Christian Knieps: Goethes farbige Weltliteratur

Goethe, der große Selbstbeobachter unter den Dichtern, betrachtete die Welt nie als eine bloße Ansammlung von Dingen, sondern als ein vibrierendes Gewebe von Erscheinungen, in dem sich Farben, Gedanken und Geschichten ineinander verschränkten, als gehörten sie einem einzigen, noch immer unvollständig verstandenen Organismus an, der sich durch die Jahrhunderte hindurch in immer neuen Formen artikuliert.
Wer seine „Farbenlehre“ aufschlägt, begegnet deshalb nicht nur einer naturwissenschaftlichen Abhandlung, sondern einem merkwürdig hybriden Werk, das zugleich Experiment, ästhetisches Manifest und philosophische Meditation ist, weil Goethe überzeugt war, dass die Wirklichkeit erst dort vollständig erscheint, wo Sinneseindruck, Reflexion und Sprache miteinander kooperieren, statt sich gegenseitig auszuschließen.
Dass dessen Buch oft als Gegenentwurf zu Isaac Newtons optischer Theorie gelesen wird, greift allerdings zu kurz, denn Goethe wollte nicht einfach die Physik widerlegen, sondern die Aufmerksamkeit auf eine Dimension lenken, die Newtons mathematische Strenge bewusst ausblendete, nämlich die Erfahrung des wahrnehmenden Menschen, dessen Auge nicht bloß ein Messinstrument, sondern ein aktiver Mitspieler im Drama des Lichts ist.
Für Goethe entsteht Farbe nicht als isoliertes physikalisches Ereignis – eher im Spannungsfeld zwischen Helligkeit und Dunkelheit, zwischen Lichtquelle, Medium und Beobachter, weshalb Gelb für ihn nicht nur eine Wellenlänge darstellt, sondern eine Stimmung, eine Nähe zum Licht, während Blau eine Bewegung in die Tiefe, in die Ferne, in das Geheimnis der Schatten markiert.
Man kann diese Überlegung als poetische Metapher abtun, doch wer sich einmal ernsthaft darauf einlässt, merkt schnell, dass Goethe hier eine anthropologische These formuliert, die bis heute nachhallt, weil sie behauptet, dass Erkenntnis nicht allein im Objekt, sondern immer auch im Wahrnehmenden entsteht.
Diese Perspektive verbindet seine naturwissenschaftlichen Studien überraschend eng mit dem literarischen Projekt, das er später „Weltliteratur“ nennen sollte, jenem berühmten Begriff aus seinen Gesprächen mit Johann Peter Eckermann, der nicht einfach eine Sammlung internationaler Klassiker bezeichnet, sondern ein dynamisches Netzwerk kultureller Wahrnehmungen.
Wenn Goethe also von Weltliteratur spricht, denkt er weniger an einen Kanon als an einen Austausch von Blickwinkeln, der ähnlich funktioniert wie sein Farbverständnis, weil auch hier erst aus dem Zusammenspiel verschiedener Perspektiven eine lebendige Erscheinung entsteht.
Die Begegnung mit dem persischen Dichter Hafis, die ihn zum „West-östlichen Divan“ inspirierte, ist dafür das berühmteste Beispiel, denn Goethe las diese Gedichte nicht wie ein Archäologe, der ein fremdes Artefakt untersucht, vielmehr wie ein Gesprächspartner, der plötzlich entdeckt, dass ein Dichter aus dem vierzehnten Jahrhundert ihm in verblüffender geistiger Nähe antwortet.
Literatur wird hier zu einer Art Prisma, durch das sich kulturelle Erfahrungen brechen und neu zusammensetzen, ganz ähnlich wie Lichtstrahlen im optischen Farbexperiment, wobei jede Sprache oder Tradition und jede Epoche eine eigene Nuance zum Gesamtbild beiträgt.
Man könnte sagen, dass Goethe in der Literatur dasselbe suchte wie in der Farbenlehre: eine Phänomenologie der Erscheinungen, in der sich die Welt nicht in abstrakte Formeln auflöst, sondern in ihrer lebendigen Vielstimmigkeit wahrgenommen wird.
Diese Haltung erklärt auch, warum Goethe in Gesprächen immer wieder betonte, dass die Zukunft der Literatur nicht im nationalen Stolz, sondern im Austausch liege, weil kein Volk allein die gesamte Erfahrung der Menschheit ausdrücken könne, so wenig wie eine einzige Farbe das ganze Spektrum des Lichts darstellt.
Der Gedanke wirkt heute erstaunlich modern, besonders in einer Zeit, in der kulturelle Grenzen zugleich poröser und politisch aufgeladener erscheinen als je zuvor, denn Goethe formulierte bereits im frühen neunzehnten Jahrhundert die Vorstellung eines globalen literarischen Dialogs, lange bevor Globalisierung ein Schlagwort wurde.
Gleichzeitig blieb er skeptisch gegenüber einer bloß oberflächlichen Internationalität, die Texte nur wie exotische Waren konsumiert, ohne sich auf ihre innere Perspektive einzulassen, weshalb Weltliteratur für ihn immer auch eine Schule der Aufmerksamkeit bedeutete.
In dieser Hinsicht lässt sich sogar eine subtile Verbindung zwischen seiner Farbenlehre und seiner Poetik erkennen, weil beide Projekte darauf abzielen, die Wahrnehmung zu verlangsamen und den Blick für Übergänge zu schärfen, jene Zwischenzonen, in denen etwas gerade noch nicht eindeutig bestimmt ist.
Die Farbe entsteht im Übergang zwischen Licht und Dunkel, und literarisches Verstehen entsteht im Übergang zwischen Eigenem und Fremdem, zwischen vertrauter Sprache und ungewohnter Denkweise.
Vielleicht erklärt sich gerade daraus Goethes anhaltende Faszination für Übersetzungen, die er nicht als bloße technische Übertragung verstand, sondern als produktive Transformation, in der ein Text gewissermaßen eine neue Farbe annimmt, sobald er durch das Medium einer anderen Sprache hindurchtritt.
Der deutsche Leser begegnet im übersetzten Gedicht also nicht einfach dem Original, sondern einer Erscheinung, die zugleich vertraut und verändert ist, ähnlich wie ein Landschaftsbild im Abendlicht plötzlich andere Konturen gewinnt als im klaren Mittagslicht.
Hier zeigt sich Goethes eigentliche Modernität, denn er denkt Literatur nicht als statisches Werk, sondern als Prozess fortgesetzter Wahrnehmung, in dem Texte ihre Bedeutung immer wieder neu entfalten, sobald sie auf andere Leser, andere Zeiten oder andere kulturelle Horizonte treffen.
Die Weltliteratur gleicht deshalb weniger einer Bibliothek als einem atmosphärischen Raum, in dem Stimmen, Bilder und Gedanken zirkulieren, sich überlagern und gegenseitig verändern, ähnlich wie Farberscheinungen im bewegten Licht.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Pointe von Goethes scheinbar widersprüchlichem Werk, dass der Dichter, der von vielen Physikern belächelt wurde, weil er Newton nicht akzeptieren wollte, letztlich eine Erkenntnis formulierte, die weit über die Optik hinausreicht.
Denn wenn Wahrnehmung immer ein Zusammenspiel von Welt und Beobachter ist, dann gilt das nicht nur für Farben, sondern auch für Kulturen, Texte und Ideen, die erst im Dialog ihre volle Intensität entfalten.
So betrachtet wird Goethes Farbenlehre zu einer stillen Metapher für sein literarisches Denken, während die Weltliteratur wiederum wie ein großes Spektrum erscheint, in dem sich die geistigen Farben der Menschheit brechen und neu zusammensetzen, sobald jemand bereit ist, genauer hinzusehen.
Und vielleicht wäre Goethe selbst der Erste gewesen, der über diese Verbindung gelächelt hätte, mit jener leicht ironischen Gelassenheit, die seine Gespräche mit Eckermann durchzieht, weil er wusste, dass jede Theorie letztlich nur ein Versuch ist, die flüchtigen Erscheinungen des Lebens für einen Moment festzuhalten, bevor sie im nächsten Licht bereits wieder eine andere Farbe annehmen.