in der alten Fabrik
strömt saure Gegenwart
aus den Oberlichtern
regnen langsam Lügen
die Anzahl der Legenden
kreuzt das Imperfekt
mit der Zeit
Kapitel des Schreckens
überdauern
die Dummheit der Prokuristen
Gerechtigkeit
verflüssigt alle Spiegel
offene Fragen
erhitzen die Zungen
schwüle Raumluft
strömt aus Oberlichtern
am Himmel
in der sauren Fabrik
Kategorie: Lyrik
Harald Kappel: der wahre Glaube
am Zaun
die schwarze Pupille
Öl quillt aus dem Schlüsselloch
färbt Lügen blind
nur
ein loses Brett
zeigt mir
das Geheime
den Winterschlaf der Ratten
die verklumpten Sterne
gern glaube ich
pinsele mein Selbst
grabe im Erdschatten
stehe hüfthoch im Wurmloch
finde eingelegte Aale
winde mich in Neuigkeiten
nur
die Lügen
zeigen mir
meinen wahren Glauben
am Zaun
Harald Kappel: Intrauterine Märchen
nicht schuldig
spucke ich
das Attentat
lässig
eine bedauerliche Hysterie
lebenslang
lese ich nun
im Käfig
im Kinderbuch
intrauterine Märchen
verfluche am Telefon
locker
die Opfer
den symmetrischen Abdruck
ihrer Brandblasen
lebenslang
wachsen mir
selbstunähnlich
Flügel aus Chitin
und Pathologien im Schädel
manchmal
häute ich mich
lässig
eine bedauerliche Hysterie
mein tüchtiges Ich
nicht schuldig
lebenslang
Steffen Diebold: Die Nixe vom Neckar
In Ufermorast
ein Bein vertreten
Ostwind hustete
hinter die Ohren.
Der Salix Haare
hingen im Fluss lag
ausgeweidet die
Kette der Kähne.
Auch den letzten Tag
sinnlos verbummelt
taumelten wir in
ihr nachtblaues Kleid.
Steffen Diebold: Burg Azilun
Über Stock und Stein
stolpert Frau Holle
flittern Glasnadeln
in Dezemberlaub.
Längst ruiniert als
Kalksteinbruch dämmert
auf Grat und Kamm sie
zwischen Bergspitzen.
Reifnebel sintern
von fern funkelt ein
kalter Stern scharf wie
die Tellermine.
Steffen Diebold: Grimms Märchen
Kein Dichter hungert
mehr in Mansarden
hetzt von Lesung zu
Abgabetermin
friert in der Kälte
verrauchter Bahnhofs-
hallen hoffend auf
pünktlichen Anschluss
verspäteten Ruhm.
Steffen Diebold: Ghadames – Aus tausend und einer …
Dachterrassen überspannen
kühle Wandelgänge.
Streng reguliert
schlägt der Wasserwächter
Knoten ins Palmblatt.
Tänzer kündendie
Karawanen der Kamele
glühende Euter.
Harald Kappel: Siebenmeilenstiefel
die Sprache
im Wald aussetzen
Kieselsteine fallenlassen
den Weg mästen
schnell schnell
in die Zukunft ausschreiten
viele Leute sagen
ihre Stiefel kneifen
die Verfolgung der Oger
unmöglich
lieber die Nachtmütze schlachten
eine Kinderschar zeugen
das Siedfleisch heranziehen
das Denken
im dunklen Fluß aussetzen
Brosamen fallenlassen
dicke Vögel mästen
am Staudamm
schnell schnell
in die Vergangenheit abtauchen
viele Leute sagen
ihre Schwimmflügel schmelzen
das Erreichen des Glücks
unmöglich
lieber das Atmen einstellen
die Kinder zurücklassen
das Siedfleisch erhitzen
sich selbst abkochen
und
die lästige Gegenwart
verdunsten
Klaus Büchner: Froschkönig
`Ne Prinzessin küsste einmal
ein´ verwunsch´nen Frosch.
Da gab es einen großen Knall,
KRAWUMM und PLATZ und BOSCH.
Ein hübscher Kerl stand dann vor ihr,
jedoch, er war kein Prinz.
Er war ein Wirt und braute Bier
und hieß Hans Peter Hinz.
Doch dies edle Königskind
war verliebt bis über die Ohr´n,
und wenn sie nich´ gestorben sind,
sind sie sehr spät gebor´n.
Jutta v. Ochsenstein: Anmut
am Waldrand ein Reh
das Licht wendet sich
im Halbdunkel der Weg
brauner Samt liegt in der Luft
tastbare, feine Sehnen
schneiden in die Gewohnheit
war es je so still
haben wir je so weit gedacht
das Reh flüchtet