Christian Knieps: Luxus

Wie raumgreifend kann Luxus sein?
Wenn man nur begrenzte Mittel zur Verfügung hat,
Seine Familie ernährt,
Vielleicht einmal im Jahr in Urlaub fährt,
Seine Rechnungen bezahlt, pünktlich,
Wenn man versucht,
Den gesellschaftlichen Regeln zu folgen,
Sauber zu bleiben,
Dann ist Luxus anders definiert als
Für diejenigen, Die Luxus täglich haben,
Die ein Luxusleben führen,
Die den Luxus nicht mehr als Luxus empfinden,
Sondern als Normalität.
Ist dann noch Luxus

Luxus?
Wie hoch ist die

Fallhöhe?

Katrin Rauch: Im Tunnel, an der Tafel, auf zwei Stühlen, die einzigen Gäste.

Ein kleines Stück gewölbter Tunnel, kaum dreißig Meter lang, kaum vier Meter breit, kopfsteinern gepflastert, erstreckt sich im schummrigen, warmen Licht beklebter Leuchtstofflampen. Hie und da bahnt sich Gras durch die harten Flächen, so auch neben einem von vier Tischbeinen einer langen Tafel, bald sechs Meter lang, bald zwei Meter breit, mitten im Raum wie sorgfältig platziert, ein enormer Tisch aus massivem Holz, schlichte Stühle, einfach, bescheiden, zu wenige für die viele Fläche, zu viele für die wenigen Gäste, als Rahmen, nur zwei darunter besetzt, einander zugewandt.
Ein weiter Raum geknüpfter Gefühle, bald drei Dekaden lang, bald ein Leben breit, schaf- und baumwollern, ledern umfasst, umschlungen als eins, ein unklares Knäuel aus Armen, vergrabene Gesichter, im schummrigen, warmen Licht beklebter Leuchtstofflampen. Die Nähe knapp bemessen, kaum eine Zeitlang, kaum ein Fingerbreit, an der Tafelecke rechts hinten wie sorgfältig platziert, ein vereintes Rund aus vollem Atem, von den Kanten nicht zu trennen, bedacht, befühlt, viel für viel Raum, wenig für wenig Fläche, auf zwei Stühlen, an der Tafel, im Tunnel, die einzigen Gäste.

Bastian Kienitz: Zimmer in New York

er liest, sie klimpert lautlos Farben, sieht
die leisen Töne auf der Tastatur
es fühlt sich fast gelangweilt an und nur
ihr Herz schwingt nah am Flügel, denn es fliegt

soweit das Auge reichen kann. er liest
gebannt im Sonntagsblatt, schaut auf die Uhr
und sagt beiläufig, sicher, yes and sure
wenn er die Grafiken der Börse sieht

sie träumt sich seufz, er soll mich hier und jetzt
auf diesem Stuhl oder dem Tisch, zerfetzt
entweder schnell das Kleid, das Zeitungsblatt

ich bin es leid, ich habe ihn so satt
wenn er nicht gleich auf meinen Tasten spielt
zumindest aufblickt und mein Kleid ansieht…

Bastian Kienitz: SPIRITS THROUGH TIME IX

und suchst du mich in jenen Geistern wieder
wirst du nichts finden außer Staub und Ton
in meinem eigentlichen Für-Befinden
zu sagen, was ich denke, ist nicht neu

den Zeitgeist Heute klar zu definieren
der dich von einem Trend zum andern schickt
damit wir Mode gleich uns modisch fühlen
und angekommen sind im Hier und Jetzt

das ist im Grund der Herren eigner Geist
sich Bild für Bild den Himmel schön zu reden
um ewig Avantgarde EN VOGUE zu sein

scheint Sucht nach mehr der Ware Kernproblem
und jeder Blätterfall im Winterregen
die Überhitzung, die zum Himmel steigt…

Matt S. Bakausky: Gucci Baby

Bar oder Karte? Ich zahle mit meiner pinkfarbenen Kreditkarte. Eine neue Handtasche von Gucci. Mein neues Baby. Ich liebe sie jetzt schon mehr als alles andere auf der Welt. Ich nenne sie Gabrielle. Meine kleine Gabrielle. Ist sie nicht putzig? Ich streichle sanft über ihre Haut. Kann es kaum erwarten sie zu Hause zu füttern. Mit Kajal und Lippenstift, Taschentücher und einem Portmonee. Ist die kleine nicht hungrig? Wie niedlich Gabrielle dort liegt in ihrer Krippe. Wie das kleine Jesus Baby. Ich liebe Gucci Handtaschen, sie sind meine Babies. Neben Gabrielle, gibt es Josefine, Sandra, Michaela, Hannelore und Petra. Mit meiner pinkfarbenen Kreditkarte habe ich sie mir gegönnt. Ich füttere Gabrielle mit Kondomen. Man weiß ja nie was sich ergibt. Heute wieder Shoppen und vielleicht treffe ich einen neuen Daddy für meine kleinen. Ich schminke mich mit dem Kajal und dem Lippenstift aus Gabrielle und bin bereit in die Innenstadt zu fahren. Im Gucci Store werde ich dich treffen. Im Briefkasten Mahnungen. Die lasse ich dadrin. Luxus Lady sucht Luxus lover. So könnte meine Kontaktanzeige heißen. Wenn ich dich treffe, kannst du mir ein Baby machen. Ein echtes aus Fleisch und Blut. Bitte.