Andreas Dietz: Ein klebriger Tag

An diesem Tag hat es geklebt.
Menschen klebten fest mit der Haut,
es gab keinen, der sich erhebt.
Deshalb war der Tag auch nicht laut.

An den Körpern klebte Kleidung,
Hände klebten fest an Klinken,
zäh pappte eine Entscheidung
klebrig im Kopf, da half Trinken.

Alles begann in der Frühe,
denn es war morgens noch neblig
und im Nebel klebten Kühe.
Sogar der Nebel war klebrig.

Andreas Dietz: Das Sabbern der alten weißen Männer in Thailand

Alte Männer reisen,
wuchten ihre Wannen,
ihre fetten, kreisen,

fliegen, überspannen
ganze Kontinente,
Meere, und bemannen

Bars, und ihre Rente
nutzen sie zu Zwecken,
suchen die Momente

in den dunklen Ecken:
Mädchen, die nichts sagen
zu den Tränensäcken,

Mädchen, die nicht klagen
über rote Glatzen,
alles still ertragen.

Alte Männer schmatzen,
sabbern auf den weißen,
federnden Matratzen.

Alte Männer reisen.

Lea Schlenker: Im Internet

Du hast etwas gesagt
im Internet
was ich dir nicht glaube
das wäre ja der Wahnsinn
würde das stimmen
Ich werde jetzt also kommen
um dich zu jagen

Ich möchte einen Stempel
für die Wahrheit erfinden
und ich möchte
dass eine Lüge ein bisschen was kostet
dass jedes Mal, wenn jemand etwas
zweideutiges sagt
irgendwo am Straßenrand
eine reife Melone platzt

Du hast etwas gesagt
im Internet
Ich akzeptiere deine Meinung
aber du liegst falsch
es stimmt gar nicht
dass im Winter
Aprikosensaison ist
und Tintenfische das doppelte
wie ein Mensch wiegen
das Meer ist salzig
und die Erde ebenso

Überall auf der Welt
sickerte in den Böden der Straßen der Städte
schon Blut durch
dass nun vertrocknet unter den Tramlinien steckt
Blut von Menschen wie du und ich
die die Zeitungen studieren
aber den Worten nicht glauben

Wir können jetzt dieses Gedicht lesen
und anfangen die Wahrheit zu glauben
anfangen die Wahrheit zu verstehen
oder zumindest die Lügen zu erkennen

Julia Eckert: Der Drache steigt

So unfassbar leicht verbunden
Nichts bleibt mehr auf Distanz
Bilderfluten auf trockene Augen
Bleibt der Datenstrom unerfassbar
Flimmerunruhe vor dem Monitor
Gedoppelter Bildschirm eine neue Art von Rastlosigkeit
Rückt Fernsehen viele Stückchen ferner
Drähte fangen langsam an zu schlafen
Ans Kabel Mäuschen
Was bindet so wie online
Punkt Punkt Komma Strich
Der windfarbene Faden
Hält die ins Netz Gegangenen
Verhilft ihnen zum virtuellen Höhenflug

Bastian Kienitz: Tunnelpfad 2.0

im Krampf der Nerven zucken
Aktionspotenziale

FEUER

der tausendfachen Reizverstärkung
inmitten eines kleinen Universums:
arbeiten / lernen / arbeiten

die Kanäle sind ein Tor zur Welt
digitalisiert [on off on off] so wird die Festplatte gebootet
morgens um sieben Uhr aufgestanden und
abends umso schneller eingeschlafen

ein Tag hat 24h im ewigen Delirium des Koffeinrausches
und wieder denken wir an Zeitvertreib bis die Blockade einer Synapse
ein letztes Gewitter vergiftet [Natrium/Kalium] pumpt durch die Venen
stößt aneinander im Gleichgewicht welches wir
zu halten versuchen

diskutieren über Kurvenlagen
und funktionieren wie Roboter
im Tunnelrausch:

GAME OVER!