Uli starrt auf seinen Teller. Fünf Ravioli liegen darin, halb versunken in roter Pampe. Sie bewegen sich nicht. Wie Krokodile, die auf der Lauer liegen. Nur viel, viel kleiner. Dafür aber mit viel mehr Zähnen. An allen Seiten. Überall Zähne. „Iss, solange sie warm sind!“ ruft Mama aus der Küche. Uli nimmt den Löffel. Ganz vorsichtig. Eine Ravioli liegt besonders nah am Tellerrand. Wahrscheinlich die mutigste. Oder die hungrigste. Uli stupst sie kurz an und zieht den Löffel schnell zurück. Nichts. Noch einmal. Nichts. Das muss gar nichts bedeuten. Wenn ein Löwe schläft, stupst man ihn ja auch nicht zweimal an und sagt danach: Na gut, dann ist er ungefährlich. Vielleicht greifen die Ravioli gleich von allen Seiten an, wie Piranhas. Vielleicht haben sie schon jemanden gefressen. Vielleicht ist die rote Pampe das, was von ihm übrig geblieben ist. Blutmatsche. Er beobachtet die Ravioli. Die Ravioli beobachten ihn wahrscheinlich auch.
„Warum guckst du so?“ fragt seine große Schwester Nora, die plötzlich in der Tür steht. Uli zeigt auf den Teller. „Die Ravioli.“ „Was ist mit denen?“ Uli zögert. „Die beißen.“ Nora schaut auf den Teller. Dann auf Uli. Dann wieder auf den Teller. Und lacht. „Du hast Angst vor Ravioli?“ „Nein.“ „Doch.“ „Gar nicht.“ „Doch.“ Mama kommt rein. „Was ist denn jetzt schon wieder?“ „Der glaubt, die Ravioli beißen!“ lacht Nora. Mama schaut kurz verwirrt. „Ach Mensch, das hab ich doch bloß gesagt, damit du deine Finger aus dem Teller nimmst,“ sagt sie und geht wieder in die Küche. Nora setzt sich Uli gegenüber und grinst ihn an.
Er nimmt seinen ganzen Mut zusammen und sticht in die größte Ravioli. Sie platzt auf. Füllung quillt heraus. Kein Angriff. Kein Zubeißen. Vorsichtig probiert Uli ein kleines Stück. Dann noch eins. Schmeckt doch gut. Er steckt eine weitere Ravioli in den Mund, kaut. Nichts passiert. Noch eine. Immer noch nichts. Schließlich ist der Teller fast leer. Uli lehnt sich zurück, erleichtert und ein bisschen stolz.
Er betrachtet die letzten Spuren der Blutmatsche, die sich mit dem Löffel nicht rauskratzen ließen. Ob er doch noch einen Finker eintunken soll? Was kann ihm jetzt schon noch passieren?
Auf einmal starrt seine Schwester ihn ganz ernst an. „Was ist denn?“ fragt Uli. „Mama hat nicht die ganze Wahrheit gesagt,“ flüstert Nora. „Was meinst du?“ „Die Ravioli beißen erst zu, wenn du sie im Bauch hast. Sie nisten sich in deinem Magen ein. Und dann fressen sie dich von innen auf.“