Katrin Rauch: Warum Potemkin keine Romane hätte schreiben sollen

oder:
lest mich als buch

und reißt mich in seiten

vielleicht bin ich auch gar nicht

manuel neuer

Ich bin gekommen, um euch die Wahrheit zu sagen, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit, die komplette, ungeschönte Wahrheit, lücken- und schonungslos, full disclosure, volle transparenz in my opinion to be honest. Es wird nichts vage und keine Antworten schuldig geblieben, keine Fragen offen gelassen sein und werden, kein Zweifel soll auf- … Ich bin gekommen und als offenes Buch will ich gehen, was sag‘ ich, als loser Stapel Zettel, Fetzen, Phrasen, Buchstaben. Ich werde mich komplett auseinandernehmen und ihr dürft mich nach Lust und Belieben wieder zusammensetzen, vielleicht ja:
Ja, vielleicht ja zu jemandem, was einen Hund besitzt, seit Neuestem erst, und leicht überfordert ist damit, aber das Internet weiß zum Glück, wie oft man einen Bernhardiner füttern muss am Tag und womit überhaupt. Das Internet weiß viel zu viel darüber, wie oft man einen Bernhardiner füttern muss am Tag und womit überhaupt. Vielleicht bin ich jemand, was jetzt ein bisschen enttäuscht ist, weil der Bernhardiner nicht so flauschig ist, wie er bei Heidi ausgesehen hat, oder, weil ein Bernhardiner nicht in einer Stadtwohnung wohnen kann und weil ein Chihuahua ein schlechter Ersatz ist für einen Bernhardiner, vielleicht hasse ich Hunde auch. Allein wie sie riechen, obwohl sie doch selber angeblich so einen guten Geruchssinn haben, da passt irgendwas nicht zusammen, something does not add up here! Das ist mir alles nicht ganz geheuer, ja und vielleicht hab ich ja auch krass Angst vor Hunden, so ganz grundlos, oder weil mir mal das Nachbarskind als Hund verkleidet in den Unterarm gebissen hat, so mittelleicht, aber bissi Abdrücke waren da halt schon.
So wie damals, wo mir endlich der Gips vom Unterarm gesägt wurde, diese Abdrücke von den gipsgetränkten Netztüchern auf der weißen, von der Sommersonne und dem Seewasser unberührten Vorschulkindhaut. Aber vielleicht ist das gar nicht passiert und ich hab‘ mir vielmehr mit 17 den Haxen, mit 29 das Schlüsselbein, oder als Baby die Schädeldecke gebrochen.
Sagt ihrs mir! War ich Punk als Teenager oder Goth oder Krocha? Hab‘ ich mir damals so exzessiv die Haare gefärbt, dass sie nun aus Not so kurz sind, oder hab‘ ich erst vor kurzem zum allerersten Mal Strähnen blondiert? Oder doch vielmehr Färbephase mit späterem Abschwören in der Ökohippie unverpackt anti-Konsum Mehrweg era, die als letztes Aufbäumen der inneren Pick me nötig war für die nächste mittelfristige, sich aber endgültig anfühlende Lossagung von eh allem.
Wie alt bin ich überhaupt? Wie hoch ist die Zahl, die die mehreren oder wenigeren Jahre in diesem Leben ausdrückt und was ist mir in diesen ganzen Jahren passiert? Wurde ich etwa geboren? Hab‘ ich geschrien und gegessen? Wurde ich fallengelassen, Stichwort Schädeldeckenbruch, und wenn ja mit welcher geilen Story erklärt sich das, dass ich das überlebt habe? Wollte ich einen Hund als Kind oder eher unbedingt im letzten Sommer, die keine Schulferien waren, mit Anlauf und kopfüber in den See springen mit der Schädeldeckenbruchnaht voraus? Hab ich das gemacht, oder hatte ich einen dies verunmöglichenden Gips am Unterarm, hab ich mir die Schädeldeckenbruchnaht an der Seewasseroberfläche wieder aufgeschlagen? Apropos überlebt, hab‘ ich meine Mutter schon überlebt? Meinen Vater? Und bin ich überhaupt alt genug, dass das eh nicht richtig richtig schlimm wäre? Wie viele meiner Großeltern leben noch, habe ich überhaupt welche? Habe ich Augen, eine Lunge, wie viele Nieren hab ich noch, habe ich Beine? Vielleicht habe ich keine Beine, oder welche, die ich ablegen kann, vielleicht hat sie mir ein Löwe abgebissen, oder ein Nachbarskind oder ein Chihuahua oder ein als Nachbarskind verkleideter Chihuahua. Vielleicht hab‘ ich so viele Beine, dass eines weniger eh nicht richtig richtig schlimm wäre.
Was meint ihr? Vielleicht habe ich ja die Schule abgebrochen, vielleicht drei Mal oder das Studium, vielleicht drei davon, vielleicht auch eines drei Mal oder war ich überhaupt auf der Uni oder überhaupt in der Schule, sondern wurde vielmehr von einem Rudel Wölfinnen gelehrt bis mir ein Bart wuchs und Sackhaare und dann musste ich zu den Ottern oder Flamingos übersiedeln, die alle eine Variation von Arethra hießen: Enethra, Aneetra, Anita, Enita, Evita, Elvira, Elvis und so weiter und vielleicht ist mein engster Bezugsflamingo Antje ums Leben gekommen, als sie mich vor einem Alligatorangriff rettete und ich musste vor Trauer vergehen und dann aus Scham abhauen.
Vielleicht ist das aber auch gar nicht passiert und ich bin von zwei liebevollen, aber normalen, sogar heterosexuellen Menschen, sogar genau von denjenigen, die mich auch erzeugt haben, aufgezogen worden und ich hab‘ nicht mal die Schule abgebrochen. Vielleicht hab ich sogar echt weirde Sachen gelernt in der Schule, Russisch zum Beispiel und bin jetzt ganz stolz drauf, dass ich weiß, dass Potemkin gar nicht Potemkin sondern Потёмкин (Potjomkin) heißt und das e inmitten von Potemkin nur ein Transkriptionsfehler ist. Da hätte ich die Schule auch abbrechen können, habe ich aber nicht, ich hab mir nicht mal die Haare gefärbt, geschweige denn selber, nicht mal ein Piercing hab ich gehabt oder einen gebrochenen Finger, nicht mal ein gebrochenes Herz. Okay, ja, das ist effektiv zu absurd.
Lest mich als Buch und reißt mich in Seiten, vielleicht bin ich gar nix davon. Vielleicht bin ich Manuel Neuer und gleichzeitig auch NICHT Manuel Neuer, vielleicht bin ich unheimlich gelangweilt, dass diese alte Werbung noch immer zitiert wird, vielleicht bin ich diese Werbung oder diese eine Kühlregalsüßigkeitenwerbung! Vielleicht bin ich sie alle sowie sämtliche Dinge, die bekannte Werbungen haben, die ich hier aufführen wollte, aber vielleicht hasse ich ja Werbungen so sehr, dass ich sie nicht mal in künstlerischer Entfremdung reproduzieren will. Auch wenn oder vielleicht vor allem deshalb, weil es für so scheiß viele Dinge Werbung zu machen gibt. Aber es gibt halt wirklich einfach auch andere Kühlregalsüßigkeiten.
In eurer Zusammensetzung der Zettel und Fetzen bin ich vielleicht chronically online, vielleicht bin ich ein meme (ich denke, wir nähern uns der Sache): so drake meme: oben kein Internet, unten Internet und voll fein damit und gar nicht belastet, oder doch Güterzugmeme auf dem Bus steht Katron oder was auch immer mein Name ist und auf dem Zug steht zu viel Internet genauer gesagt viel zu viele fucking Kurzvideos oder das Meme mit der Animefigur, die auf einen Schmetterling zeigt und darunter steht „is this noch gesund?“ und auf dem Schmetterling steht meine Bildschirmzeit oder vielleicht bin ich auch Mitglied der Amish und bin gar nicht im Internet, sondern einfach nur erstaunlich gut im mitteleuropäischer Durchschnittsmillennial-Cosplay, dafür, dass ich nicht im Internet bin.
Vielleicht mache ich auch selber Internet und habe zu diesem Zweck einen Podcast namens Gerösteter Brühwecker mit Max, Werner, Doris und Jürgen und dort reden wir über alles, was schön ist und uns nicht das Hirn zersetzt und durch diese liebe, kreative Tätigkeit heilen wir ein bisschen, weil wir uns mit jeder cuten Idee in unseren Podcaststüberln ein wenig selber finden wie in einem sehr kleinen Ort im Tiroler Oberland. Vielleicht ist dieser Podcast auch eine Kurzvideoserie oder eine Blueskycommunity oder ein Discordchannel oder ein Forum für Fanfiction oder eine Lesebühne oder eine Communityradiosendung und ich habe diesen Text fünf Minuten vor Beginn des Podcasts, der Kurzvideoserie, der Blueskycommunity, des Discordchannels, des Forums für Fanfiction, der Lesebühne oder der Communityradiosendung geschrieben, vielleicht improvisiere ich gerade darüber, was mir passiert ist und was nicht, was ich bin und was eben nicht,…
oder vielleicht habe ich mein Leben lang, all die 67 Jahre lang an diesem Text gesessen. Vielleicht reihe ich die Seiten gerade schon fein säuberlich in der „richtigen“ Reihenfolge vor euch auf, vielleicht trete ich auch in eure Stapel, denn es kann keine gute Zusammensetzung geben. Vielleicht sitze ich an einem Endgerät für Podcasts, Kurzvideoserien, Bluesky, Discord, Fanfictions oder Radiosendungen in einer mittelgroßen Stadt in Mitteleuropa und höre und sehe und lese einen Text, wie zum verstreute Seiten durchforsten und zum frenetisch zu einem sinnhaften Buch zusammensetzen, oder wie zum Zauberwürfel lösen oder wie zum Fehlersuchen im Quellenverzeichnis einer wissenschaftlichen Publikation oder wie zum durch eine Straße gehen und hinter den Fenstern flackert kein Licht, da schaut keiner fern, da sterben keine Pflanzen, auch wenn sie keiner gießt. Da ist meist nur eine Wand vorne und die schaut zutraulich und liest und liest und liest mich fort zur nächsten Wand und zur nächsten und zur nächsten Wand und zeigt mir die Straße, mit der sie mir die ganze Stadt erklären will, mit dieser Filmsetstraße mit von klapprigen Gerüsten getragenen Wänden gesäumte Straßen in einer mittelgroßen Stadt in Mitteleuropa, die es gar nicht gibt. Vielleicht lerne ich an diesen Wänden mehr über die Stadt als von denen, die zu einem vollständigen Gebäude gehören, das sogar unterkellert ist vielleicht, wo die Abgründe eingewext in der selbstgetischlerten Holzstellage vor sich hin fermentieren. Aber vielleicht will ich die Häuser gar nicht kennenlernen, vielleicht bin ich Katharina die Große und ihr seid Потёмкин (Potjomkin) und ich bin absolut zufrieden mit den Zettelstapeln, die ihr mir hingestellt habt und ich schlendere mit meinem Troß durch die hübschen Reihen und erfreue mich an der ästhetischen Glätte.
Aber hinter manchen Fenstern flackerts halt doch.
Lesevorschläge:
Bitte den/die Titel mitlese
Finde recht hohes Tempo ganz schön bei dem Text, das dann ab „was ich bin und was eben nicht…“ langsam rausgenommen wird für ein getragenes Ende.
Bei „Katron oder was auch immer mein Name ist“ kann Lesi deren eigenen Namen statt „Katron“ einfügen, bei Interesse.
Potjomkin muss nicht doppelt gelesen werden, Klammer nur als Aussprachehinweis, falls Lesi nicht kyrillisch lesen kann.

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