Katrin Rauch: Eine Unbekannte Menge An Verpassten Zügen

Begegnungen #8 – eine unbekannte menge an verpassten zügen g‘spritzt

ich solle schon gehen, hieß es. obwohl es doch ohnehin längst zu spät war, solle ich jetzt gehen. die worte waren eindeutig, die pläne gezählt, aber wer zählt denn heute noch richtig. die ampeln am heimweg hatten blau geblinkt, die behandschuhten hände zur sitzblockade geladen. worauf das hinausläuft, konnte niemand ahnen und niemanden wundern.

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ich hatte nicht vor zu bleiben. das kaffeehaus vielleicht, das war im bleiben geübt. das hätte man der polsterung der bänke ablesen können und den klimpernden münzen in der sakkotasche des kellners und der holzvertäfelung und den tischplatten aus marmor sowieso. den marmeladesemmeln nicht. auch nicht dem kaffee. der wein hats schließlich ausgeplaudert, als es nicht mehr zu überlesen war.

deine leidenschaften überschwemmen längst den tisch und bestellen mit einem nicken noch zwei spritzer. wir betrinken uns gegenseitig und die stunden zerfließen wie schankwein, wie ich. selten glaubte ich, eine sprache so gut zu verstehen, nur um später den verstand, das verstandene erst recht links liegen zu lassen. das gesprochene zergeht in der sonne, läuft mir über die hand, hinunter zum ellenbogen. zwischen uns reimen sich die zeilen und die quintolen tun, was sie halt tun.

die zeiten flattern aufgescheucht umher, beeilen sich, fortzukommen. wir haben sie wohl erbost, als wir sie so wenig beachteten, als wir uns schneller als sie fortbewegten. nun liegen sie darnieder, kratzen die böden auf, auf denen wir wandeln, und ziehen uns die schuhe aus. indes gieren wir danach, nicht unterbrochen, nicht beendet zu werden, beschließen, den letzten auch nicht zu nehmen und irgendwann zu gehen, mit über den stadtasphalt strudelnden socken, bald barfuß.

gemeine einsamkeiten flimmern über die scheibe, durch den dunst und ich klemme streichhölzer in meine augenlider. bei dem gedanken, etwas nicht passieren zu sehen, beginne ich zu beben. vor mir ziehen verschwommene schlieren ins land. ob du mich klarer siehst, kann ich nicht sagen, ich glaube, du siehst mich wie der nebentisch, oder so ähnlich. ob du auch meine konturen nachzeichnest, frage ich mich, und wie viel von mir du eigentlich greifen kannst, greifen willst. die versuche, dich zu fassen, der glaube, kleine teile zu erhaschen, aber wer kann sich da schon so sicher sein? ich male dich mit schwarzer tinte und denke artmann wäre stolz.

hast du dem alten,
bist du dem alten,
hauseingangstor
den rang abgelaufen?

dreimal verflucht und
fünfmal verknotet,
eisenverließe
biegen sich selten.

das hast du davon,
die sonne zu sehen,
spritzer zu trinken,
dabei zu blinzeln.

was reimt sich auf sanft?
was kommt nach dem tanz?
der film übermalt,
das album verraucht.

die leere, die auf den rausch folgt, rauscht mir im ohr, ist unerträglich, unmöglich zu fühlen und deine präsenz verlässt mich so zaghaft, wie ich deine verließ. sie lässt zug um zug beleidigt aus dem bahnhof trotten und sitzt immer noch in keinem abteil. sie schläft auf meiner couch, auf meinem schoß, später in meinen armen ein, das erinnert mich an etwas, aber ich beiße die zähne zusammen. jetzt muss ich sie wohl küssen. entschuldige, das musste sein, werde ich sagen, und sie atmet mir in den nacken.

als sie aufsteht und geht, schlafe ich den schlaf der gerechten, als sie im abteil sitzt, als mache sie das gerade zum ersten mal. die erfahrungswerte liegen schwer im magen, im kopf laufen sie langstrecke zu trainingszwecken, aber sie stolpern ständig, als mache sie das gerade zum ersten mal. derweil ziehen verschwommene schlieren vor ihren augen vorbei. was fehlt sind die blau blinkenden ampeln, die zur sitzblockade ladende hand.

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