David Telgin: SOL

im Augenblick zählt das Licht, die Sekunden
verlangsamen sich auf dem Flächenquadrat
in einem Raum zu dem Raum voller Größe
den deine Augen schlussendlich erfassen

hier rückt das Bild von dir selbst in das nächste
gekritzelte Stück deiner Schaffenskraft
wo deine Sonne kein Licht mehr benötigt
bist du bereits bei dir selbst und ganz nackt

für das gefrorene Meer, das von außen
setzt du den Fluss in Natté weiter ab
und mischst den Malstift zum Grau dieser Wüste

die uns umringt, jetzt wirkst du sentimental
und klopfst an die Tür, der Tür deines Herzens
mit dem du fliegst, wenn du losgelöst bist

Bastian Kienitz: TAUROMAQUIA DE NAVAS DEL MADRANO

(dt. Stierkampf von Navas del Madrano)

der rote Mond auf deinen leisen Lippen
ist eine Sonne bruchscharf schräg am Fell
du hast mich ausgeweidet, leergetrunken
im ersten Akt der Szene wunder Punkt

Beton gerührt und Kreide ausgegossen
mit Öl gemischt und schwarzem Brückenteer
der auseinanderbrach als wir Staub schluckten
im roten Regen alter Winterschwäche

jetzt taut man auf und schwitzt schweißbadend Lunge
im Happening Electric De‘-coll/age
der Adler fliegt die Sense | Katastrophe

Raum contra Müll und Schnee, der leider fehlt
um eine Abfahrt in das Licht zu wagen:
mors certa, Tod an einem Nachmittag…

Bastian Kienitz: 7000 Eichen

Flu wie fluide Mauern, die durchbrechen
den Stadtpark in zwei Hälften: Raum und Zeit
das Wachstum in den Mittelpunkt zu rücken
ich denke an Natur und fühl mich frei

den Baum als erstes in mein Herz zu schließen
klopft tropfend Regen durch den Blätterwald
und Wundersamen: Worte, die mir fehlen!
wenn alles Naturell natürlich bleibt

es war einmal ein Flügel, der jetzt kracht
bis er die Flügel FLUXUS wiederfindet
Ton wird geschliffen, bis dort nichts mehr ist

als Staub, Flut und Gezeiten in der Kunst
sich selbst entfesselt weiter zu bewegen:
ein Satz führt dieses Haiku ins Gebet…

Jasper Nicolaisen: Grönland

Ich bekräftige meinen anspruch
auf grönland
die berge
den schnee
die sprache
die schlecht gelaunten einwohner
den brennenden himmel
am morgen
die lage
auf dem weg
von beinahe überall
nach so gut wie nirgends
das trotzige verschwinden
björk
die heißen quellen
fünfzig poeten
auf hunderttausend einwohner
die fleischklößchen im möbelhaus
ich beanspruche es sehr
ich bin die seltenste aller erden
ich lege mich überall hin
ich entdecke auf langbooten amerika
ich exportiere töpferwaren
bis nach indien
ich habe die höchste depressionsrate der welt
ich habe einen eigenen tango
grönland grönland
über alles
über alles in der welt
blüh im glanze meines glückes
kleines grönland
ich verlange nicht viel
nur einen der unwichtigeren nobelpreise
vielleicht medizin
ich bin ein passabler herzchirurg
oder wirtschaft
come on
königliche akademie
von grönland

*atombombengeräusche*

https://archive.org/details/j-nicolaisen-gronland