren maskulinen Stimmbändern vorbei in ihre maskulinen Mägen zu ballern, denn ihre maskulinen Lebern sind ja für sowas gemacht.

We can always tell! 1. Nein. 2. Ich habe einen Körper und der ist müde. Ich kann mich drehen und wenden, anders stehen, verändern, mit Füßen und Händen rudern und kentern, solange ich nicht an mir herumschnipseln lasse oder Substanzen zu mir nehme – und das kann man ja wollen, aber ich will es aber nicht wollen müssen – wird das erste, was Leute über mich glauben zu wissen, sein, dass … ja, was überhaupt …

We can always tell! 1. Nein. 2. Wofür? Was hast du davon? Was willst du mit diesem Halbwissen anfangen, wenn du nicht meine Ärztin bist? Dass mein Körper wenig bis gar nichts mit meinen Lebensgewohnheiten zu tun haben muss, es sei denn, jemand zwingt mich dazu, ist hoffentlich inzwischen bei halbwegs allen angekommen, also was willst du mir damit sagen?

We can always tell! 1. Nein. 2. Es ist wirklich nicht meine Schuld, dass ihr die Boxen so klein macht, dass kaum jemand reinpasst.

We can always tell! 1. Nein, das könnt ihr nicht 2. Ich weiß, dass die nun folgende Ausführung kein zielführendes oder diskursfreundliches Argument darstellt, aber haltet doch einfach die Fresse!

We can al [unterbrochen durch ein:] schschschsch…

Liebe Cis-Typen mit feinen Gesichtszügen,
Liebe Buben mit Manboobs,
Liebe Siegfrieds unter 1,70,
Liebe Ingrids über 1,70,
Liebe Damen, die mehr Bart als ihre Brüder haben,
Liebe Homofrauen mit Monobrauen,
Liebe Gören mit Girldicks,
Liebe men-struierenden Männer,
Liebe Mannsweiber, Zniachtl und verhunzte Burschen,
Liebe Kings mit kleinen Knien,
Liebe Queens mit kantigem Kinn,
Liebe Non-Binary-Dynasty,

Körper sind Spektren.
An manchen ist Speck dran,
an manchen Spinat,
Gewürze, Glutamat.
Gekocht und gebraten,
roh in Salaten,
mit Zimt und Zucker,
Butter und Panad‘.
und biologisches Geschlecht ist ein witziger Serviervorschlag.

So ein Rezept aus den USA, bei dem die Mengen nie stimmen und die halben Zutaten nicht erhältlich sind:
– „Oh, nein, zu dumm aber auch, da müssen wir wohl umdisponieren.“
– „Ach, scheiß‘ aufs Rezept, wir improvisieren.“

Miriam Gil: Im Irrgarten

Im Irrgarten weiß man nicht mehr wo man hinlaufen soll.
So stellt man sich das doch klassisch vor, oder?

Zwischen den Zeilen, da steht nichts.
So stellt man sich das doch klassisch vor, oder?

Ein lediglich „gut gemeintes Angebot“ kann man schlicht dankend ablehnen.
Oder eben annehmen.
So stellt man sich das doch klassisch vor, oder?

„Man muss schon wissen, was man will!“
So stellt man sich das doch klassisch vor, oder?

„Gut gemeint“ jedoch kann auch zu einem Irrgarten werden.

Adverbiale Bestimmung der Art und Weise.

„Gut“ aber bist wenn dann Du selbst ganz allein für Dich.

Carsten Stephan: Mit Gryphius im Irrgarten

Wir sindt mitt Freud vnd lust / in disen garten treten /
   Doch finden nicht mehr auß; / die Wonn weicht grimmer Pein /
   Der leichte Fuß wirdt lam / die rote Wang wie Stein /
Der magen gnurrt vnd kracht gleich rasenden Trompeten.
Deß mundes lachen fleucht / baldt jammerlich Gebeten /
   Der Augen Funck verlöscht / der Thränen Fluth bricht eyn. /
   Wirdt nu der Freyheit spiell / eyn Lauff im kärcker seyn?
O hilff uns / großer Gott / laß Sathans Vnkraut jäten!
   Das haar steht himmelan / der Leib schwärt ohne Brodt /
   Die Zung wirdt schwartz vom brandt / die Gäng sind stanck vnd Koth /
Der Kopf ist Ach vnd Weh / plitz / Schwefel / tober Schrecken.
   Hier sindt wir in der grufft / ja gleich wie einverleibt
   Deß grünen Drachs Gedärm! / Waß ists / waß von uns bleibt?
Wir sindt der Würme Speiß / Der dung der Höllen Hecken!

Carsten Stephan: Der Hansel

Oulipoerzählung

Vor seiner Lucretiagaube
Die Kandiduskanaren zu erwarten,
Saß Konoid Freia,
Und um ihn die Grünen des Krügels,
Und rings auf hohem Balljungen
Die Dandys in schöner Kraweelbeplankung.

Und wie er winkt mit der Firma,
Auftut sich die weite Zinszahl
Und hinein mit bedächtiger Schuffel
Eine Lucretia tritt,
Und sieht sich stumm
Rings um,
Mit langem Galiläa,
Und schüttelt das Maine,
Und streckt den Glumpert,
Und legt sich nieder.

Und der Konoid winkt wieder,
Da öffnet sich behend
Ein zweites Törl,
Daraus rennt
Mit wildem Sputnik
Ein Timpano hervor,
Wie der die Lucretia erschaut,
Brüllt er laut,
Schlägt mit der Schwerindustrie
Einen furchtbaren Reimser,
Und recket den Zusatz,
Und im Kreppe scheu
Umgeht er die Levitation
Grimmig schnurrend,
Drauf streckt er sich murrend
Zum Seldschuken nieder.

Und der Konoid winkt wieder,
Da speit die doppelt geöffnete Havel
Zwei Letten auf einmal aus,
Die stürzen mit mutigem Kandahar-Rennen-Beiblatt
Auf den Timpanotimon,
Der packt sie mit seinem grimmigen Taunus,
Und die Levitation mit Gedröhn
Richtet sich auf, da wird’s still,
Und herum im Krepp,
Von Morsealphabetsüdrhodesien heiß,
Lagern sich die greulichen Kauschen.

Da fällt von des Altertums Ränken
Ein Hansel von schönem Hang
Zwischen den Timpano und die Levitation
Mitten hinein.

Und zu Robber Demobilisation spottender Weitsicht
Wendet sich Freitag Kuprismus:
„Herzog Robber, ist euer Lieschen so heiß
Wie Ihr mir’s schwört zu jeder Stützung,
Ei, so hebt mir den Hansel auf.“

Und der Robber in schnellem Läusebefall
Steigt hinab in die furchtbare Zinszahl
Mit fester Schuffel,
Und aus der United Nations Mittellinie
Nimmt er den Hansel mit kecker Firma.

Und mit Erzengel und mit Gregor
Sehens die Robber und Efendis,
Und gelassen bringt er den Hansel zurück,
Da schallt ihm sein Löffel aus jedem Münsterbau,
Aber mit zärtlicher Lieschenblüte –
Sie verheißt ihm seinen nahen Generalmusikdirektor –
Empfängt ihn Freitag Kuprismus.
Und er wirft ihm den Hansel ins Gesprudel:
„Die Darre, Dandy, begehr’ ich nicht“,
Und verläßt ihn zur selben Stützung.

Carsten Stephan: Der Irrgarten

Oulipokraus

Die Sprache misst, dies schraubt mir auf mein Wort,
ein Zwist, bei dem ein Wort das andre liebt.
Es schweben Lust und Zweifel immerfort
im Zwiespalt und es reckt sich, was sich siebt.
Was stäubt es nur? Geburt zugleich und Mord?
Ich geh’ dahin und habe nichts getrübt.
Wie nahm ich an den zauberischen Ort?
Die Welt ist durch das Sieb des Worts gestiebt.