Theobald Fuchs: Ursuppenverkostung

Als der Forschungsantrag bewilligt worden war, suchte die Institutsleitung nach einer geeigneten Person, die das Projekt durchführen sollte. Die Wahl fiel auf mich. Ich dachte ja, dass man mich ausgesucht hatte, weil ich so schlau sei, weil ich den Ruf eines erfahrenen und geschickten Wissenschaftlers hätte oder einfach wegen meiner wirklich sehr schönen Wimpern. Aber nein. Ich bekam den Auftrag, weil ich als einziger am Lehrstuhl Gummistiefel besitze.
Ende Juli fuhr ich also los und machte mich auf die Suche nach der Ursuppe. Nach jener schleimigen, stinkenden, brodelwarmen und mit organischen Molekülen gesättigten Brühe, aus der einer Hypothese nach alles organische Leben entstanden ist. Danach sollte ich suchen – und zwar auf dem Wacken-Festival.
Der Regionalzug, den ich genommen hatte, um Geld zu sparen, kreuzte zickzack durch Norddeutschland. Der Lokführer hatte versehentlich die Landkarte verkehrt herum gehalten, so dass wir eine höllische Verspätung hatten. Die Sonne brannte vom Himmel, die Klimaanlage gehörte zur Gen Z und machte gerade ein Sabbatical. Doch zum Glück konnte man in den alten Waggons noch die Fenster öffnen. Ich saß also in einer milden Brise und hatte die Füße auf den Sitz gegenüber gelegt. Außer mir saß nur noch eine alte Dame im Großraumwagen und zwar direkt nebenan.
»Sie sollten die Füße nicht auf den Sitz legen!«, ermahnte sie mich. Nun ja, das wusste ich natürlich, aber irgendwie war in der Hitze mein Verstand angeschmolzen und ich spürte in mir einen rebellischen Instinkt erwachen, der mich quasi gegen meinen eigenen Willen dazu zwang, auf nichts und niemanden zu hören und mich an keine Regeln zu halten. Die beste Attitüde für ein krachspießiges Heavy-Metal-Festival übrigens.
»Kümmern Sie sich bitte um Ihre eigenen Angelegenheiten«, giftete ich zurück.
»Na, sie werden schon sehen…«, orakelte die Dame.
Und als hätte sie’s bestellt, schoss eine Möve zum Fenster herein, packte meine weißen Leinen-Slipper mit dem Schnabel und war schon wieder draußen.
»Sehen Sie? Die Biester haben gelernt, erbeutete Luxus-Accessoirs gegen Pommes- und Eis-Tüten zu verticken, wussten Sie nicht, nicht wahr?«
Na fabelhaft, dachte ich, und ich habe kein zweites Paar Sommerschuhe eingepackt…
Wenig später stand ich also in kniehohen schwarzen Gummistiefeln am schattenlosen Bahnsteig und blinzelte im grellen Licht, um den Shuttle-Bus zu finden.
Das Festival-Gelände war trocken wie eine chilenische Salzwüste. Zelte, Bierstände, Wohnmobile, Metal-Typen und Camping-Möbel lagen herum wie ein Haufen europäischer Giftmüll, der hier illegal entsorgt wurde.
Anstelle bis zur Hüfte im Schlamm zu versinken, watschelte ich also in den zwei Nummern zu großen Wattpuschen über festgebackene Agrar-Ödnis. Und entwickelte dabei allmählich großen Hunger. Zufällig sah ich in der Nähe eine Imbissbude und stolperte gleich dorthin.
»Einmal drei, bitteォ, stammelte ich komplett auf Autopilot wie immer, wenn mein fränkischer Körper dringend eine Tankfüllung Bratwurstbrötchen brauchte.
»Hammwanich. Gibt immer nur eine.«
»Wie? Warum? Was hätten Sie stattdessen?«
»Auf der Tafel steht das alles geschrieben: Vogel, Hochzeit, Leber, Wurst, Brot, Bohne, Brenn…«
Ich sah auf, beschattete meine Augen mit beiden Händen und erkannte, was da vor mir auf dem trockenen Boden stand: Ein Soup-Truck.
Nun gut. Also ein Pott Einmal-Alles mit Jedem. Die Suppe schmeckte prima, aber sie war scharf und heiß. Mir brach der Schweiß aus allen Poren, und als die freundliche Frau fragte, ob’s noch ein Kaffee sein dürfe, tauchte ich fluchtartig hinter dem dichten Wall aus Bierdosen, der die wogende Menschenmenge umgab, unter.
Über das Gelände wanderten merkwürdig träge Staubwirbel wie bekiffte Wirbelstürme, zu allem Überfluss hatte ich, damit ich unter all den schwarz beklufteten Langhaarigen nicht allzu sehr auffiel, eine lange schwarze Lederkutte gewählt, um darunter meinen weißen Laborkittel zu verstecken. Aber zumindest mein Magenknurren übertönte jetzt nicht mehr die dröhnende Musik von einer Schwermetallbühnen.
Als ich weiter schlurfte, bemerkte ich ein seltsames Geräusch. Eine Art Schmatzen oder Saugen. Wie das Geräusch, wenn man einen Eiskaffee mit Sahne mit dem Strohhalm fast zu Ende geschlürft hat und nur die allerletzte Pfütze am Boden des Glases vergeblich Widerstand leistet.
Ich blieb stehen und sah mich um. Nichts. Als ich aufs Geratewohl in die Richtung losging, wo ich das Geräusch vermutet hatte, begann es von Neuem. Es schien von allen Seiten zugleich zu kommen und war immer genau dort am lautesten, wo ich gerade hinging.
Naja. Das war natürlich auch kein Wunder. Denn nach etlichen Stunden auf diesem verwüsteten Gelände, hatte sich tatsächlich eine Ursuppe gebildet, und zwar in meinen Gummistiefeln. Wie in einer antiken Parabel hatte ich mein Ziel erreicht, ohne zu wissen, wie nahe ich ihm die ganze Zeit gewesen war. Wissenschaftliche Magie pur!
Und wie ich mich so unter den Konzertbesuchern umsah: irgendwie hätte man da gleich darauf kommen können, dass alles höhere Leben vom Saft in einem Paar überhitzter Gummistiefel abstammt. Es gilt eben immer noch: die einfachsten Erklärungen sind immer die besten.