Theobald Fuchs: Pünktlich am Kipppunkt

Herr Z. ist ein beherrschter Mensch. Doch wie jeder beherrschte Mensch, gibt es irgendwo innen in Herrn Z. drinnen eine Grenze, wo dann der Spaß ein Loch bekommt. 

Es gibt ja nicht nur bei Klima auf dem Planeten als ganzem, sondern auch in jedem partikelhaften Kleinstindividuum einen Kipppunkt – oder gerne auch mehrere -, auf dessen anderer Seite, am anderen Ende der Wippe, jenseits des Gebirgsgrates sich nichts wieder gut machen lässt. Nichts. Egal wie, selbst für den Menschen mit dem stärksten Willen der Welt keine Chance, das rückgängig zu machen. Das, was gekippt ist, ist gekippt, there is no way back. 

Das ist so mit den Gefühlen, insbesondere mit den Gefühlen in dem Herrn Z. drin. In dem seinen Inneren ist eben – man muss es so wunderschön sagen: schlicht und ergreifend ein Gefühl gekippt. Seine Liebe zur Beteiligung an politischen Prozessen. Die ist gekippt. Und zwar als eine ausgewachsene Beteiligungsattrappe deutlich sichtbar implodierte. 

Vor vier Wochen war das, da war er einmal wieder eingeladen bei der C-Partei. Hier in der Stadt, weil ja demnächst Wahlen, und Volkspartei natürlich. So dass unbedingt DER BÜRGER aufgefordert war, sich EINZUBRINGEN. Und Herr Z. war ausgewählt worden, als DER BÜRGER, er ging hin, sollte zusammen mit anderen DER BÜRGERn sagen, was er sich wünsche von der nächsten Stadtspitze, dem Bürgermeister, diesem dauergrinsenden Hampelmann, und seinen vierschrötigen Schergen, einer korrupter wie der andere – nein, den Namen der Stadt würden wir niemals verraten, das können wir uns überhaupt nicht leisten. Außerdem ist jede Ähnlichkeit mit einer lebenden oder toten Stadt kompletter Zufall, es könnte alles eine Täuschung sein oder auch NICHT. 

Also BÜRGERBETEILIGUNG hieß es, ein kleiner Haufen, ja eher ein ärmliches Häuflein Vorschläge lag auf dem Tisch, dass wirklich alles super werden würde, dass die nächste STADTSPITZE alle Probleme und so weiter lösen würde, sogar eine Stadtführung für Hunde sollte es geben, wenn DER BÜRGER es will, er müsse halt nur die richtige Partei wählen, und das sei natürlich die mit dem großen Zeh im Namen. 

Lange Story, kurz und klein geschnitten: Herr Z. war massiv enttäuscht. Man hatte ihn überhaupt nicht nach seiner Meinung gefragt, sondern ihm DEM BÜRGER vorgeredet, was er wollen soll, und von ihm erwartet, dass er nachplappert, was sich jemand anderes wünscht, zum Beispiel die STADTSPITZE oder auch gleich die Partei und sämtliche Spezls, die sich aus den Steuertöpfen prallsatt futtern wollen, so dass sich Herr Z. total verarscht vorkam. 

Das war totaler Beschiss, eine Beteiligungs-Attrappe, ein potemkinscher Workshop, und das Unverschämteste daran war, dass die Stadt den DER BÜRGER für so blöde hielt, dass er, DER BÜRGER, diesen Schwachsinn schlucken und sich geschmeichelt und ernst genommen fühlen würde. 

Da kippte in ihm ein Gefühl. In Richtung Nicht mehr wieder gut zu machen. Kein Weg zurück. Und schon kam eines zum anderen, ganz bald nach dem desaströsen BÜRGERBETEILIGUNGS-WORKSHOP tauchte ein Befrager an der Wohnungstür von Herrn Z. auf. Welcher Befragung auch immer er Herrn Z. unterziehen wollte, es lässt sich im Nachhinein nicht mehr feststellen, aber selbiger nahm das Ansinnen des Abgesandten eines großen Telekommunikationsunternehmens persönlich und extrem schlecht auf, massive Beleidigung, förmlich gewaltige Frechheit, nachgerade Attacke auf Geist und Körper. 

Herr Z. handelte beherrscht, aber zugleich impulsiv. Er entnahm DEN Abgesandten DEM Bestand. Niemand hörte je wieder etwas von dem Problem-Befrager. Seitdem hilft Herr Z., die Befrager-Population in unserer Stadt zu kontrollieren. Auf kleiner Flamme. Haustür-Kontakt-Management nennt sich das wohl. Herr Z. begrüßt es außerordentlich, wenn sich Befrager zuvor ankündigen, beispielsweise mittels einer absolut Original-Gangster-Postkarte. Komme an dem und dem Tag, zu der und der Uhrzeit und befrage Sie zu dem und dem Thema. Geil, denkt dann Herr Z., da kann ich ja in aller Ruhe schon in der Früh das Badezimmer mit der dicken Plastikplane auslegen, die Knochensäge schärfen, die Keule prüfen und, na ja, mich mental bereit machen. 

Er antwortet gerne diesen Angeboten, erklärt sich bereit und einverstanden mit dem Besuch der beratenden Person und fügt bedauernd hinzu, dass der letzte angekündigte Beratende leider nie eingetroffen sei, obwohl Herr Z. den ganzen Tag zu Hause geblieben sei und gewartet habe. Und so geht auch schon wieder viel Zeit vorbei, ohne dass etwas WIRKLICH WICHTIGES geschehen wäre. Meine Axt aber mal. 

Mina Reischer: Du spielst wie du willst

Die fünf Menschen, die man…
Die fünf Menschen, die einem im Himmel begegnen.

Do what is evil.
Do all evil.
And commit many sins.

But do not do evil to me.

Das geht nicht.

Do not make me do evil to myself.
Or I will revenche myself for it, cruelly.

Du singst halt falsch.
Ich kann den Text halt nicht.

Good boy.
Good girl.

Maybe we have to catch the driver.

I am on a very strikt energy diet.
I could be dazzled, feel like love or joy or peace or kindness.
I don’t want it.
I don’t even want it.
Willst Du noch mehr ungesund?
Ich hab noch mehr Süßigkeiten.
Ich will die loswerden.

Was für ein schöner Zufall, dass wir wieder im gleichen Zug sitzen.

Sind wir vollständig?

Wo ist mein, wo ist mein Sohn?
Was sind denn das für Menschen?
Das ist unmenschlich sowas!

Alles wegen mir.

Eine Mischung.
Du hast nie angerufen.
Ich lade Dich nicht ein.

Weinen hilft ja auch nicht.
Weinen, das kann jeder.
Bestehen, das kann nicht jeder.

Ich überhole Dich.

Als Fleischermeister musst Du über den Marktplatz rennen.

Mein Fehler.
Ich kann den Text halt nicht.

Du spielst wie Du willst.

Das geht nicht.

Let’s search for:
Troststraße in Hoffnungstal.
Mit Brenneseln durch Klassenzimmer.
Troststraße durch Hoffnungstal.
Brenneseln ins Klassenzimmer.
Das sind goldene Tränen.
Na gut.
Troststraße durchs Hoffnungstal.
Versuch’s nochmal.
Goldene Tränen.

Herein. Herein. Herein?

Das geht nicht.

They don’t think.
And they are cruel to you.
They don’t mind, if they are cruel to you.
Let them shut down.
And be cruel to you.
Your true golden tears will dry.
Let them be cruel to you.
And let your golden tears dry.
Find one good friend.
And let your golden tears dry.
Trust isn’t loud.
Trust is what you feel.

Bei mir fängt es mit Dezember an.
Ich kann nicht mit Januar anfangen.
Das ist unlogisch.

Herein. Herein. Herein?

Mitwirkende:

  • Musik: Felix Foerster, Anke Wahls-Block, Mina Reischer
  • Stimmen: Sven Kummer, Mina Reischer

Margret Bernreuther: Der Fächer mit dem Pandabären

Jeden Morgen, wenn ich die Wohnung verlasse entdecke ich unten auf der Ablage bei den Briefkästen neue Figürchen oder andere Haushaltsgegenstände.
Oft sind es kitschige aber nicht besonders hochwertige Porzellanfiguren. Manchmal ein Gewürzglasrondell. Gestern stand ein Kochbuch zur Anleitung für fettreduzierte Ernährung dort.
All diese Gegenstände sind sehr bunt zusammengewürfelt. So war neulich auch mal ein aufwendig bestickter Fächer in einer mit Stoff bezogen Schachtel dort zu finden. Auf dem Fächer zwei Pandabären, die unter einem blühenden Kirschbaum spielen. Die Kiste mit goldenen und roten Stoff besponnen. Auf den ersten Blick, insgesamt ein hübsches Ding, aber trotzdem konnte die Verpackung und Gestaltung dieses Fächers, dennoch nicht die mangelnde Wertigkeit der
Sache verbergen.
Es wirkte bei genaueren hinschauen eher wie ein Gegenstand aus einem günstigen Souvenirladen gar einem AsiaShop aus der Innenstadt, bei dem neben der Tütensuppe und den Gewürzsoßen, das ein oder andere Handwerkszeug verscherbelt wird.
So wie all die Dinge die dort bei uns auf der Ablage landen, stellen keinen kostspieligen, aber im ganzen doch vielleicht, ideellen Wert dar.
Hinunter stellen tut sie unser Nachbar. Da bin ich mir sehr sicher.
Ich habe ihn zwar noch nie direkt dabei erwischt. Aber da wir ansonsten ein sehr junges Haus haben, bin ich mir sicher, dass die Gegenstände aus seiner Wohnung stammen.
Herr Schag wohnt im Stock über uns. Er ist über 80 Jahre alt und ist derjenige, der schon immer hier gewohnt hat.
Unzählige WGs und junge Menschen hat er schon ein und ausziehen erlebt.
Die früher noch regelmäßigen Hoffeste hat er immer wohlwollend vom Balkon aus mit erlebt, konnte sich aber trotz mehrmaligen einladen, nie dazu aufraffen zu uns hinunterzukommen.
Zusammen mit seiner Frau standen sie dann also manchmal für längere Zeit am Balkon und schauten sich an, was da so alles los war in unserem Hof.
Noch nie gab es auch nur eine Beschwerde, wenn eine Feier länger dauerte, oder gar das Aufräumen am nächsten Tag allen beteiligten sehr schwerfiel und es sich bis in die kommende Woche hineinzog, das alles wieder an Ort und Stelle war.
Mit der Zeit und mit den Jahren ließ aber auch die Anteilnahme vom Balkon aus immer stärker nach.
Seiner Frau ging es nicht mehr so gut. Sie wurde dement und ihr gemeinsames Konstrukt fing an zu bröckeln. Wir im Haus hatten schon einiges an Erfahrung mit dementen Bewohnerinnen.
In der Wohnung nebenan wohnte eine italienische Nona, die trotz hochgradiger Demenz noch bis ins hohe Alter in Schlappen auf ihrer Vespa zum Einkaufen gefahren ist. Manchmal hat sie sich verfahren und dann gab es wieder große Sorge und die Kinder haben sie mit uns zusammen gesucht.
Irgendwann wurde den Kindern klar, daß sie ihre Mutter nicht mehr in unserer Verantwortung lassen können. Und sie ist, vermutlich zum sterben nach Italien gebracht worden.
Frau Schag die freundliche Nachbarin, ereilte kein so schönes Schicksal. Ihr Mann versuchte es eine Zeit lang damit, sie einzusperren. Aber nachdem sie auch in der Wohnung dann Dinge nicht mehr so hinterlassen hat, wie er es gewohnt war und man sich nicht mehr darauf verlassen konnte, dass sie das Essen richtig kocht und überhaupt die Dnige tut, wozu man doch so eine Frau hat, hat Herr Schag sie ins Altenheim gebracht. Ich verwende seine Worte.
Ich weiß nicht wie viel Liebe da jemals im Spiel war. Und auffällig fand ich es schon immer, dass wir noch nie eines der 3 Kinder bei uns im Haus angetroffen haben.
Dieses alte Pärchen, deren Leben nach Erzählungen von Frau Schag nur aus Arbeit bestand. Ich kann nicht beurteilen, ob sie glücklich waren oder nicht. Und noch weniger kann ich die Dinge beurteilen, die Herr Schaag nun langsam aus der Wohnung räumt.
Für ihn anscheinend wertlose Dinge, die seiner Frau gehören.
Sie wird nicht wieder zurückkommen und er hat keine Verwendung dafür. Aber direkt in die Mülltonne werfen möchte er sie auch nicht. Dafür hängt vielleicht der Geist seiner Frau zu sehr an diesen Dingen.
So machen sie vielleicht nochmal eine Zwischenstation. In einer der WG’s. Oder so wie bei uns. Der kleine Fächer mit den spielenden Pandabären.
Würde Herr Schaag in anstatt ihn zu verschenken, seiner Frau ins Altenheim mitbringen, würde sie sich vielleicht an die Reise nach China erinnern, die sie vermutlich nie gemacht haben.