Katrin Rauch: Im Tunnel, an der Tafel, auf zwei Stühlen, die einzigen Gäste.

Ein kleines Stück gewölbter Tunnel, kaum dreißig Meter lang, kaum vier Meter breit, kopfsteinern gepflastert, erstreckt sich im schummrigen, warmen Licht beklebter Leuchtstofflampen. Hie und da bahnt sich Gras durch die harten Flächen, so auch neben einem von vier Tischbeinen einer langen Tafel, bald sechs Meter lang, bald zwei Meter breit, mitten im Raum wie sorgfältig platziert, ein enormer Tisch aus massivem Holz, schlichte Stühle, einfach, bescheiden, zu wenige für die viele Fläche, zu viele für die wenigen Gäste, als Rahmen, nur zwei darunter besetzt, einander zugewandt.
Ein weiter Raum geknüpfter Gefühle, bald drei Dekaden lang, bald ein Leben breit, schaf- und baumwollern, ledern umfasst, umschlungen als eins, ein unklares Knäuel aus Armen, vergrabene Gesichter, im schummrigen, warmen Licht beklebter Leuchtstofflampen. Die Nähe knapp bemessen, kaum eine Zeitlang, kaum ein Fingerbreit, an der Tafelecke rechts hinten wie sorgfältig platziert, ein vereintes Rund aus vollem Atem, von den Kanten nicht zu trennen, bedacht, befühlt, viel für viel Raum, wenig für wenig Fläche, auf zwei Stühlen, an der Tafel, im Tunnel, die einzigen Gäste.

Bastian Kienitz: Zimmer in New York

er liest, sie klimpert lautlos Farben, sieht
die leisen Töne auf der Tastatur
es fühlt sich fast gelangweilt an und nur
ihr Herz schwingt nah am Flügel, denn es fliegt

soweit das Auge reichen kann. er liest
gebannt im Sonntagsblatt, schaut auf die Uhr
und sagt beiläufig, sicher, yes and sure
wenn er die Grafiken der Börse sieht

sie träumt sich seufz, er soll mich hier und jetzt
auf diesem Stuhl oder dem Tisch, zerfetzt
entweder schnell das Kleid, das Zeitungsblatt

ich bin es leid, ich habe ihn so satt
wenn er nicht gleich auf meinen Tasten spielt
zumindest aufblickt und mein Kleid ansieht…

Bastian Kienitz: SPIRITS THROUGH TIME IX

und suchst du mich in jenen Geistern wieder
wirst du nichts finden außer Staub und Ton
in meinem eigentlichen Für-Befinden
zu sagen, was ich denke, ist nicht neu

den Zeitgeist Heute klar zu definieren
der dich von einem Trend zum andern schickt
damit wir Mode gleich uns modisch fühlen
und angekommen sind im Hier und Jetzt

das ist im Grund der Herren eigner Geist
sich Bild für Bild den Himmel schön zu reden
um ewig Avantgarde EN VOGUE zu sein

scheint Sucht nach mehr der Ware Kernproblem
und jeder Blätterfall im Winterregen
die Überhitzung, die zum Himmel steigt…